Der Tag der Begegnung mit Amma war noch nicht zu Ende. Das Darshan zog sich noch eine ganze Weile hin. Egal ob Besucher oder „permanent resident“ – sie alle wollten ihren „hug“ von Amma. Ich beobachtete das Spektakel vom Balkon des Tempels, wo ich einen strategisch günstigen Platz vor dem Computerraum ergatterte. Irgendwann hatte dann auch der Letzte seine Umarmung bekommen und Amma trat den Rückzug in ihre Gemächer an. Gefolgt von ihrer Entourage, schritt sie huldvoll die Treppe hinauf und blieb immer wieder stehen, um der Menge zuzuwinken. Ich kam mir vor wie auf dem Petersplatz bei der Papstaudienz, mit ihrer Gestik und ihrem Habitus stand Amma Pappa Razzi und seinen Kollegen in nichts nach. Mir wurde diese Jubelei langsam suspekt.

Als Amma und ihre Gefolgschaft verschwunden waren, widmete ich mich erst einmal ein paar weltlicheren Dingen und kümmerte mich um meine Weiterreise. Internet gab es hier nur im Schneckentempo, also suchte ich das öffentliche Telefon des Ashrams auf. Das Kabelwirrwarr, das ich in der Telefonzentrale sah, kannte ich nur aus alten Schwarz-Weiß-Filmen. In Zeiten von Skype und Co wurden die Gespräche in Amritapuri noch von Hand verbunden. Das „Fräulein vom Amt“ war ein älterer indischer Herr, der irgendwelche Kabel zusammen stöpselte und mich nach Alleppey verband.

Den Nachmittag verbrachte ich damit, noch ein bisschen durch die Shops des Ashrams zu stromern und zu gucken, ob ich nicht doch noch ein paar Devotionalien kaufen sollte. Ich beschloss, meine Rupien für den nächsten Cappucchino aufzusparen und ging stattdessen ans Meer. Im südindischen Winter wird es schon früh dämmrig und es hatten sich schon einige Ashram-Bewohner auf den Felsen am Strand niedergelassen, um zu meditieren. Der Platz war wirklich wunderschön und man konnte sich nicht vorstellen, dass der Tsunami hier alles zerstört hatte.

Ich suchte mir auch einen Felsen und schaute auf die Wellen. Jetzt war ich schon fast fünf Wochen unterwegs. In dieser Zeit war ich den unterschiedlichsten Menschen aus aller Welt begegnet, hatte viele Stunden auf der Yogamatte verbracht und versucht herauszufinden, wo mich die Reise meines Lebens hinführen soll. Darauf hatte ich noch keine Antwort gefunden. Als ich mich am Strand umblickte, wusste ich zumindest eines – das spirituelle Leben in einem Ashram war keine Alternative. Ich sah einsame Menschen mit verhärmten, verbissenen Gesichtern in uniformen weißen Kutten; einigermaßen glücklich und zufrieden wirkten eigentlich nur die älteren indischen Damen, die ihren Lebensabend in Amritapuri verbrachten. Ich war froh, dass ich hierher gekommen war und Amritapuri kennenlernen durfte, freute mich aber auch, am nächsten Tag weiter zu ziehen.

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Ich hatte gehört, dass Amma sich an Darshan-Tagen abends nochmal zeigte, zum Bhajan-Singen. Bhajans sind religiöse Lieder, in denen mit einfachen Sätzen, ähnlich wie ein Mantra, zu den Hindu-Göttern gesungen wird. Nach dem Abendessen versammelten wir uns also alle in der großen Halle, wo schon Hunderte von Stühlen aufgestellt waren, ein Tontechniker sein Mischpult aufgebaut hatte und große Bildschirme an die Säulen angebracht waren, auf denen die Texte der Bhajans angezeigt werden, wie beim Karaoke. Zur Einstimmung gab es schon ein paar Bhajans aus der Dose, natürlich gab es Ammas’s Gesänge auch auf CD.

Irgendwann tauchte Amma dann in der Halle auf. Vorne weg wie immer der ältere, weißhaarige Herr, der offenbar ihr Manager war, dann gab es noch eine Reihe Frauen in ihrer Gefolgschaft, die Amma auf ihren Reisen begleiteten und für die PR und das Event-Management zuständig waren. Vielleicht war diese Karriere erstrebenswert? Da war man wenigstens viel unterwegs – Amma tourte mehrere Monate im Jahr durch die ganze Welt und war eigentlich nur selten in Amritapuri. Eine ihrer Assistentinnen kommt übrigens auch aus München, wie ich nach meiner Rückkehr erfuhr. Die schicke Bogenhausener Villa, in der das Amma-Zentrum München untergebracht ist, gehörte früher ihrer Familie. Ob ich mich vielleicht mit dem Haus meiner Eltern im schönen Siegerland einbringen kann?

Vom Bhajan-Singen war ich ziemlich enttäuscht. Kyra, die ich bei den Sivanandas kennengelernt hatte, hatte mir so von der tollen Stimmung vorgeschwärmt. Die wollte sich an diesem Abend irgendwie nicht einstellen. Die meisten Bhajans wurden auf Malayalam gesungen, das ist die Landessprache Keralas. Die gängigen Sanskrit-Mantren konnte ich inzwischen auswendig, bei Malayalam musste ich passen, da halfen auch die lateinisierten Songtexte auf den Bildschirmen nicht. Ich überließ das Mitsingen den indischen Bewohnern und den Dauergästen, für die Malayalam kein Zungenbrecher mehr war. Mir gefielen die Sanskrit-Chants auch viel besser, die hörten sich schwungvoller und nicht so gequält an wie die Bhajans auf Malayalam. Wer einmal reinhören möchte, Amma’s Bhajans gibt es natürlich auch auf YouTube – check it out:

Ich persönlich höre lieber die Kirtans von Petros & Friends oder die supergeniale „Indian Mantras meet Jazz, Funk and Chill-out“-Fusion von Prem Joshua & Band, die ich am Freitag live in München hören durfte! Nachdem ich jetzt den Tatort verpasst habe – um Mitternacht schlägt der Iron Blog Bot wieder mit seiner „Fleißigen- und Faulen-Liste“ zu – werde ich jetzt den Abend mit einem Gläschen Wein und meiner neu erworbenen, handsignierten Prem Joshua-CD ausklingen lassen.

Nach meinem Besuch im Amma-Ashram ist dann auch erst einmal Pause mit den spirituellen Abenteuern – in den nächsten Artikeln nehme ich euch mit nach Alleppey und Fort Cochin, da fahren auch Studiosus-Touristen hin! Stay tuned!

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2 comments

  1. M

    Hi Alex,

    bin super begeistert von deinem Blog und freue mich schon auf die Fortsetzung!

  2. Liebe Margret,

    das freut mich 🙂

    Habe auch noch einige Geschichten in petto!

    LG
    Alex

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