3-Tage-Meditations-Retreat: „For the lovers of peace and the seekers of truth“

Als ich vor zwei Jahren in Nepal war, stand ich schon einmal kurz davor, mich für einen Vipassana-Meditationskurs zehn Tage lang in ein Kloster zurückzuziehen. Ich hatte mich im Internet im Dhamma-Center in Lumbini, dem Geburtsort Buddhas im Süden Nepals, angemeldet – und gekniffen, als ich die Klinke des Tors zum Kloster in der Hand hatte. Der Gedanke, zehn Tage um 4.30 Uhr aufzustehen und bis 22.00 Uhr zu meditieren, mit niemandem zu reden, kein Buch oder irgendetwas anderes in die Hand nehmen zu dürfen, das den Geist ablenkt, mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein, dazu in einem kleinen Kämmerchen auf einer harten Matratze zu hausen und ab mittags keine feste Nahrung mehr zu mir nehmen zu dürfen, flößte mir plötzlich Angst ein. Und: Gab es nicht viel zu viel in der Welt draußen zu entdecken, um sich für so lange völlig abzukapseln?

Losgelassen hat mich das Thema seitdem nicht mehr. Als ich in meinen ersten Tagen in Leh einen Aushang sah „3 Day Residential Meditation Course“, dachte ich mir, dass dies vielleicht eine gute Alternative zu der Hardcore-Variante Vipassana ist. Eigentlich hatte ich schon meine Trekkingtour gebucht, aber die konnte ich zum Glück um ein paar Tage verschieben. Wenn nicht in Ladakh meditieren lernen, im Himalaya, wohin die buddhistische Philosophie vor mehr als 2.000 ihren Weg aus Indien fand und seitdem tief verwurzelt ist, wo dann?

Als erstes lernte ich: Auch wenn 90 Prozent der Menschen in Ladakh nach der Lehre Buddhas leben, käme ein Einheimischer niemals auf die Idee, zu meditieren. „Wenn ich meinen Eltern vorschlagen würde, sich einmal hinzusetzen, die Hände in den Schoß zu legen und zu meditieren, würden sie mich für verrückt erklären“, schmunzelt Kunzang, die uns während des Retreats in die Prinzipien der Samatha-Meditation einweiht. So bestand unser kleines Grüppchen auch ausschließlich aus westlichen „seekers of truth and lovers of peace“: Jewels und Mitch aus New York, beide Yogalehrer und seit sieben Monaten unterwegs auf verlängerter Hochzeitsreise, Annette und Vau aus Byron Bay, Australien, Anfang 60, spirituell interessiert und seit 30 Jahren regelmäßig in Indien, Brian aus Oakland, Kalifornien, der aus Hyderabad eingeflogen war, wo er in einem Software-Projekt arbeitet, und Ron aus Israel. Das alles erfuhren wir auf dem Weg nach Choklamsar in das Mahabodhi International Meditation Centre. Denn da durften wir noch sprechen. Nach einer kurzen Einführung, was uns in den nächsten drei Tage erwartet, hieß es nämlich „schweigen“.

Schweigen ist eine der wichtigsten Grundregeln in einem solchen Retreat, es soll den Geist beruhigen, einem ermöglichen, tiefer einzutauchen in die Meditation. In der Regel brauche ich zwar schon meine Worteinheiten pro Tag, aber einmal drei Tage nicht zu sprechen, sollte nicht so schwierig sein. Zumal die Regeln bei der Samatha-Meditation nicht ganz so streng waren wie bei Vipassana und man für ein Lächeln oder ein gehauchtes „Thank you“, wenn einem der Tischnachbar beim Mittagessen das Salz reicht, nicht direkt die rote Karte bekommt.

„Fish swim in an ocean of water, human beings in an ocean of thoughts“

Das mit dem Beruhigen des Geiste fiel mir schon deutlich schwerer. „Stellt euch ein Glas Wasser mit Sand vor, das durchgeschüttelt wird“, sagt Kunzang. „Die vielen Sandkörner sind eure Gedanken, die durcheinander wirbeln.“ Wir lernen, mit welchen Techniken wir versuchen können, dass sich der Sand auf dem Boden des Glases absetzt. Nach Buddha ist „ana pana sathi“ – bewusstes Ein- und Ausatmen – die beste, natürlichste Technik. „Der Atem ist wie unser Schatten, er ist immer bei uns“, so Kunzang.

