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Kashi, Benares, Banaras, Varanasi – Die heilige Stadt am Ganges

Varanasi is older than history, older than tradition, older even than legend, and looks twice as old as all of them put together.
– Mark Twain –

Kashi, Baranasi, Benares, Varansi – die heilige Stadt am Ganges, dieser Fleck Erde, der einst nicht nur indische Dichter wie Tulsidas, sondern auch westliche Schriftsteller wie Mark Twain inspiriert und fasziniert hat, trägt viele Namen. Obwohl der Ort im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh seit Jahren offiziell Varanasi heißt, benutzen viele Hindus immer noch seine alten Bezeichnungen. Für die Tiefgläubigen wird Varanasi immer Kashi bleiben, die Stadt des Lichtes, so wie sie in den alten Schriften genannt wird, die über die Entstehungsgeschichte von Varanasi berichten. Oder Benaras, wie für Ashok, der mich und eine Gruppe von 20 Reisejournalisten und -bloggern im Rahmen der Uttar Pradesh Travel Writers’ Conclave 2015 in die Magie des hinduistischen Pilgerzentrums an der Mündung von Varuna und Assi einweiht. Das sind die beiden Flüsse, die Pate für den neuen Namen Varanasi stehen.

So viele Namen Varanasi hat, so viele Attribute werden der Stadt zugeschrieben, die zu den sieben großen, heiligen Stätten der Hindus in Indien zählt und deren Entstehung den Mythen zufolge auf Lord Shiva zurückgeht. Varanasi ist der Ort, an dem sich Lord Shiva nach dem Mord an zwei Brahmanen von seinen Sünden rein wusch. Noch immer pilgern Jahr für Jahr Millionen Gläubige an das westliche Ufer des Ganges, um ihm gleich zu tun und sich von ihren Sünden rein zu waschen. Varanasi, die älteste durchgängig bewohnte Stadt, so alt wie Menschengedenken. Varanasi, die Stadt der Ewigkeit, das Tor zu Moskha, zur Befreiung der Seele. Varanasi, ein Ziel für jeden gläubigen Hindu, ein Faszinosum für westliche Besucher.

Leben und Sterben in Varanasi – den Kreislauf der Ewigkeit durchbrechen

Varanasi ist auch die Stadt des Todes. Viele Hindus kommen in der letzten Phase ihres Lebens nach Varanasi, um hier zu sterben. Es heißt, wer in Varanasi stirbt und verbrannt wird, entgeht dem Kreislauf der Wiedergeburt und geht auf direktem Weg ins Nirvana ein.

Als ich 2012 zum Ende meines Sabbaticals ein paar Tage in Varanasi verbringen wollte, rieten mir mehrere Traveller davon ab. Warum ich meinen Indienaufenthalt mit einem Besuch in der Stadt des Todes beenden wolle. Das sei doch furchtbar. Ich hörte Geschichten von öffentlichen Leichenverbrennungen, von dem beißenden Geruch und Rauch, der in den Augen brennt und den Hals zum Kratzen bringt, als ob man eine Erkältung hat. Und von einer seltsamen, eigenartigen Atmosphäre, die über der Stadt schwebt.

Ich bin damals trotzdem nach Varanasi geflogen. Und habe es nicht bereut. Im Gegenteil. Trotz der Begegnung mit dem Tod ist Varanasi für mich eine der faszinierendsten, lebendigsten Orte Indiens. Auch bei meinem zweiten Besuch vor wenigen Wochen hat mich die Atmosphäre von Varanasi aka Kashi aka Benares sofort wieder in ihren Bann gezogen und atem- und sprachlos gemacht.

Sonnenaufgang auf dem Ganges, rituelle Waschungen an den Ghats

Wer einmal im Morgengrauen mit einem der alten Holzboote über den Ganges geschippert ist und dabei dem Treiben am Flussufer zugeschaut hat, weiß, wovon ich spreche. Schon vor Sonnenaufgang geht es hier lebendiger zu als in jeder Großstadt, bevor die Hektik des Tages beginnt. Tausende von Pilgern versammeln sich an den Ghats. So werden die steinernen Badetreppen der alten Paläste genannt, die sich die Adeligen im 18. und 19. Jahrhundert am Westufer des Ganges gebaut haben, um dem heiligen Fluss nahe zu sein.

