Hampi – auf Stippvisite bei Hanuman, Shiva, Hakku und Bukka und den kiffenden Sadhus

Kambodscha hat sein Angkor Thom, Peru sein Machu Picchu und Indien sein Hampi. Die mittelalterliche Ruinenstadt, irgendwo in der Mitte von nirgendwo in Karnataka, ist auch unter dem Namen Vijayanagar bekannt, die Stadt des Sieges. Hampi ist ein mythischer Ort, voller Geschichten und Legenden, inmitten einer archaisch anmutenden Felsenlandschaft, die auch als Kulisse für „Die Flintstones“ dienen könnte. Man würde sich nicht wundern, wenn Fred Feuerstein und Barny Geröllheimer nebst Gattinnen auf einem der von Elefanten gezogenen steinernen Tempelwagen um die Ecke geschossen kämen.

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Hampi wurde 1336 von Hakku und Bukka gegründet, zwei Brüder aus Andhra Pradesh, die eigentlich Harihara und Bukkaraya hießen und in der Nähe des heutigen Hampi als Schatzmeister tätig waren, bis sie von den Mogulen aus dem Norden gefangen genommen und nach Delhi geschickt wurden, um zum Islam zu konvertieren. Die beiden wurden dann irgendwann zurückgeschickt, um als Statthalter für den Sultan von Delhi für Recht und Ordnung zu sorgen. Die schlauen Brüder entschieden sich aber, ihrem Boss zu zeigen, wo der Haken hängt und schufen ihr eigenes, hinduistisches Königreich, Vijayanagar, das sich in seiner Blütezeit über den gesamten Süden Indiens erstreckte.

Millionenstadt mit Prunk und Pomp

Hampi war bis zu seinem flammenreichen Untergang 1565 die Hauptstadt von Vijayanagar. In Hampi lebte man in Saus und Braus. Dort, wo heute T-Shirts mit Konterfeis von Che Guevara, Bob Marley und Mahatma Gandhi, tibetische Klangschalen und Yakwollschals in kleinen, wackeligen Wellblechbuden über die Ladentheke gehen, handelten seinerzeit Kaufleute aus aller Welt mit Rubinen und Diamanten, mit Gewürzen und Baumwolle und mit Araberpferden. Anstatt mit angeschmuddelten Rupienscheinen wurde mit Silber und Gold bezahlt. Reisende aus Italien, Portugal, Russland und der arabischen Welt berichteten über den Prunk und Pomp der Königstadt.

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Man logierte in prächtigen Palästen, in denen selbst die Elefantenstallungen pompöser waren als die einfachen, provisorisch anmutenden Gästehäuser in den unasphaltierten, mit Schlaglöchern übersäten engen Straßen des heutigen Hampi Bazaar. Während in den Backpacker-Unterkünften das Wasser leidlich aus verrosteten Duschköpfen tröpfelt, pflegten die Gemahlinnen und Gespielinnen der Prinzen und Könige in überdimensionalen Outdoor-Becken in Rosenwasser zu baden, um sich danach in einen der luftigen Pavillons zurückzuziehen oder über die prächtigen Marktstraßen zu flanieren, in denen vielleicht schon damals  Kokosnüsse und Bananen  feilgeboten wurden. Es heißt, dass Hampi seinerzeit mehr als eine Million Einwohner zählte und damit eine der größten Städte der Welt gewesen sei, bis zu seinem dramatischen Untergang.

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Die Herrscher von Angkor mussten sich den Thais widersetzen, die Herrscher von Hampi den muslimischen Invasoren aus dem Norden. Zwei Jahrhunderte gelang dies auch, doch als sich die fünf Dekkan-Sultanate verbündeten, war es vorbei mit dem goldenen Zeitalter. Es gab eine entsetzliche Schlacht, die Armee des Feindes plünderte, mordete und zerstörte, und dies über Monate. Die Stadt ging in Flammen auf, einen Teil ihrer Schätze konnten die Hindu-Herrscher noch auf ihren Elefanten davon tragen, als sie sich zu retten versuchten. Übrig geblieben von der einstigen Pracht ist ein 26 Quadratkilometer großes Areal mit mehr als 500 Monumenten – Fundamente königlicher Paläste, Reste von Steinpavillons, Schatzkammern, Festungen, Brunnen und Aquädukte und steinerne Säulenhallen mit filigranen Ornamenten. Dazu gesellen sich unzählige Tempelruinen mit kunstvollen Reliefs aus tanzenden Göttern und Dämonen, die die märchenhaften Geschichten aus dem Ramayana-Epos erzählen.

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Pilgerstätte für Hippies, Hanuman-Jünger und Shiva-Verehrer

Wie Angkor und Machu Picchu lag auch Hampi, das 1986 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde, lange im Dornröschenschlaf, eine Geisterstadt, überwuchert vom Dschungel und erst später freigelegt von westlichen Archäologen. In den Siebzigern strandeten hier die ersten Hippies, auf ihrem Weg nach Goa und Gokarna, angezogen von dem Mythos und der Magie, die diesem Ort anhaften, mit seiner einzigartigen Landschaft aus rotbraunen und ockerfarbenen Felsen, die sich zum Teil zu mehreren hundert Meter hohen Hügeln auftürmen, und mächtigen grauschwarzen Granitblöcken, die aussehen wie Meteoriten und die dem Ramayana-Epos zufolge die Streitkräfte der Affenkönige Vali und Sugriva herabregnen ließen, um ihre Macht zu demonstrieren. Es waren sicherlich nicht nur die sagenhaften Geschichten und die surreale Landschaft aus Felsen, saftig-grünen Bananenplantagen, Palmenhainen, Reisfeldern und dem graublauen, silbrig glänzenden Fluss Thungabadra, der sich durch die Ebene schlängelt, weswegen viele hier hängenblieben.

