Julia Roberts musste in „Eat, pray, love“ den Boden in der Meditation Hall schrubben, auf den Knien, mit der Wurzelbürste. Karma Yoga. Der gemeinnützige Dienst ist Teil des Deals, wenn man für eine Weile in einem Ashram leben möchte. Das Ego überwinden, indem man fremde Toiletten putzt, fremde Schmutzwäsche sortiert oder in der Küche Gemüse schält. Auch bei den Sivanandas in Neyyar Dam gab es Karma Yoga. Jeden Tag hieß es, eine Stunde eine Arbeit für die Allgemeinheit zu verrichten, seinen Nächsten etwas Gutes zu tun, ganz selbstlos.

Karma Yoga in der Boutique oder in der Health Hut?

Da gab es die unterschiedlichsten Jobs. Die Glücklicheren durften an der Rezeption die Neuankömmlinge einchecken. In der Ashram Boutique Bücher und CDs von Swami Sivananda, Ansichtskarten, Malas, Yogamatten, Ayurveda-Detox-Kochbücher, Duschgel und Sivananda-T-Shirts in knalligem Lila oder Froschgrün verkaufen. Oder in der Health Hut Ananas-Shakes mixen und Toasts toasten für die, die auf ihr Käse-Sandwich mit Ketchup nicht verzichten konnten.

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Die etwas weniger Glücklichen mussten noch früher aufstehen als alle anderen, um die Meditation Hall für den morgendlichen Satsang vorzubereiten. Oder dafür zu sorgen, dass die Gäste etwas auf ihren Teller bekommen. Während die meisten noch auf ihrer Yogamatte in Shavasana schlummerten, war der Speisesaaldienst schon damit beschäftigt, den „Tisch zu decken“: Die Bastmatten in der Dining Hall ausrollen, die Blechteller und die Becher für den rosa Tee – der angeblich die Verdauung anregt – verteilen und schließlich mit den schweren Blecheimern diverse Runden drehen, bis die hungrigen Yogis einigermaßen satt waren. Erst dann durften sie sich hinsetzen und selber etwas futtern.

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Ja, dann gab es noch die mit dem noch weniger glücklichen Händchen. Irgendjemand muss schließlich die Klos putzen, die Duschen und Waschbecken saubermachen, den Müll entsorgen. Im Ashram arbeiteten zwar auch ein paar Männer und Frauen aus dem Dorf, doch die kümmerten sich nur um den Garten und die Küche. Und wuschen für ein paar Rupien die Wäsche unten am Fluss. Alles andere musste von den Gästen erledigt werden.

Ich hatte schon so eine leise Ahnung, als ich mich an meinem zweiten Tag im Ashram nach dem Frühstück unter’m Mangobaum einfand, wo Keshava und Juanita die Neuen im Karma Yoga unterwiesen und die Aufgaben zuteilten. Irgendwie hatte mein Karma zu diesem Zeitpunkt einen Durchhänger; offenbar hatte ich ganz schön viel angestellt. Jedenfalls war das Universum – oder wer auch immer – der Meinung, ich müsse mein Ego erst einmal so richtig überwinden. Der einzige Job, den Keshava an dem Tag im Angebot hatte, war der des Müllmanns.

Weniger cooler Job: Müllmann oder -frau

Das heißt, die auf dem Gelände verteilten Mülltonnen ausleeren, auswaschen und desinfizieren und den Unrat auf der kleinen Müllhalde im Dschungel am Fuße des Ashram-Geländes ausleeren. Ich schluckte. Für diese Aufgabe brauche er eigentlich einen starken Mann, sagte Keshava. Gut. Aber da war gerade nur ich. Ob ich mir das zutraue. Ich dachte nur „Ego überwinden, Ego überwinden“, schluckte nochmal und sagte, das sei überhaupt kein Problem. Schließlich wollte ich bei meinem Selbsterfahrungsabenteuer ja nicht sofort kneifen. Etwas beruhigter war ich, als Keshava sagte, ich könne es ja einfach mal probieren und wenn es doch zu anstrengend sei, soll ich mich einfach melden.

