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Blogparade „Vom Heimkommen“: Post Travel Blues und reverser Kulturschock?

Heute genau in vier Wochen sitze ich im Flugzeug und werde demnächst in Mumbai landen. Drei Monate Indien warten auf mich. Drei Monate Reisen, Arbeiten, Schreiben, Fotografieren und Lernen. Und zwei große Träume erfüllen. Schon wieder Indien, werde ich von vielen gefragt. Gibt es kein anderes Reiseziel für Dich? Ihr habt ja recht. Eigentlich hatte ich überhaupt nicht geplant, so schnell wieder auf den Subkontinent zu reisen. Ich war  doch erst im Frühjahr da. Und letztes Jahr sogar zwei Mal. Und in meinem Post zur Blogparade „Fernweh“ Ende November habe ich noch geschrieben, dass ich jetzt meiner Wanderlust erst einmal Einhalt gebieten werde, zumindest was längere Reisen angeht. Aber manchmal hält das Leben eben Überraschungen für einen parat. Und dann muss man die Gelegenheit beim Schopf packen.

Der ein oder andere vermutet schon, ich würde gar nicht mehr nach Hause zurückkehren und dort bleiben. Die Dame bei der Visumstelle hat gestern auch schon etwas komisch geguckt, als sie meinen Reisepass durchblätterte und die vielen Indien-Visa gesehen hat. Nein, ich komme wieder heim. Nach Hause, nach München. Ich habe meine Wohnung nur für drei Monate zwischenvermietet und werde pünktlich zum Weihnachtsmarkt wieder hier sein, versprochen.

„Heimkommen“ – München oder Indien?

Wobei, eigentlich ist für mich eine Reise nach Indien inzwischen auch ein bisschen wie heimkommen. Ich habe gestern einmal nachgerechnet, inzwischen habe ich insgesamt 27 Wochen in diesem Land verbracht. Wenn ich in Delhi lande und mir im Terminal mit dem braungemusterten Teppich der Geruch nach Desinfektionsmittel um die Nase weht, weiß ich ja, ich bin wieder da. Ich kenne den Weg nach draußen zum Prepaid-Taxi-Schalter wie meine Westentasche, hebe immer am selben Geldautomaten die ersten Rupien ab und sage dem Taxifahrer, er soll nicht über den Connaught Place in den Main Bazaar von Paharganj fahren, sondern über die Ramakrishna Ashram Marg. In Mumbai werde ich wieder ein beklommenes Gefühl haben, wenn ich die Slums direkt neben dem Flughafen sehe. Das geht nie weg.

Während ich dies schreibe, kommen wieder all die Gefühle hoch, die für mich mit Reisen verbunden sind. Und mit „nach Hause kommen“. Das sind sehr gemischte Gefühle. Wehmut mischt sich mit Freude, Freude mit Angst. Angst, dass einen der „Post Travel Blues“ oder ein „reversen Kulturschock“ befällt, wie es Ariane von Heldenwetter beschreibt. Ariane hat zur Blogparade „Vom Heimkommen“ aufgerufen, für die ich diesen Beitrag verfasse. Sie möchte u.a. wissen, wie wir Reiseaficionados die letzten Tage auf einer Reise erleben. Mit den beschriebenen gemischten Gefühlen? Wie fühlt es sich an, nach einem längeren Auslandsaufenthalt wieder in den Alltag einzusteigen? Wartet da ein großes, schwarzes Loch, aus dem man nur herauskommt, indem man direkt die nächste Reise plant? Oder sollte man lieber die Gründe für einen solchen Blues erforschen? Hat man das Gefühl, sich verändert zu haben? Und wie verarbeitet man seine Reiseerlebnisse? Fragen über Fragen, über die ich ein ganzes Buch schreiben könnte, da sie mich angesichts meiner chronischen Reiselust sehr beschäftigen …

