„Lunchbox“ – „Ein Bissen davon und er baut ein Taj Mahal für dich“

Freitag den 13. hatte ich eigentlich für das Residenztheater reserviert, Live-Twittern im Rahmen der Twitter-Theater-Woche. Leider hat das Los, das über die Bewerbungen für die fünf Twitter-Statisten-Rollen entschied, mir und meinem iPhone keinen Platz auf der Bühne beschert. Zu wenige Follower? Schlechtes Karma? Vielleicht auch einfach nur Pech …

Statt bei Freibier und Würstchen mit Senf über Jean Pauls „Flegeljahre“ zu twittern, bin ich ins Kino gegangen und habe mir endlich „Lunchbox“ angesehen. Für mich als Indien-Fan und Liebhaber von Palak Paneer, Dal Fry und Masala Dosa ein absolutes Muss. Das längst überfällig war, denn das mit dem Publikumspreis auf dem Filmfest in Cannes ausgezeichnete Regiedebüt von Ritesh Batra läuft bereits seit Ende November in den deutschen Kinos. Wer wie ich in den vergangenen Wochen zu sehr dem Lockruf der zahlreichen Weihnachtsmärkte erlegen ist, hat vielleicht während der Feiertage Zeit für diesen zauberhaften, stimmungsvollen Film. Ein Blick in die Kochtöpfe von Ila ist garantiert ein wirkungsvolles Mittel gegen eine Überdosis Gänsebraten, Knödel und „Last Christmas“.

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„Lunchbox“ spielt in Mumbai. Wer schon einmal dort war, kennt die verstopften Straßen und die proppenvolle Vorortzüge, die jeden Tag sechs Millionen Pendler aus Bandra, Juhu oder Andheri nach Bombay Central oder den alten gotischen Bahnhof Victoria Terminus bringen. Einer davon ist Saajan Fernandes, ein melancholischer, griesgrämiger, verwitweter Mittfünfziger aus Bandra, der in der Schadensabteilung einer Versicherung arbeitet und zwischen verstaubten Akten auf seine Frühpensionierung wartet. Mit seinen Kollegen redet er nur das Nötigste, die Kinder aus der Nachbarschaft mögen ihn nicht und schließen lieber das Fenster, wenn er abends beim Rauchen auf seinem Balkon die Familien beim Abendessen beobachtet.

Liebe geht durch den Magen – Aloo Amritsari, Dahi Bhalle und andere Köstlichkeiten

Sein wenig abwechslungsreiches, fades Leben bekommt unerwartet neue Würze, als er versehentlich das falsche Mittagessen geliefert bekommt. Wie unzählige andere Büroangestellte in Mumbai, nimmt Saajan – dargestellt von Irrfan Khan, der in „Schiffbruch mit Tiger“ den erwachsenen Pi Patel und in „Slumdog Millionaire“ den Polizei-Inspektor gespielt hat – den Service der Dabbawallas in Anspruch und lässt sich sein Mittagessen aus einem Restaurant in Bandra kommen. Er wundert sich, dass das sonst eher durchschnittliche Essen plötzlich so gut schmeckt. Aloo Amritsari, Dahi Bhalle und Bharva Bhaingan, solche raffiniert gewürzten Gerichte findet er sonst nicht in seiner Tiffin-Box. Die sind auch eigentlich gar nicht für ihn bestimmt, sondern für den Ehemann von Ila. Der hat eine Affäre, interessiert sich nicht die Bohne für seine bezaubernde Ehefrau und wird erst darauf aufmerksam, dass mit seinem Essen etwas nicht stimmt, als er drei Tage hintereinander Blumenkohl mit Kartoffeln bekommt.

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Angeregt von ihrer Nachbarin Mrs. Deshpande versucht Ila – dargestellt von der Theaterschauspielerin Nimrat Kaur – ihren untreuen Gatten mit ihrer Kochkunst zurückzuerobern. Mrs. Deshpande, von der nur die knarzige Stimme zu hören ist, gibt ihr nicht nur Rezepttipps, sondern schickt ihr mit einem Korb, herabgeseilt von oben, auch direkt die passenden Gewürze. Ila fragt sich, warum ihr Mann kein Ton sagt, wo doch sämtliche Schalen der Lunchbox „wie ausgeleckt“ wirken, wenn der Dabbawalla sie nachmittags zurückbringt. Nach ein paar Tagen legt sie einen Brief unter die Roti. Und bekommt tatsächlich eine Antwort. Von Saajan. Es beginnt ein berührender, immer persönlicher werdender Briefwechsel zwischen den beiden, zwischen zwei unglücklichen Seelen, die bei jedem Brief etwas mehr von sich preisgeben, von ihrem Kummer, ihren Wünschen. Ila erzählt Saajan von ihren Eheproblemen und ihren Überlegungen, ihren untreuen Mann zu verlassen. Saajan schreibt von seiner verstorbenen Frau und dass er abends wieder die Videokassetten mit den alten Hindi-Serien hervorgeholt hat, die seine Frau sonntags nachmittags immer geguckt hat, während er auf dem Balkon sein Fahrrad repariert hat.

