Bunt, chaotisch und vielfältig – ein Blick hinter die Kulissen des indischen Modelabels Holii

Vor meiner Abreise nach Indien hatte ich Gelegenheit, in einem superspannenden Projekt mitzuarbeiten. Eine Freundin von mir berät Modeunternehmen, die sich den Prinzipien des „Ethical Trade“ verschrieben haben, bei der Suche nach Produktionspartnern in Indien und beim Aufbau entsprechender CSR-Programme. Eines ihrer ersten großen Projekte war der Launch einer Babymodelinie, den ich kommunikativ begleiten durfte. Dafür habe ich mich durch Tonnen von Material zu Fast Fashion, Fair Fashion, Ethical Trade und Sozial- und Umweltstandards in der Modeindustrie gewälzt. Ein Thema, das nicht ohne ist. Auch wenn sich inzwischen sogar die Fast Fashion Label auf die Fahnen schreiben, fair und ethisch korrekt in klassischen Textil-Outsourcing-Ländern wie Indien zu produzieren, sind die Standards häufig noch immer weit von dem entfernt, was wir in Europa als sozialverträglich bezeichnen würden.

Durch Zufall habe ich vor einigen Wochen die Marketing Managerin eines indischen Modelabels kennengelernt. Devika arbeitet für Holii, einen Hersteller von Ledertaschen und -accessoires mit Sitz in Pondicherry. Wir treffen uns zum Abendessen. Als Devika erfährt, dass ich nicht nur über Reisethemen blogge, sondern eigentlich über alles, was irgendwie mit Indien zu tun hat, fragt sie mich, ob ich Lust habe, einen Blick hinter die Kulissen von Holii zu werfen. Zusammen mit ihrem Chef Dipen fahren wir zwei Tage später nach Villianur, ein kleines Dorf zwanzig Minuten von Pondicherry entfernt. Hier war bis vor kurzem der Hauptsitz von HiDesign, dem Mutterunternehmen von Holii. Heute ist hier nur noch die Produktionsstätte der beiden Labels untergebracht.

Eine Führung durch die Lederfertigung von Holii

Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass hier eine Fabrik sein soll. Niedrige rote Backsteingebäude inmitten eines parkähnlichen Geländes. Die schattigen Wege rund um den Seerosenteich laden zum Spazierengehen ein. Kein einziges Geräusch stört die Stille. Nur das Schild „Main Factory“ weist darauf hin, dass hinter den Mauern fleißig gearbeitet wird. Doch auch in den luftigen, hellen Gebäuden geht es ruhig zu. Man hört nur das Surren der Nähmaschinen. Adler-Nähmaschinen im Übrigen … Die Frauen und die wenigen Männer, die hier Leder zuschneiden, Lederstücke zusammennähen, Innenfutter und Reißverschlüsse einsetzen, arbeiten alle hochkonzentriert. Es wird nochmals nachgemessen, bevor das passende Stück Leder  für das iPad-Cover ausgeschnitten wird und ein Blick auf die Anleitung geworfen, auf der Schritt für Schritt erklärt wird, wie das Taschenmodell aussehen soll.

Ich bin überrascht, keine fließbandähnliche Massenproduktion und riesige Maschinen vorzufinden. Nein, hier ist alles Handarbeit, erklärt Dipen. Präzise, qualitativ hochwertige Handarbeit ist eines der Aushängeschilder von HiDesign und Holii. Von Fließbandarbeit im Akkord hält man nichts. Es wird in kleinen Gruppen gearbeitet, doch in erster Linie setzt man auf eigenverantwortliches Arbeiten. Das wirkt sich nicht nur positiv auf die Qualität der Endprodukte aus, sondern auch auf die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter, so Dipen. Motiviert wirken tatsächlich alle hier. Von Dipen erfahre ich, dass ausschließlich Frauen aus dem umliegenden Dörfern in der Holii-Fertigung arbeiten. Man möchte ein guter „Corporate Citizen“ sein und hat die Frauen, und die wenigen Männer, die ich an den Arbeitstischen sehe, gefragt, ob sie Interesse haben, für Holii und HiDesign zu arbeiten und sie für die Tätigkeit angelernt.

Wir gehen nach draußen. Hier wir das Leder vorsortiert, nach Mängeln gesucht. In Villianur wird das Leder nur weiterverarbeitet, gegerbt und gefärbt wird es woanders. Ich habe viel gelesen über die Lederproduktion in Indien. Dass dabei oftmals hochgiftige Stoffe verwendet werden, die extrem gesundheitsschädigend sind. Das für Holii und HiDesign verwendete Leder wird ausschließlich mit natürlichen Farben behandelt, versichert Dipen. Man achtet bei allen Schritten der Produktion auf umweltfreundliche Prozesse.

Natürlich kann ich nicht ganz hinter die Kulissen schauen. Doch ich habe tatsächlich den Eindruck, dass man hier gut arbeiten kann. Es ist Mittagszeit. Die Frauen haben es sich mit ihren Tiffin-Boxen auf dem Boden bequem gemacht. Sie lachen, als ich frage, ob ich sie fotografieren darf. Und bieten mir etwas von ihrem Essen an. Die zu Hause vorgekochten Köstlichkeiten sehen verlockend aus. Leider habe ich mir am Abend vorher den Magen verdorben und muss dankend ablehnen.

