Aller Anfang ist schwer – Markha Valley Trek Teil I

Eine der morgendlichen Gehmeditationen während meines Meditationskurses im Mahabodi Center in Choglamsar führte uns auf den felsigen Berg, der das Gelände zu einer Seite begrenzte. Wie schön, dachte ich, Sonnenaufgang auf einem Gipfel, das ist bestimmt toll. Als ich beim Aufstieg nicht nur unter akuter Schnappatmung und einem ungesund erhöhten Herzschlag litt, sondern auf dem immer steiler und schmaler werdenden Weg, der zu der kleinen Stupa auf dem Gipfel führte, auch noch Höhenangst bekam, war ich mir sicher, ich muss meine Trekkingtour absagen. Wie soll ich es schaffen, acht Tage durch den Himalaya zu marschieren, einen 4.900 Meter und einen 5.200 hohen Pass zu erklimmen, jeden Tag auf einer durchschnittlichen Höhe von 4.000 Metern vier bis acht Stunden zu laufen, wenn ich bei dieser kleinen Exkursion schon schlapp machte. Und das auch noch mit Gepäck auf dem Rücken, denn ich hatte weder einen Sherpa noch ein Pony als Träger engagiert. Vau, der sich meiner Umhängetasche, mit der ich mir wie ein schwankendes Kamel vorkam, und meiner Kamera annahm, meinte vorsichtig, dass das vielleicht wirklich nicht das richtige für mich sei. Aber ich war doch extra nach Ladakh gekommen, um meinen seit vielen Jahren gehegten Traum zu verwirklichen und diese einzigartige, faszinierende Berglandschaft im äußersten Norden Indiens zu Fuß zu erkunden.

So schnell ließ ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Schließlich war ich als langjährige Münchnerin alpin erprobt und war schon in Nepal trekken. Außerdem hatte ich ja keine Expedition mit Eispickel und Steigeisen auf den Stok Kangri oder einen der anderen 6000er rund um Leh geplant, sondern „nur“ den Markha Valley-Trek, eine mittelschwere Tour, bei der laut Reiseführer ein durchschnittlich trainierter Trekker keine größeren Konditionsprobleme bekommen dürfte.

Ich kniff also nicht und machte mich wie geplant mit meiner Guide Ishey, einer jungen Frau aus Markha, auf den Weg. Ein Taxi brachte uns nach Jingchen, gut eineinhalb Stunden von Leh entfernt. Auf der Fahrt bereute ich bereits, nicht meine Superpep-Reisekaugummis eingepackt zu haben, denn die Hälfte des Weges führte über eine ruckelige Schotterpiste. Das war gar nichts für meinen Magen, der sich trotz des eiweißreichen und gehaltvollen Frühstücks im Oriental Guesthouse schon wieder leer anfühlte.

Als wir uns in der glühenden Mittagshitze unsere Rucksäcke aufschnallten, fragte ich mich, warum ich eine Mütze, Handschuhe, Skiunterwäsche, zwei Fleecejacken, eine Softshelljacke und eine dicke Softshellfleecehose eingepackt hatte. Und den (Fake-Mammut-)Daunenschlaufsack, den ich nach zähen Preisverhandlungen im tibetischen Markt in Leh erstanden hatte. Ganz schön schwer, dieser Krempel. Die drei Liter Wasser, die ich aus Angst vor der Höhenkrankenheit in einem Trinkbeutel und einer Flasche an den Rucksack geschnallte hatte, machte das Gepäck auch nicht leichter. Über die warmen Sachen sollte ich später noch froh sein. Was ich jedoch nicht dabei hatte, waren Trekkingsandalen – ein Fehler, wie sich noch herausstellen sollte.

Zum Glück war der Weg zunächst relativ flach, so dass ich mich nach und nach an das Laufen auf über 3.500 Metern gewöhnen konnte. Die erste Herausforderung ließ jedoch nicht lange auf sich warten. Ich hatte in der Tourenbeschreibung zwar gelesen, dass es immer wieder Bäche und Flüsse zu überqueren gilt. Aber als wir ungefähr eine Stunde nach unserem Start an einem reißenden Gebirgsfluss standen und Ishey wie eine Gemse über einen Baumstamm auf die gegenüberliegende Seite tänzelte, stand ich dort wie der der berühmte Ochse vor dem Berg. Wie soll ich denn mit meinem Rucksack auf die andere Seite kommen? Mit meinem Gleichgewichtssinn ist es leider nicht zum Besten bestellt, der Baum und ich sind beim Yoga immer wieder auf Kriegsfuß. Ich solle ihr den Rucksack herüberreichen und es dann versuchen, rief mir Ishey zu. Das war keine gute Idee. Sich auf einem Baustamm den Rucksack abzuschnallen und nach vorne zu lehnen, bringt selbst den geübtesten Trapezkünstler aus dem Gleichgewicht. Ishey konnte glücklicherweise noch meinen Rucksack an einem der Schulterriemen schnappen, bevor ich den Abgang ins hüfttiefe Wasser machte. Geistesgegenwärtig hechtete ich noch meiner SIGG-Flasche hinterher, die bereits dabei war, in der Strömung auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

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Das fing ja gut an. Ishey musste ja denken, meine Güte, wen habe ich mir denn da eingefangen. Ich bat um eine kleine Pause, um meine Hose und meine Socken auszuwringen und das Wasser aus meinen Schuhen zu kippen. Wer schon mal mehrere Stunden bei Dauerregen gewandert ist, hat vielleicht trotz funktionaler Goretex-Schuhe Füße bekommen. Wanderstiefel, mit denen man in einem Fluss badet, sind nicht nur feucht, sondern klatschnass. Ich höre noch immer das quietschende, platschende Geräusch bei jedem Schritt. Zum Glück waren wir irgendwann am Teezelt an der Abzweigung zum Dorf Rumback angelangt. Beim Mittagessen konnten die Socken und Schuhe vielleicht ein bisschen trocknen. Die zwei Jungs aus Hamburg, die mich fragten, ob ich auch ein Sandwich mit Mayonnaise in meiner Lunchbox hätte – nein, ich hatte würziges Gemüse und lecker-fluffiges ladakhisches Brot in meiner Tiffin-Box – und ob sie sich wohl trauen könnten, bei den Temperaturen Mayonnaise zu essen, wunderten sich sicherlich über meine nackten Füße, aber das war mir egal.

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Zum Glück war unsere Etappe am ersten Tag nicht so furchtbar lang und ich konnte zwei Stunden später in meine Flip Flops wechseln. Ich suchte mir einen sonnigen Platz auf dem Dach des Homestays in Yurutse, wo wir übernachten und stelle meine Schuhe und die Sohlen in einem wie ich hoffte strategisch günstigen Winkel zur Sonne auf. Es war erst früher Nachmittag, die Schuhe würden hoffentlich bis zum nächsten Morgen trocknen. Ja, früher Nachmittag, was fange ich denn  mit dem Rest des Tages an? Wo ich doch bewusst weder meinen Vish-Puri-Krimi noch mein Notizbuch mitgenommen hatte, geschweige denn meinen iPad. Dabei hätte ich die Zeit gut nutzen können, um den ein oder anderen Blog-Artikel zu schreiben. Sollte ich es den Jungs aus Hamburg gleichtun, die offenbar das Mayonnaise-Sandwich überlebt hatten und mit ihrem Guide nebenan eingezogen waren, und ein Mittagsschläfchen machen? Ich entschied mich, einfach mal nichts zu tun. Ich schnappte mir einen der Plastikstühle auf dem Dach, auf dem sich auch unsere Zimmer und der Raum mit dem Loch im Boden befanden, das sich ladakhische Trockentoilette nannte. Guckte in den knackigblauen Himmel, bewunderte die gegenüberliegenden Berge, genoß die Ruhe. Vielleicht sollte ich die Gelegenheit nutzen, um mir irgendwo in der Nähe des Hauses ein schönes Fleckchen zu suchen, um meine frisch erworbenen Meditationskenntnisse zu vertiefen?

