New York Brooklyn Williamsburg Hasidic Jews

[#BrooklynGuides I] „Glatt Koscher“: Das Williamsburg der chassidischen Juden

Regisseur Woody Allen, Schauspielerin Barbra Streisand, Gangsterboss Al Capone, Rapper Jay Z, Basketball-Legende Michael Jordan, Box-Ikone Mike Tyson – sie alle haben eines gemeinsam: Sie stammen aus Brooklyn. Das ist der Stadtbezirk New Yorks, von dem es heißt, dass einer von sieben Amerikanern entweder in Brooklyn geboren ist, in Brooklyn gelebt oder Verwandte hat. Oder mindestens einmal im Leben dort gestrandet ist, weil er die falsche U-Bahn genommen hat.

In vielen Ecken Brooklyns hätte man noch vor zwanzig Jahren nicht unbedingt aus Versehen landen wollen. Beispielsweise in Red Hook, dem ehemaligen Industrieviertel an der Upper New York Bay, das in den Neunzigern als Crackhauptstadt der USA von sich reden machte. Oder in Brownsville. Wer heute dort aufwächst, so ist in den New Yorker Zeitungen zu lesen, ist mit 25 entweder tot, sitzt im Gefängnis oder steht auf der Abschussliste der anderen Gang.

Wo man in 2017 als New York Besucher gerne herumstreift – das ist zwischen den pittoresken Backsteinhäusern in Brooklyn Heights und den hübschen Stadtvillen in Park Slope und Prospect Heights. Oder in den gentrifizierten, ehemaligen Arbeitervierteln Williamsburg und Greenpoint und den neuen „Hipsterhochburgen“ Bushwick und Flatbush, die Williamsburg langsam aber sicher den Rang ablaufen. Ebenfalls empfehlenswert: ein Streifzug durch das chassidische Williamsburg, der einer Zeitreise in eine völlig andere Welt gleichkommt.

„I think of myself as a girl from Brooklyn.“
– Barbra Streisand –

Der ultra-orthodoxe Schneider von Brooklyn Williamsburg

Der M-Train rumpelt über die Williamsburg Bridge. Seit 1903 verbindet sie die Manhattaner Lower East Side mit dem südwestlichen Ende von Long Island. In unserem Rücken erheben sich die braunroten Mietkasernen der Lower East Side, weiter im Süden ragen die Spitzen der glitzernden Wolkenkratzer des Financial Districts in den grauen Himmel. Die erste Haltestelle, nachdem der Zug den East River überquert hat, ist unsere – Marcy Avenue. Wir haben nur eine vage Vorstellung, wo wir hin müssen. Einen alten Schneider suchen wir, der traditionelle Gewänder näht für die ultra-orthodoxen Juden, die in diesem Teil von Williamsburg leben.

Wir überqueren den Broadway und die Division Avenue, warten an der roten Ampel. Und spüren dabei die Blicke. Wie Eindringlinge fühlen wir uns, die einen Fuß in eine Welt gesetzt haben, die nicht ihre ist. Zwei blonde Frauen in Jeans fallen auf in einer Umgebung, in der die anderen Frauen wirken wie in einem Film aus den Fünfziger Jahren. Überknielange, weite Röcke, dazu flache Schuhe, Nylonstrumpfhosen mit einer Naht hinten. Die Frisuren sehen irgendwie unnatürlich aus. Es sind Perücken. Die meisten Frauen tragen dazu noch einen Hut oder ein turbanartiges Kopftuch, das die Haare komplett verhüllt. Je religiöser, desto mehr Kopfbedeckung. Die Männer sind in schwarze, lange Gehröcke gekleidet. Unter den hohen, schwarzen Hüten kringeln sich Schläfenlocken, dazu ein langer Bart. Wir fühlen uns eingeschüchtert. Einen der Passanten nach dem Schneider zu fragen scheint unmöglich.