In der ersten Session morgens um 6.00 Uhr ist mein Geist noch etwas müde und der Sand im Glas noch nicht so aufgewirbelt. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Aber dabei nicht einschlafen. Das funktioniert noch einigermaßen. Als sich irgendwann die Knie bemerkbar machen und der aufrechte Sitz nicht ohne Anstrengung und Rückenschmerzen aufrecht zu erhalten ist, macht sich jedoch die erste Unruhe breit. Vielleicht doch ein Objekt vor dem inneren Auge vorstellen? Das ist jedoch nur eine vorübergehend erlaubte Stütze, denn im Buddhismus geht es ja darum, sich nicht von Objekten abhängig zu machen. Zum Glück sind die 45 Minuten irgendwann vorbei. Nach einer kleinen Pause gibt es erst einmal eine Yogastunde, um den Körper zu dehnen und vorzubereiten auf die vielen Stunden Sitzmeditation, die noch vor uns liegen.

Nach dem Frühstück ein wenig Zeit zum Ausruhen. Es ist kühl und grau draußen, wer nochmal eine Stunde schlafen möchte, darf dies gerne tun. Dann erklingt die Glocke, die nächste Sitzung. Ich tue es Annette und Vau gleich und suche mir einen Platz an der Wand. Hände in den Schoß, Augen zu. Ich denke an den Satz, den Kunzang am ersten Abend erwähnte, „fish swim in an ocean of water, human beings in an ocean of thoughts.“ Mein Gedankenmeer ist unendlich groß. Kaum, dass ich die Augen schließe, schießen mir die unterschiedlichsten Gedanken und Bilder durch den Kopf. Manchmal gelingt es mir für eine gefühlte Millisekunde, diese weiterziehen zu lassen und mich einfach nur auf meinen Atem zu konzentrieren. Doch das Hirn möchte sich lieber an den Gedanken festbeißen. Bei der Gehmeditation wird das Karussell im Kopf etwas ruhiger. Ich konzentriere mich auf meine Schritte. Merke jedoch, dass ich zu schnell einen Fuß vor den anderen setze und ich mich von dem, was meine Augen in der Umgebung wahrnehmen, ablenken lasse. Von den Arbeitern, die Säcke mit Sand bepacken für den neuen Meditationsgarten, von den flatternden Gebetsfahnen oben auf der Sanddüne, von dem Wind, der um die Ecke pfeift. Ich schaue auf meine Uhr, erst eine Viertelstunde von 25 Minuten sind vergangen.

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Meditation bei Vollmond in der Felsenhöhle und bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel

Nach dem Mittagessen wieder ein wenig Zeit für uns, wer will, darf selber weiter üben. Ich gehe ein wenig spazieren auf dem Gelände, das so malerisch gelegen ist zwischen einer goldgelben Sanddüne und ockerbraunen Felsformationen. Ich setze mich oben auf der Düne in den Schatten der Stupa und genieße den Ausblick auf den schneebedeckten Stok Kangri, und die anderen Berge. Schaue den Wolken beim Wandern zu. Kann man nicht einfach auch mit offenen Augen meditieren?

