Isar

#IronBlogger Blogparade: Minga, I mog Di – (Liebes-)Bekenntnisse einer Zugeroasten

ironbloggerMUC-blogparade-muenchen

Heute geht es hier ausnahmsweise mal nicht um Indien, sondern um Minga. Auf Hochdeutsch: München. Denn heute bin ich an der Reihe im Rahmen der Blogparade der Iron Blogger München. Ihr wisst schon, das ist der verrückte Verein, der mich regelmäßig dazu bringt, Sonntags Abends nach dem Tatort noch in die Tasten zu hauen, um den fiesen Klauen des Iron Blog Bot zu entgehen. Der würde nämlich sonst um Mitternacht feststellen, dass es bei „traveling the world“ nichts Neues gibt, mich auf die Liste der Faulen setzen und 5 Euro Strafe einfordern. Die Strafzahlungen setzen wir zwar regelmäßig in Flüssignahrung um und ein Teil geht an wohltätige Zwecke, doch unter den „Faulen“ zu rangieren geht definitiv gegen die Blogger-Ehre. Die eisenharten Münchner Blogger sind nicht nur ein lustiger Haufen, sondern auch kreativ. Wir haben uns überlegt, zu Ehren unseres zweiten Geburtstags eine Blogparade aufzusetzen, bei der einen Monat lang an jedem Tag einer aus unserer Truppe etwas zu einem vorgegebenen Thema schreibt. Das Resultat: Im Juli gibt es auf den Blogs von 31 Iron Bloggern einen Artikel zum Thema „München“. Gestern hat Kathy von Kathy’s Song über ihren Besuch auf dem legendären Kocherlball im Englischen Garten berichtet, morgen ist Nadine von Pâtisserie Nadine an der Reihe.

Ich habe lange überlegt, zu was ich schreiben soll. Meine 10 Top-Tipps für einen tollen Tag in München? Um endlich einmal zu testen, ob diese Listicles wirklich solche SEO-Bomben sind und die Zugriffe nach oben katapultieren? Mein liebstes Stadtviertel? Meine liebsten Biergärten? Meine liebsten Sommer-Hot-Spots? Wo es das beste vegane Eis gibt? Nein. Über diese Themen schreibe ich schon als Autorin auf dem Blog von muenchen.de. Ich habe beschlossen, ich schreibe einen Brief an München, die Stadt, mit der ich seit ziemlich genau 20 Jahren eine Beziehung habe.

Liebes München,

oder soll ich lieber „Liebes Minga“ sagen? Besser nicht. Denn auch, wenn Du seit 1999 mein Zuhause bist, ist mein Bayerisch grottenschlecht und der waschechte Münchner wird mich immer sofort als zugereiste Preußin enttarnen, die versucht, eins auf bayerisches Madl zu machen. Die Sprachbarriere hat am Anfang unserer Beziehung auch zu etwas Sand im Getriebe geführt. Das war im Sommer 1995, also ziemlich genau vor 20 Jahren, als ich als Studentin mit einer Freundin mit dem Supersparpreisticket mit unzähligen Bummelzügen aus Siegen, der Universitätsstadt im Grünen, nach München, in die Weltstadt mit Herz, gereist bin. Ich konnte gar nicht begreifen, warum uns die Bedienung bei Rischart in der Kaufinger Straße so angeraunzt hat, als wir ein Stück Pflaumenkuchen mit Sahne bestellt haben. „Woas? Sie moans wohl a Zwetschgendatschi?“ Pah. Blöde Kuh, blöde. Du hast uns offenbar doch verstanden. Da waren mir die lustigen Herren auf dem Straßenfest in der Feilitzschstraße schon lieber, die mich und meine Studienfreundin dem Oachkatzlschwoaf-Sprachtest unterzogen.

Natürlich haben wir noch etwas anderes als die Feilitzschstraße kennengelernt. Wir haben uns im Universitätsviertel Fahrräder geliehen und sind stundenlang durch den Englischen Garten gecruist, haben Hefeweizen im Englischen Garten getrunken – ich meine natürlich Weißbier, ’tschuldigung, ich komme aus NRW -, haben uns über Kneipennamen wie „Atzinger“ lustig gemacht, sind im Nymphenburger Schlosspark lustgewandelt, haben beim Donisl am Marienplatz für 10 D-Mark Leberkäse mit Kartoffelsalat gegessen und in der letzten Nacht vor unserer Rückreise unsere Betten in der Thalkirchener Jugenherberge kaum berührt und statt dessen im Parkcafé getanzt. Das war alles so anders als in unserer „Was ist schlimmer als verlieren? – Siegen“-Heimat. In München war alles irgendwie lebendig, die Leute genossen das Leben, brachten gefühlt ihr halbes Leben im Biergarten zu, es gab Kultur, schöne alte Gebäude, Museen. Eine Stadt zum Verlieben.