Man sieht Männer in Longhis und dem typischen Band der männlichen Hindus über der Brust, die heilige Mantren murmelnd immer wieder in das Wasser eintauchen, in einer Hand einen kupfernen Becher, mit dem sie sich immer wieder Wasser über den Kopf schütten. Oder die Hände vor der Brust zum Gebet gefaltet. Man sieht Frauen in bunten Saris, die ebenfalls ein rituelles Bad im Ganges nehmen. Aber auch solche, die ihre Morgentoilette im heiligen Fluss verrichten, anschließend ihre Saris und die Wäsche der Familie im Fluss waschen und auf den Treppenstufen zum Trocknen ausbreiten. Für sie gehört der heilige Fluss zum ganz normalen Alltag, während andere tausende von Kilometern aus allen Teilen das Landes angereist kommen, um einmal in ihrem Leben ein rituelles Bad im heiligen Fluss nehmen zu können.

Insgesamt gibt es in Varanasi übrigens 84 Ghats. Zu den größten und sehenswertesten gehört das Assi Ghat mit dem Lord Jagannath Tempel, das Tulsi Ghat, wo der große Dichter Tulsidas Ji eine seiner großen Epen verfasst hat, der Hanuman Ghat mit dem Hanuman Tempel, das Lalitha Ghat und das Dashahashwamedha Ghat, wo das abendliche Aarti stattfindet.

Babas, Sadhus, Priester und Pujas

Was sich aus der Ferne als einzigartiges Panorama präsentiert, ist aus der Nähe ein faszinierendes Treiben, das ich sonst noch nirgendwo vorgefunden habe. Ich kann stundenlang an den Ghats entlang spazieren und würde mich keine Sekunde langweilen. Ein Spaziergang dort ist wie ein Eintauchen in die hinduistischen Ritualen. Man findet ältere Männer, die nach dem rituellen Bad, nur in Unterhemd und Unterhose bekleidet, ihre Yogaübungen verrichten. Klammer auf: Laut Ashoka tragen viele Männer auch einen G-String unter ihrem Longhi, das lieben sie. Und die Dinger kosten nur 20 Rupien. Klammer zu. Unter Sonnenschirmen sitzen Priester und warten auf Kundschaft für ihre Zeremonien. Sie schmieren ihre Sandelholzpaste auf die frischgeschorenen Schädel der Gläubigen. Sie sitzen im Kreis mit Familien, rezitieren Mantren und verrichten ihre heilige Zeremonie mit heiligem Gangeswasser, Reiskörnern, Farbpaste und Tulsibüschen, bei der sie die Gläubigen segnen und mit ihnen beten. Die Priester haben auch eine praktische Funktion: Sie passen auf die Wertsachen der Badenden auf, während diese im Ganges abtauchen.

Dazwischen mischen sich Babas, die einem für ein wenig Kleingeld ebenfalls die Hand auf den Kopf halten, etwas unverständliches murmeln und mit gelber oder roter Paste einen Klecks auf die Stirn malen. Und die Sadhus mit ihren orangefarbenen Kutten, der Tiffinbox und dem Stock, der sie bei ihrer Wanderschaft unterstützt. Die meisten haben bunt angemalte Gesichter, auf der Stirn zwei breite weiße Streifen, auf dem Kopf aufgetürmte Dreadlocks. Und betteln um Geld oder Essen.

Kleine Mädchen wetteifern darin, den Gläubigen und vor allem den Touristen kleine, selbstgebastelte Lampen zu verkaufen, eine Schale mit Kerze und Blumen, das mit zusammen mit einem Wunsch auf den Ganges setzt. Ich kaufe ein Lämpchen, zünde die Kerze an und lasse es schwimmen, zusammen mit meinem roten Glücksband, das ich letzten Sommer im Kloster von Likir in Ladakh bekommen habe. Vielleicht bringt mich dieses Ritual ja 2016 wieder nach Indien zurück. Als ich etwas ähnliches letztes Jahr in Rishikesh gemacht habe, hat es jedenfalls geholfen.

