Iyengar, Amma oder Osho? Yoga und die Suche nach dem Guru

Mit Bellur Krishnamachar Sundararaya Iyengar, besser bekannt als B.K.S. Iyengar, ist am Mittwoch im Alter von 95 Jahren einer der berühmtesten und einflussreichsten Yogameister gestorben, der letzte der großen indischen Gurus, die Yoga in der westlichen Welt populär gemacht haben. Der nach ihm benannte Yogastil begeisterte schon Mitte der Fünfziger des letzten Jahrhunderts bekannte Westler wie den Stargeiger Yehudi Menuhin. Aldous Huxley gehörte zu seinen Schülern und Königin Elisabeth von Belgien, der Iyengar trotz ihres hohen Alters noch den Kopfstand beibrachte. Sein 1966 erschienenes Buch „The light on Yoga“ ist das meist verkaufte Werk über Yogapraxis und -philosophie und nach wie vor DIE Bibel für Yogis rund um den Globus. 2004 schaffte der 1918 im südindischen Bellur geborene Iyengar es sogar auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt des US-Magazins TIME.

Iyengar Yoga: Perfektion und Detailliebe und Yoga als Kunst

„Yoga does not just change the way we see things, it transforms the person who sees.“

Leider bin ich ihm nie persönlich begegnet, diesem beeindruckenden Menschen, der schon mit 15 den Weg des Yoga einschlug und auch mit über 90 täglich drei Stunden auf der Yogamatte verbrachte. Der Yoga mit Musik verglich – „The rhythm of the body, the melody of the mind & the harmony of the soul create the symphony of life.“ – und für den perfekt ausgeführte Asanas kleine Kunstwerke waren.

Mir gefällt Iyengars Ansatz, vor allem der Gedanke der Transformation durch Yoga. Das heißt, durch Yoga lernen, Grenzen zu überwinden und alte Gedankenmuster und Gewohnheiten zu durchbrechen. Auch wenn ich persönlich mitunter zu Perfektionismus und Detailliebe neige, bin ich mit seinem auf äußerste Präzision ausgerichteten Yogastil bisher nicht richtig warm geworden. Zwar ist das Jivamukti Yoga, das ich praktiziere, wie fast alle Hatha-basierten Yogastile von Iyengar inspiriert. So üben wir beispielsweise auch unter Zuhilfenahme von Gurten und Klötzen und achten darauf, die Haltungen sauber und korrekt auszuführen. Der Fokus liegt jedoch mehr auf dem Üben im Fluss als darauf, jede Position bis ins kleinste Detail zu perfektionieren.

Als ich 2012 während meines Sabbaticals das erste Mal in Rishikesh war und eine Iyengar-Klasse besuchte, hatte ich das Gefühl, von einem Drill Instructor unterwiesen zu werden. Unbarmherzig und gnadenlos war der Lehrer. „Knie durchdrücken. Tiefer, Tiefer. Da geht noch etwas. Tiefer. Tiefer.“ Wir beschäftigten uns fast ausschließlich mit dem Ausrichten unserer Beine und Arme im nach unten schauenden Hund und im Krieger, verharrten für eine nicht endend wollende Zeit in den einzelnen Positionen. Ich lernte in diesen 90 Minuten zwar, was es heißt, an Grenzen zu stoßen und zu versuchen, diese zu überwinden. Während mir die Schweißtropfen auf die Stirn traten, dachte ich immer wieder an das, was Iyengar einst zu seinen Schülern sagte: „Penetration of our mind is our goal, but in the beginning to set things in motion, there is no substitute for sweat.“. Wie recht er sicherlich damit hat – „no pain, no gain“. Dennoch sprang der Funke nicht so recht über. Vielleicht lag es daran, dass ich mich eher im dynamischeren Vinyasa Yoga zu Hause fühle. Oder war ich insgeheim doch eine „Wellness-Yogi“, deren liebste Haltung Shavasana ist und die bei der Liegestütze von einer Latte Macchiato träumt? Vielleicht lag es aber auch einfach am Lehrer.

