Auf geht’s – zum Maharaja von Mysore! Bevor ich durch die fürstlichen Gemächer seine Palastes schlendere oder im Garten seiner alten Sommerresidenz auf einer Pool-Liege meinen Tee schlürfe, steht jedoch erst noch eine zwölftstündige Busfahrt auf dem Programm. 630 Kilometer liegen zwischen mir und Mysore, als ich am Busbahnhof von Ernakulam aus der Rikscha steige. Fast eine Stunde zu früh, aus Sorge, der Bus könnte ohne mich abfahren. Während ich in vielen anderen Situationen ein ausgeprägtes Letzte-Drücker-Syndrom an den Tag lege – beispielsweise beim wöchentlichen Iron-Bloggen, wo das sonntägliche Kurz-vor-Mitternacht-auf’s-Knöpfchen drücken schon zum Ritual geworden ist – habe ich beim Erreichen von Verkehrsmitteln leider die Gene meines Vaters geerbt, der auf dem Weg zu Flughafen oder Bahnhöfen mindestens drei Staus und fünf Unfälle einkalkuliert.

Anders als an den Flughäfen in den Metropolen dieser Welt, wo sich immer noch ausreichend Gelegenheit bietet, ein paar Euro, Bhat, Kip, Dong, Riel oder was auch immer für Dollar unter’s Volk zu bringen, oder etwa am Busbahnhof von Kuala Lumpur, wo man vor lauter Menschenmassen die Bussteige nicht sieht, ging es an der State Road Transport Corporation Bus Station in Ernakulam ziemlich bescheiden und beschaulich zu. Weil mir so langweilig war, kaufte ich mir noch ein paar Mandarinen – die mag ich eigentlich gar nicht, beim Schälen werden die Fingernägel immer so komisch gelb – und hockte mich mit meinem Gepäck auf einen Bordstein. Es gab zwar auch eine Art Warterraum, aber da hatte ich ja die Busse nicht im Blick. Eine Infotafel oder einen Infostand gab es nämlich nicht.

Mit dem Volvo-Bus nach Mysore

Es roch nach Urin, es wurde immer dunkler, und ich wurde schon wieder neugierig angestarrt. Ich hatte schon schönere Abende verbracht. Busse kamen und fuhren, einige waren sogar vergleichsweise luxuriös, mit Fensterscheiben. Und von Volvo. Das war hierzulande das Prädikat für einen First-Class-Bus-Service. Bangalore, las ich auf einem Schild, das wäre zumindest schon mal meine Richtung gewesen. Nein, über Mysore fuhr er nicht. Immer, wenn ein neuer Bus kam – das waren nicht so viele – und der Fahrer ausstieg, wurde dieser von mir angequatscht und gefragt, ob er nach Mysore fährt. Was soll man sonst machen, wenn die meisten Schilder auf „einheimisch“, sprich Malayalam, waren und ich diese Hieroglyphen auch nach 6 Wochen in Kerala immer noch nicht lesen konnte?

Irgendwann kam dann tatsächlich ein Bus nach Mysore. Mit mir stieg nur eine Handvoll Leute ein. Die meisten zogen wohl den Zug über Bangalore vor und hatten einen Trick gefunden, wie man Indian Railway auch kurzfristig ein Ticket abluchsen konnte. Dieses Mal beäugte ich neugierig meine Mitreisenden, ein Grüppchen älterer Männer und Frauen, mit heller Haut, die Männer mit einer Art Kaftan und wallendem, grauen Haar und wallenden, grauen Bärten und einer Kopfbedeckung. Es waren keine Touristen, irgendwie schienen sie einheimisch zu sein, sahen aber in keinster Weise indisch aus, eher europäisch. Ich glaube, sie gehörten zu den Paradesi-Juden, den wenigen „Weißen Juden“, die es noch in der Gemeinde von Ernakulam gab.

Was für Unterschied zu dem Local Bus nach Munnar, ich fühlte mich fast wie im Flugzeug: Jeder bekam eine Decke, eine Flasche Wasser, und es gab sogar eine DVD mit Bollywoodfilm. Im übrigen mein erster in der ganzen Zeit, bei den Sivanandas und im Ashram von Amma waren solche kunterbunten, exaltierten Liebesdramen mit schrillen Stimmen und schriller Musik nicht vorgesehen. Eine schöne Abwechslung, während der Bus durch endlos ineinander übergehende Industriestädte die Küste gen Norden Richtung Calicut fuhr. Von meiner Munnar-Busfahrt hatte ich gelernt: ja nicht zu viel trinken. Nach dem einzigen Boxen- und Dinnerstopp – ich verkniff mir meine Gelüste nach fettigen Banana Fritters, war mir doch etwas zu heikel an einer Highway-Raststätte – nuckelte ich nur an meinen Mandarinen herum. Ich würde ja sowieso hoffentlich bald schlafen.

