Mysore ist vor allem für vier Dinge berühmt: Sandelholz, Weihrauchstäbchen, Seide und den kunterbunten Märchenpalast, von dem aus einst der Maharadja den Prinzenstaat Mysore regiert hat. Mich hat es jedoch aus einem ganz anderen Grund in diese auf den ersten Blick etwas unspektakuläre Stadt in Karnataka verschlagen: Ashtanga Yoga. „Madl, wenn’st Yoga machen willst in Indien, musst‘ nach Mysore“, erklärte mir mein Sivananda-Ashram-Mitstreiter Karli, ein Ex-Siemensianer, der vor einigen Jahren seinen Wohnsitz von München nach Mamallapuram verlegt hat und sich in dem kleinen Fischerörtchen in Tamil Nadu in eine Eiswürfelfabrik eingekauft hat.

Mysore, die Wiege des Ashtanga Yoga

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Mysore ist die Wiege des Ashtanga Yoga. Hier hat der große Yogameister und Vater des modernen Yoga, Sri Tirumalai Krishnamacharya, die Urform aller dynamischen, körperbetonten Yogastile begründet. Einer seiner Gönner war der Maharadja höchstpersönlich, ein moderner Geist, der sich und die königliche Familie seit 1930 von Krishnamacharya in Yoga und Sanskrit unterrichten ließ und diesen einlud, auf dem Gelände des Palastes ein Yoga Shala zu unterhalten. Leider konnten die Briten, deren Einfluss in den Jahren vor der indischen Unabhängigkeit nochmals einen Gang zulegte, wenig mit Yoga anfangen und ließen die Palast-Yogaschule in den 1940ern schließen.

Das sollte der Verbreitung von Ashtanga Yoga aber keinen Abbruch tun. Aus der Schule Krishnamacharyas gingen unter anderem berühmte Yogalehrer wie B.K.S. Iyengar und Pattabhi Jois hervor. Der Yogastil, der heute in Mysore unterrichtet wird, geht auf Pattabhi Jois zurück, der schon als Zwölfjähriger Yoga übte, 94 Jahre alt wurde und auch im hohen Alter angeblich für höchstens 70 durchging. Kein Wunder, denn der Ashtanga Mysore Style ist nur was für Hartgesottene. Wer denkt, Yoga besteht nur aus Lotussitz und „Om“-Trällern, war noch nie in einer Ashtanga-Stunde. Ashtanga Yoga ist pures, körperbetontes Yoga, der Körper wird gedrillt und getriezt, der Schweiß fließt in Strömen. Wer sich fragt, woher Madonna ihren sehnigen, durchtrainierten Körper hat: Die Antwort lautet Ashtanga Yoga.

Madonna, Gwyneth Paltrow und Sting – Ashtanga-Fans

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Nicht nur Madonna wurde vom Meister höchstpersönlich in Ashtanga Yoga unterwiesen. Angeblich hat schon halb Hollywood, darunter Gwyneth Paltrow, seine Yogamatte im K. Pattabhi Jois Ashtanga Yoga Institute ausgerollt. Und Sting natürlich auch. Das Zentrum von Pattabhi Jois, das heute von seiner Tochter und seiner Enkelin geführt wird, ist die Kaderschmiede des Ashtanga Yoga, ein Yoga-Boot-Camp, wo schon morgens um 6 Uhr die Yogis Schlange stehen, um den besten Platz zu ergattern. Es heißt, als Yogi hier aufgenommen zu werden ist wie als Musiker einen Platz an der Juillard School zu bekommen.

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Nachdem ich Madonna schon mal live auf der Bühne erlebt und gesehen habe, mit welcher Leichtigkeit sie extravagante Asanas wie den Skorpion in ihre Choreographie einbaut und dabei lockerleicht weitersingt, bin ich sicher, dass sie auch ohne Rockstar-Bonus einen Platz im Institut bekommen hätte. Ich habe bei meinem Yogaausflug nach Mysore weder Madonna noch Sting noch eine andere Hollywood-Größe mit Yogamatte unter dem Arm getroffen. Ich war aber auch nicht Teil des erlauchten Kreises des K. Pattabhi Jois Ashtanga Yoga Institute. Ich hatte weder den Rockstar-Bonus noch ein Yogalehrer-Zertifikat. Eigentlich kommen nämlich nur die Profis nach Mysore, um ihren ohnehin perfekten Stil zu perfektionieren. Ich fürchte, man hätte mich allein schon wegen der Note „mangelhaft“ beim Kopfstand abgelehnt. Aber diese Gedanken musste ich mir gar nicht machen, das Timing passte nämlich auch nicht in meine Reisepläne: Man muss sich spätestens zwei Monate vor seiner Ankunft bewerben und sich dann noch für mindestens einen Monat verpflichten.

Ashtanga Series A und B – die Kapitulation

Also suchte ich mir für meine Ashtanga Yoga-Premiere ein anderes Yoga Shala aus, schließlich gab es Dutzende in Mysore. Ich besorgte mir eine Rikscha und hielt dem Fahrer die Adresse des Mysore Mandala Yogashala in Laxmipuram unter die Nase. Kannte er natürlich nicht, wir fanden es irgendwann trotzdem. Ich fragte mich allerdings, wie ich jemals wieder wegkommen sollte von dort, wir waren mitten in einem Wohngebiet, keine Rikschas, keine Taxis und keine Bushaltestelle weit und breit. Wahrscheinlich wäre eines der vielen Yoga Shalas in Gokulam besser gewesen, da hätte es als süße Belohnung nach dem Yoga auch noch das ein oder andere Café gegeben.

Für die regulären Ashtanga-Stunden am Vormittag musste man sich im Mysore Mandala Yogashala auch einschreiben. Aber ich hatte Glück und es gab nachmittags immer eine Drop-in-Stunde. Also Schuhe ausgezogen, Yogamatte ausgerollt und warten, bis der Lehrer die Stunde beginnt. Wenn ich darauf gewartet hätte, würde ich wahrscheinlich immer noch auf meiner Matte in Laxmipuram sitzen. Denn der Mysore Style wird auch „Self-practice style“ genannt. Wer sich vorher genauer informiert, ist klar im Vorteil … Ich bekam ein paar Blätter Papier in die Hand gedrückt, „Ashtanga Series A“ und „Asthanga Series B“, hörte noch den Satz „Wenn du Fragen hast, sag’ Bescheid oder schau’ einfach, was die auf der Matte neben dir machen“, und schon war die Lehrerin entschwunden.

Ein paar Grundlagen des Ashtanga Yoga kenne ich ja durchaus. Der Sonnengruß im Jivamukti enthält Elemente aus der A- und B-Serie. Und die ozeanische Atmung – Ujjayi -, bei der man sich immer so ein bisschen wie Darth Vader am Atemgerät anhört, beherrsche ich ebenso wie die diversen energetischen Verschlüsse. Zum Beispiel Jalandhara Bandha, das braucht man für die Ujjayi-Atmung, und Mula Bandha, da kneift man in der Beckengegend alles zusammen als ob man dringend auf Toilette muss. Aber das, was meine Mattennachbarn machten, hatte mehr mit Akrobatik als mit Yoga zu tun. Während mir nach der langen Nachtbusfahrt schon der nach unten schauende Hund zu viel war – ich hatte das Gefühl, der Kopf fällt gleich jeden Moment ab – wurde neben mir der an der Wand stehende Spagat geübt, und dass auch noch ohne das geringste Zeichen von Anstrengung im Gesicht.

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Gucken was meine Nachbarn machen und es ihnen nachtun. Da hätte ich auch ohne Kopfschmerzen kapitulieren müssen. Die gut zwanzig Yogis im Raum waren alle beweglich wie Gummipuppen, die Frauen wogen höchstens 50 Kilo. Außerdem fand ich es extrem nervig, immer auf den Zettel gucken zu müssen, welche Übung nun als nächstes kam. Mein Kopf fühlte sich nach der nächtlichen Busfahrt an wie ein Sahnehörnchen und ich konnte mir nur die nächsten zwei Asanas merken. Außerdem irritierte mich, dass jeder im Raum eine andere Übung machte. Dabei soll das Selbstüben in der Gruppe ja gerade das Tolle im Ashtanga sein: Angeblich kann bei dieser Form des Übens am besten auf den individuellen Fortschritt eingegangen werden; dadurch, dass nicht geredet wird, kann man sich ganz auf sich und seinen eigenen Rhythmus konzentrieren und überhaupt so üben, wie es die aktuelle Tagesverfassung zulässt.

