Rituale – Schweigemarsch zum See und heiligen Berg

An zwei Tagen in der Woche wurde der normale Ashram-Alltag unterbrochen und wir durften die heiligen Gemäuer ohne großen Heckmeck und Passierschein verlassen: am freien Freitag, dem Ausflugstag, und am Mittwoch. Da machten wir uns immer auf zum „Silent Walk“, zum Schweigemarsch. Meditieren im Gehen. Soll den Geist zur Ruhe bringen. Man setzt ganz langsam und bewusst einen Fuß vor den anderen. Zählt dabei seine Schritte. Einatmen eins, zwei, drei. Ausatmen vier, fünf, sechs. Konzentriert sich ganz auf sich. Und schweigt.

So die Theorie. Wenn sich die Yoga Vacationer abends nach Einbruch der Dunkelheit vor den Toren des Ashrams versammelten, ging es erst einmal zu wie im Bienenstock. Wie geht’s dir, ist das nicht heiß heute, hast du eine Taschenlampe dabei, kommst du am Freitag auch mit zum Ausflug. Hast du jetzt dein Zugticket nach Goa. Es gab so viel zu erzählen. Das änderte sich auch nicht, wenn sich die Karawane nach einem kleinen Guru-Chant und dem obglitarischen „Om“ zur Einstimmung in Bewegung setzte, den Berg hinunter Richtung Dorf, dann weiter zur Staumauer des Neyyar Dam.

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Auch unterwegs wurde geschnattert wie Little Miss Chatterbox. Das Gehtempo war wenig meditativ, es hatte mindestens Walking-Niveau. Wer zu langsam war für die Masse, bekam die stürmischen Schritte des Hintermanns in die Hacken. Für die Dorfbewohner, denen wir unterwegs begegneten, mussten wir eher nach einer schwer zu bändigenden Schulklasse auf Ausflug ausgesehen haben als nach einer Gruppe andächtig meditierender Yogis. Nachdem wir sonst fast nie ins Dorf kamen, kam der Gang durch die Hauptstraße fast einer Reizüberflutung gleich, obwohl alles recht klein und überschaubar war. Anstatt zu meditieren, schweiften unsere Blicke fast automatisch nach links und rechts zu den kleinen Geschäften und Buden am Straßenrand. Dort wurden bunte, klebrige Süßigkeiten verkauft, der obligatorische Milk Tea, Telefonkarten und Lose der staatlichen Lotterie. Ein Internet-Café gab es auch und ein kleines Reisebüro. Wir kamen vorbei am Polizeirevier und am Busbahnhof, einem staubigen Platz, auf dem ein rumpeliger Bus ohne Fensterscheiben auf seine Fahrgäste nach Kattakada wartete, dem nächstgrößeren Ort.

Dann ging es die Straße steil hoch. Und das bei den tropischen Temperaturen, die auch abends nur leicht nach unten gingen. Noch ein paar Kurven und wir waren bei der Staumauer angekommen. Der Anblick war toll. Wenn wir Glück hatten, schien der Mond auf das Wasser. Wir setzten uns auf die flach abfallende Steinmauer. Jetzt kehrte tatsächlich etwas Ruhe ein. Natürlich hatten unsere Begleiter die Songbooks dabei und so wurde nach der zwanzigminütigen Sitzmeditation noch der ein oder andere Chant geträllert, bevor wir den Rückweg antraten.

Ein bisschen meditativer ging es zu, wenn der Silent Walk frühmorgens stattfand. Um fünf Uhr dreißig waren die meisten noch nicht so gesprächig und jeder war mit sich und seiner Müdigkeit beschäftigt. Im Dorf war noch alles ruhig. Der Stausee und der angrenzende Dschungel lagen im Dunst. Vor Sonnenaufgang war die Luft angenehm frisch. Das war irgendwie mehr nach meinem Geschmack als der abendliche Rummel.

Mein persönliches Highlight war der Meditationsmarsch zum Kalipara Hill, einem heiligen Berg am Fuße der Western Ghats. Das war schon fast eine kleine Trekkingtour. Einmal im Monat, an einem Sonntag, ging es im Morgengrauen durch den Wald den Berg hinauf. Ganz schön anstrengend. Der Weg war durch den nächtlichen Regen ziemlich aufgeweicht und man musste gut aufpassen, nicht auf den glitschigen Steinen und Wurzeln auszurutschen. Flip-Flops waren hier nicht unbedingt das Schuhwerk der Wahl. Selbst die Trekkingsandalen mit Vibram-Sohle versagten ihren Dienst. Das letzte Stück bestand nur noch aus nacktem Fels, oben thronte ein kleiner Tempel. Weil dieser Platz heilig war, mussten wir schon vorher unsere Schuhe ausziehen und das letzte Stück barfuß über den Stein klettern. Ein bisschen Abenteuer muss sein.

Meditation auf dem heiligen Berg

Am Rande der Western Ghats

Aber wir wurden belohnt mit einem gigantischen Ausblick. Unter uns war grüner Dschungel soweit das Auge reicht. Da störte auch der feine Nieselregen nicht, der gab dem Ganzen irgendwie etwas Mystisches. Und eine kleine Abkühlung. Denn tropisch warm war es trotzdem. Natürlich wurde auch hier wieder gechantet. Mein Lieblingssmantra war auch wieder dabei, „He Shiva Shankara““. Und „Om Namah Shivaya“. Das gibt’s auch von Nina Hagen, musste ich mir auch gerade mal wieder anhören, die Lady hat einfach eine tolle Stimme.

Sitzmeditation, Gehmeditation, Chanten, Beten, und das sechs Tage die Woche, so sah das Leben bei den Sivanandas aus. Am siebten Tag war jedoch alles ganz anders! Beim nächsten Mal erfahrt ihr, was man als Ashram-Bewohner am „freien Freitag“ so alles anstellen kann. Verbotene fettige Samosas mit Zwiebeln im Dorf essen. Oder Cappucchino im Touristenbadeort Kovallam trinken und dem Konsumrausch fröhnen. Stay tuned :-).

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1 comment

  1. e

    Sehr schöner Bericht!

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