New York Brooklyn Williamsburg Chassidische Juden

New York Brooklyn Williamsburg Chassidische Juden

An der Lee Avenue reihen sich Geschäfte mit Judaica an Spirituosenhändler, die koscheren Wein verkaufen, und an Delis, aus denen es nach Knish und Hering duftet. Irgendwann finden wir tatsächlich eine Schneiderei, in der ein alter Mann an einer noch älteren Nähmaschine sitzt. Vorsichtig erzählt Christine, dass wir für die deutsch-jüdischen Zeitung „Aufbau“ arbeiten und sie ihn und seine Arbeit gerne für eine Reportage porträtieren würde. Barsch komplementiert er uns heraus. Er sprach nur Jiddisch. Die ultra-orthodoxen Juden aus Williamsburg gelten nicht als die gesprächigsten und offensten Menschen. Sie gehören den Satmar Hassidim an, einer chassidischen Glaubensströmung, deren Name auf die rumänische Stadt Satu Mare zurückgeht. Während des Zweiten Weltkriegs flohen die Satmar Hassidim aus Rumänien und Teilen Ungarns in die USA. Hier, im südlichen Teil von Brooklyn Williamsburg an, führen sie bis heute ein weitgehend abgeschottetes, streng reglementiertes Leben.

Wieder im M-Train nach Brooklyn Williamsburg

Dieser kalte Januarmorgen liegt fast 20 Jahre zurück. Seitdem war ich mehrere Male wieder in New York, aber nie wieder im chassidischen Teil von Williamsburg. Erst letzten Sommer sitze ich erneut im M-Train. Ich lande zuerst auf der falschen Seite des Brooklyner Broadway, im puerto-ricanischen Viertel. Die junge Frau auf der Parkbank zuckt mit den Achseln. Der Friseur, den ich nach dem Weg zur Lee Avenue frage, kommt mit auf die Straße und zeigt mir, in welche Richtung ich gehen muss. Ich biege in die Roebling Street. Ich fühle mich nicht ganz so unwillkommen wie 1999. Wobei mich eigentlich niemand beachtet. Blickkontakt ist verboten bei den ultra-orthodoxen Juden. Die Frauen sehen durch mich hindurch. Selbst die Kinder behandeln mich wie Luft. Fast jede Frau, der ich begegne, schiebt einen Kinderwagen vor sich her und hat dazu gleich mehrere Kleinkinder an der Hand. Die älteste Tochter, selbst noch ein Kind, schiebt den Kinderwagen mit dem jüngsten Nachwuchs der Familie. Große Familien mit vielen Kindern zu haben gilt bei den chassidischen Juden als Zeichen des Erfolgs. Geheiratet wird entsprechend früh, meistens direkt mit 18. Ein Heiratsvermittler, ein sogenannter „Shadchen“, arrangiert die Ehen.

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein in diesem Teil von Brooklyn Williamsburg. Das glitzernde, hippe New York liegt nur eine Haltestelle von hier, scheint jedoch Galaxien entfernt zu sein. Derselbe Kleidungsstil wie damals. Dieselben alten, quietschgelben Schulbusse mit hebräischer Aufschrift. Dieselbe Art von Geschäften. Doch zwischen die Antiquitäten- und Haushaltswarenhändler, Scherenschleifer und Optiker mischen sich Handyshops. Fast jeder Zweite auf der Straße hat ein Mobiltelefon am Ohr. Ganz scheint man sich dem 21. Jahrhundert doch nicht zu entziehen, auch wenn Internet und Fernsehen nach wie vor verpönt sind bei den chassidischen Juden in Brooklyn Williamsburg. Doch ansonsten bleibt man den Traditionen treu. Man sieht keine Paare auf der Straße. Hipster-Cafés oder Vintage-Boutiquen wie im nördlichen Williamsburg sucht man hier vergebens.

New York Brooklyn Williamsburg Chassidische Juden

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Strikt koscher in Williamsburg: Pastrami bei „Gottlieb’s“

Zögernd öffne ich die Tür zum „Gottlieb’s“. Für Frauen ist es in dieser Gegend von Brooklyn Williamsburg nicht üblich, alleine in ein Restaurant zu gehen. Fast rechne ich damit, nicht bedient zu werden. Doch der rothaarige, blasse Koch hinter der Theke fragt mich freundlich, was ich haben möchte. Bekannt ist das Gottlieb’s, das seit 1962 strikt koschere Küche kredenzt, vor allem für ungarisches Gulasch, Pastrami-Omeletts und mit Pastrami gefüllten Teigrollen. Die hätte ich wohl besser gewählt. Mein Pastrami-Sandwich kommt zwar als üppige Portion, doch die blassen Toastscheiben hätte ich gerne gegen einen Bagel eingetauscht. Vielleicht gönne ich mir noch ein Stück Schokoladen-Babka in der Oneg Heimishe Bakery an der Lee Avenue unterhalb der Heyward Street …

