Mysore wurde über 500 Jahre fast ununterbrochen von den Maharadjas der Wadiyar-Dynastie regiert. 1761 übernahmen kurzzeitig zwei muslimische Sultane das Regiment, der Feldherr Haider Ali und sein Sohn Tipu Sultan. Vater und Sohn waren dem Maharadja einigermaßen wohlgesonnen, wollten aber ihre eigene Duftmarke setzen, unter anderem in architektonischer Hinsicht. So ließen sie kurzerhand die Altstadt mit ihrem Labyrinth aus engen Gässchen abreißen und dafür breite Alleen und große Plätze bauen, die man auch in Städten wie Neu-Delhi, Paris und Berlin findet.

Mir persönlich hätte es besser gefallen, die Sultane hätten die Altstadt so gelassen wie sie war. Die ehemals mit Bäumen geschmückten Prachtstraßen, die Haider Ali und Tipu Sultan auf dem Reißbrett kreierten, bargen zwar links und rechts noch ein paar wenige koloniale Überbleibsel wie den Clock Tower oder die Town Hall, werden aber heute ansonsten von Reklameschildern und Ramschläden aller Art gesäumt. Wer seinen Wochenvorrat Knoblauch kaufen will, wird hier ebenfalls fündig.

Die Abgase der unzähligen Rikschas, Mahindras, Marutis, Bajajs und Tatas, die sich über die Hauptverkehrsadern quälen, laden auch nicht gerade zu einem gemütlichen Spaziergang ein. Der wird spätestens dann zu einem Nervenkitzel, wenn man einen der zahlreichen Kreisverkehre durchqueren möchte. Da hilft nur, kurzerhand in eine Rikscha zu springen und den Kreisverkehr motorisiert hinter sich zu lassen. Der indische Rikschafahrer hat einen geschulten Blick für hilflose Touristen und schmeißt den Motor gerne auch für 300 Meter an. Ich finde, davon könnten sich die hiesigen Taxifahrer mal eine Scheibe abschneiden.

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Das pompöse Märchenschloss des Maharadjas

In Begleitung eines solchen Rikschafahrer habe ich übrigens noch ein paar Überbleibsel der historischen Altstadt von Mysore entdeckte. Doch zuvor begab ich mich auf die Spuren der Maharadjas von Mysore. Den Weg von meinem Hotel zum Mysore Palace schaffte ich sogar zu Fuß, ohne Zusammenstöße mit hupenden Autos, Rikschas oder Eselskarren. Der Mysore Palace ist so etwas wie das indische Neuschwanstein. Als der alte Holzpalast Ende des 19. Jahrhunderts abbrannte, ließ der 24. Maharadja von Mysore eine pompöses Märchenschloss errichten – ein wilder Mix aus hinduistischer, muslimischer und rajputischer Arctitektur, getoppt von einem Hauch Europa, womit sich sicherlich der britische Architekt ein Denkmal setzen wollte.

Derselbe Maharadja, der sehr dem Yoga zugetan war und sich auf dem Gelände des Palastes in einer Philosophie unterweisen ließ, nach der der Mensch vor allem durch Bescheidenheit glücklich wird, kannte bei der Einrichtung seiner Gemächer keine Bescheidenheit. Der mit Blattgold überzogene Thron war vielleicht ein Erbstück seines Großvaters oder Urgroßvaters, aber der Rest des Interiors war sein Werk: Kunterbunte Mosaikfenster, kunterbunte Fliesen, Türen mit Elfenbein verziert (ob er die Elefanten selber gejagt hat, ist nicht bekannt), und überall Gold und Spiegel. Der Bau dieses Prunkwerks hat umgerechnet angeblich über vier Milliarden Euro gekostet. Da hat er beim Rezitieren der alten Yoga-Sutren durch Sri Krishnamacharya nicht aufgepasst, der gute Maharadja …

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Ob seine Nachfahren heute auch noch so in Glanz und Glamour leben? Wahrscheinlich eher nicht. Nach der Unabhängigkeit Indiens hatten die Wadiyars nicht mehr sehr viel zu melden. Zumindest hat man sie nicht ganz des Palastes verwiesen, sie dürfen heute noch einen Flügel bewohnen. Leider glänzte die königliche Familie bei meinem Besuch im Palast durch Abwesenheit. Vielleicht waren sie shoppen. Bestimmt sind sie es auch leid, wenn jedes Jahr über zwei Millionen Besucher an ihrem Wohnzimmerfenster vorbeilaufen. Und das Licht der 100.000 Glühbirnen, die den Palast jeden Sonntag Abend für eine Stunde erleuchten, stört sicherlich beim gemütlichen Fernsehabend auf der Couch. Ich sitze da lieber bei Kerzenschein.

Obwohl ich tatsächlich an einem Sonntag in Mysore war und das indische Fernsehen keinen Sonntagskrimi ausstrahlte, schenkte ich mir dieses Lichterspektakel. Die Strahlkraft war jedoch so groß, dass ich von der Biergartenterrasse des Parklane Hotels zumindest eine Ahnung von der Lichtershow bekam. Eigentlich ein Wunder, dass der Strom im Hotel trotz allem funktionierte, wo doch das indische Stromnetz alle Nase lang kollabiert und beim Haare fönen gerne mal die Sicherung rausfliegt. Vielleicht hat der Palast ein eigenes kleines Solar- oder Wasserkraftwerk. Zumindest sicherlich einen gigantomanischen Generator.