Die „Schönheit des Selbstübens“ blieb mir gänzlich verborgen. Ich gebe zu: Ich bin ein Yoga-Lemming, der gerne das macht, was der Lehrer ansagt. Auch wenn ich normalerweise nicht so schnell die Flinte ins Korn werfe – nach drei Sonnengrüßen kapitulierte ich und trollte mich davon … Das war es dann wohl mit einer Yogakarriere als Ashtanga-Profi, kein Sonnengruß zusammen mit Madonna … Egal, eine süße Belohnung gab es trotzdem, zumindest in Form eines gezuckerten Tees im Garten des Yoga Shalas. Der war nämlich wirklich wunderschön und es wäre eine Schande gewesen, wenn ich das nicht ausgenutzt hätte, wo ich schon mal hier war.

Tja, nachdem das mit dem Ashtanga Yoga und mir keine Liebe auf den ersten Blick war und ich irgendwie keine Lust verspürte, am nächsten Tag woanders nochmals mein Glück zu versuchen, verschrieb ich mich dem Power-Sightseeing. Neben dem Palast des Yoga-begeisterten Maharadjas gab es eigentlich nicht mehr sooo viel Weltbewegends zu sehen in Mysore, aber da ich meinen Zug nach Hospet nicht umbuchen konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als jeden noch so kleinen Markt und Tempel zu erkunden. Ich glaube, ich kenne jetzt jeden Winkel von Mysore. Was ich dabei alles entdeckt habe, erzähle ich Euch nächste Woche, bis dahin!

Bildnachweise: AP, themindfulbody

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6 comments

  1. Fühle mich auch gerade wie nach einer nächtlichen Busfahrt und verstehe es vollkommen, wenn man lieber das macht, was der Lehrer vormacht. Hier ist ja auch eher unüblich, dass man allein machen kann, soll, muss. Auch wenn ich hin und wieder meine eigenen Sequenzen abspiele, möchte ich doch eher zumindest eine gewisse Richtung gezeigt bekommen…

    Bin gespannt auf deinen Bericht über diesen kleinen Ort und was es für Winkel zu entdeckt gab.

  2. seit neuestem gibt es in meinem yogastudio auch eine ashtanga-stunde, aber mit anleitung. ich werde es diese woche mal ausprobieren, vielleicht finde ich ja doch noch gefallen daran! man sollte ja eigentlich auch seine eigene yogapraxis zu hause haben, trotz dvd mit anleitung kann ich mich dazu dennoch nicht durchringen …

  3. Dann viel Freude beim Ausprobieren und berichte dann doch mal, wenn es sich einrichten lässt.

    Ja, das mit der eigenen Praxis schränkt sich bei mir auch auf wenige Minuten am Ende oder Zwischendrin einer DVD ein. Wenn ich merke, dass mir gerade etwas anderes gut tun würde oder ich zum Schluss noch dies oder jenes ausprobieren möchte, mache ich das auch. Was ich seit einiger Zeit immer anschließe, ist das Liegen auf einer „Nagelplatte“. Wenn ich nach 5-10 Minuten aufstehe, bin ich total tiefenentspannt. Das ist klasse, weil Meditation und ich nicht so recht zusammenkommen wollen.

  4. ich nehme es mir immer wieder vor, selber zu üben, aber der innere schweinehund ist ganz schön groß und laut! das mit der nagelplatte klingt ja interessant, wie muss ich mir das vorstellen? meine morgendlichen meditationsversuche habe ich leider auch schnell wieder „an den nagel“ gehangen, vielleicht wäre das eine alternative?!

  5. Ich habe mir die Matte von ‘Bed of Nails’ zugelegt. Bin ziemlich zufrieden damit. Könnte einen Tick länger sein.

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