Also ließ ich mich von dem bisherigen Jobinhaber einarbeiten. Schon beim zweiten Eimer floss der Schweiß in Strömen. Mir war bis dahin nicht klar, dass das Gelände so groß war. Und dann die Tropensonne. Bei Mülleimer Nummer vier dachte ich, was habe ich bloß verbrochen? Denn der Weg zum fünften und letzten Mülleimer in der Ayurveda-Klinik führte direkt durch eine Baustelle. Eine indische Baustelle. Mit Flip-Flops an den Füßen und einer Tonne in jeder Hand über Pfützen, Kabel und Bauschutt zu klettern, sich an Betonmischern vorbei zu pressen und wacklige Holztreppen hinunter zu balancieren hatte etwas von einem kleinen Drahtseilakt. Hoffentlich trete ich nicht in eine Pfütze mit Kabel! Im Dschungel angekommen, maulte mein Ego, dass wohl doch noch ein anderer Job aufzutreiben sei. Ob ich das wirklich fortan jeden Tag machen wolle?

Ich gab nach. Suchte am nächsten Tag nochmal Keshava unter’m Mangobaum auf und bat um Versetzung. Diese bekam ich auch sofort bewilligt. Einzige Bitte: Ich müsse meine Nachfolger einarbeiten. Nichts lieber als das! Ich zeigte Sascha aus der Schweiz und dem älteren indischen Herren was zu tun war, und machte mich auf Richtung Ladies‘ Dorm, wo ich mich für meine neue Aufgabe melden sollte. Die Französin, die die Karma Yogis dort betreute, war jedoch nicht da. Also half ich einfach den anderen Mädels. Putzte die Waschbecken und wischte den Gang im Schlafsaal. Es gab durchaus Schlimmeres, wie ich ja nun wusste.

Spinnenjägerin – schlechtes Karma?

Ich sollte jedoch nicht als Parkettkosmetikerin im Mädchentrakt anheuern. Sondern Spinnen jagen. Was? Hatte ich mich verhört? Waren nicht im Yoga alle Lebewesen wertvoll und sollten geachtet und behütet werden? Wie hatte ich mir das vorzustellen? Darauf wusste die Karma-Yoga-Supervisorin auch keine Antwort. Sie drückte mir einen pinkfarbenen Teleskop-Besen in die Hand, in dessen Borsten etwas klebte, was an Spinnennetze erinnerte. Bewaffnet mit diesem Utensil sauste ich fortan wie Harry Potter durch die Gänge und suchte die Decken und Wände nach kleinen, haarigen Spinnen ab.

Thekla, die Spinne

Diese versteckten sich gerne in irgendwelchen Ecken oder unter den Betten. Ich war froh, wenn die fein gesponnenen Netze verwaist und die kleinen Gesellen zum Mittagessen irgendwo anders unterwegs waren. Nicht, dass ich Angst vor diesen Geschöpfen mit den vielen Beinen hätte. Aber die indischen Cousinen und Cousins von Thekla auf dem Gewissen zu haben, ist bestimmt nicht gut für’s Karma! So beschränkte ich mich darauf, das Refugium der Spinnen mit meinem Besen zu entfernen und zuzugucken, wie das ein oder andere Tierchen schnell davonkrabbelte. Eine gute Tat am Tag!

Auch wenn mich der Job als Spinnenjägerin zunächst in einen Gewissenskonflikt versetzte, war er zumindest sehr kommunikativ. Als ich das erst Mal in der Mission „Pinkfarbener Besen“ unterwegs war, waren alle erst einmal neugierig, was zum Kuckuck ich denn damit mache. Und schüttelten sich vor Lachen, als ich von meiner verantwortungsvollen Aufgabe erzählte. So ergab sich bei meiner Spinnenjagd hier ein Pläuschchen, da ein Schwätzchen. Und die Mädels waren dankbar, dass jemand die pelzigen Mitbewohner entsorgte. Tue deinem nächsten etwas Gutes, Karma Yoga!

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3 comments

  1. e

    Du hast gutes Charma als Spinnenjägerin gesammelt!

  2. Ich habe auch versucht, sie zu nur zu verscheuchen 🙂

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