„Hast du deinen Guru schon gefunden?“

Den passenden Lehrer für sich zu finden, ist nicht so einfach, aber maßgeblich für den Erfolg und das persönliche Weiterkommen im Yoga. Nicht nur in der Yogatradition, auch im Hinduismus spielt das Konzept des Lehrers, oder besser gesagt des „Gurus“, eine zentrale Rolle. Zu diesem Thema hatte ich letzten Sonntag zufälligerweise eine interessante Unterhaltung mit einem Freund aus Indien. Balu, den ich in Srinagar kennengelernt hatte und der ein „OM“-Tattoo auf dem Handrücken trägt, postete bei Facebook ein Foto „Lost in reading“. Ich fragte ihn, was er gerade liest. Ein Buch über Sri Ramakrishna. Interessant. Ramakrishna war einer der großen, spirituellen Meister Indiens, ein Mystiker und Philosoph, der sein Leben dem sogenannten Bhakti Yoga, der liebenden Hingabe an Gott, widmete. Er ist vor allem für seine Lehre der„universellen Spiritualität“ bekannt, wonach alle Religionen gleichwertig sind. Eine Erkenntnis, die sich leider bisher nicht überall durchgesetzt hat, aber das ist ein Thema für sich … Balu sagte, ich müsse unbedingt mehr über Ramakrishna lesen. Und über Vivekananda. Vivekananda war einer der berühmtesten Schüler Ramakrishnas und der Erste, der die Botschaft des Yoga Ende des 19. Jahrhunderts in den Westen trug. „You will have a great motivation to the truth of life reading about them“, versprach Balu.

„Truth is not to be found outside. No teacher, no scripture can give it to you. It is inside you and if you wish to attain it, seek your own company.“

Ich erzählte ihm, dass ich gerade angefangen hatte, ein Buch von Osho zu lesen, „The new dimensions of Yoga“, das ich in einem kleinen Buchladen in Rishikesh gekauft hatte. Ob ich Osho folgen würde, fragte Balu. Nein, nicht wirklich, ich sei keine Osho-Jüngerin. Ich war noch nicht in orange-roten Wallegewändern durch das Osho Center in Pune getänzelt, das im Übrigen heute eher einem Luxus-Wellness-Ressort ähnelt als einem klassischen Ashram. Ich fände es jedoch sehr interessant, mich mit den unterschiedlichen Yogaphilosophien und Lehren der großen Meister zu beschäftigen. Schließlich ist auch das Jivamukti Yoga von allen möglichen Yogarichtungen und Gurus inspiriert. Vom kleinen Altar im Center in der Schellingstraße aus „beobachten“ sie uns alle: Vivekananda, Krishnamacharya, Sivananda, Vishnudevananda, Amma, Osho und noch einige mehr. Im Center in der Buttermelcherstraße hängt sogar ein Foto von Bob Marley …

Anstatt in der S-Bahn auf dem Weg zum Starnberger See in meinem Osho-Buch zu lesen, entspann sich über Facebook eine interessante Konversation über Gurus, die Suche nach einem Guru und letztlich über den Sinn des Lebens. „I haven’t found a Guru yet. I’m seeking for one. As you know it will happen suddenly someday“, schrieb Balu. Ich antwortete, dass mir das Folgen eines bestimmten Gurus zum Teil suspekt sei. Ich berichtete von meinen Erfahrungen im Ashram von Amma in Kerala, wo ich immer nur hörte „Amma sagt, Amma meint, Amma will“. Dass ich dort den Eindruck gewonnen hätte, dass so mancher Jünger der zugegebenermaßen sehr charismatischen und einnehmenden Dame aus Amritapuri das eigene Denken aufgegeben hatte. Dass ich in erster Linie meiner Intuition folge, mein Guru das Leben sei und die Menschen, die mich in den verschiedenen Phasen meines Lebens begleiten. Das sind meine Eltern, Freunde, Bekannte und Kollegen genauso wie die Menschen, denen ich auf meinen Reise begegne.