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Da waren noch die Sadhus, die heiligen Männer, und ihr Ganja, das berauschende Gras, mit dem die Landschaft sicherlich noch bizarrer wirkt und nach dessen Genuss die Hippies auf den zahlreichen Felsenhügel rund um Hampi dem Sonnenuntergang entgegen tanzten. Vielleicht sogar nackt, wie es in den „heydays“ der Aussteiger nach Aussagen meiner Nachbarin zumindest an den Stränden Goas üblich war. Ich muss sie nochmal näher zu ihren Geschichten interviewen, sie gehört nämlich zu den Flower-Power-Kindern, die Anfang der Siebziger über den Landweg nach Indien gereist ist.

Die Sadhus sind geblieben, angeblich leben heute noch etwa 150 der heiligen Männer in den Felsenhöhlen, die sich in den Hügeln rund um Hampi Bazaar verstecken. Die Alt-Hippies sind einer neuen Generation Traveller mit Batikhosen, Dreadlocks und gedehnten Ohren und mit Bongos und Gitarren an ihren Rucksäcken gewichen, die aber ebenso gerne wie ihre Vorgänger mit den Sadhus auf einem der Sunset-Spots an der Chillum nuckeln. Den Sadhus ist der Konsum von Ganja erlaubt, den Touristen eigentlich nicht, genauso wenig wie Alkohol. Denn Hampi ist ein heiliger Ort, nicht nur Anlaufstelle für sinnsuchende Backpacker, sondern auch Pilgerstätte für gläubige Hindus, insbesondere für Anhänger des Shiva-Kultes und Fans des listigen, charmanten Affengottes Hanuman.

Um den Geburtsort von Hanuman ranken sich viele Legenden. Einer Legende zufolge wurde der Affengott, der im Ramayana-Epos dem großen König Rama zu Seite steht, um die schöne Sita aus den Klauen des Dämonen Ravana zu befreien, in Hampi geboren, auf dem Ajandri Hill, wo heute der Hanuman- Tempel steht. Auch Shiva ist eng mit Hampi verbunden. Shiva heißt hier Virupaksha, eine der 1008 Inkarnationen des Gottes der Zerstörung. Als Parvathi, eine Tochter des großen Brahman, auf einem Hügel in der Nähe des Flusses Buße übte, traf sie hier auf den meditierenden Shiva. Der Blitz schlug ein, die beiden verliebten sich sofort unsterblich ineinander, Shiva arrangierte eine Blitzhochzeit und die beiden waren in Nullkommanichts verheiratet.

Die Hochzeit von Shiva und Parvati, die auch Pampa genannt wird, wird jedes Jahr in Hampi mit einem riesigen Fest gefeiert, Shivrati, zu dem mehrere Hunderttausend Menschen in das kleine Örtchen strömen. Leider habe ich mir für meinen Besuch in Hampi die falsche Zeit ausgesucht, denn die große Zeremonie, bei der riesige, tonnenschwere, steinerne Tempelwagen aus dem Virupaksha-Tempel über die Hauptstraße von Hampi Bazaar gezogen wird, findet immer im Februar beziehungsweise März statt, je nach Mondkalender. Hunderte ledige Männer versuchen dann, auf das Gefährt zu klettern, in der Hoffnung, dass sie bald unter die Haube kommen, denn die Legende besagt, dass die Männer, die es auf den Wagen schaffen, bald heiraten werden.

Wer wissen möchte, ob Neill, mein Travelbuddy aus Vickey’s Guesthouse, und ich auch beschwingt mit den Sadhus auf den Felsen herumgetanzt sind, muss bis zum nächsten Blogpost warten. Gute Nacht und bis die Tage!

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2 comments

  1. Es ist so interessant auf deiner Seite zu lesen. Die Geschichte und deine Geschichten sind einfach wunderbar mitzuerleben. Ich musste erst einmal etwas googlen und sehen, wo du da eigentlich genau gewesen bist. Also ja, irgendwo im Nirgendwo trifft es dann ja sehr schön.

    Unglaublich wie unterschiedlich das Leben und vielleicht auch die Kultur heute im Vergleich zu dieser berauschenden Zeit ist. Schön, dass ich so mehr davon erfahren konnte.

  2. freue mich riesig, dass dir die geschichten hier gefallen! ich durchlebe die reise irgendwie beim schreiben immer noch einmal, deshalb macht mir das betreiben des blogs auch so große freude. ja, die kontraste könnten manchmal größer nicht sein. als ich gestern nach einem running-sushi-dinner an der münchner freiheit den artikel fertig geschrieben habe und in die welt von hampi eingetaucht bin, kam mir das sehr bizzar vor!

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