Kaschmir V: Trekking in der indischen Schweiz mit Mr. Nazir

Eigentlich soll man nicht im Kaschmir Valley herumreisen und sich nach einem Besuch in Srinagar am besten direkt per Flugzeug wieder in „sichere“ Gefilde begeben. So empfehlen es jedenfalls die meisten Reiseführer angesichts der Sicherheitslage in der Region. Die indischen Touristen interessiert das herzlich wenig. Sie nehmen sich einen Fahrer und lassen sich von Srinagar aus nach Gulmarg, Pahalgam oder Sonamarg bringen, zu den alten Hill Stations der Briten am Fuße des Himalaya. Sie tanken dort bei frischer, kühler Bergluft auf, bevor es wieder zurück geht in das zu dieser Jahreszeit glühend-heiße Delhi oder tropisch-feuchte Mumbai. Sie genießen es, in Gulmarg über saftig-grüne Blumenwiesen zu laufen, die schneebedeckten Gipfel des Himalaya zu bewundern und fühlen sich dabei wie ein Bollywood-Star. Wer schon mal einen Bollywood-Film gesehen hat, in dem Shah Rukh Khan, Kareena Kapoor, Kajol Devgan und Co vor einer an die Schweiz erinnernde Bergkulisse herumtänzeln, kann sicher sein, dass dieser Streifen in Gulmarg gedreht wurde. Vielleicht kennt Ihr „Yeh Jawaani Hai Deewani“? Das ist einer der bekanntesten Filme, der hier gedreht wurde.

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Mit den Bollywood-Stars nach Gulmarg auf die Blumenwiese?

In Gulmarg, das übersetzt übrigens „Blumenwiese“ heißt, kann man nicht nur mit viel Glück Bollywood-Stars bei den Dreharbeiten zuschauen (Oder vielleicht sogar eine Statistenrolle ergattern? Angeblich suchen die Regisseure immer wieder hellhäutige Westler für ein solches Engagement!) . Mit der weltweit höchsten Gondel können Schwindelfreie bis auf über 4.000 Meter hochfahren, auf den Mount Apharwat. Von dort und von den Rundwanderwegen, die in Gulmarg starten, kann man einen Blick auf den mächtigen Nanga Parbat im pakistanischen Teil des Himalaya erhaschen. Ein Traum, seit ich den gleichnamigen Film von Joseph Vilsmaier gesehen habe. Abends wartet dann ein köstlicher Kaschmiri Kahwa Tee mit Safran und Mandeln am Kamin in einem der im traditionellen Stil erbauten Hotels. Das klingt verlockend, finde ich! Ich möchte nach Gulmarg, allerdings würde ich nicht die Seilbahn zum Mount Apharwat nehmen wie die wenig bergerprobten Inder, sondern den Berg natürlich zu Fuß erwandern.

Doch irgendwie haben meine Gastgeber auf der Lily of Nageen andere Pläne für mich. Gulmarg? Nein. Viel zu überlaufen zu dieser Jahreszeit. Viel zu teuer. Und mit der Seilbahn nicht authentisch. Und nur einheimische Touristen. Hmmm. Schade. Meine Mitbewohner aus Kalkutta auf der Lily of Nageen hatten mir so begeistert von ihren zwei Tagen dort berichtet. Und was ist mit Pahalgam? Der 100 Kilometer von Srinagar entfernte Gebirgsort im Lidder Valley soll meinem Reiseführer nach ebenfalls ein guter Ausgangsort für Trekking sein. Papa Karnai winkt ab, die Touren seien langweilig. Hmmm. Und Sonamarg? Von dort kann man den Great Lake Trek starten hatte ich gelesen, eine mehrtägige Tour zu verschiedenen Hochgebirgsseen. Und der oberhalb von Sonamarg liegende Thajiwas-Gletscher soll auch wunderschön und einfach zu erreichen sein. Für solche Treks brauche man Zelt, Koch und Ponies, die das alles transportieren, erfahre ich, für eine Person zu aufwendig und zu teuer zu organisieren. Anders als in Ladakh gibt es im kaschmirischen Himalaya keine Homestays.

Oder mit den Shiva-Anhängern nach Sonamarg zur Amarnath-Yatra?

Außerdem ist gerade Pilgersaison, lerne ich. Sonamarg ist der Ausgangspunkt für die Amarnath-Yatra, bei der im Juli und August Abertausende hinduistische Pilger zu dem auf 4.400 Meter gelegenen Amarnath-Schrein wandern beziehungsweise sich von Ponies hinauftragen oder mit dem Hubschrauber hochfliegen lassen. Es sei keine gute Idee, sich unter diese Menschenmassen zu mischen, meint Papa Karnai, es sei denn, ich sei wild darauf, in dieser Karawane den Berg hinauf zu trotten und Zeuge davon zu werden, wie sich Sadhus barfuß im Schnee und bei Minusgraden übelste Erfrierungen holen. Der Schrein, der ein Relikt von Lord Shiva beherbergt, liegt die meiste Zeit des Jahres unter Schneemassen begraben und kann nur im Sommer während der 45-tägigen „Shravani Meli“ besucht werden, wenn der Schnee nicht mehr ganz so hoch ist. Nein, das wollte ich genau so wenig wie den Trägern mit den Bahren begegnen, die die Leichen von Pilgern den Berg heruntertragen, die an Höhenkrankheit gestorben sind. Das passiert wohl sehr häufig dort, denn als einer der heiligsten Schreine im Hinduismus ist der Armanath-Schrein auch Anlaufstelle von gebrechlichen, älteren oder einfach unfitten Menschen, die diese Anstrengung und die Höhe nicht verkraften.

Unser Ziel: Homestay im Zigeunerdorf Naranagh

Doch Papa Karnai hat eine bessere Idee für mich. Er würde mich mit Mister Nazir für vier Tage nach Naranagh schicken, dort könnten wir wunderbare Tageswanderungen machen und bei Zigeunern wohnen. Naranagh? Zigeuner? Mister Nazir? Ich war irgendwie skeptisch. Aber nachdem ich keinen Nerv hatte, mich in einer Trekkingagentur in der Stadt um eine Alternative zu kümmern, willigte ich ein. Ich hätte zwar lieber einen Mehrtages-Trek gemacht, aber dann fahren wir eben nach Naranagh.

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Mister Nazir, den ich dann übrigens Nazir nennen durfte, ist ein drahtiger, kleiner Mann, der aussieht, als könne ihn der erste Windstoß umpusten. Vielleicht würde er wie eine Gemse durch die Berge hüpfen? Bevor wir das austesten können, müssen wir erst einmal seinen halben Hausstand im Auto verstauen: Eine Gaskartusche, einen Zwei-Platten-Herd, einen Sack Reis und einen großen Korb mit Gemüse, Toast, Cornflakes und Milch. Wir würden bei einer der Zigeunerfamilie wohnen, müssen uns aber selber versorgen. Alles klar. Ich bin gespannt, was mich erwartet. Papa Karnai hatte am Vorabend erzählt, dass die Zigeuner in Naranagh größtenteils Nomaden seien und wir mit ihnen am Feuer kochen und am Boden schlafen würden. Ich sah mich schon in einem Lehmtipi an der Feuerstelle schlafen und von einer mir über das Gesicht schleckenden Ziege geweckt werden …

Was uns in Naranagh erwartet und ob Mister Nazir wie eine Gemse durch die Berge hüpft, erfahrt Ihr in den nächsten Tagen! Ein kleines Geheimnis sei vorab verraten: Sein liebstes Kleidungsstück ist eine pinkfarbene Pumphose …

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2 comments

  1. Wie immer ein so wunderbarer Bericht. Ich glaube, das hätte ich auch genießen können. Die Landschaft muss sicher atemberaubend sein und ich bin gespannt, ob du wirklich an einer Feuerstelle übernachten musstest.

  2. hätte dir bestimmt auch gefallen! in kaschmir gibt es übrigens auch viele rennradfahrer, da könntest du auch gut trainieren :-).

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