Rückkehr: Ich freue mich auf zu Hause, aber …

Als ich meine erste lange Reise gemacht habe, nachdem ich 2011 meinen langjährigen Job in einem Großkonzern aufgegeben habe und vier Monate durch Indien und Nepal gereist bin, habe ich mich definitiv wieder auf zu Hause gefreut. Zu Hause, das war für mich als allererstes, endlich mal wieder meine Klamotten in einer ordentlichen Waschmaschine zu waschen und in meinem eigenen Bett in sauberer, wohlriechender Bettwäsche zu schlafen, in meiner geliebten Dachwohnung in Schwabing. Nach vier Monaten aus dem Rucksack leben und alle paar Tage an einem anderen Ort sein, hatte ich das Gefühl, ich brauche wieder eine Konstante. Gleichzeitig hatte ich auch Sorgen. Ich hatte diese Reise mit dem Ziel gemacht, herauszufinden, was ich mit meinem Leben anstellen wollte, was beruflich und privat werden sollte. Ich bildete mir damals ein, wenn ich ein paar Wochen in ein Ashram gehe, ganz viel Yoga praktiziere und meinen gewohnten Alltag hinter mir lasse, komme mich mit lauter Eingebungen und verändert nach Hause. Was ist, wenn dem nicht so ist? Wenn ich so weitermache wie bisher? Wenn ich immer noch nicht weiß, wo meine persönliche und private Reise hingehen soll?

Zitat-Fitzgerald

Nach dem Nachhausekommen musste ich feststellen, dass die Reise in dieser Hinsicht nicht den erhofften „Erfolg“ gebracht hat. Zumindest nicht kurzfristig. Ich konnte zwar Veränderungen an mir feststellen, doch diese bezogen sich eher darauf, dass ich mir plötzlich in der Stadt, die ich so mochte, und inmitten der Menschen, die ich während meiner Jahre hier liebgewonnen hatte, wie ein Fremdkörper vorkam. Meine Erfahrungen waren nicht ihre Erfahrungen und ihr Leben war genauso weiter gegangen wie meines, nur eben in eine völlig andere Richtung. Während ich gedanklich immer noch in weiter Ferne war und am liebsten immer und ständig über meine Erfahrungen in Indien und Nepal sprechen wollte, war für mein Umfeld das Thema irgendwann durch. Verständlicherweise.

Warum ist es hier so wie es ist? Der reverse Kultuschock kam mit voller Wucht

Das Sichfremdfühlen in der gewohnten Umgebung wurde begleitet von Gedanken wie „Ist das alles komisch hier.“ Schon auf dem Weg vom Flughafen nach Hause kam mir alles so leer, grau und trist vor. Kein Wunder, an einem Abend um 22.00 Uhr im Winter, wie ich jetzt im Nachhinein denke, aber damals war das für mich paradigmatisch: Indien = bunt, laut, trubelig = lebendig. Deutschland = grau, trist, langweilig = eingefahren = Einbahnstraße. Was wollte ich hier? Mein erste U-Bahnfahrt am nächsten Tag verstärkte dieses Gefühl noch, graue, finster dreinblickende Menschen Jeder ist nur mit sich beschäftigt, keiner interessiert sich für keinen außer für sich selbst. Und dann die Stadt. Alles so aufgeräumt und geordnet. Kein Platz für ein bisschen Chaos, ein bisschen Spontaneität und ein bisschen Farbe. So kam es mir zumindest vor. „Haben Sie reserviert?“. Nein, habe ich nicht. „Ich war zuerst dran.“ Achso, ja. Ja, dann.

Ich gewöhnte mich irgendwann wieder an den „German way of life“, fügte mich in gewissem Maße wieder in den Fischschwarm ein. Doch jedes Mal, wenn ich den Fischschwarm verlasse und länger reise, geht es mir jedes Mal wieder ähnlich. So auch letzten Sommer, als ich „nur“ sieben Wochen weg war. Danach wusste ich erst einmal gar nichts mit mir anzufangen in Deutschland. Das Loch danach war ganz schön tief.