Leichenverbrennung am Manikarnika Ghat

Vieles wirkt fremdartig für uns als Westler in Varanasi. Ein Spaziergang an den Ghats ist ein Rausch für die Sinne, der einen zuweilen überfordern kann. Das gilt vor allem dann, wenn man sich einem der Verbrennungsghats nähert. Wenn man die Treppe aus der Altstadt zum Manikarnika Ghat heruntergeht, dem größten der Verbrennungsghats, kommt einem schon ein beißender Rauch entgegen. Man hält am besten ein Tuch vor den Mund. Sowieso beobachtet man das Ganze mit gebührendem Abstand, schon aus Respekt gegenüber den Trauernden. Wir sind am frühen Nachmittag am Manikarnika Gath. Die meisten Verbrennungen finden am Morgen statt, wenn es noch nicht ganz so heiß ist. Wir sehen am Wasser aufgeschichteten Holzstapel, die qualmen und die Reste der rot-goldenen Tücher, mit denen die Leichen geschmückt werden.

Für schwache Nerven ist dieses Schauspiel nichts. Im Zweifelsfalls muss man dann jedoch auch der Altstadt fernbleiben. Denn dass man plötzlich von einem Trauerzug überholt wird, gehört in Varanasi zur Tagesordnung. Vorweg geht in der Regel der älteste Sohn der Familie, auf dem auch die Bürde lastet, das Ritual anzuleiten. Nachdem die Familienmitglieder sich die Schädel kahl rasiert haben, beginnt die Zeremonie. Die Holzstapel, unter denen die Leichen verbrannt werden, werden von den Unberührbaren vorbereitet, erfahren wir von unserem Guide Ashok. Wir begegnen einem der Helfer, der das Holz klein hackt. Nach dem die Leiche verbrannt und die Asche im Ganges verstreut wurde, beginnt eine 35-tägige Trauerphase, am 14. Tag findet ein Fest zu Ehren des Toten statt. Bevor die Leiche verbrannt wird, verabreicht man dem Toten übrigens fünf Löffel Gangeswasser, um seinen Durst zu stillen. Was für uns zum Teil befremdlich klingt, ist ein uraltes Ritual, das von vielen Familien noch immer genutzt wird, obwohl es in Varanasi inzwischen auch elektrische Krematorien gibt, in denen man die Asche nach 35 Minuten abholen kann.

Subah-E-Banaras und Aarti am Ganges

Varanasi, die heilige Stadt, ist die Stadt der Rituale. Ein Muss ist die abendliche Feuerzeremonie am Dashashwamedha Ghat und seit November letzten Jahres das morgendliche Subah-E-Benares am Assi Ghat. Die beiden Zeremonien mit den festlich gekleideten jungen Männern, den unzähligen Utensilien und der Musik sind zwar von den Tourismusbehörden durchchoreographierte Veranstaltungen, ziehen jedoch auch Tag für Tage Einheimische in Scharen an.

Der Tag am Assi Ghat beginnt früh, vor Sonnenaufgang, mit einer Aarti, einer Feuerzeremonie, mit der die Sonne begrüßt wird, gefolgt von dem Rezitieren aus den Vedas, den heiligen Schriften und dem Singen sogenannten „Ragas“. Ab 7.30 Uhr gibt es eine Yogastunde. Die muss leider ohne uns stattfinden, da wir einen engen Zeitplan haben während unserer #UPTWC2015. Aber ich werde sicherlich irgendwann nochmal nach Varanasi kommen, natürlich mit meiner Yogamatte im Gepäck!

Varanasi, ein Faszinosum für Hindus und Westler

Varanasi ist eine Stadt, die man immer wieder besuchen kann und dabei jedes Mal etwas neues entdeckt. Es ist keine Stadt der Monumente, sondern der Menschen. Die Stadt erschließt sich einem am besten, wenn man sich mittreiben lässt. Wenn man einfach ein paar Stunden an den Ghats entlangwandert oder sich auf eine der Treppenstufen setzt und beobachtet, was um einen herum passiert, hat man gute Chancen, dem Geheimnis von Varanasi zumindest ein paar Schritte näher zu kommen. Doch um Varanasi zu begreifen, braucht es ein ganzes Leben. Mit diesen Worten von Ashok, unserem weisen Führer, verabschiede ich mich jetzt. Es wird in den nächsten Tagen und Wochen noch weitere Artikel über Varanasi geben, seid gespannt!

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