Vom Ein-Mann-Betrieb in Auroville zum internationalen Modekonzern

Bevor wie zurückfahren nach Pondicherry, darf ich noch einen Blick auf das riesige Taschenregal werfen mit den Stücken vergangener Kollektionen. Dipen zeigt mir auch das allererste Modell der HiDesign-Kollektion, eine tolle Vintage-Tasche in Cognac, die ich am liebsten sofort mitgenommen hätte. HiDesign hatte seinen ersten Kunden übrigens in Deutschland. Als Unternehmensgründer Dilip Kapur vor über 35 Jahren seine ersten Taschen hergestellt hat und sie einem deutschen Bekannten zeigte, war dieser sofort so begeistert, dass er mehrere Taschen mitnahm und sie in Deutschland verkaufte.

Die Geschichte von Dilip, den ich im Hauptsitz von HiDesign kurz kennenlernen durfte, ist übrigens eine sehr spannende. Dilip, inzwischen 69, stammt aus Pondicherry, wo er die Schule des Sri Aurobindo Ashrams besucht hat. Zum Studium hat es ihn in den Siebzigern in die USA verschlagen. Er war ein Hippie, mit langen Haaren. Ein Rebell. Als er in Princeton promovierte, kam er durch Zufall mit einem Lederhersteller in Kontakt. Und verliebte sich in das Material. Zurück in Indien, zieht er nach Auroville, in die „Stadt der Morgenröte“, die Kommune, deren Geschichte eng mit dem Sri Aurobindo Ashram verwoben ist. In einer kleinen Werkstatt entwirft er seine ersten Lederhandtaschen.

Das einstige Ein-Mann-Unternehmen, das zunächst mehr ein Hobby für Dilip Kapur war, ist heute ein internationales Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern. Nachdem HiDesign zunächst hauptsächlich im Ausland groß wurde, findet man inzwischen in fast jeder indischen Großstadt einen HiDesign Flagshipstore.

Holii – eine moderne Interpretation indischer Kultur

2009 hat HiDesign mit Holii ein zweites Label auf den Markt gebracht. Während die Kollektion von HiDesign eher klassisch ist, sind die Taschen und Accessoires von Hooli bunt. Bunt wie Indien. „Holii reflects the colourful Indian chaos, the vibriant buzz of India“, beschreibt Dipen die Seele des Labels. Holii steht für das bunte, lebendige Chaos, das Indien so besonders macht. „Mit Holii wollen wir eine Brücke schaffen zwischen der Ästhetik des traditionellen Indiens, die sich in vielen Ausprägungen unserer Kultur wiederfindet, sei es in der Architektur, in den Farben, in Mustern, und dem modernen Indien. Die moderne indische Frau ist vielschichtig. Sie ist stylish, liebt einen gewissen Hauch von Glanz und Glamour und ist zeitgemäß und modern. Gleichzeitig ist sie stolz auf ihr Indischsein. Übersetzt in Mode heißt das, indische Klassiker mit modernen, westlichen Elementen zu kombinieren. Dieses Lebensgefühl versuchen wir mit Holii auszudrücken.“

Holii_Rashi

Die kreative „Mastermind“ hinter Holii ist eine junge Frau, Rashi Agarwal, seit 2013 Creative Head bei Holii. Ich besuche Rashi in ihrem Büro, das im Hauptsitz von HiDesign in einem schönen, alten Gebäude im französischen Viertel von Pondicherry untergebracht ist. In dem Regal hinter ihrem Schreibtisch stapeln sich die Taschen der letzten Kollektionen. Rashi verrät mir, woher sie ihre Inspirationen holt, was Holii für sie besonders macht und welche Trends 2016 zu erwarten sind.

Rashi, was inspiriert Dich bei Deinen Designs?
Als Designerin bin ich immer und überall mit einem Auge auf der Suche. Ich suche nach Inspiration in fast allem, was mir tagtäglich begegnet. Am meisten fühle ich mich von Architektur beeinflusst. Und von historischen Gebäuden und Monumenten.

Wie gehst Du vor? Wie läuft Dein Kreativitätsprozess ab?
Ich gehe in der Regel von etwas Klassischem aus. Und suche dann nach neuen, innovativen Wegen, diesen Klassikern eine zeitgenössische Wende zu geben. Oftmals sind es ganz simple Dinge, die mich inspirieren. Aus einem Gedanken entwickelt sich eine Idee, die dann zu einem Konzept wird, aus dem dann irgendwann eine ganze Kollektion entsteht.


Was macht Holii für Dich einzigartig?
Holii ist farbenfroh, praktisch und innovativ. Es ist ein Label für moderne, indische Frauen, die sich mit ihrem Indischsein identifizieren, aber gleichzeitig moderne, weltoffene Frauen sind. Alle unsere Taschen sind aus Leder. Das heißt, je älter sie werden, desto schöner werden sie. Was Holii ebenfalls einzigartig macht, sind die Farben und die glänzenden Beschläge und Reißverschlüsse.

Welches Modell der Holii-Kollektion ist Dein Favorit?
Ganz klar die Shiva-Modelle. Das war die erste Kollektion, die ich entworfen habe. Sie wird daher immer etwas Besonderes für mich bleiben.

Was wird der Taschentrend 2016?
Beuteltaschen werden auch im nächsten Jahr ganz oben auf der Hitliste stehen, auch wenn diese uns schon eine ganze Weile begleiten. Mit einer lässigen Tote Bag ist man ebenfalls auch in 2016 trendy, diese Form kommt niemals aus der Mode. Was die meisten wahrscheinlich nicht ewartet würden: Gürteltaschen, die wir aus den Neunzigern kennen, feiern 2016 ein Comeback, allerdings in einer aufgepeppten, zeitgemäßen Variante.

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