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Ein Treffen zwischen den beiden missglückt, Saajan ist zwar in das Restaurant gekommen, fühlt sich jedoch beim Anblick der jungen Ila plötzlich alt und macht einen Rückzieher. „Als ich heute Morgen kurz ins Bad zurückgegangen bin, roch es so wie früher, wenn mein Großvater geduscht hat“, schreibt er Ila am nächsten Tag, als er zur Strafe nur leere Schalen in seiner Lunchbox vorfindet. Aus der Idee, nach Bhutan auszuwandern – „Ich habe gehört, da sind alle Menschen glücklich. Anstelle der Wirtschaftskraft wird dort das Bruttoglücksprodukt gemessen.“ – wird auch nichts. Welche Wege das Schicksal für die beiden vorgesehen hat, wird an dieser Stelle nicht verraten, der Gang ins Kino soll ja noch ein paar Überraschungen bereithalten.

Die Dabbawallas und die Tiffin-Box, eine Mumbaier Institution

Mich hat der Film begeistert. Kein kitschiger Bollywood-Film, sondern ein Stück echtes Indien. Findet auch meine alte Bekannte Abha, die ich 1999 bei einem Praktikum in New York kennengelernt habe. Abha lebt zwar inzwischen in London, ist aber in Indien geboren und aufgewachsen. Als ich sie gefragt habe, was sie von dem Film hält, schrieb sie mir: „I enjoyed the film. A lot of the scenes were quite authentic. The hustle and bustle of Mumbai, the dabbawallas, the rikshaw taking kids to school, the cramped living arrangements. All a reality of life.“ Beim Anblick der Straßenszenen fühlte ich mich tatsächlich nach Mumbai versetzt. Bei einer Fahrt in einem der typischen schwarz-gelben Taxis durch ein Büroviertel konnte ich einmal einen Blick auf eine Gruppe Dabbawallas erhaschen, die gerade einige der 200.000 Lunchboxen umsortierten, die jeden Tag ihren Weg aus privaten Küchen und Restaurants an die Schreibtische der Mumbaier Büroangestellten finden.

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Vielleicht kann ich bei meinem nächsten Besuch in Mumbai mal bei einem der 5.000 Essensboten mitfahren. Um mit dem Fahrrad unbeschadet zwischen all den hupenden Taxis und Rikschas hindurch zu kommen, würde ich mir auch endlich einen Helm zulegen. Wenn ich bei Audi arbeiten würde, hätte ich vielleicht bereits die Chance auf einen Einblick in das logistische Wunderwerk gehabt. Audi unternimmt nämlich regelmäßig Lernreisen zu exotischen Zielen, um dort erfolgreiche Geschäftsmodelle abseits der Automobilindustrie zu studieren und hat 2012 einen Blick hinter die Kulissen geworfen. Ob die Fehlerquote inzwischen so gering ist wie bei den Dabawallas, bei denen auf 16 Millionen Auslieferungen gerade mal ein Irrläufer kommt, ist nicht bekannt.

Nach Aussagen des Dabawalla-Chefs im Film, bei dem sich Ila über die Falschauslieferung beschwert, gaben sich sogar schon Wissenschaftler aus Harvard und der „König von England“ die Ehre. Wahrscheinlich meint er Prinz Philip. Oder vielleicht hat seinerzeit der Vater der Queen nach dem Rechten in seinem Empire geschaut. Jedenfalls sind die Nutzer dieses Services hochzufrieden, so auch die Mumbaier Freunde meiner ehemaligen Kollegin Prita aus Bangalore, bei der ich mich auch ein bisschen umgehört habe.

Von Abha habe ich noch erfahren, die Dabawallas seien eine solche Institution in Mumbai, dass man ihnen auch schon mal ein paar Freiheiten gewährt. Als die Cricket-Legende Sachin Tendulkar vor wenigen Wochen ihr letztes Match bestritt, haben die Dabawallas frei bekommen, um sich das Spiel anzuschauen. Den Büroangestellten blieb dann wohl nichts anderes übrig, als zu Mittag mal nur zwei Bananen zu essen – „Die sind schön billig und machen satt“, meint Saajan’s Nachfolger Shaikh – oder auf eine der Garküchen auszuweichen, auch wenn da vielleicht schon mal eine Kuh ihren Kopf in den Kochtopf steckt.

„Manchmal fährt der falsche Zug auch zum richtigen Ort“

Ich glaube, ich muss mir heute Abend auf jeden Fall was Leckeres bei meinem Lieblings-Inder bestellen. Oder ich klingele mal bei meinen indischen Nachbarn im Erdgeschoss, den Singhs. Seitdem Mama, Papa, Baby und Opa Singh vor ein paar Monaten unten eingezogen sind, duftet es schon am Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe, im Hausflur nach frisch gebackenen Chapatis und würzigen Currys. Mal sehen, was heute auf dem Speisplan steht. Übrigens, wer seinen Liebsten oder seine Liebste mit den Gerichten von Ila bezaubern will, hier gibt es die Rezepte zum Nachkochen. Und falls beim Chili klein hacken und Zwiebeln schälen die Augen tränen, immer daran denken, was Mrs. Deshpande gesagt hat: „Einen Bissen davon und er baut einen Taj Mahal für dich!“

Ach ja, eins noch zu guter Letzt. Wer manchmal das diffuse Gefühl hat, nicht den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, sollte wissen: „Manchmal fährt der falsche Zug auch zum richtigen Ort.“ Sagen zumindest Ila und Mrs. Deshpande …

Bildnachweis: © AKFPL (Anurag Kashyap Films Pvt Ltd)

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