Da waren wir nun, im Ashram der legendären Amma. Wir verabschiedeten uns von unserem Fahrer und seinem altersschwachen Fiat Uno. Beim Anblick dieses Autos wären dem deutschen TÜV übrigens die Tränen in die Augen geschossen. Bepackt mit unseren Rucksäcken schritten wir durch das Tor von Mata Amritanandamayi Math, dem pinkfarbenen Reich der „hugging mother“. Als unser Blick auf den Tempel gegenüber des Haupteingangs fiel, wussten wir: der Farbkitsch konnte noch übertroffen werden. Die Verzierungen des Tempels sahen aus wie bunte Sahnehäubchen, in den Fenstersimsen und auf dem Vordach thronten hinduistische Gottheiten. Krishna, Shiva, Laksmhi und viele andere. Alles knallig bunt, die ganze Palette des Pelikan Wasserfarbkastens war vertreten. Wir fühlten uns ein bisschen wie in Disneyland.

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Das war es dann aber auch mit der bunten Heiterkeit. Der Rest war ziemlich grau: der gewittrige, keralische Himmel, die staubigen Wege zwischen den Gebäuden, der Hauptplatz. Ja, und viele der Menschen, die uns entgegen kamen. Die Inderinnen waren farbenfroh, leuchteten, die aus dem Westen wirkten grau, blässlich, passten so gar nicht zu dem Traum in zuckerwattenrosa. Einige von ihnen sollten wir später noch näher kennenlernen, aber vorher geht es erst einmal zum Check-in!

Nachdem wir unsere Rucksäcke am Eingang des Tempels abgestellt und brav unsere Schuhe ausgezogen hatten, gingen wir die Treppe hinauf und reihten uns in die Schlange vor der Rezeption. Um uns herum ging es zu wie in einem Bienenstock: Indische Frauen, umgeben von hunderten von Kartons, die Broschüren falteten und in Umschläge packten. Info-Post an die Amma-Gefolgschaft in aller Welt. Fahl und mager aussehende Frauen und Männer in weißen Flatterhemden und Flatterhosen, die ihren Geschäften nachgingen. Der Mensch, der uns nach unserer Reservierungsbestätigung und unseren Reisepässen fragte, war ebenfalls blass, hager, mit einer großen Hornbrille. Die wäre hierzulande schon wieder chic weil retro, saß auf seiner Nase aber gefühlt schon seit den Achzigern. Er war Engländer und einer der vielen Amma-Anhänger, die hier ihren festen Wohnsitz hatten.

Er fand unsere Namen im Computer, behielt unsere Reisepässe und schickte uns in Hochhaus A. Dort sollten wir wohnen. Amma war leider nicht zu Hause, sie tourte noch mit ihrer Gefolgschaft durch die USA. Nein, man wisse nicht, wann genau sie denn zurückkäme, gab uns der Engländer noch mit auf den Weg. Doch wir lernten schnell: Amma war immer und überall präsent. Als wir auf den Aufzug warteten, entdeckten wir einen Aushang an der Wand. Es ging ums Energiesparen. Im Namen von Amma wurden die Bewohner höflich darauf hingewiesen, den Aufzug nur vollbesetzt zu starten. Mit unseren Rucksäcken und Taschen war der Aufzug schon fast voll. Wir wurden trotzdem von einer älteren Dame in weißem Flattergewand ermahnt, auf weitere Fahrgäste zu warten. Also warteten wir brav, zwölf Stockwerke mit Gepäck zu Fuß erklettern erschien als wenig attraktive Alternative.

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Wir fühlten uns beide schon etwas beklommen, als wir im zwölften Stock ausstiegen. Irgendwie herrschte hier eine seltsame Atmosphäre. Bedrückend. Freudlos. Aber ziehen wir doch erst mal ein. Und ruhen uns kurz aus. Als wir die Tür zu unserem neuen Zuhause aufschlossen, wanderten unsere Blicke zunächst suchend durch das Zimmer. Wo sind denn die Betten? Vielleicht ist es hier üblich, auf dem Fußboden zu schlafen? Zum Glück entdeckten wir an der Wand hinter der Tür zwei Matratzen, die Nacht war gerettet. Da wussten wir allerdings noch nicht, wie sehr man bei feuchtwarmen 36 Grad auf einer Plastikmatratze festkleben kann.

Anheimelnd war das rosarote Reich von Amma bislang nicht. Sîan war es mittlerweile gleichgültig, ob sie von Amma umarmt werden würde oder nicht. Sie beschloss kurzerhand, am nächsten Morgen weiterzufahren. Ich wurde kurzzeitig wankelmütig, entschied mich aber dann ganz schnell zum Bleiben. Gehen wir doch erst mal einen Tee trinken. Vorher genossen wir noch die traumhafte Aussicht, die wir von hier oben hatten. Als wir auf der Außentreppe unsere Kameras zückten, wurden wir schon wieder gerügt. Fotografieren verboten. Aber wir knipsen doch nur den Dschungel und die Backwaters. Auch verboten. Wir machten trotzdem ein paar Schnappschüsse. Auch von den Gebäuden. Das gab wahrscheinlich wieder mieses Karma. Aber egal. Das machte ich an anderer Stelle einfach wieder wett, dazu aber auch später.

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Als wir in den Hof kamen, hörten wir, wie jemand unsere Namen rief. Kerala ist fast so ein Dorf wie München. Tomoyo und Tomoko, zwei Japanerinnen, die wir aus dem Sivananda-Ashram kannten, hatten sich ebenfalls bei Amma einquartiert und hatten uns entdeckt. Sie waren schon seit mehreren Tagen da und warteten eigentlich nur noch darauf, sich ihre Umarmung abzuholen und weiter zu reisen. Die beiden nahmen uns unter ihre Fittiche und machten uns mit den wichtigsten Dingen bekannt: wo man Klopapier kaufen kann, wo die Gemeinschaftstoiletten sind, wo es was zu essen gibt.

Das „Western Café“, wo ich in den nächsten Tagen Stammgast werden sollte, hatte leider noch zu. Aber es war gerade ohnehin Zeit für den kostenlosen Nachmittagstee. Binnen Sekunden hatten sich in der Dharshan-Halle zwei riesige Schlangen gebildet. Hauptsächlich ältere indische Damen im Sari. Ein paar indische Herren in Kurta. Und die weißgewandeten „permanent residents“ aus dem Westen. Rucksacktouristen mit Jeans und bunten T-Shirt wie uns gab es kaum. Alle hatten ihren eigenen Becher dabei, nur wir nicht. Beim nächsten Mal also vorher am Kiosk einen Tee kaufen und dann einen Gratis-Tee nachfüllen lassen. Refill American style.

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Viel zu tun gab es für den Moment nicht. Im Gegensatz zum Sivananda Ashram durfte man bei der „hugging mother“ selbst entscheiden, ob man am Programm teilnimmt oder nicht. Und man durfte die heiligen Gemäuer verlassen, wie man wollte. Wenigstens tagsüber. Aber für heute war erst mal Ankommen und eine spirituelle Pause angesagt. So verbrachten wir den Nachmittag mit süßem Tee und köstlichen Kokoskeksen aus dem Kiosk. Die waren so fettig, dass die Papiertüte sofort Flecken bekam. Meine Jeans auch. Egal. Nach fast fünf Wochen Indien waren meine Klamotten sowieso schon nicht mehr taufrisch. Vielleicht muss ich mir sowie so ein weißes Schlabber-Outfit kaufen, wenn ich Amma treffen will?

Ob ich mich fortan kleidungsmäßig den übrigen Ashram-Bewohnern anpasste und ob wir in der nächsten Nacht um 4.30 Uhr aufstanden, um die „1000 Namen der göttlichen Mutter“ zu singen, erfahrt ihr in Kürze an dieser Stelle. In diesem Sinne, „Om Namah Shivaya“ und gute Nacht, ich gehe jetzt schlafen!

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9 comments

  1. D

    Wie immer schöne Fotos und ein gut geschriebener Bericht! Schönes Wochenende, Dirk

  2. 🙂 das freut mich! jetzt muss ich noch meinen ersten bezahlten beitrag schreiben und dann auf ins wochenendvergnügen! dir auch ein sonniges, erholsames WE! lg, alex

  3. D

    Hat dies auf Weiterbildungstagebuch rebloggt und kommentierte:
    Unser erster rebloggter Artikel. Er stammt von einer reisefreudigen Kurskollegin. Viel Spaß beim Lesen!

  4. Ich finde die Fotos klasse und da ich schon in Indien war und die Amma-Begegnung in Deutschland „erleben durfte“, kann ich die Atmosphäre gut nachspüren. OOOMMMMMMM

  5. yippie, ich freue mich riesig über die aufnahme ins ranking von HostelBookers!!!!

  6. M

    Meine Güte, Alex … für das grauslige Hochhaus entschädigt natürlich der phantasische Blick! Wusstest du schon, dass man sich auf der Plastikmatratze nachts mit einem Salzring um die ganze Schlafstätte vor Ameiseninvasionen schützen kann?..:) Wie immer ein toller Bericht mit Super Bildern! Ich bin keinesfalls überrascht über deine Nominierung zu den besten Reisebloggern August 2013 – http://blog-de.hostelbookers.com/reise-news/die-besten-reiseblogs-im-august-2013/ Congratulations Alex! Weiter so!

  7. vielen lieben dank, marianne! ich bin total überrascht, aber ich freue mich wie ein schnitzel!

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