Du wurdest dann immer wieder zu meiner temporären Zufluchtsstätte. Zum Beispiel 1996, als ich als Quotenfrau aus NRW für sechs Wochen Hospitantin beim BR sein durfte und mit den Redakteuren der „Rundschau“ als rasende Reporterin in München und Umgebung unterwegs war, auf dem „40 Jahre BRAVO“-Event in der Olymphiahalle mit dem Kameraassi die Champagnervorräte leerte und mich auf der After-Party im Zenith wie in Hollywood fühlte. Oder an dem Wochenende nach meiner Magisterprüfung, die ich zusammen mit zwei  Studienfreundinnen  im Kunstpark Ost, bei Bagel und Lachs an der Leopoldstraße, beim Sightseeing und beim Schlendern durch den Englischen Garten und über die Wiesn feierte.

Für mich war damals schon klar: Ich möchte zu Dir ziehen. Du hast mich in Deinen Bann gezogen mit deinem Lebensgefühl. Auch wenn mein damaliger Gschpusi – verzeih mir, dass ich jetzt doch ein solches Wort benutze – aus meinem Praktikum in New York verwundert meinte, was ich denn nach der aufregenden Zeit in Big Apple in einem Dorf wie München wolle, ich  solle doch nach Berlin oder Hamburg gehen, kam ich im Mai 1999 mit zwei Koffern an der Isar an. Da stand ich plötzlich vor Dir. Und Du warst etwas erstaunt, dass ich Nägel mit Köpfen gemacht hatte. So ist das aber doch in ernsthaften Beziehungen, oder nicht? Fernbeziehungen sind auf Dauer nicht mein Ding.

Die Anfangszeit unserer ernsten Beziehung war nicht ganz so einfach. Sicherlich hing das auch damit zusammen, dass ich in den ersten Monaten noch nicht so richtig angekommen war mit Übergangsuntermietzimmer und Übergangszeitarbeitsjob. Ich musste feststellen, dass Deine Bewohner es Neulingen nicht ganz leicht machten, Anschluss zu finden. Zum Glück gab es aber auch kontaktfreudige Menschen, wie zum Beispiel die Tochter meiner Vermieterin,  Theresa. Die führte mich ein in das Leben der Münchner Twens, mit Ausflügen mit Mutters rotem Toyota an die Münchner Seen, geheimen Parties auf irgendeinem Feld im Münchner Osten, Übernachtungen bei irgendwelchen Eltern im idyllischen Heim mit Alpencharme in Trudering, bei nächtlichem Hunger-nach-dem-Ausgehen-Stillen mit Sushi vom Shoya am Platzl.

Wir lernten uns immer besser kennen, Du und ich. Wurden uns immer vertrauter. Ich wurde immer mehr zum Münchner Kindl, bestellte Semmeln statt Brötchen beim Bäcker, aß zum Fasching Krapfen anstatt Berliner Ballen zum Karneval, meldete mich zumindest im Büro am Telefon mit „Grüß Gott“ anstatt mit „Guten Tag“. Ich sog das Lebensgefühl, das Du auch heute noch immer für mich ausstrahlst, mit Haut und Haaren auf. Verbrachte unzählige Abende und Nächte eingehüllt in Rauchschwaden beim Grillen an der Isar, ging mit meinen Kollegen zu After-Work-Parties, rollerte bei der ersten Blade Night mit, stand nach 15 Jahren Pause das erste Mal wieder auf Skiern und kaufte mir tatsächlich Wanderstiefel, obwohl mir Wandern bis dato immer ein Gräuel war.

