Der indische Rikschafahrer liebt seine schwarz-gelbe, dreirädrige Gefährtin. Er ist stolz auf sie. Nennt sie zärtlich „My Indian Ferrari“. Schmückt sie mit Blumengirlanden und kleinen Götterstatuen auf dem, was man in einem Auto als Armaturenbrett bezeichnen würde. Die Innenverkleidung ist mit Postkarten beklebt, sehr gerne mit Aufdrucken von Hindugöttern, wahlweise Krishna, Shiva, Ganesha oder Lakshmi. Natürlich dürfen die Räucherstäbchen nicht fehlen. Die Jüngeren bevorzugen den Discolook mit türkis- oder pinkfarbener blinkender Lichterkette. Aus dem Lautsprecher dudelt Hindipop.

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Der indische Rikschafahrer ist nicht nur Transporteur, er ist vor allem Geschäftsmann. Und das durch und durch. Er ist schlau, mitunter gerissen und extrem vielseitig. Er ist Hotelvermittler, City- und Trekking-Guide, Restaurantexperte, alles in einem. Mit geschultem Blick erkennt er sofort, dass du ihn gerade brauchst. Weil du an einem riesigen Kreisverkehr verzweifelt versuchst, auf die andere Seite zu kommen, aber ohnehin nicht weißt, ob das die richtige Richtung ist. Weil du abends Schiss hast, zu Fuß „nach Hause“ zu gehen in das nach Einbruch der Dunkelheit wenig vertrauenserweckende Bahnhofsviertel, wo dein Backpackerhotel liegt. Oder du nach einer stundenlangen Überlandfahrt mit dem Linienbus an irgendeinem schäbigen Busbahnhof ankommst und keine Ahnung hast, wo du diese Nacht schlafen sollst.

Deine „Not“ bestimmt den Preis. In Mysore hätte ich es bestimmt irgendwann geschafft, die Ashoka Road zu überqueren, ohne überfahren zu werden. Und den Weg zur Kunstgalerie im Jaganmohan Palace hätte ich mit Hilfe des Stadtplans im Rough Guide auch irgendwie gefunden. Aber der Rikschafahrer, der mich am New Statue Circle aufgabelte, hatte sonst nichts zu tun, fuhr mich für einen Spottpreis von 20 Rupien zu meinem Ziel und wartete sogar, bis ich mit der Besichtigung indischer Malerei fertig war. Um mich für einen weiteren Spottpreis ein bisschen durch Mysore zu kutschen.

Wir besichtigten einen kleinen Markt, wo sonst keine Touristen waren. Besuchten eine Frau, die Räucherstäbchen mit der Hand fertigte (ich durfte mich auch mal daran versuchen, so ein Stäbchen zu rollen, gute Verkaufstaktik), und einen Mann, der Sandelholzöl herstellte. Alle drei, die Räucherstäbchendame, der Sandelholzmann und mein Rikschafahrer, hätten gerne gehabt, dass ich ein paar Produkte käuflich erwerbe. Ich hatte aber für die kommenden Monate weder an dem einen noch an dem anderen Bedarf. Wir fuhren weiter, durch enge Gässchen, umkurvten dabei die ein oder andere Kuh. Er erzählte mir von seiner Familie. Zu guter Letzt landeten wir in einem Seidengeschäft. Aha. Der indische Rikschafahrer, Geschäftsmann durch und durch. Zu seinem Leidwesen konnte ich mich zwischen den vielen Seidenschals nicht entscheiden, shoppte auch hier nichts, die erhoffte Provision fiel aus. Er wünschte mir trotzdem eine gute Zeit. Ein netter, älterer Herr.

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Die Rikschamänner in Delhi waren gerissene Schlitzohren und zockten mich ab. Als ich nach meinem Abendessen am Counnaught Place eine Rikscha suchte, verlangten alle doppelt so viel wie tagsüber. Angebot und Nachfrage. Ich hatte keine Wahl, im Stockfinstern zu Fuß nach Pahar Ganj zu marschieren, vorbei am Bahnhof und am Main Bazaar, wo sich einige finstere Gestalten herumtrieben, wäre ich tausend Tode gestorben. Also zahlte ich den Wucherpreis. Genau wie seinem Kollegen, der mich bei einem anderen Zwischenstopp in Delhi mitten an der Hauptstraße in Karol Bagh absetzen wollte, weil er angeblich die Straße nicht kannte, in der meine Unterkunft war. Ich kannte mich noch weniger aus. Erst als ich nochmal was drauflegte, war er bereit, mich die 200 Meter zum Hotel zu bringen.

Mit Ganesh aus Munnar, der wie Dutzende anderer seiner Zunft den Linienbus aus Cochin abpasste, machte ich einen guten Fang. Er erkannte an meinem suchenden Blick sofort, dass ich keinen Plan hatte, wo ich hin sollte. Auf keinen Fall wollte ich in der gruseligen Basarstadt bleiben, ich wollte irgendwo in den Bergen wohnen, umgeben von Teeplantagen. Wir machten einen Deal: Für 300 Rupien würde er mir drei Hotels zeigen. Wir fuhren mit seiner Rikscha die Serpentinen hoch Richtung Tea Estates. Ins zweite Hotel zog ich ein. Ganesh war natürlich auch Reiseführer, wir machten noch ein Deal. In den nächsten zwei Tagen kurvten wir mit seiner Rikscha durch die Berge rings um Munnar, marschierten durch Teeplantagen, machten eine Trekkingtour. Ich lernte sogar, wie man bei einer Rikscha Reifen wechselte. Wir hatten unterwegs einen Platten und ich musste als Wagenheber fungieren. Gut, dass die Viecher nicht so schwer sind …

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Ich fuhr noch oft Rikscha während meiner Reise durch „Incredible India“. Auch Fahrradrikscha. Aber dazu später. Im nächsten Beitrag geht es erst einmal weiter mit meinen Abenteuern auf Johnson’s Hausboot in den Backwaters von Alleppey. Bis nächste Woche!

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4 comments

  1. M

    Hi Alex, mich wundert, dass du hier in München noch keine Rikscha hast! Wahrscheinlich fehlt dir der passende Fahrer …. 🙂 Super Blog, bin gespannt wie’s weiter geht!

  2. das wäre mal eine alternative zu tram & co! könnte im winter etwas kalt werden, vielleicht gibt es welche mit wolldecken oder heizung?

  3. Wenn ich mal ein Buch schreiben würde, das den Titel trägt: „Wie wird man ein Indienbackpacker von Weltklasse“, dann wäre meine erste goldene Regel: „Never trust a rickshaw driver!“.

    Ich war zwar „nur“ vier Monate in Indien, aber ich habe nach ein paar Wochen prinzipiell keine Rikscha-Fahrten mehr unternommen, weil ich fand, dass es am Ende einfach immer so viele Diskussionen, Nachverhandlungen, Missverständnisse und Streitigkeiten gab, dass ich zu Fuss einfach schneller war.

    Besonders häufig erlebte ich folgendes Szenario: Ich bitte einen Fahrer mich von A nach B zu fahren. Zuerst will er mit das mit allen möglichen Gründen ausreden und mich ins Hotel seiner Wahl bringen. Ich bleibe aber hart: Mein Geld, mein Ziel! Dann gehts um die Preisverhandlungen. Er will 200 Rupien, im Hotel beschied man mir, dass ich nicht über 50 Rupien bezahlen soll. Nach fünf Minuten sind wir bei 50 Rupien.

    Wir fahren los. Dann gibts irgend einen gefakten Zwischenfall oder auch nicht. Wenn wir ankommen will der Fahrer 200 Rupien. Dabei haben wir 50 abgemacht und es sogar auf einem Papier niedergeschrieben. Wir streiten weitere 20 Minuten bis ein Polizist vermittelt. Er schlägt 100 Rupien vor. Ich streite also nochmals 10 Minuten mit beiden, bis der Polizist findet,ihm sei es eigentlich egal, was ich zahle und wieder davon läuft.

    Ich werf dem Fahrer also einfach 50 Rupien in die Kabine und laufe davon. Er schreit mir nach. Aber er folgt mir nicht. Gekostet hat mich das ganze fast eine Stunde. Wie gesagt, in einer Stunde hätte ich das auch zu Fuss geschafft.

    So erlebt in Chandigarh…

  4. so ähnliche erlebnisse hatte ich auch, habe auch einmal einem rikschafahrer die zusätzlichen 50 rupien buchstäblich vor die füße geworfen, und hatte durchaus sorge, dass noch mehr kommt als hinterherschreien. habe jedoch festgestellt, dass die rikschafahrer auch ihre eigenen landsleute abzocken, so beobachtet in neu-delhi beim nationalmuseum, wo es weit und breit keine metro gibt. es sind echte schlitzohren, aber oftmals habe ich keinen anderen transportweg gefunden. 60-kilometer-fahrten wie von amritapuri nach alleppey würde ich auch nicht mehr machen. aber selbst mit taxifahrern erlebt man unschöne dinge, vorgaukeln, das hotel läge 30 kilometer vom bahnhof entfernt, schließlich wäre man ja in old-delhi und nicht in new-delhi und der cousin eines freundes hat natürlich immer ein hotel. das hat z.t. schon nerven gekostet.

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