Neulich im Fernbus: Krishna, die Gurus ­ und ich

Ob ich es jemals schaffe zu erzählen, wie es auf meinem Trek im Markha Valley weiter ging? Schreibblockade, das Ableben einer der letzten großen indischen Yogagurus – irgendwie bewegen sich meine Gedanken gerade auf zu vielen Nebenstraßen links und rechts. Dieses Wochenende beschäftigte mich schon wieder ein anderes Thema als Wandern im Himalaya. Ich hatte relativ kurzfristig beschlossen, nach Berlin zu fahren, mit dem Bus, über Nacht. Das bin ich ja von meinen Rucksackreisen gewöhnt. Wenn es nicht gerade über Schlaglöcher eine kurvige Bergstraße hinunter geht, kann ich dabei sogar einigermaßen schlafen. Viel geschlafen habe ich auf der nichtholprigen A9 nach Berlin in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht. Das lag aber nicht an der Busfahrt. Sondern an der Unterhaltung mit meinem Sitznachbarn, der wie ich am ZOB an der Hackerbrücke erst einmal am falschen Bussteig wartete. Wir wissen  jetzt beide, dass Linie 6 und Gate 6 zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind, aber das nur am Rande.

Ich weiß auch nicht, woran es liegt. Irgendwie schickt mir das Universum gerade regelmäßig Menschen vorbei, die mir ihre Lebensgeschichte erzählen. Inbesondere in Bussen, Zügen und Flugzeugen. Obwohl wir uns gar nicht kennen. Und mir ihre Sicht der Dinge über Gott und die Welt kundtun. Vor allem über ersteres, genauer gesagt über Spiritualität. Und Gurus. So wie meine Busbekanntschaft von Freitag. Die übrigens Krishna heißt und aus Neu-Delhi kommt, eigentlich Ingenieurwesen studiert hat, dies aber so langweilig fand, dass er in Berlin einen Master in Industrie-Design drauf gesetzt hat. Und momentan in München in einem Design-Studio arbeitet. Was für ein Zufall, Indien. Auch ein Wink des Universums?

Wir hatten schnell ein Gesprächsthema. Dass Delhi nicht unbedingt eine Traumstadt ist, wie kommunikativ Zug- und Busfahren in Indien ist, welche Orte ich in Indien besucht habe, was ich in Rishikesh gemacht habe. Yoga. Aha. Wenn man einem Inder erzählt, dass man Yoga praktiziert, landet man ziemlich bald beim Thema Spiritualität. Vielleicht taten der Ganesha-Anhänger an meiner Kette oder mein Armreif mit dem tibetischen „Om mani padme hum“ auch ihr übriges dazu. Krishnas Anhänger mit genau demselben Mantra, allerdings in Sanskrit, fiel mir jedenfalls sofort auf.

Von indischen Weissagern und Hare Krishna-Jüngern

Als Krishna mich fragte, ob ich auch noch Wasser für die Fahrt brauche und ob ich kurz auf seinen Koffer aufpassen könne, dachte ich kurzzeitig an die Kofferepisode in „Der Hundertjährige der aus dem Fenster stieg und verschwand“, aber ich war weder 100 noch von irgendwo ausgebüxt und er machte auch einen ganz harmlosen Eindruck. Nachdem wir uns in der zweiten Etage von MeinFernbus häuslich eingerichtet hatten – was für ein Unterschied zu den Volvo-„De Luxe“-Bussen in Indien – lernte ich erst einmal seine Familie kennen. Beziehungsweise zu welcher Kaste sie gehört, was auch im 21. Jahrhundert immer noch extrem wichtig für die Hindus ist. Er käme aus einer Punjabi-Familie, sein Vater entstamme einer Kriegerkaste, seine Mutter einer Brahmanenfamilie. Eine „Mischehe“ also, aber in der indischen Gesellschaftsordnung ein „good match“, beides sehr angesehene Kasten.

Graffiti-Erleuchtung

Sein Großvater sei ein „Seher“ gewesen, hätte den Leuten aus der Hand gelesen, die Zukunft vorhergesagt. Als Krishnas Mutter schwanger war, habe der Großvater gesagt, dass es eine schwierige Schwangerschaft werden würde und dass das Baby in Gefahr sei. Krishnas Vater sei daraufhin so verzweifelt gewesen, dass er Trost im Spirituellen suchte. Er landete bei den Hare Krishna-Jüngern, die ihm sagten, er müsse erst einmal sein Leben komplett umkrempeln. Aus einem kettenrauchenden, fleischessenden und dem Alkohol nicht abgeneigten Mann wurde ein Krishna-verehrender, vegetarischer Nichtraucher, der seinen Sohn, der im Übrigen gesund auf die Welt kam, aus Dankbarkeit Krishna nannte.

