Hätte ich vorher gewusst, wie wunderschön es in Hampi ist, der vor mehr als 450 Jahren untergegangenen letzten Hauptstadt der Vijayanagar-Dynastie, und dass zwei Tage definitiv zu kurz sind für die weitläufigen Ruinenfeldern mit den alten Hindu-Tempeln, dann hätte ich dem Maharadja von Mysore sicherlich schon etwas früher auf Wiedersehen gesagt. Doch ich war bereits in Besitz eines Tickets für den Zug, der mich von Mysore nach Bangalore und weiter nach Hospet bringen sollte, der nächst größeren Stadt, etwa eine halbe Rikscha-Stunde von Hampi entfernt.

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Ich hätte natürlich den Bus nehmen können für die knapp 400 Kilometer lange Strecke, aber ich wollte endlich einmal Zugfahren. Die Bilder von auf dem Dach sitzenden Menschen, die wagemutig von Waggon zu Waggon hüpfen oder hinten auf den bereits fahrenden Zug aufspringen, gibt es zwar nur noch in älteren Filmen, doch ein Erlebnis der besonderen Art ist die Reise mit der indischen Bahn heute noch. Von meinen Ashram-Mitbewohnern hatte ich bereits Einiges gehört. Von der „Holzklasse“, für die man keine Reservierung benötigt und in der man keine Berührungsängste haben darf, da sich die Menschen nicht nur auf den Holzbänken drängen, sondern überall, wo noch ein bisschen Platz ist. Von der Sleeper Class, in der sich auch schon mal drei Leute ein Bett teilen müssen. Von den Chai Wallahs, die sich mit ihren Blechkannen und Pappbechern durch die Gänge schlängeln und mit ihrem unermüdlichen „Chai, chai, chai, coffee, coffee, coffee“ um Kundschaft werben. Von Tango tanzenden Ratten, Toiletten, die man besser meidet und von der blütenweißen, frischen Bettwäsche, die man in den besseren Klassen bekommt, wenn es heißt, „Licht aus“.

„TATKAL“, „RAC“, „WL“ – wer blickt da noch durch?

Von dem auf den ersten Blick schier undurchsichtigen Buchungssystem mit den verwirrenden Klassen „Second Class“, „Sleeper“, „AC-2-Tier“, „AC-3-Tier“ und „AC-First“ und den kryptischen Abkürzungen „TATKAL“, „RAC“, „WL“ für die Vielzahl an Tickettypen hatte ich mir bei meinem Versuch, einen Teil meiner Reise mit der Bahn zu bestreiten, bereits selbst machen können. Bahnfahren in Indien ist spottbillig und insbesondere für lange Strecken deutlich komfortabler als die Straße, dementsprechend groß ist der Andrang. Kaum dass die 60-tägige Buchungsfrist begonnen hat, sind die Tickets auch schon ausverkauft. Ich hatte erst drei Wochen vorher angefangen, mich um meine Verbindungen zu kümmern und das Zugticket nach Hospet war das einzige, bei dem ich nicht auf dem Status „WL“, also „Waitlist“, oder „RAC“, das heißt „Reservation against Cancellation“ gelandet war.

So war mein Versuch, das Ticket am Bahnhof von Mysore auf einen Tag früher umzubuchen, erfolglos. In größeren Städten wie Delhi oder Mumbai kann man im „Foreign Tourist Office“ versuchen, mit einem schriftlichen Antrag ein Ticket aus einem Sonderkontigent für Touristen zu bekommen, doch in Mysore gab es so was nicht. Der Computer des Herrn am Info-Counter sagte „No tickets from the foreign tourist quota.“ Auch die TATKAL-Tickets – das sind Last-Minute-Tickets für Kurzentschlossene und Notfälle, die am Tag vorher eine Stunde lang im Verkauf sind – waren schon alle weg. Das Angebot, ich könne noch einen Platz in der Sleeper Class bekommen, lehnte ich dankend ab. Das war mir ein Hauch zu viel Abenteuer für meine Zugpremiere. Dann doch lieber ein eigenes Bett in der AC-2-Tier einen Tag später.

Der Bahnhof von Mysore war so beschaulich wie ein Bahnhof in der deutschen Provinz, wo war das Menschengewusel und die laut schnarrenden Lautsprecherdurchsagen, von denen mir die anderen erzählt hatten? An den sechs Bahnsteigen war nichts los und ich war die Einzige, die in den Zug nach Bangalore stieg. Das hatte ich mir irgendwie aufregender vorgestellt. In dem Waggon war ebenfalls totale Stille, nur eine Familie und ein, zwei Geschäftsleute saßen dort. Wie langweilig. Und ich konnte sogar die Schilder an den Bahnhöfen lesen, irgendjemand hatte mir erzählt, dass diese nur in Sanskrit seien und man nie wüsste, wo man sich gerade befindet und man aufgrund von Verspätungen nicht sicher sein kann, ob das nicht vielleicht schon der Zielbahnhof ist.

