Post-Hippie Heaven Goa – Weihnachten unter Palmen

Eigentlich wollte ich gar nicht nach Goa. Das passte nicht zu meiner Mission, mit der ich nach Indien gekommen war. Drugs and Rock’n Roll beziehungsweise Techno und Halligalli unter Palmen erschienen mir irgendwie nicht kompatibel zu meinem „Selbstfindungstrip“. „Madel, so a Schmarrn“, war der Kommentar eines Münchner Mitstreiters im Sivananda Ashram, der seit ein paar Jahren in Indien lebt. Wir standen mal wieder in der Essenschlange vor der Dining Hall, redeten über dies und dies, über das Leben in München und in Indien und wo man in Indien am besten Weihnachten verbringt. Natürlich in Goa. „Du, da ist JEDER, woaßt. Des is a Tradition. Do konnst di übrigens auch super selber finden”, heißt es. Hmmm. Dem Zuführen bewusstseinserweiternder Substanzen stand ich eher skeptisch gegenüber und Tantra Yoga stand bislang auch nicht auf meinem Programm.

Aber ich hörte auf Karli. Machte mich kurz vor Heiligabend auf den Weg nach Palolem in den Süden Goas. Eigentlich hatte ich einen Zug gebucht. Wollte von Hampi beziehungsweise Hospet gemütlich in der AC 2 Tier fahren nach Margao fahren, das ist die Hauptstadt von Goa. Wie immer landete ich bei Indian Railways nur auf der Warteliste. Wer nicht Monate im Voraus reserviert, muss entweder mit der stets proppenvollen Sleeper Class vorlieb nehmen oder findet sich dann doch im Nachtbus wieder, so wie ich. Ich hatte jeden Tag im Internet verfolgt, ob ich nicht von Platz 4 noch nach vorne gerückt bin. Hey, Platz 4, das ist nicht Platz 94! Keine Chance.

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Nachtbus mit Doppelkoje

Unser Landlord in Vicky’s Guesthouse verkaufte mir und meinem Hampi-Sightseeing-Buddy Neill die letzten beiden Plätze im Bus. Es gab jedoch nur noch eine Koje. Die Touristenbusse, die nachts nach Goa fahren, haben keine Sitze, sondern Betten. Wir müssen uns also eins teilen, wenn wir es bis Heiligabend noch bis Goa schaffen wollen. Okay, ich habe eine Verabredung in Goa. Ich hatte mich mit Steffi, Mit-Yogini aus dem Ashram, in einer Strandhütte in Palolem eingebucht und wir hatten den Besitzer ohnehin schon angebettelt, dass er uns das Zimmer freihält, obwohl wir einen Tag später als vereinbart anreisen würden. Und Neill wollte unbedingt nach Arambol. Party. Und Anjuna. Party. Also, Doppelkoje. Schließlich hatten wir uns ja auch schon zwei Tage eine Rikscha beim Besichtigen der Tempelanlagen geteilt.

Beim Warten auf dem Bus in Hospet machte ich noch eifrig Werbung für das wunderschöne Palolem. Große Bucht, feinsandiger Strand, palmengesäumt, idyllisch, viel besser als Anjuna, eben „the place to be.“ Der Bus sollte nämlich mitten in der Nacht in Palolem ankommen. Oder besser gesagt: an der Abzweigung nach Palolem ein paar Kilometer außerhalb. Der Gedanke, nachts um drei im Stockfinstern möglicherweise alleine an einer Kreuzung abgesetzt zu werden, ließ mich schaudern. Neill wollte unbedingt nach Arambol, da war keine Planänderung möglich. Tatsächlich konnte ich noch jemanden überreden, einen planlosen Spanier, den ich später zufällig noch mal in Mumbai wieder traf.

Schlussendlich waren wir dann ein ganzes Grüppchen, das von „Mr. Take off your shoes“, unserem wenig charmanten Buskäpt’n gegen halb drei in der Mitte von Nirgendwo aus dem Bus komplementiert wurde. Kleine Randbemerkung zu „Mr. Take off your shoes“: Der war nicht nur extrem verschlagen und geschäftstüchtig. Kassierte von jedem noch 50 extra Rupien pro Rucksack. Die in seine eigene Geldschatulle wanderten. Gepäckversicherung. Er litt außerdem unter einer Art Tourette-Syndrom. Oder war Schuhfetischist. Jedenfalls wurde jeder, der mit seinen Flip-Flops, Tevas oder sonstigem traveller-typischen Fußkleid in die Koje stieg, angeschnauzt. „Take off your shoes. Otherwise you have to leave the bus.” Das passierte ständig. Mindestens nach jeder Pippipause. Nettes Kerlchen. Zum Glück hat er meine dicken Wanderschuhe nicht gesehen.

Da standen wir nun, mit unseren Rucksäcken. Planlos. Laufen war zu weit. Trotz Wanderschuhen. Der einzige Rikschafahrer, der irgendwann angetuckert kam, verlangte einen Wucherpreis. Angebot und Nachfrage, so läuft hier das Geschäft. Mit uns war erst mal kein Business zu machen. Die ersten entschlossen sich dann doch, zum Strand zu laufen. Wir, der Spanier, eine Amerikanerin und ich, harrten aus. Irgendwann war es dann beiden Parteien zu blöd. Wir wurden handelseinig und der Rikschamann, der übrigens eine Stimme wie ein Eunuch hatte, fuhr uns nach Palolem Beach.