Ja, liebes München, du hast mich verändert. Vor allem bin ich zum Outdoor-Freak geworden, der am liebsten jede freie Minute draußen verbringt. Und das, obwohl ich meine Dachgeschosswohnung in Schwabing, von der ich einen so phantastischen Ausblick auf Deine Wahrzeichen und bei klarem Wetter sogar auf die Berge habe, so liebe. Ich hülle mich im Winter in eine Wolldecke ein, um bei 10 Grad meinen Kuchen draußen in der Sonne zu verspeisen. Ich werde es nicht müde, durch den Englischen Garten zu spazieren oder an der Isar und dabei dem Treiben zuzusehen, vor allem jetzt im Sommer, wo der Isarstrand mit der entspannten Partystimmung und den spontanen Musikeinlagen mich ein wenig an die Atmosphäre am Strand von Arambol in Goa erinnert. Ich mag inzwischen sogar Sachen, die ich am Anfang zu volkstümlich oder zu touristisch fand, wie einen Samstag auf dem Viktualienmarkt verbringen oder einfach zum Kaffeetrinken und Florentineressen dort hinzugehen. Ich habe nämlich irgendwann herausgefunden, dass man hier nicht nur auf Touristen trifft, sondern auch Münchner Unikate wie den Mops Josef aus dem Glockenbachviertel findet. Nachdem ich mich jahrelang geweigert habe, besitze ich inzwischen auch ein Dirndl.

Mir wird nie langweilig mit Dir, denn Du hast immer wieder neue Ideen, sei es das „Wohnzimmer für alle“ oder „StadtLesen“ und ich entdecke immer wieder neue Seiten an Dir. Ich denke, mir wird es auch in Zukunft nicht langweilig mit Dir. Auch wenn ich in den letzten zwei Jahren durch meine Autorentätigkeit für muenchen.de viele neue Ecken kennengelernt habe, gibt es immer noch viel zu entdecken. Du veränderst Dich zwar langsamer als vielleicht Berlin, Hamburg oder New York und bist auch nicht so subversiv und flippig, aber dafür kann man sich bei Dir geborgen und sicher fühlen. Und das ist auch viel wert, finde ich.

Trotz der seit 20 Jahren anhaltenden Liebe zu Dir muss ich an dieser Stelle aber auch ein paar ernste Takte mit Dir reden. Dass Du manchmal ganz schön arrogant sein kannst, weißt Du sicherlich. Die exorbitanten Preise allerortens sind maßlos übertrieben und sorgen dafür, dass mir unsere Beziehung manchmal nicht so viel Freude bereitet und mir dann und wann der Gedanke durch den Kopf schießt, ob ich mir die Beziehung mit Dir dauerhaft leisten kann. Vielleicht denkst Du mal darüber nach. Und: Den Satz „Der Kollege kommt gleich“ will ich nie wieder von Dir hören, hörst Du, nie wieder. Und auch nicht „Haben Sie reserviert?“. „Mir san mia“ ist ja schön und gut, aber ein bisschen mehr Freundlichkeit dann und wann und vor allem Spontaneität stünde Dir gut zu Gesicht. Aber daran kann man ja arbeiten. Und Du weißt ja: „A bisserl was geht immer!“ Das habe jetzt nicht ich gesagt, sondern der Stenz. Ich will ja beim Hochdeutschen bleiben. Wie auch immer, ich bin sicher, Deine „Macken“ werden unserer Beziehung keinen Abbruch tun. Ich freue mich jedenfalls auf die nächsten 20 Jahre mit Dir, Du auch?

Deine Alexandra

P.S: Vielleicht interessiert es Dich ja, was andere so über Dich denken und schreiben. Eine Übersicht aller Artikel, die im Zuge der Iron-Blogger-Blogparade „München“ veröffentlicht wurden und bis 31.7. noch veröffentlicht werden, findest Du hier.

Hat Euch der Beitrag gefallen? Erzählt es doch einfach weiter!
Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Pin on PinterestShare on LinkedIn

6 comments

  1. F

    München ist Heimat – ich liebe diese Stadt! Könnte mir keinen schöneren Ort zum Leben vorstellen :-). Liebe Grüße, Franzi

  2. ich mir auch nicht! wie gefällt es dir in mumbai? LG, alexandra

  3. R

    Meine Heimatstadt hast Du als Zuagroaste (schreibt sich so) gut getroffen. Bayrischkurs gibts bei mir, wenn Du wieder da bist, LG und gute Reise(n)!! R

  4. Danke, Robert! Und den „Bayerisch für Preußen“-Unterricht nehme ich dann im Dezember :-).

  5. G

    Hallo Alexandra,

    Du schreibst mir aus der Seele. München macht es – so finde ich zumindest – uns Zugreisten einfach, zur neuen Heimat zu werden. Nirgends fand ich es einfacher, Leute kennen zu lernen. Nirgends ist es so einfach, sich seine kleine Stadt zu schaffen wie in München.

    Viele Grüße

    Daniela

Leave a Comment

%d Bloggern gefällt das: