Auf in die Teeplantagen von Munnar – mit dem indischen ÖPNV

Hatte ich schon erwähnt, dass ich höllischen Respekt vor dem indischen ÖPNV hatte? Und bisher alles getan hatte, um nicht in einen dieser klapprigen Busse oder Züge steigen zu müssen, die noch aus der Zeit des British Empire zu stammen scheinen? Mein allererster Tag in Indien hatte sich da wohl nachhaltig eingebrannt. Bei meinem Stadtbummel durch Trivandrum am Tag meiner Ankunft kam ich zufällig auch am zentralen Busbahnhof vorbei. Hunderte von Menschen warteten an Dutzenden Bussteigen auf rumpelnde Busse, deren Auspuffe einen ohrenbetäubenden Lärm und eine stinkige, dunkelschwarze Dieselwolke verbreiteten. Die keine Fensterscheiben hatten, dafür aber Schilder mit Schriftzeichen, die ich noch nie vorher gesehen hatte. Ein für mich unüberschaubares Chaos.

redbus-munnar

Irgendwann war der Tag X jedoch da. Ich wollte von Kochi nach Munnar ins Teehochland, wo sich einst die britischen Kolonialherren zur Sommerfrische zurückzogen und die frische, kühle Luft beim Bummel durch die Teeplantagen genossen. Das wollte ich auch tun. Ich hatte bei meinen Spaziergängen durch die Hauptouristenschneisen in Fort Cochi immer wieder einen Blick auf die Angebotstafeln der Reiseagenturen geworfen. „Munnar Tour Package, 2 days, 1 night, A/C car, 3 meals and tour guide, best deal!” Der “best deal” kostete immer noch ein Vermögen. Und außerdem: Ich wollte auf jeden Fall ein paar Tage dort oben in den Bergen bleiben und kein Turbosightseeing machen wie ein japanischer Tourist, der nur zum Knipsen aus dem Auto steigt. Also verdienten die zahlreichen Pauschal-Package-Anbieter nichts an mir. Man konnte auch mit dem Taxi nach Munnar fahren. Auch das überstieg mein Budget bei weitem. In Indien kostete der Liter Benzin weit über 1 Euro, für so eine Taxifahrt hätte ich locker 3.500 Rupien berappen müssen, das sind fast 50 Euro. Die investierte ich doch lieber in Cappucchino und Kuchen, für das Geld gab es reichlich davon …

Also erkundigte mich bei der Touristeninformation nach einer Busverbindung. Die Damen dort waren jedoch offenbar nicht auf solche Anfragen vorbereitet und konnten mir nicht wirklich weiterhelfen. Irgendwie fand ich dann jedoch heraus, dass von Ernakulam – das ist die nächstgrößere Stadt – ein Linienbus nach Munnar fuhr. Als ich am nächsten Tag aufstand, überlegte ich kurzzeitig, vielleicht doch noch einen Tag im kleinen, überschaubaren Fort Cochi zu bleiben. Aber irgendwann musste ich ja mal weiter. Als ich im Spencer Home auscheckte und in das obligatorische Registrierungsbuch eintragen musste, wo ich als nächstes hinfahre, erfuhr ich, dass frühmorgens ein Auto mit vier Franzosen Richtung Munnar aufgebrochen war. Und noch einen Platz für mich gehabt hätte. Wie ärgerlich. Oder vielleicht sollte es so sein …

Während die Franzosen wahrscheinlich schon auf einem Tea Estate Cream Tea tranken und Scones aßen, schleppte ich mich und meine Siebensachen zur Bushaltestelle. Die zahlreichen Angebote der Rikschafahrer, mich zum Bus zu bringen, lehnte ich dankend ab. Ein paar Schritte zu Fuß, auch mit Gepäck, haben ja noch niemandem geschadet. Ich stieg in den ersten Bus, der ankam, in der Hoffnung, dass der zum zentralen Busbahnhof nach Ernakulam fuhr, wo ich in den Bus nach Munnar umsteigen wollte. Der Schaffner verstand leider kein Wort Englisch und auf meine Frage „central bus station“ und „Munnar“ antwortete er „Aluva“. Das Spielchen wiederholte sich mehrere Male. Ich fuhr trotzdem mit. Er wird mich schon verstanden haben. Daran hatte ich jedoch irgendwann meine Zweifel, denn wir fuhren und fuhren. Das Schild mit dem Rechts-Abbiegen-Pfeil „KSTRC Busstand“ in Ernakulam ignorierten wir. Der Busfahrer bog nichts recht ab. Wir waren schon längst in den Outskirts, eine Ortschaft ging in die nächste über. Ich fragte erneut „Munnar“, die Antwort war „Aluva“. Was war das für ein Spielchen? Ich wurde ziemlich unruhig. Tief durchatmen. Wozu hatte ich denn so viel Yoga gemacht? Was könnte denn schlimmstenfalls passieren: Bis zur Endstation fahren, den nächsten Bus zurück nach Kochi nehmen und am nächsten Tag mein Glück nochmal versuchen.