„Last christmas“ – Rund-um-die-Uhr-Strandbar

Wir fanden eine 24×7 Strandbar, wo wir warten konnten, bis es hell wird. Das Ordo Sounsar, unser Strandhütten-Domizil, war laut Reiseführer nur über eine wackelige Brücke zu erreichen, bei Flut musste man noch gutes ein Stück durchs Wasser waten, um dorthin zu kommen. Mitten in der Nacht also weniger zu empfehlen. Also auf ins Nachtleben! Ein paar angeschickerte Engländerinnen mit Nikolausmützen auf dem Kopf hielten sich an der Bar fest und sangen „Last christmas“. Die Jungs am einzigen noch besetzten Tisch, die schon etwas müde an ihrem Kingfisher Bier nuckelten, nickten uns zu. Welcome to Goa. Wir hockten uns daneben, nuckelten ebenfalls an unserem Bier, etwas groggy, aber happy – endlich in Goa!

Als es gegeben halb sieben hell wurde, machte ich mich dann mit meinen Rucksäcken auf ins Ordo Sounsar. Leider war immer noch Flut und ich musste erst mal meine diversen Gepäckstücke abschnallen, um meine dicken Bergschuhe auszuziehen. Ein Engländer (es wimmelte hier von Engländern), der sich schon im Morgengrauen mit seinem Buch auf einer Strandliege installiert, half mir netterweise bis zur besagten Bambusbrücke. Ganz schön wackelig.

Die Beach Shack, die für die nächste Woche unser zu Hause sein sollte, war ebenfalls etwas wackelig, aus Bambus, das Badezimmer „open air“ ganz ohne Dach, direkt am Waldrand, man konnte von der Toilette die Affen bei ihren Turnübungen in den Bäumen beobachten. Ob sie uns auch beobachteten? Außer den Affen gab es in Palolem viele sonnenhungrige Engländer und Russen, die mittags schon Bier (die Engländer) und Wodka (die Russen) soffen (hurra, es lebe das Vorurteil!) und sich mit Nikolausmützen auf dem sonnenverbrannten Schädel schon mal auf die Heilige Nacht einstimmten.

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„No shows, no shoes“ – Banoffee Pie, gegrillter Fisch und Yoga am Strand

Ansonsten war es echt chillig in Palolem. No shoes, no shows. Wir ließen uns durch den Tag treiben. Um nicht aus der Übung zu kommen, morgens ein Stündchen Yoga am Strand mit Dani, einer deutschen Yogalehrerin, die hier überwinterte. Danach köstliches „Healthy Breakfast“ in unserer Lieblingsstrandbar, mit erfrischendem Joghurt, knusprigem Müsli und saftigen Früchten und dem besten Kaffee am ganzen Strand. So waren wir gut gerüstet für eine Runde dösen und lesen und sonnen auf der Strandliege. Zwischendurch mal im poolwarmen Meer abtauchen, einen kleinen Spaziergang am langen Strand machen. Oder eine Bootsfahrt machen, Delfine gucken, so wie am Weihnachtsmorgen. Mit dem Ruderboot über den Fluss schippern und dabei Vögel gucken. Nachmittags einen köstlichen Banofee Pie (nicht wirklich indisch, aber himmlisch!) in einem der vielen Cafés naschen. Sundowner in den kuscheligen Kissen auf dem Poton vor dem Ordo Sounsar oder in der Hängematte. Abends am Strand frischen Fisch grillen lassen und mit den Füßen im Sand wieder mal ein köstliches Essen genießen.

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Neben den ganzen westlichen Touristen hatten sich auch ein paar einheimische Touristen zu Weihnachten hier eingefunden. Und Bollywood war auch hier! Leider hatten wir offenbar nicht genug Bollywood-Filme gesehen, denn wir erkannten nicht auf Anhieb, welche Prominenz am Nebentisch saß.„Der ist total berühmt, ist jetzt mit der ganzen Crew hier während der Drehpausen“, flüsterte uns der Kellner zu. Ja, die sahen schon recht wichtig aus, mit ihren Lederjacken, Sonnenbrillen, Basecaps und Smart Phones passten sie allerdings irgendwie so gar nicht an den Strand von Palolem.

Heiligabend ebenfalls ohne Schuhe mit den Füßen im Sand feiern, mit einem Büffet aus lauter goanischen Köstlichkeiten bei Serafin, der Besitzerin des Ordo Sounsar. Das Leben ist schön! Aber wo waren die Hippies? Die Technofreaks? Waren wir dafür doch schon zehn Jahre zu spät dran? Wir hätten eigentlich auch an jedem x-beliebigen Strand irgendwo auf der Welt sein können. Keine Hippies, keine Freaks. Palolem war wohl eher die Destination für die „Normalos“. Auch gut. Ich sollte später nochmal die Gelegenheit haben, das „freakige“ Goa kennenzulernen, in Arambol. Zuvor standen aber jedoch noch Silvester in Mumbai und das große Abenteuer Nepal an.

Next stop: Ladakh und Kashmir

Bevor ich darüber berichte, verabschiede ich mich hiermit nochmals nach Indien. Ich erfülle mir einen großen Traum und werde den Sommer im Himalaya verbringen, in Ladakh und in Kaschmir. Wer mir auf’s „Dach der Welt“ folgen möchte, schaut am besten ab und zu mal hier vorbei oder folgt mir auf Facebook und Instagram. Bis bald!

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