„Life is about the journey, not the destination. Live in Heaven now. Don’t wait for it to come later.“

Dazu können auch Gurus gehören. So war ich erneut beeindruckt von „Pujya Swami“ Chidanand Saraswati, dem spirituellen Oberhaupt des Parmath Niketan Ashrams, den ich schon 2012 in Rishikesh getroffen hatte und der bei meinem Besuch im Juli an meinem letzten Abend nach dem abendlichen Aarti am Ganges seine Gedanken zu gesellschafts- und umweltpolitischen Themen mit uns teilte. Ich fühle mich immer noch inspiriert von den klugen Worten der amerikanischen Meisterin ShantiMayi und den Ausführungen des charismatischen Brasilianers Sri Prem Baba, deren Satsang ich damals im Sacha Dham Ashram besuchte. Noch bewegender war natürlich das Zusammentreffen mit dem Dalai Lama in Ladakh Anfang Juli. Ich durfte diesen einzigartigen Menschen, der in seinen Diskursen nicht nur über buddhistische Weisheiten, sondern auch über sakuläre, ethische Themen spricht, im Kloster von Likir bei einem Teaching zum „Sutra der höchsten Weisheit“, dem Herz-Sutra, erleben. Ein für mich unvergessliches Erlebnis mit unzähligen, wertvollen Denkanstößen. Aber einem einzelnen Guru oder spirituellem Vordenker folgen? Nein, ich werde diesbezüglich auch künftig meinen „eklektischen“ Ansatz verfolgen. Und mich in „universeller Spiritualität“ üben, so wie es Ramakrishna vorgemacht hat.

Bildnachweis: B.K.S. Iyengar – The Official Website, OSHO International Foundation

Hat Euch der Beitrag gefallen? Erzählt es doch einfach weiter!
Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Pin on PinterestShare on LinkedIn

4 comments

  1. Kennst du den Film Kumare? Ein, meiner Meinung nach, toller Film über Gurus!

  2. ich habe ihn leider nicht gesehen, nur darüber gelesen, muss ich mir aber unbedingt noch anschauen!

  3. J

    Hallo Alexandra,

    oh je, ach du lieber Gott, Bücher über spirituelle Bücher und körperliche Verenkungen ! Ich kanns aber irgendwie nachvollziehen !
    Ich glaub ich war damals in den 70ern ähnlich drauf. Es ist nicht einfach, jemanden zu finden, der einem die Wahrheit sagt und selbst wenn, ist man ja vermutlich doch nicht in der Lage, sie zu erkennnen.
    Meiner Meinung nach ist noch nie jemand allein durch Meditation oder irgendwelche Yogaübungen erleuchtet worden.
    „Selbst-Erkenntnis“ ist erforderlich und wer weiss, wer/was er ist, hat erkannt, was es zu erkennen gilt. Thats it und passt eigentlich auf einen Bierdeckel. Es ist nicht nötig, sich durch alle möglichen Bücher zu quälen und zig Gurus aufzusuchen und von denen dir jeder was anderes erzählt und du zum Schluß gar nicht mehr klar siehst.
    Ich möchte mich hier nicht einreihen in die Reihe der „Gurus“ und mit „meinem Wissen“ hausieren gehen. Aber ich hab damals in Indien gesucht und hab bekommen, was ich mir erhofft hatte und dennoch hats Jahre gedauert bis der Groschen gefallen ist. Oh je, oh je ! lach
    Meiner Meinung nach ist eine stille regelmässige Mantrameditation in den ersten Jahren sehr wichtig in Verbindung mit Jnanayoga (…dem Prozess der Erkenntnis über den Intellekt) um spirituelle Fortschritte zu erzielen. Jedoch ist das erläuternde Wort eines erleuchteten Meisters unerläßlich, um diesen geistigen Prozess erst einmal in Gang zu bringen und den Adepten auf den richtigen Weg zu führen.
    Würde gerne mal einen Chai mit dir trinken oder indisch essen gehen. Bin selbst ein leidenschaftlicher Anhänger der ajurvedischen Küche und kann das Kochbuch der Harekrishnas „Vedische Kochkunst“ nur wärmstens empfehlen !
    … und habe noch einen Geheimtip. lach

  4. Hallo Jens, ja, die Suche nach der Erleuchtung, hihi. Zieht immer noch Scharen von westlichen Yogis und Backpackern nach Indien. Wobei der Inder an sich megapragmatisch ist für solch einen „Firlefanz“ gar keine Zeit hat. Ich finde es interessant, Bücher der großen Yogis zu lesen, aber seinen Weg muss jeder schlussendlich selbst finden. Ob mit Meditaton im Sitzen oder beim Trailrunning ;-).

Leave a Comment

%d Bloggern gefällt das: