„Day off“: Bei den Pauschaltouris in Kovalam

„Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag sollst du ruhen“  – dieses Motto hatten sich auch die Sivanandas zu eigen gemacht. Am Freitag war „day off“. Zwar schrillte auch hier zu nachtschlafender Zeit die Glocke und trommelte die Schäfchen zum morgendlichen Satsang aus dem Bett. Doch danach war frei, hurra! Man konnte nach Herzenslust rumgammeln, sich nochmal ins Bett legen  zu einem kleinen Power Nap, in Ruhe lesen oder ein bisschen die Gegend erkunden.

Am ersten „freien Freitag“ entschloss ich mich zu einem Ausflug ans Meer. Zusammen mit Steffi fuhr ich nach Kovalam. Das ehemalige Fischerdörfchen war in den Siebzigern ein Eldorado für Massen von Hippies, die hier Zwischenstopp machten auf dem Weg nach Sri Lanka, und ist heute ein Mekka für Pauschaltouristen, die in einem der vielen Ayurveda-Hotels auf Entschleunigung hofften.

Bereits Tags zuvor hatten wir auf dem Parkplatz vor dem Ashram einen Rikschafahrer klargemacht, der uns in das 30 Kilometer entfernte Badeparadies bringen sollte. Für 1000 Rupien würde er auf uns warten und uns am späten Nachmittag wieder zurück bringen . Ein guter Deal. Ausgerüstet mit einem ausreichenden Vorrat an Rupien für unsere kleine Shopping- und „Wir essen heute mal etwas anderes als Reis und Gemüse“-Tour, tuckerten wir los und freuten uns wie kleine Kinder auf einen Tag ohne strenge Regeln und ohne Aufpasser.

Schon die Fahrt in unserem dreirädrigem Gefährt war ein Abenteuer. Der indische Verkehr ist selbst auf dem Land mörderisch. Mopeds, Rikschas, Fußgänger und Eselkarren wetteifern gemeinsam um die Vorherrschaft auf der Straße. Unser Chauffeur fuhr einen ziemlich heißen Reifen, schlängelte sich durch jede Lücke und hupte sich den Weg frei. Indien live. Froh, heil angekommen zu sein, steuerten wir erst einmal ein Lokal zum Frühstücken an: die German Bakery am Lighthouse Beach! Ich gebe zu, ich war des Ashram-Einheitsessens schon nach einer Woche etwas überdrüssig und konnte es kaum erwarten, mal wieder etwas anderes zu mir zu nehmen.

Zwar stellte sich nach der Bestellung eines extra großen Cappucchinos und eines Pancakes ein Hauch schlechten Gewissens ein, doch der verflog ziemlich schnell. Denn wir waren nicht die einzigen Yoga Vacationer, die es heute hierher zog.  Nach und nach tauchten immer mehr bekannte Gesichter auf, die deutsche Backkunst lockte nicht nur unsere Landsleute an. Außerdem war meine Wahl nur „Sünde light“, auf der Speisekarte gab es auch Deftiges wie „Würstchen mit Senf“ und „G’röschte Spätzle“, die süddeutsche Küche hatte es bis nach Südindien geschafft.

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Gut gestärkt und gespannt, was uns hier erwartete, bummelten wir erst einmal die Strandpromenade entlang. Die hätte genauso gut in Rimini oder Palma sein können. Aus den Lautsprechern der Restaurants dudelte westliche Popmusik, es gab eine Pizzeria und wir begegneten auffällig vielen Socken-mit-Sandalen-Trägern. Wesentlich indischer ging es in den kleinen Gässchen zu. Hier empfing uns ein geschäftiges Treiben. „Come into my shop“, „Wanna buy something?“, „Need Ashram trousers?“ Die Verlockung, den Freuden des Konsumrausches zu erlegen, war groß. Taschen aus edler Seide für die Yogamatte, bunte Meditationsschals bedruckt mit Sanskrit-Mantren, Om-Kettenanhänger, tibetische Klangschalen, eigentlich alles, was man als Indien-Backpacker so braucht. Ich konnte nicht widerstehen und erstand ein paar dieser hübschen Dinge. Seide wiegt schließlich nicht viel und so ein großer Meditationsschal lässt sich auf einer Reise multifunktional einsetzen, als Bettlaken, als Strandlaken, als Badetuch oder auch als „Tempeltuch“ zum Abdecken nackter Schultern.

Auch der Lockruf des Schneiders war sehr verführerisch. Wir würden doch bestimmt Yoga machen. Und könnten noch eine zusätzliche Yogahose gebrauchen. Mein Einwand, dass wir nur heute hier seien, ließ er nicht gelten. Er könne mir bis Nachmittags was schneidern. Und eine schöne Seiden-Alibaba-Pumphose könne ich bestimmt auch gebrauchen. Die hatte ich schon bei einigen Mädels im Ashram gesehen, sah wirklich sehr hübsch aus. Also ließ ich mich von dem fleißigen und geschäftstüchtigen Schneider vermessen, in Sachen Design beraten und suchte mir Stoffe aus. Zwei Stunden später holte ich meine neues Outfit ab. Die Yogahose hat das Ashram leider nicht überlebt. Den vielen Hunden, Katzen und sonstigen Yogaposen war der Stoff offenbar nicht gewachsen, die indische Wäsche im Fluss tat ihr übriges dazu. Die Alibaba-Pumphose habe ich bis heute nicht getragen, aber vielleicht traue ich mich ja, sie dieses Jahr auf dem Tollwood anzuziehen!

Nach unserer exzessiven Shoppingtour mussten wir uns noch einmal stärken. Das indische Curry war leider völlig auf den Gaumen westlicher Touristen ausgerichtet, von Garam Masala, Kardamon und sonstigen tollen Gewürzen hatte der Koch offenbar noch nichts gehört. Dafür gönnten wir uns auf der Rückfahrt bei einem Zwischenstopp in Kattakada noch eine Portion köstliche Samosas, die wir in einem typischen indischen Tante-Emma-Kiosk am Straßenrand erstanden. Hier gab es vom Shampoo über Reis bis hin zu frisch frittierten Köstlichkeiten alles zu kaufen, was man im Haushalt so brauchte. Die Dinger waren extrem lecker, würzig, fettig und mit Zwiebeln gefüllt. Knoblauch war wahrscheinlich auch drin. Also alles, was in der Yogiküche verboten war. Wenn das der Ashram-Direktor oder der Swami wüssten …

Aber nochmal zurück nach Kovalam. Natürlich konnten wir nicht abfahren, ohne ein bisschen „beach life“ zu genießen. Der Lighthouse Beach mit der Strandpromenade war nicht so einladend, also marschierten wir weiter in die Nachbarbucht zum Hawah Beach. Hier schmuggelten wir uns unter die Gäste des dort ansässigen Resorthotels. Wir fielen natürlich sofort auf, denn uns fehlten die blau-weiß gestreiften Hotelhandtücher und unser Schlabber-Ashram-Outfit passte auch nicht hierher. Irgendwie waren wir froh, dass wir nicht als Pauschaltourist in Kovalam Urlaub machten. Abends das Halbpensionsessen einnehmen und morgens schon vor dem Frühstück das Handtuch auf der Liege platzieren? Da fuhren wir doch gerne wieder zurück nach Neyyar Dam in unser kleines Refugium am Rande des keralischen Dschungels, wo wir pünktlich zum obligatorischen Reis mit labbrigem Gemüseeintopf wieder eintrafen.

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Nach der Ausflugsvariante „Indien light“ ging es am nächsten freien Freitag dann aber endlich auf ins „richtige“ Indien, mit dem Sivananda-Ausflugsbus auf Tempeltour nach Tamil Nadu und weiter an den südlichsten Zipfel Indiens, in den heiligen Ort Kanyakumari, dort, wo die drei Ozean zusammenfließen. Wie wir schon wieder kulinarisch sündigten mit Samosas, Masala Dosas und indischen Donuts und wie wir uns unter die indischen Ausflügler mischten, könnt ihr im nächsten Beitrag lesen. Stay tuned 🙂

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1 comment

  1. M

    Sehr schöner Beitrag…könnte auch mal etwas „Entschleunigung“ gebrauchen…:)
    Die Speisekarte oben mit „G’röschte Spätzle“ etc. ist der Knaller! Wie erleichternd, dass nicht auch noch der „König von Mallorca“ um die Ecke kam…:)

    Happy evening dear,
    Marianne

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