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Aber das war dann nicht nötig. Eineinhalb Stunden stupste mich der Schaffner an, und bedeutete mir, auszusteigen, wir waren in Aluva. Ich sah von der Straße einen staubigen Platz mit Bussen, offenbar gab es hier auch einen Busbahnhof. Die mit Edding beschriftete Infotafel konnte ich nicht lesen. Aber der freundliche Herr am Informationsschalter konnte Englisch. Der nächste Bus nach Munnar fuhr in 45 Minuten. Ob ich hier bei ihm warten könnte und er mir dann zeigen würde, in welchen Bus ich steigen muss? Kein Problem. Ich setzte mich auf meinen Rucksack und las. Dann bekam ich Gesellschaft von einer jungen Inderin. Wo ich denn hin wollte. Munnar. Da wollte sie auch hin, sie hatte heute ihre letzten Vorlesungen an der Uni und war auf dem Weg zu ihren Eltern.

Sie nahm mich mit in den Bus. Der war schon rappelvoll – alle anderen hatten offenbar den Weg zum zentralen Busbahnhof in Ernakulam gefunden – aber es schien der richtige Bus zu sein. Ich sah zumindest noch zwei weitere Backpacker. Meine neue Bekannte und ich quetschten uns in eine Dreierbank. Das war gar nicht so einfach mit zwei Rucksäcken, einer Umhängetasche und der Yogamatte. Ich sollte nicht so viel shoppen. Und die ausgelesenen Bücher einfach verschenken. Ich war trotzdem froh, dass ich meine Sachen nicht unter dem Sitze neben der Tür verstaute. Denn als der Bus das platte Land hinter der Küste verlassen hatte und sich die Serpentinen hochquälte, übergab sich das kleine Mädchen, das dort auf dem Schoß ihres Vaters saß. Direkt auf die Hose vom Papa.

Mir wurde auch schlecht. Zumindest mulmig, mulmig vor Angst, ob der Bus heil in Munnar ankommt. Man liest ja viel von indischen Bussen, kurvigen Bergstraßen und entgegenkommenden Lastwagen, die schon alleine wegen ihrer übervollen Beladung eine gefährliche Schräglage haben. Unser Bus konnte zum Glück nicht sonderlich schnell den Berg hinauffahren, dafür hatten die entgegenkommenden Lastwagen ein Tempo drauf, dass einem schwindlig wurde. Ich versuchte mich abzulenken, indem ich aus dem Fenster schaute. Half nur bedingt. Die ersten Gewürz- und Teeplantagen tauchten auf. Zumindest war es landschaftlich schon mal sehr schön hier.

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Die meisten meiner Mitreisenden waren bereits ausgestiegen. Trotzdem wartete an der Endstation Munnar Bazaar bereits eine ganze Horde Rikschafahrer auf den Bus, um potenzielle Fahrgäste abzufangen. Munnar Bazaar bestand aus einer Hauptstraße mit einer Ansammlung aus Baracken mit Wellblechdach, die unzählige kleine Shops, Lokale und Internet-Cafés beherbergten. Am Ortsrand gab es ein paar wenige Backpacker-Hostels und Ayuverda-Massage-Hütten, die Baracken waren zumindest bunt gestrichen. Von kolonialen Herrenhäusern keine Spur. Hier wollte ich auf keinen Fall bleiben. Ich hatte Glück mit dem Rikschafahrer, der meinen suchenden Blick erkannte. Wo ich hin wollte. Keine Ahnung, auf jeden Fall weg aus dieser staubigen Stadt. Ob er das Dew Drops kennt, das hatten mir die Angestellten im Spencer Home empfohlen. Kannte er, dafür musste man aber wieder 25 Kilometer die Serpentinen hinunter und es lag auch nicht in einer Teeplantage, sondern im Wald. Ich wollte auf eine Teeplantage.

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Deal. Ganesh, so hieß der Rikschafahrer mit Schnauzbart und Gummischlappen, über den ich schon einmal berichtet habe, schlug mir vor, für 200 Rupien drei Hotels anzuschauen. Das sollte doch klappen. Wir stiegen in seine Rikscha und verließen das wenig idyllische Munnar Baazar. Das erste Hotel hatte freie Zimmer, aber auch sonst keine Gäste. War ein bisschen wie das Hotel in Shining. Das zweite war richtig nobel, alles belegt. Im dritten wurde ich fündig, dem Hollyhock. Ich sah mich schon mit einem Buch und einer Tasse Tee auf der Terrasse sitzen und den Ausblick auf die weitläufigen Teeplantagen genießen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass das Zimmer inklusive Bettwäsche total feucht war. Und nachts irgendwelche Menschen an der Tür klingelten. Ich konnte sowieso nur eine Nacht bleiben. Aber man hätte noch ein Schwesterhotel, in einer Kardamonplantage. Wunderbar. Mit Ganesh machte ich direkt noch einen weiteren Deal, zwei Tage Sightseeing mit der Rikscha. Aber jetzt erst einmal einen Chai Masala auf der Terrasse trinken. Im nächsten Blogpost geht’s dann weiter: „Ganesh, die Rikscha und ich“. Stay tuned!

P.S. Die 130-Kilometer-Fahrt mit dem Local Bus hat mich übrigens nur 90 Rupien gekostet, damit komme ich in München gerade mal vom Bonner Platz zur Münchner Freiheit …

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