Am Freitag Abend ist Vollmond und wir machen uns auf zum Milarepa Cave, einer in den Fels gehauenen Meditationshöhle. Hier dürfen wir tatsächlich mit offenen Augen meditieren, den Sternenhimmel angucken und darauf warten, dass der Vollmond hinter den Felsen hervorlugt. Am nächsten Morgen klettern wir zum Meditieren auf den Berg, der das Gelände des Meditationszentrums nach Osten begrenzt. Ein steiler, enger Weg führt zur Stupa, die hoch oben auf der Spitze des felsigen Berges thront. Ich schnaufe wie ein Walross und frage mich, wie ich meine achttägige Trekkingtour überleben soll. Oben angekommen, schlottern mir die Knie, der Ausblick ist atemberaubend schön, aber ich bin nicht ganz schwindelfrei und mir einen Sitzplatz auf einem Felsen am Rande des Abgrunds zu suchen, behagt mir so gar nicht. Ich finde einen Felsen, der mir einigermaßen sicher erscheint und es gelingt mir sogar, mit geschlossenen Augen meine Gedanken zu beruhigen. Ich muss jedoch immer wieder blinzeln, um mich zu vergewissern, dass der Abgrund weit genug weg ist. Meinen Mitstreitern macht die Höhe nichts aus, sie scheinen versunken zu sein in ihrer Meditation. Die Glücklichen. Ich bin sowieso erstaunt, was die anderen alles in ihrer Meditation erleben. In der Abschlusssitzung am Abend, in der jeder kurz Schildern darf, wie er den Tag erlebt hat, höre ich von vollkommener Versunkenheit, von in Gold getauchten Buddhafiguren, von einem strahlenden blauen Licht. Irgendetwas mache ich wohl falsch. Oder ich bin einfach zu ungeduldig. Ein Großteil meiner Mitstreiter hat schon häufiger solche Kurse besucht und meditiert regelmäßig. Ich versuche also, mein Gedankenkarussell zu akzeptieren, schließlich gehört auch das zur Meditationspraxis, insbesondere im Vipassana. „Dinge zu akzeptieren ist der erste Schritt, Probleme zu überwinden“, erklärt Kunzang. „Wenn wir anfangen, dagegen anzukämpfen, kommen wir ins Straucheln.“ Geduld, ein fester Wille, sich bemühen, ohne dabei zu verkrampfen und üben, üben, üben ist laut Kunzang der Schlüssel.

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Ob ich es schaffe, eine regelmäßige Meditationspraxis in meinen Alltag einzubauen, bezweifle ich. Was ich mir jedoch fest vorgenommen habe ist, wieder mehr dem Prinzip der Achtsamkeit zu folgen, das heißt, nicht mehr tausend Dinge auf einmal zu machen, sondern alles bewusster zu erleben. Mein Trek war dafür schon ein gute Übung. Kein Internet, kein Fernsehen. Und ich habe bewusst kein Buch mit durch die Berge geschleppt, wohlwissend, dass wir in der Regel schon am frühen Nachmittag in unseren Homestays ankommen würden. Statt dessen habe ich mir immer irgendwo ein einsame Fleckchen gesucht, auf einem Felsen oberhalb des Dorfes, in der Nähe des Klosters oder an einer der vielen Stupas. Habe einfach die Wolken beobachtet, dem Wind gelauscht, den Yaks, Eseln und Schafen zugehört. Je höher man geht, desto reiner sei alles, die Berge seien also ideal zum meditieren, so Kunzang.

Auf einen Tee mit Guru-jii Bikkhu Sanghasena

Kunzang ist erst 29, aber ein weise, kluge Frau. Und eine tolle Lehrerin. Ihre Ausführungen zum Buddhismus waren mehr als inspirierend. Normalerweise werden die Meditationskurse von Guru-jii Bikkhu Sanghasena selbst geleitet. Leider war er krank von einer längeren Europareise zurückgekehrt, so dass Kunzang den Kurs übernahm. Kunzang war eines von 25 Kindern, das 1986 in dem von Bikkhu Sanghasena gegründeten Mahabodhi International Meditation Center die Chance auf eine schulische Ausbildung bekam. Kunzang stammt aus einem entlegenen Dorf im Nubra Valley, wo es weit und breit keine Schule gab. Durch die Initiative von Bikkhu Sanhasena konnte sie später sogar studieren. „Wenn ich in meinem Dorf geblieben wäre, wäre ich jetzt verheiratet und eine Kinderschar würde hinter mir herlaufen. Ich hätte jedoch keinerlei Bildung bekommen“, erzählt Kunzang. Die meisten ihrer ehemaligen Mitschüler hätten heute Regierungsjobs, als Lehrer oder in einer Bank. Kunzang hat sich 2008 entschlossen, in Bikkhu Sanghasenas Center zurückzukehren und ihn in seiner Arbeit zu unterstützen. Auf dem Campus in Choklamsar leben heute ungefähr 500 Menschen, darunter Nonnen und Mönche, Kinder und alte Menschen. Das Zentrum beheimatet ein Altenheim, eine Schule, unter anderem für blinde Kinder, und ein Krankenhaus.

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Bikkhu Sanghasena selbst ist in einer traditionellen, buddhistischen Familie in Ladakh groß geworden. Mit 17 tritt er der Armee bei. Diese verlässt er 1977, um Schüler des großen Meisters Acharya Buddharakhita zu werden. Neben seinen zahlreichen humanitären Projekten, für die Bikkhu Sanghasena von zahlreichen nationalen und internationalen Organisationen ausgezeichnet wurde, ist der charismatische Guru-jii, wie Kunzang ihn nennt, weltweit in spiritueller Mission unterwegs, er hält Dhamma-Gespräche und leitet Meditations-Retreats. Von Ursula, die ich zufällig einen Tag vor dem Retreat im Café Lala in Old Leh kennenlerne, erfahre ich, dass er kürzlich in Neumarkt-St.-Veit einen Retreat geleitet hat, organisiert von Ursula, die sich seit vielen Jahren für das Mahabodhi Center in Choklamsar engagiert. Das kirchliche Oberhaupt der stockkatholischen, bayerischen Gemeinde sei anfangs alles andere als begeistert davon gewesen, was sich da in Ursulas Haus abspielte, so Ursula, habe, dann aber durchaus Interesse gezeigt. Wahrscheinlich hat der sympathische Guru-jii ihn ebenso mit seiner positiven, charismatischen Ausstrahlung für sich eingenommen wie mich und meine Meditationsmitstreiter.

Zum krönenden Abschluss unseres Kurses waren wie noch auf einen Tee in der guten Stube von Guru-jii eingeladen. Bei süßem Milchtee, Keksen und Samosas plaudern wir mit ihm über unsere Erfahrungen in den letzten drei Tagen, über den Sinn des Lebens und über den Weg zur Erleuchtung. Guru-jii ist ein sehr humorvoller Mensch und lacht sehr viel. Sehr erhellend ist seine Definition von „Erleuchtung“. Er berichtet von seiner aktuellen Deutschlandreise, wo viele Teilnehmer gesagt haben, er solle sie mit Erleuchtung in Ruhe lassen. Für Guru-jii ist Erleuchtung nicht irgendein übernatürlicher Zustand, in dem man über den Dingen steht: „Enlightment is existence. It is happiness, love, freedom.“. Klingt eigentlich ganz einfach, oder?

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„There is nothing more beautiful than earth and human life. We have to make earth heaven. We have to make this life the divine life.“ – Bikkhu Sanghasena

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben über die inspirierende Begegnung mit Guru-jii. Leider muss ich jetzt los zur Gompa ins Zentrum von Leh, um mich für ein Teaching des Dalai Lama zu registrieren. Wenn alles klappt, werde ich ihn übermorgen im Kloster von Likir treffen! Keep fingers crossed!

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4 comments

  1. Hi Alexandra!

    I don’t know German, but I can still enjoy your pictures, especially the last two that you must have taken during the dharma talk.

    Good job on nailing your trek after the meditation retreat! Wrong turns at switchbacks are normal getting lost points. You get warier and warier of turns like that — especially in a country with lots of livestock tracks mixing with the people tracks — the more you traipse around the outback. I also like the opportunity for wrong turns at every stupa — later I learned that there is always a trail around both sides because it is traditional to keep the stupa on your right.

    Please come by if you visit Oakland in your travels.

    –Brian

  2. thx, brian! both the meditation camp and the trek were amazing. i also learned only on the trek how to properly pass around the stupas by my guide ishey, who introduced me to her family in markha. if i happen to come to sunny california, i’ll pass by!

    all the best for you!
    alexandra

  3. Wie interessant. Ob ich das schaffen würde? Man kann es sicher nie so genau sagen, bis man es für sich ausprobiert. Aber schon das lange Sitzen, das Stillsein wären eine absolute Herausforderung für mich. Ohne zu reden ist noch einmal eine ganz andere Geschichte.

  4. es war auf jeden Fall eine spannende erfahrung, auch wenn das mit dem stillsitzen für mich auch eine große herausforderung ist. vielleicht „traue“ ich mich beim nächsten mal ja doch an ein vipassana-retreat heran!

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