Elefantenalarm in den Western Ghats

Wer schon mal mit mir auf Reisen war, weiß: Ich kann in jedem Fortbewegungsmittel schlafen, egal ob Flugzeug, Boot oder Bus. Hautpsache, es schunkelt ein bisschen. Das tat es in unserem Bus auch ziemlich schnell, der Weg nach Mysore führt nämlich durch die Bergwelt der Western Ghats. Nachts durch indischen Serpentinenstraßen zu fahren, steht eigentlich auf der „Don’t-do“-Liste sämtlicher Reiseführer. Die Dunkelheit hat jedoch den Vorteil, dass man nicht sieht, ob es abschüssig ist oder der Bus mal wieder die Kurve schneidet. Ich wurde erst wach, als der Bus mitten in der Nacht eine Vollbremsung machte und nicht mehr weiterfuhr. Es gab einen richtigen Tumult, der Fahrer rief etwas, was ich nicht verstand, danach klebten alle mit ihren Köpfen an der Fensterscheibe. Links am Straßenrand, im Lichtkegel der Scheinwerfer, hatte sich eine Elefantenfamilie versammelt. Einer der Dickhäuter war wohl in irgendeiner Form mit dem Bus in Berührung gekommen, jedenfalls ließ sich eine der Türen nicht mehr richtig öffnen und schließen und bevor das nicht geritzt war, konnte der Bus nicht weiter fahren.

Was für eine Schau. Der Busfahrer und sein Purser hatten offenbar ziemlichen Respekt vor der Situation. Elefanten auf der Straße, das kam in dieser Gegend wohl häufiger vor. Es stellte sich hieraus, dass wir uns in Waynard befanden, laut meinem „Rough Guide“ ein Eldorado für neureiche „dot com executives“ aus Bangalore und Delhi, die mit ihren Familien vor der staubigen, städtischen Hitze in die zahlreichen hier befindlichen Luxus-Resorts flüchten und sich an der schönen Landschaft mit Palmen, Tee- und Kaffeeplantagen erfreuen. Davon habe ich in der dunklen Nacht leider nichts gesehen. Hätte ich gewusst, dass ich mich in Mysore etwas langweilen würde, wäre ich doch glatt ausgestiegen und hätte mich von einem der Ranger, die mittlerweile aus ihrem Häuschen gekommen waren, zu einer der Eco-Hideways bringen lassen.

Im Schweinwerferlicht unseres Busses sahen die Elefanten eigentlich ganz friedlich aus. Dabei finden die 25.000 wild lebenden Elefanten in Indien es gar nicht so lustig, dass ihre Reviere immmer häufiger von Straßen durchschnitten werden und Tag und Nacht Autos und Busse durch ihren Vorgarten brausen. Ich habe irgendwo gelesen, dass jedes Jahr mehrere hundert Menschen und gut hundert Elefanten bei Unfällen zu Tode gekommen. Unser Intermezzo mit Familie Dumbo hätte offenbar auch anders ausgehen können.

Und die Rikscha-Gang wartet schon wieder

Wir kamen im Morgengrauen heil in Mysore an. An der Bushaltestelle lauerte schon, wie nicht anders zu erwarten, die Rikscha-Gang, die genau wusste, wann der Nachtbus ankam. Mein Rucksack wurde mir sofort entrissen, von einem Siebziger-Jahre-Verschnitt, dessen Vokuhila-Frisur, tailliertes Hemd mit spitzem Kragen und plateauähnlichen Schuhen John Travolta alle Ehre gemacht hätte. Auch in Indien gab es offenbar Männer, die diesem Look verhaftet geblieben sind. Auch wenn ich den Siebziger-Look an John Travolta in Saturday Night Fever mag – dieser Typ war mir maximal unsympathisch. Auch sein 30-Rupien-Supersonderangebot für die Fahrt zum Park Lane Hotel lehnte ich dankend ab. Zum Glück gab es noch ausreichend andere seiner Zunft, die mich für einen eben solchen Schnäppchenpreis ins Hotel fuhren.

Zum Glück gab es um diese frühe Uhrzeit schon ein Zimmer für mich. Bei einem dreiwöchigen Urlaub wäre ich sicherlich nach einer erfrischenden Dusche und einem ordentlichen Frühstück direkt loszogen. Wenn man ein paar Monate unterwegs ist, darf man aber den Turbo schon mal rausnehmen. Das einzige, was mich nach der nächtlichen Elefantensafari erfrischen konnte, war ein ausgiebiges Power Nap. Das werde ich jetzt auch machen, denn morgen heißt es wieder „Büro, Büro“, schließlich will der nächste Trip finanziert sein. Sollte ich nicht einschlafen können, werde ich heute anstatt Schäfchen einfach Elefanten zählen.

Ach ja, wer sich wundert, warum dieser Blogpost keine Fotos hat: leider war es auf der Busfahrt stockdunkel, und die Elefanten wollten keine Papparazzifotos. Den Elefanten auf dem „Cover“ dieses Blogposts habe ich zweckentfremdet, der ist eigentlich Nepalese und ist mir bei einem Jungle Walk im Royal Chitwan Nationalpark über den Weg gelaufen. Da kommen wir auch noch hin. Irgendwann. Als kleinen Vorgeschmack auf Mysore zumindest ein Foto vom Maharaja-Palast. Bis die Tage!

mysore-palace-outside

 

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10 comments

  1. Hi Alex, mal wieder super toll und anschaulich geschrieben! Freu mich schon auf die Fortstetzung!

  2. freut mich! die nächsten geschichten jucken mir schon in den fingern 😉

  3. Nun bin ich mir nicht sicher ob Du gaanzzz langsam reist, oder die Beiträge mit Verzögerung im Blog erscheinen. Falls Du ganz langsam reist könntest Du gerade in der Gegend von Bangalore sein. Bin soeben hier und werde in den kommenden Tagen auch nach Mysore kommen.

    Ich habe übrigens hier her den Zug genommen, mich tapfer auf der Warteliste nach vor gearbeitet und bin knapp einer kuscheligen Nacht in „Löffelchenstellung“ mit einem Inder auf nur einer Pritsche entgangen. Wir hatten beide nur den RAC-Status beim Waiting-Ticket erreicht, d.h. Platz teilen. Gottseidank haben andere Fahrgäste noch storniert, so hatte von Kanyakumari bis Bangalore (20,5 Std. Fahrt) jeder seinen Schlafplatz. 🙂

  4. hallo gerhard,

    ich blogge soszusagen „retrospektiv“ über meine viermonatige reise durch indien und nepal – anstatt im warmen mysore sitze ich gerade in schwabing und freue mich auf meinen nächsten indientrip, der mitte märz startet, leider dieses mal nur 3 wochen. hatte auf der pdrb-fb-seite entdeckt, dass du derzeit in indien unterwegs bist, neid! und auf deinem blog direkt die brücke vom ordo sounsar wieder erkannt. schade, dass wir zeitversetzt reisen, sonst hätten wir uns auf einen chai im garten vom green hotel treffen können!

    ich war leider damals am tag vor der abfahrt immer noch auf platz 15 und habe mich da kurzerhand für den bus entschieden. hätte von ernakulam auch erst mal nach bangalore gemusst und dann nochmal 3 h nach mysore. allerdings wollte ich die kuschelpritsche vermeiden und hatte mich auch für ein ticket in der ac2tier „beworben“.

    in mysore war ich vier tage, und habe dabei, glaube ich, jeden winkel der stadt kennengelernt. bin gespannt, wie es dir in mysore gefällt und wo es dich noch hinverschlägt, wünsche dir weiterhin viel spaß – ich werde dich lesenderweise begleiten 😉

    viele grüße aus dem kalten münchen nach bangalore,
    alexandra

    p.s. grüß‘ mir den maharaja v. mysore!

  5. Hallo, Alexandra!

    Das hatte ich schon so vermutet. Wobei ich gerade lieber in Indien bin als im grauen (?) Mitteleuropa. 😉 Ich bekomme im Blog während einer Reise auch immer mehr Verzögerung rein.
    Das „Kuschel-Ticket“ war im 2A, ich probiere hier alle Klassen einmal durch, soweit es logistisch geht. Wäre sonst zur Not auch in den 2SL ausgewichen, obwohl es im Nachhinein betrachtet in den AC-Waggons wesentlich ruhiger ist als in den offenen. Auch Verkäufer verirrten sich nur selten in den Wagen.

    Viel Spaß auf Deiner Reise im März, ich werde voraussichtlich wieder ab Ende Dezember für 2-3 Monate im Süden unterwegs sein.

    Grüße an den Maharaja werden ausgerichtet. 😉

  6. Auf der Straße sitzen und auf den Bus warten … the same procedure as every … time … äh, … jedes Mal … 🙂

    Ach Indien, meine zweite Heimat …

  7. bei meinem nächsten trip werde ich hauptsächlich zug fahren, dieses mal sind die tickets frühzeitig gebucht! aber ich find das busfahren mindestens genau so spannend, selbst das warten am busbahnhof 🙂

  8. Spannend ist gar kein Ausdruck, finde ich. Vor allem, wenn sich praktisch jeder Busfahrer für den König der Straße hält … 🙂

  9. oh ja, manches mal habe ich blut und wasser geschwitzt in den kurven!

  10. Eines meiner „schönsten“ Buserlebnisse hatte ich, als der Fahrer – ein zuhöchst schneider Sikh – plötzlich das Lenkrad in den Händen hielt – es war von der Lenkradstange ebgebrochen … 🙂

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