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Samosas anstatt Sandwich aus dem „Coffee Day“

Mein Zug war nicht nur superpünktlich, ich wurde auch von einem meiner Mitreisenden sicherheitshalber darauf hingewiesen, dass wir gleich Bangalore erreichen. Für den Bahnhof einer Millionenmetropole war Bangalore City Junction erstaunlich klein. Und hatte ein ähnlich vorsintflutliches Ambiente wie der Bahnhof in Mysore. Vom indischen Silicon Valley hätte ich mir zumindest eine Bahnhofsbuchhandlung und eine Filiale des indischen Pendants zu Starbucks – „Coffee Day“ – erwartet. Immerhin gab es einen Samosa-Stand auf dem Bahnsteig, an dem ich mich für’s Abendessen eindeckte, und für die Reisenden der Air-Condition-Klassen einen Warteraum. Der Geruch nach Toilette war jedoch so penetrant, dass ich mich lieber auf einen der Steinblöcke auf den Bahnsteig hockte, um die zwei Stunden zu überbrücken, bis der Hampi Express fuhr. Allerdings musste ich dringend mal wohin. Mit zwei Rucksäcken, einer Umhängetasche und einer Yogamatte eine indische Stehtoilette zu besuchen, erfordert jedoch akrobatische Fähigkeiten. Die habe ich trotz des vielen Yogaübens bis heute nicht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als jemanden im Warteraum zu bitten, kurz auf mein Gepäck aufzupassen. Leichtsinnig. Einer Mitstreiterin aus dem Ashram hatte man im Bus den Rucksack geklaut. Bis sie sich eine neue Garderobe zusammengekauft hat, trug sie die Leihgaben der anderen Mädels im Schlafsaal. Doch wenn man alleine reist, hat man in manchen Situationen keine Wahl. Meine Habseligkeiten waren noch da, als ich zurückkam, ich hätte mich auch sehr gewundert, wenn das Ehepaar und die zwei Kinder mit den nach diversen Wäschen auf dem Waschbrett im Fluss bereits durchlöchterten T-Shirts und den durchgelatschten Flip-Flops durchgebrannt wären.

Ein bisschen Premiere-Aufregung machte sich dann doch in mir breit, als ich auf den Zug wartete. Als ich ein paar weitere Backpacker entdeckte, war ich etwas beruhigter. Und tatsächlich fand ich meinen Namen auf der Liste, der an der Tür des AC-2-Tier-Abteils klebte. Türen gab es in diesem keine, nur Vorhänge, die ein bisschen Privatsphäre schufen. Ich teilte mir eine Ecke mit einem Pärchen aus UK, das zur Zeit in Chennai lebte. Die beiden waren besser auf die Nachtzugfahrt vorbereitet als ich und hatten ein Drahtseilschloss dabei, um die Rucksäcke an den Stangen der Betten zu befestigen. Es kam wohl nicht selten vor, dass das Gepäck nachts Beine bekommt. Zum Glück war das Drahtseil so lang, dass mein Rucksack noch mit dazu passte. Den Rest nahm ich mit in mein Etagenbett. Ich fühlte mich wie auf Klassenfahrt in einer Jugendherberge, als ich über die kleine Leiter nach oben kletterte. Und war überrascht, dass das die Laken und der Kissenbezug in der braunen Papiertüte tatsächlich frisch gewaschen roch.

Mit der Rikscha zu Vickey’s Guesthouse – ist ja nur für eine Nacht

Als wir frühmorgens nach neunstündiger Zugfahrt pünktlich in Hospet ankamen, warteten vor dem Bahnhof schon die üblichen Verdächtigen – die lokale Rikscha-Gang. Nachdem ich nur zwei Tage in Hampi hatte, machte ich erneut etwas, vor dem Lonely Planet & Co warnen: Ich ließ mich überreden, zum Guesthouse des Onkels des jungen Rikschalenkers zu fahren – Vickey’s Guesthouse. Zumindest kam mir der Name bekannt vor, ich hatte ihn im Lonely Planet gesehen. Why not – übrigens einer der Lieblingsantworten der Inder und passend auf alle Fragen – dachte ich mir. Schließlich wollte ich keine kostbare Zeit mit der Suche nach einem Dach über dem Kopf verschwenden. Wie die meisten Unterkünfte in Hampi Bazaar war Vickey’s Guesthouse eine ziemliche Bruchbude, die Toilette nicht dicht, die Wände so dünn, dass ich hörte, wie sich zwei Zimmer weiter jemand übergab und lediglich die bunte Farbe an den Zimmerwänden überzeugte mich, hier einzuziehen. Apropos übergeben: Mir hatte jemand gesagt, in Hampi wird jeder magenkrank. Weil alles so dreckig war.

Ich wurde nicht krank. Und ging hoch auf’s Dach zum Frühstücken. Das Baby der Familie krabbelte auf einer Decke und beäugte neugierig die neuen Gäste, der Opa saß nebenan und las Zeitung. Bei Nutella-Pancake und einem heißen Chai traf ich Neill, einen litauischen Juden aus Südafrika, der jetzt in London lebte. Neill war auch mit dem Zug gekommen, allerdings in der Sleeper Class, daher haben wir uns nicht gesehen. Neill wurde für die nächsten zwei Tage mein Sightseeing-Buddy. Zusammen mit Vickey’s Neffen und seiner Rikscha machten wir uns nach dem Frühstück auf, die einstige „Stadt des Sieges“ des letzten hinduistischen Königreichs zu erkunden. Warum sich hier auch Fred Feuerstein zu Hause gefühlt hätte und warum Hampi das Nutella-Paradies ist, erfahrt ihr nächste Woche, stay tuned!

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3 comments

  1. Auch die Holzklasse (goat and chicken class) ist nicht mehr das Gleiche wie vor 25 Jahren … Damals war das wirklich noch Abenteuer und man hat die verrücktesten Dinge erleben dürfen, was ich immer sehr genossen habe.

  2. ziegen und hühner haben wir auf unserem „ultra-train-trip“, von dem ich letzte woche zurück gekommen bin, tatsächlich nicht auf dem bahnsteig gesehen. sind aber auch nur langstreckenzüge gefahren. da haben die tierchen bestimmt keine lust drauf 😉

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