Hoch hinaus auf den Ganda La Pass – Markha Valley Trek Teil II

Vorletztes Wochenende hatte ich das erste Mal wieder meine Wanderschuhe an, seit ich aus dem Himalaya zurück bin. Obwohl es auf nur knapp 2.000 Meter ging, spürte ich meine fast zweimonatige Trainingspause. Meine Beine fühlten sich irgendwie an wie Gummi und ich war ganz froh, dass die Etappe am ersten Tag nicht so lang war und wir recht schnell die Falkenhütte erreichten, unser Domizil für die erste Nacht. Anstatt des obligatorischen Buttertees gab es die obligatorische Buttermilch – „der Tomatensaft der Berghütten“, wie mein Mitwanderer Till bemerkte – und anstelle eines freundlichen „Jullay“ knarzte die stämmige, rustikale Hausdame „Nein, Sie haben bei uns definitiv keine Doppelzimmer gebucht, das ist so sicher wie das Amen im Gebet, die haben wir hier gar nicht.“ Zum Glück meinte sie nicht uns, sondern das Männerkleeblatt in den Fünfzigern, das fortan nur „die Doppelzimmertussis“ hieß und später etwas verloren und mit großen Augen in dem riesigen Matratzenlager nach den ihnen zugewiesenen Nummern suchten. Die Nacht mit so vielen Mitschläfern zu verbringen hatten sie wohl nicht erwartet.

Tatsächlich ging es auf der Falkenhütte im Karwendel deutlich geschäftiger zu als in den gemütlichen Homestays auf meiner Trekking-Tour in Ladakh, wo ich oftmals der einzige Gast war oder mein Zimmer mit maximal zwei anderen Wanderern teilen musste. Doch ein bisschen Himalaya-Feeling gab es auch hier oben in den österreichischen Bergen. Wer angesichts der schon recht herbstlichen Temperaturen kalte Ohren oder kalte Füße bekam, konnte im „Nepal-Shop“ bunt-gemusterte Mützen und Socken aus Yak-Wolle kaufen. Und oberhalb der Hütte, neben dem Generator, hingen ein paar tibetische Gebetsfahnen im Gebüsch. Ob die „So sicher wie das Amen im Gebet“-Hausdame auf diese Idee gekommen war? Zweifelhaft. Die paar Fähnchen waren auch kein Vergleich zu dem Anblick, der mich auf dem Ganda La Pass erwartete, der am zweiten Tag meines Treks durch das Markha Valley auf dem Programm stand.

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Ich konnte es kaum glauben, dass ich es tatsächlich dort hoch geschafft hatte. 4.900 Meter! Und das laut meiner Führerin Ishey in einer gar nicht mal so schlechten Zeit. Obwohl ich persönlich das Gefühl hatte, dass ich die 800 Höhenmeter von Yurutse im Schneckentempo zurückgelegt hatte, ich nach dem ersten Teestopp am liebsten sitzen geblieben wäre oder mich auf eines der Ponies gesetzt hätte, die mit Gasflaschen, Kochgeschirr, Proviant und Zelten bepackt den gewundenen Weg hinauf Richtung Pass marschierten. Die dünne Luft machte jeden Schritt schwer.

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Zanzkar-Kette

Egal ob Schneckentempo oder nicht, der Anblick, der sich uns nach dem dreistündigen Anstieg eröffnete, war einfach atemberaubend. Schon aus der Ferne zeichneten sich die unzähligen, vom Wind zerrupften und von der Witterung verblassten Gebetsfahnen vom Himmel ab. Während weiter tiefer noch T-Shirt-Wetter herrschte, wehte uns hier oben ein eisiger Luftzug um die Nase. Doch der Wind hatte auch sein Gutes. Er vertrieb die grauen Wolkenschleier und machte den Blick frei auf die Zanskar-Kette, die ich auf dem Flug von Delhi nach Leh schon aus 10.000 Meter Höhe gesehen hatte. Ich kam mir plötzlich ganz klein vor. Es erschien so surreal, mittendrin zu sein in diesem aus der Vogelperspektive so unbezwingbar, lebensfeindlich wirkenden Felsmassiv. Aus dem Flugzeug sieht man nur die braunen, oftmals bis weit in den Sommer hinein mit Schnee bedeckten Bergzüge und vermag sich nicht vorzustellen, dass es hier auch eine Flora und Fauna gibt. Geschweige denn eine menschliche Zivilisation.

In den acht Tagen, in denen ich diese einzigartige Umgebung zu Fuß erkundete, kam ich aus dem Bewundern und Staunen nicht mehr heraus. Üppig blühende Büsche mit rosafarbenen Heckenrosen inmitten staubiger Steinwüsten. Sanft geschwungene Bergrücken mit grasenden Yaks und neugierigen Murmeltieren. Fruchtbare Täler mit Flüssen und saftig-grüne Oasen mit Aprikosenbäumen und sorgsam bestellten Feldern, auf denen Erbsen, Paprika und Spinat wachsen. Herden mit Pashminaziegen, die den Rohstoff für unsere Haute Couture liefern. Aus deren kleinen Bärtchen im Frühjahr die kostbare Wolle gewonnen wird, die in Leh und Kashmir zu wunderhübschen, weichen Pashminaschals weiterarbeitet wird, die dann in den Edelboutiquen der Welt ihr Abnehmerinnen finden. Kleine Dörfer, in denen die älteren Herren mittags im Gemeinschaftshaus ihren Tee trinken. Sogar die ein oder andere Schule. Und überall Gebetsfahnen, Stupas, Gompas und Klöster.

heckenrosen

Hier geht's lang nach Nimaling

My next pashmina shawl :-)

My new little friend in Shingo

Welche Dörfchen ich auf dem Trek besucht habe, was am Abend frisch geerntet im Kochtopf landete, in welchen Momenten sogar Maggi-Nudeln wie ein Fünf-Sterne-Gericht schmecken können, was es mit den vielen Gebetsfahnen auf sich hat, welche Bekanntschaften ich gemacht habe, ob ich den zweiten Pass – 5.200 Meter!! – auch geschafft habe – und natürlich ob ich nochmal in einen Fluss gefallen bin, wollte ich Euch eigentlich schon heute Abend berichten, aber ich kann leider nicht anders: Ich muss jetzt unbedingt den neuen Tatort aus Münster sehen :-)!

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2 comments

  1. F

    Ich bin gerade zufällig auf deinen Blog gestoßen. Wirklich ein toller Bericht und tolle Fotos. Auf der Falkenhütte war ich auch schon – leider war die „So sicher wie das Amen im Gebet“-Hausdame nicht da 🙂 LG Franzi

  2. liebe franzi,

    freut mich, dass du meinen blog gefunden hast 🙂 habe mir auch direkt mal deinen angeschaut, da würde ich am liebsten direkt mal ans meer reisen, das mag ich fast genauso gerne wie die berge! im markha-valley in ladakh waren die „hausdamen“ deutlich netter, buddhistisch-freundlich sozusagen!

    LG,
    alexandra

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