Chinesische Fischernetze, holländischer Palast, jüdische Synagoge – Multikulti in Kochi

Wer denkt, ich hätte auf meiner Reise sämtliche guten Vorsätze über Bord geworfen und nur Kuchen geschlemmt oder Klamotten geshoppt – ganz so schlimm war es dann doch nicht. Ich habe selbstverständlich auch sämtliche Sehenswürdigkeiten mitgenommen, die mein „Rough Guide to India“ oder der gute, alte „Lonely Planet“, den ich mir hin und wieder von anderen auslieh, anpriesen. Bekannte und auch weniger bekannte Sehenswürdigkeiten – ich liebe es nämlich, auch ein wenig abseits der touristischen Hauptpfade auf Erkundungstour zu gehen und mich durch die Straßen treiben zu lassen. Dabei entdeckt man nämlich oft die interessantesten Ecken, so auch in Kochi.

Zunächst stattete ich jedoch brav den kolonialen Überbleibseln in Fort Cochin einen Besuch ab. Von dem kolonialen Erbe hatte ich in meinem Blogpost „Von Alleppey nach Kochi – ganz schön europäisch hier“ ja schon kurz berichtet: Da gab es die St. Francis Church, die erste christliche Kirche auf indischem Boden, die schon einige Jährchen auf dem Buckel hat (Baujahr 1503) und lange Zeit die Gebeine von Vasco da Gama beherbergte, bevor diese nach Lissabon geschippert wurden. Und den alten Exerzierplatz, auf dem früher die Regimenter der Briten, Holländer und Portugiesen ihre Militärparaden abhielten und heute die Jungs nach der Schule eine Runde Fußball spielen. Und dann war da noch der alte holländische Friedhof; ob hier irgendwelche Berühmtheiten begraben liegen, kann ich jetzt gar nicht sagen. Alles in allem hat mich das nicht so sehr beeindruckt. Hätte jetzt genauso gut in Malakka, Penang oder einem anderen asiatischen Ort sein können, an dem die europäischen Seefahrernationen ihr Unwesen getrieben haben.

Kochi ist nicht nur europäisch angehaucht, sondern wahrlich multikulti – es gibt hier Christen, Muslime, Hindus und Juden. Von den Juden, die sich im Mittelalter an der Malabarküste angesiedelt haben, leben jedoch nicht mehr sehr viele hier. Fast die komplette Gemeinde von Kochi und dem benachbarten Ernakulam ist nach Israel ausgewandert. Auch wenn die alte Paradesi Synagoge heute mehr Touristen als Gläubige zu ihren Besuchern zählt, ist sie noch aktiv, als einzige Synagoge in Indien. Der Bau ist von außen ziemlich schlicht, versteckt innen jedoch einige Juwele wie die bunten chinesischen Fliesen und die imposanten Leuchter. Die kamen übrigens aus Belgien – ich sage ja, multikulti. Als ich meinen Eintritt bezahlte, fühlte ich mich irgendwie beklommen, es herrschte eine spezielle Atmosphäre. Die barschen Anweisungen des Sicherheitspersonals sorgten nicht eben für ein gesteigertes Wohlbefinden. Aber der Besuch lohnte sich auf jeden Fall.

Apropos chinesische Fliesen, die Chinesen haben auch ihre Duftmarke in Kochi hinterlassen, und zwar schon im 13. Jahrhundert. Kublai Khan – das ist der Enkel von Dschingis Khan, den man ja spätestens seit dem gleichnamigen Song aus den Siebzigern von der gleichnamigen Band kennt … – hatte damals in seiner Funktion als Kaiser von China Kaufleute nach Kochi geschickt, um einen Handel mit Gewürzen und Seide aufzubauen. Aus dieser Zeit stammen angeblich die chinesischen Fischernetze, die man als Kochi-Tourist natürlich fotografiert haben muss. Ich habe gelesen, es werden mindestens vier Männer gebraucht, um die schwere Holzkonstruktion zu bewegen.

Die indischen Fischer, deren Netze ich näher in Augenschein nahm, waren offenbar der Meinung, eine germanisch aussehende Frau über 1,70 Meter sei stark genug, die Netze allein aus dem Wasser zu ziehen. Jedenfalls fragten sie mich, ob ich das nicht mal ausprobieren wollte. Kein Problem, aber es waren ja auch keine Fische drin. Machte richtig Spaß. Die Fischer fanden es auch lustig. Vor allem erhofften sie sich ein ordentliches Bakschisch, wie sich nach Beendigung der Fotosession herausstellte. Diese Schlitzohren. Ich hatte nur Rupien in größerer Stückelung dabei. Das hätte die Fischer wahrscheinlich weniger gestört, mich schon. Ich hätte irgendwann den Western Union Geldtransfer aus Deutschland bemühen müssen, wenn ich all denen, die Geld von mir haben wollten, ein paar Scheinchen überreicht hätte. Bakschisch fiel also aus. Ich zog schnell weiter.

Es gab auch Ecken, in denen man vor einer solchen Touristennepperei sicher war. Man muss sie nur finden. Zwischen Fort Cochin und dem alten jüdischen Viertel gibt es unzählige kleine Straßen, in die sich normalerweise keine Touristen verirren. In denen die Einheimischen ihren Geschäften nachgehen, Obsthändler morgens ihre Papayas, Mangos, Äpfel und Mandarinen aufbauen, auf mobilen Verkaufstheken kunterbunte Spielsachen oder Bananen angeboten werden und Ziegenpärchen ihren Morgenspaziergang machen. Ich wurde neugierig beäugelt, aber ausnahmsweise wollte mir niemand etwas verkaufen. Das konnte zur Abwechslung auch mal sehr entspannend sein. Ein paar Mal hatte ich das Gefühl, ich hätte ich mich verlaufen. Englisch sprach hier kaum jemand, aber irgendwie verstand man mich trotzdem, als ich nach dem Weg Richtung Jew Town fragte. Ein paar Straßen weiter entdeckte ich eine Art Großhandel. Männer mit Handys am Ohr saßen über Listen gebeugt, neben sich riesige Säcke, Kartoffeln, Zwiebeln und Tee. Die verschiedenen Reissorten konnte man in den Schalen begutachten. Hier wurde „big business“ gemacht.

Rund um den Dutch Palace wurde auch „big business“ gemacht. Die Heerscharen an indischen Touristen, die sich hier die berühmte Gemäldegalerie der Rajas ansehen wollten, wurden von den fliegenden Händlern genauso umgarnt wie ich. Das beruhigte mich etwas. Der Dutch Palace war übrigens ursprünglich ein portugiesischer Palast – die Portugiesen hatten ihn gebaut, um sich die Gunst des Rajas von Kochi zu erkaufen. Hat aber nichts genützt. Die Portugiesen mussten irgendwann weichen und die Holländer übernahmen mit der Vorherrschaft in Kochi auch den Palazzo.

Wer in Kochi ist, muss eigentlich auch eine Kathakali-Veranstaltung besuchen. Dieses Touristen-Higlights sparte ich mir allerdings. Ich bin ja offen für vieles, aber mit traditionellen, folkloristischen Tänzen, die extra für Touristen aufgeführt werden, kann ich nur selten etwas anfangen. Wikipedia schreibt zu Kathakali, dass es sich dabei um eine „sehr expressive Mischung aus Drama, Tanz, Musik und Ritual“ handelt. „Drama, Drama, Baby“ kommt dort tatsächlich ganz viel vor, machthungrige Gestalten mit schwarzen Bärten kämpfen mit Dämonen, Hexen und Menschenfresserinnen. Ich liebe zwar Krimis und Thriller, aber der atemberaube Lärm der für westliche Ohren ziemlich unrhythmischen Musik und das Gestampfe der bunt geschminkten Tänzer waren zu viel für mein yogisches Gemüt ;-).

Ich hoffe, das klingt jetzt alles nicht zu sehr nach Reiseführer oder Katalogbeschreibung „Was Sie alles in Kochi gesehen haben müssen“. Mein Bestreben ist ja, mit diesem Blog die Geschichten und Erlebnisse „drumherum“ zu erzählen. Und von den Menschen, die ich unterwegs kennenlernte. Ich hatte auch in Kochi interessante Begegnungen. Im Café Kashi lernte ich beispielsweise eine junge Deutsche kennen, die für ein paar Monate in Kalkutta in einer Art Notaufnahme arbeitete. Sie erzählte, dass Kalkutta die einzige Stadt sei, in der es noch Rikschas gibt, die von Menschen gezogen werden. Und das in einer Millionenstadt mit chaotischen Verkehrsverhältnissen. Was in der Ambulanz abging, konnte man sich in etwa vorstellen. Für sie war ihr Kurzurlaub in Kerala mit dem kleinen, überschaubaren Kochi das totale Kontrastprogramm in einem Paralleluniversum.

Auch ich genoss die Tage in dieser kleinen, aufgeräumten Stadt an der Malabarküste. Das Abenteuer ging erst weiter, als ich in den lokalen Bus stieg und ins 100 Kilometer entfernte Munnar ins Teehochland fahren wollte. Ob ich jemals dort ankam und wie es sich anfühlt, in einem rumpeligen, überfüllten Bus sechs Stunden über Serpentinenstraßen die Berge hochzujagen, erfahrt ihr im nächsten Post. Stay tuned!

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