Wie ich dem Post Travel Blues entkam und entkomme

Direkt die nächst Reise zu planen hat mir früher nach meinem Jahresurlaub immer geholfen. Gegen den Travel Blues nach einer Langzeitreise hilft das nur bedingt. Zumal ich nach einer Langzeitreise das Gefühl habe, auch ersteinmal wieder eine Weile „zu Hause“ bleiben zu müssen. Zumindest letzten Sommer war dieses Gefühl sehr stark. Statt sofort wieder den Koffer zu packen, wie ich es beinahe zwei Monate nach meiner Rückkehr gemacht hätte, bin ich hier geblieben. Und habe mich mit mir auseinandergesetzt. Habe tief in mich hineingehorcht und herausgefunden, worauf sich dieser Fluchtreflex, am liebsten sofort wieder abzuhauen, begründet. Habe den Mut gefasst, den Weg einzuschlagen, vor dem ich bis dahin zu viel Angst hatte, der sich aber zumindest bis jetzt als der richtige Weg herauskristallisiert, auch wenn er eher nicht wie eine geradlinig, gut ausgebaute Autobahn verläuft, auf der man mit 220 Sachen nach vorne preschen kann, sondern eher wie ein geschlungener Trampelpfad. Ich bin sicher, dass mir meine zwei längeren Auszeiten dabei geholfen haben, diesen Weg zu finden.

Die anstehende dreimonatige Auszeit von München ist nicht nur das Ergebnis der Auseinandersetzung mit dem Post Travel Blues, sondern auch Teil des Weges. Ich bin selber gespannt, wie es sein wird, wenn ich Anfang Dezember wieder nach München komme, „nach Hause“. Wird es wieder so sein wie immer? Reverser Kulturschock? Und das Gefühl, sofort wieder wegrennen zu wohlen? Ich glaube, dieses Mal wird es anders sein. Denn ich bin dabei, in mir anzukommen. Und dabei ist es unerheblich, wo man ist. Ob in München oder Indien.

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8 comments

  1. Wirklich ein großartiger Artikel, den hab ich sehr gerne gelesen 🙂 Ich wünsche dir ganz viel Spaß und tolle Erlebnisse in Indien!

  2. danke, liebe ariane! neue berichte aus indien werden folgen :-).

  3. Ein so schöner Beitrag! Also Heimkommen kann ich sogar nicht. Nicht, dass ich es nicht schön habe, aber ich habe schon Fernweh, wenn ich den Heimweg wieder antreten muss… Unglaublich. Dabei ist es auch egal, ob ich beruflich oder privat unterwegs bin.

  4. ja, das ist schon komisch mit dem heimkommen und dem fernweh. ich habe es auch schön „zu hause“, aber es fühlt sich trotzdem jedes mal komisch an, nach einer längeren reise … so ist das wohl mit uns wanderlustigen :-). LG!

  5. Hallo Alexandra,

    was für ein schöner Text! Du hast es schön gesagt, „…ich bin dabei, in mir anzukommen.“ Bei mir war es ähnlich, nach meiner einjährigen Weltreise war erst einmal großes Kopfkino angesagt. Nach fünf Jahren zurück in der Heimat kann ich nun sagen, dass ich meinen „German way of life“ gefunden habe. Meine Erfahrungen bis hier hin möchte ich nun auch in Worte fassen. Deshalb starte ich einen Blog über das Heimkehren, denn ich meine dazu gibt es noch so vieles zu sagen.

    Ich hoffe du hast eine tolle Zeit in Indien. Im November geht es für mich das erste Mal nach Indien, freue mich riesig!
    Weiterhin viele schöne Erlebnisse auf dem Subkontinent.

    LG Tobi

  6. Hallo Tobi,

    freut mich sehr, dass Dir der Text gefällt. Ich kehre auf dem Blog nicht immer mein Innerstes so nach Außen, aber manchmal gibt es solche Themen :-). Ich wünsche Dir viel Spaß und Erfolg mit dem Start Deines „Heimkehren“-Blogs, ich werde auf jeden Fall vorbeischauen! Bin gespannt, wie es mir mit dem Heimkommen im Dezember geht :-).

    LG,
    Alexandra

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