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Allzuweit konnte ich nicht laufen, denn meine Wanderstiefel trieften natürlich immer noch. Also schlappte ich in meinen Flip Flops ein paar Hundert Meter den Weg hinauf, der am Haus vorbeiführte. Und fand schließlich einen kleinen Fels mit Platten, mit einem tollen Blick Richtung Ganda La, der Pass, der am nächsten Tag auf dem Programm stand. Augen zu, einatmen, ausatmen. Die Sonne auf die Nase scheinen lassen. Herrlich. Irgendwann hörte ich, wie sich jemand näherte. Ishey. Ich sollte vielleicht nicht unbedingt dort sitzen. Das seien Gebetsplatten mit buddhistischen Mantren. Wie peinlich. Jetzt war ich schon so oft in Südostasien und Indien unterwegs gewesen und schändete die Gebetsstätte unserer Gastgeber. Ich trollte mich beschämt zum Haus.

Dort disktutierten ein Paar und vier junge Frauen mit dem Herren des Hauses, das hier weit und breit die einzige Unterkunft war. Das Paar, zwei Franzosen, Pierre und Christine – wie ich später erfuhr, waren die beiden nur travel mates, kein Paar, sie hatten sich erst kurz vor der Reise über eine Anzeige kennengelernt – wurden meine Zimmernachbarn, für das andere Grüppchen blieben nur noch die zwei Zelte. Aber sie hätten weder was Warmes zum Anziehen noch Schlafsäcke dabei, ob sie nicht in der Wohnküche schlafen konnten. Nein, konnten sie nicht. Da schläft schon die Familie selbst. Widerwillig zogen die Mädels in die Zelte ein. Den kleinen Rucksäcken und den Joggingschuhen nach zu urteilen, waren sie nicht unbedingt für eine Trekkingtour im Himalaya ausgestattet. Wie sich beim Essen herausstellte, kamen die vier aus Israel, hatten gerade die Armee hinter sich gebracht und waren nun für mehrere Monate in Indien unterwegs. Sie waren glücklicherweise nur in der Verwaltung tätig gewesen, so dass sie die Zeit einigermaßen gut überstanden hatten, erzählten aber von Freundinnen, die Dienst an der Waffe geleistet haben und von einem Freund, der während seines Wehrdienstes im Zuge der Auseinandersetzungen schwer verletzt wurde. Das sei Normalität, erzählte Mor, deren Lieblingsstadt in Deutschland Berlin war und die zu Hause als Guide für Treks durch die Wüste arbeitet.

Es war so ein bisschen wie in einer Berghütte in den Alpen: man sitzt gemütlich beisammen, plaudert über Gott und die Welt und freut sich nach einem anstrengenden Bergtag auf das Essen. Anstatt Kasspatzn oder Leberkäse mit Bratkartoffeln gab es in Yurutse Reis, Dhal und Gemüse. Anstatt Radler floß der Milchtee in Strömen. Ich hätte nicht so viel Tee trinken sollen. So eine ladhakische Außentoilette ist nachts noch weniger anheimelnd als tagsüber. Pierre schnarchte wie ein Motorsäge, so dass ich trotz Ohrstöpsel nicht schlafen konnte. Ich war froh, als es hell war und ich mich mit Zahnbürste und Duschgel ausgestattet auf die Suche nach einer Waschgelegenheit machte. Eine Katzenwäsche am Fluss musste reichen, das war das einzige fließende Wasser weit und breit.

Als ich nach drei Chapatti mit der obligatorischen Marmelade, die unabhängig von der Marke und unabhängig davon, ob es sich um Mixed Fruit, Kirsche oder Erdbeere handelte, nicht nur die selbe, knallige, künstliche, rote Farbe hatte, sondern auch den gleichen künstlichen, chemischen Geschmack, und mehreren Tassen Tee in meine Wanderschuhe stieg, waren die zum Glück einigermaßen trocken. Dem Aufstieg auf unseren ersten Pass stand also nichts mehr im Wege. Ob ich es bis dorthin geschafft habe, erfahrt ihr im nächsten Post! Bis die Tage …

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