Wasser predigen und Wein trinken?

Er sei auf diese Weise schon früh mit spirituellen Themen in Kontakt gekommen, berichtet Krishna, habe schon als junger Jugendlicher die Schriften der großen indischen Denker gelesen, angefangen zu meditieren und Yoga zu praktizieren. Bis ihm seine Mutter irgendwann gesagt hat, es sei nun an der Zeit, sich einen Guru zu suchen, einen Lehrer, der ihn auf seinem weiteren spirituellen Weg begleitet – auch typisch im Hinduismus, wie ich im letzten Blogpost beschrieben habe. Dieser Gedanke gefiel ihm allerdings nicht. Seiner Beobachtung nach gäbe es viel zu viele vermeintliche „Gurus“, die Wasser predigen und Wein trinken. Die anderen Menschen erzählen, welchen Weg sie zu gehen haben, diesen Weg aber selber nicht gehen. Erinnert mich irgendwie den Swami aus dem Sivananda-Ashram, der immer leicht benebelt wirkte, so füllig war, dass er definitiv kein Yoga praktizierte und in seinen Gemächern angeblich häufiger Pizza aß, während wir in der Dining Hall nebenan Reis und Gemüse bekamen.

Außerdem ginge es bei vielen Gurus letztlich um Macht, Macht über Menschen, die auf der Suche sind, die unter Umständen leicht beeinflussbar sind, sich einem spirituellen Führer anschließen, weil sie sich auf diese Weise irgendwie aufgehoben fühlen, dem Guru blindlings vertrauen, ohne Dinge zu hinterfragen. Da ist sicherlich einiges Wahres dran, man denke beispielsweise an Osho, der nicht nur für seinen exzentrischen, sehr weltlichen Lebensstil bekannt war, sondern auch für die sehr eigene Art der Beziehung zu seinen Anhängern, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Spiritualität – Opium für’s Volk?

Er habe sich nicht nur keinen Guru gesucht, sondern auch das Spirituelle aus seinem Leben verbannt. Unter anderem, weil ihm vieles so widersprüchlich erschien. Wie lässt sich zum Beispiel der Gedanke des Loslassens mit der Suche nach der Erleuchtung vereinbaren? Loslassen, und dann doch krampfhaft und mit aller Macht ein Ziel verfolgen? Damit klebe man ja wieder an etwas fest. Das passt für ihn nicht zusammen. Für ihn ist Spiritualität so etwas wie Opium für’s Volk. Er konzentriert sich heute lieber auf handfestere Dinge. Schreibt an einer Arbeit über die Unterschiede zwischen Deutschland und Indien im Umgang mit Umweltthemen, insbesondere im Bereich Recycling.  Ein Thema für eine Doktorarbeit, die Unterschiede könnten größer nicht sein. Indien werde seine Müllberge nicht so schnell in den Griff bekommen, meint Krishna. Ein Land mit so vielen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Sprachen hätte erst noch ganz andere Themen zu lösen als die Frage, ob man den Müll zu Hause trennt.

 

Sehr interessante Gedanken, die ich gerne noch weiter diskutiert hätte, doch mittlerweile war es schon nach ein Uhr nachts und unsere Mitreisenden leicht genervt von unserer Unterhaltung. Inzwischen sitze ich im Bus auf der Rückfahrt nach München, Krishna hat den späteren Bus gebucht. Schade eigentlich, sonst hätte er mir nochmal bei Tageslicht aus der Hand lesen können (das hat ihm sein Großvater beigebracht). Auf der Hinfahrt war es schon dunkel, das hat vielleicht die Ergebnisse verfälscht. Seine Erkenntnisse deckten sich jedoch ziemlich genau mit denen von Tikku, der mir im April auf der Dachterrasse des McLoo Restaurant in McLeod Ganj aus der Hand gelesen hat. Da war es auch schon dunkel, Tikku nahm die Lampe seines iPhones zur Hilfe, um meine Handfläche auszuleuchten.

Wie gesagt, ob die Lichtverhältnisse die Ergebnisse beeinflussen oder es ein Standardrepertoire beim Aus-der-Hand-Lesen für Westlerinnen gibt, keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, ob mir Krishna nicht einfach ein paar wilde Geschichten aufgetischt hat. Ist mir auch fast egal, die Fahrt war jedenfalls sehr kurzweilig. Von meinen heutigen Sitznachbarn am Vierertisch ist nicht mehr viel zu erwarten, die haben schon nach der Abfahrt vom Kaiserdamm in Berlin das erste Bier gekippt, „für die nötige Bettschwere“, und schlafen selig. Das versuche ich jetzt auch für die letzten zwei Stunden. Gute Nacht!

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