Indische Kunst im Jaganmohan Palace und Chai Masala im alten Prinzessinnenpalast

Ein paar hundert Meter von dem indischen Neuschwanstein entfernt, gab es noch einen alten Palast – den Jaganmohan Palace. Hier hat der Maharadja bis 1915 gelebt. Die alte Residenz beherbergt heute die Jayachamarajendra Art Gallery, angeblich eine der besten Kunstsammlungen Südindiens. Ich fand die indische Malerei aus dem 19. und 20. Jahrhundert nicht so spektakulär, genauso wenig wie die Ausstellung von Musikinstrumenten und die Ahnengalerie der Maharadjas. Den Besuch hätte ich mir schenken können.

Tausendmal besser gefiel mir der Chittaranjan Palace ein paar Kilometer außerhalb der Stadt. Dieses Kleinod mit dem hübschen Garten hatte der Maharadja für die Prinzessinnen bauen lassen. Heute befindet sich hier das Green Hotel. Wie gerne wäre ich in eines der Prinzessinnen-Zimmer eingezogen und hätte meinen Nachmittagstee mit einem guten Buch in der mit alten, historischen Möbeln eingerichteten Bibliothek verbracht. Leider überstiegen selbst die Zimmer in den Garten-Bungalows mein Backpacker-Budget. Ein Tee im Garten war jedoch drin. Herrlich war das. Grüne Flecken hatte ich in Mysore bisher kaum entdeckt, da war dieser Garten trotz des leichten Verkehrslärms von der angrenzenden Hauptstraße eine Oase. Das Verkehrsgrundrauschen bin ich ja von meiner Schwabinger Dachwohnung gewöhnt; wenn mal wieder die Gläser im Schrank klirren, weil die Straßenbahn eine Vollbremsung macht, höre ich das schon gar nicht mehr.

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Noch ein Abstecher zu den berühmten Hoysala-Tempeln von Belur und Habid?

Im Garten kam ich übrigens mit einem Schweizer Ehepaar ins Gespräch. Die waren auch nur zum Tee trinken hergekommen, hatten ein Apartment in der Innenstadt, wo sie jeden Winter ein paar Monate verbrachten. Die beiden waren schon im Rentenalter. Die Frau war jedoch Ärztin mit Leib und Seele und arbeitete an ein paar Tagen in der Woche in einem Krankenhaus in Mysore. Sie nutzten die Gelegenheit natürlich auch, um Karnataka und die angrenzenden Bundesstaaten zur erkunden. Ich bekam ein paar Tipps mit auf den Weg, ich müsse mir unbedingt Belur und Halebid mit seinen berühmten Hoysala-Tempeln anschauen. Ein Blick auf die Landkarte zeigte mir, dass das für einen Tagestrip viel zu weit war. Vielleicht beim nächsten Mal.

Einen Hoysala-Tempel gab es auch in der Nähe von Mysore. Außerdem war ich immer noch nicht auf dem Chamundi Hill. Und der Lahita Mahal Palace fehlte auch noch. Den Berg mit dem Hindu-Tempel wollte mir der Rikschafahrer zeigen, der mich an der Straße vor dem Green Hotel aufgabelte und mich zurück in die Stadt fuhr. Ein schlitzohriger „Tour-Guide“, der das Geschäft seines Lebens witterte. Da es in Mysore seinesgleichen wie Sand am Meer gab und man außerdem auch mit dem Bus zum Chamundi Hill fahren konnte, winkte ich ab. Der Typ war jedoch hartnäckig. Als ich am nächsten Morgen aus dem Hotel kam, um im Internet Café zu checken, ob ich auf der Warteliste für den Zug von Hospet nach Goa vielleicht doch ein paar Plätze vorgerückt war, lauerte er tatsächlich schon auf der anderen Straßenseite und kam sofort angesprungen. Auf meine Aussage, ich würde jetzt erst mal ins Internet Café gehen, hörte ich ein vorwurfsvolles „But you promised!“

Wie oft hatte ich das in den letzten Wochen schon gehört. Nichts habe ich jemals irgendwem versprochen in diesem verrückten, unglaublichen Land. Aber vielleicht war es mit der Rikscha doch bequemer. Mal sehen. Ob ich mit dem Bus fuhr oder mich doch auf diesen selbsternannten Reiseführer einließ, der noch seinen Cousin im Schlepptau hatte, erfahrt ihr nächste Woche.

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3 comments

  1. Wirklich schöne Paläste, aber so schade, dass scheinbar ein Großteil der Tradition und Bauten verschwunden sind. Irgendwie stelle ich mir das immer alles so idyllisch und traditionell vor, aber auch dort „regieren“ natürlich die Touristen und jeder versucht sich irgendwie ein Stückchen vom Kuchen abzuschneiden. Dennoch, deine Bilder machen Lust auf mehr Indien.

    Hoffentlich bist du dem Tour-Banausen entkommen. Oder gab es vielleicht doch ein versöhnliches Ende? Ich bin wieder gespannt.

  2. die indischen „neustädte“ sind leider wie überall „tempel des kommerzes“, wo die neonleuchtreklamen regieren. aber es gibt auch viele orte, in denen die altstädte erhalten geblieben sind, z. b. in varanasi. dort ist man aber auch so auf touristen eingestellt, dass es eine „german bakery“ neben der anderen gibt. schon verrückt.

    ich werde die tage berichten, ob der rikschafahrer mich einlullen konnte!

  3. Hach so schade. Aber schön mit den Altstädten. Diese Teile von egal welchen Städten weltweit suche ich am liebsten auf.

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