New York Brooklyn Williamsburg Chassidische Juden

Chassidisches Williamsburg in Brooklyn – einige Tipps

Orientierung: Das chassidische Williamsburg erstreckt sich zwischen Division Avenue, Heyward Street und dem Brooklyn Navy Yard. Die Lee Avenue ist die Hauptlebensader des Viertels. Ich schlendere auch ein wenig durch die Nebenstraßen. An der Rodney Street befindet sich die Hauptsynagoge des Viertels, die Frauen jedoch nicht betreten dürfen. Eine interessante Geschichte hat die Yeshiva in der Keap Street. Wo heute der Talmud unterrichtet wird, war einst die Eastern District High School untergebracht. Autor Henry Miller und Sänger Barry Manilow drückten hier die Schulbank.

Aussteiger: Mehr und mehr jüngere Chassidim entscheiden sich früher oder später, dem traditionellen Lebensstil den Rücken zuzukehren. Während meines Praktikums beim „Aufbau“ lernte ich eine dieser „Aussteigerinnen“ kennen – die damals 41-jährige Miriam Abraham. Als Tochter eines chassidischen Rabbiners drehte sich ihr Leben lange Zeit um jüdische Gesetze, Bibelstudien und den Talmud. Sie wurde nach Brooklyn Williamsburg verheiratet. Durch Zufall entdeckte sie die Welt der Kunst für sich. Sie trennte sich von ihrem ersten Mann, studierte Kunst und Architektur, wurde Fotografin und stellte ihre Werke in Galerien in Manhattan aus. Ich würde gerne wissen, was aus ihr geworden ist. Leider konnte ich im Internet nichts über sie finden.

Touren: Einige der Chassidim, die das ultra-religiöse, streng reglementierte Leben ihrer Gemeinde hinter sich gelassen haben, haben sich irgendwann mit ihrer Vergangenheit ausgesöhnt. Sie bieten heute Touren an durch die chassidischen Viertel von Brooklyn. Dazu gehören neben Williamsburg auch Crown Heights und Borough Park.

Filmtipp: Wer etwas über die komplizierte Beziehung zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Kultur erfahren möchte, schaut sich nochmal  „Plötzlich Gigolo“ an. Der Film von Woody Allen kreist unter anderem um die Geschichte zwischen der Witwe eines chassidischen Rabbiners aus Williamsburg und einem italienischen Blumenhändler, der wider Willen zum Gigolo wird.

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14 comments

  1. J

    Eine schöne Reportage mit tollen Fotos! Ich war gerade das erste Mal in Israel und dort erzählte man mir von diesem ultra-orthodoxen Viertel in Brooklyn. Faszinierend, wie sich dieser so ganz andere Lebensstil in einem Viertel, das sich nur ein paar U-Bahn-Stationen vom glitzernden Teil des Big Apple befindet, über die Generationen hinweg hält. So eine geführte Tour würde ich bei meinem nächsten New York Besuch gerne mitmachen. Und natürlich ein Pastrami-Sandwich essen!

  2. Liebe Julia, vielen, vielen Dank, das freut mich sehr! Israel steht auch ganz oben auf meiner Liste, wollte eigentlich zur TBEX reisen, musste ich aus Zeitgründen wieder verwerfen. Dieser Teil von Brooklyn ist wirklich unglaublich faszinierend. Ich habe es auf eigene Faust erkundet, würde aber gerne einmal eine Tour mitmachen, um noch mehr zu erfahren. Und: Pastrami Sandwiches sind einfach der Hammer <3. LG, Alexandra

  3. Was für ein interessanter Artikel, Alex. Als New York Fan habe ich es bisher noch nicht nach Brooklyn geschafft. Deine Schilderung dieses Stadtviertels macht mich neugierig. Mich fasziniert der jüdische Lebensstil. Erst im letzten Jahr haben wir uns das jüdische Viertel in Wien etwas genauer angesehen. Mal sehen, wann wir es wieder nach New York schaffen. Dann steht das bestimmt auch auf unserem Reiseplan.

  4. Vielen lieben Dank Euch! Brooklyn ist absolut lohnend, ich finde es inzwischen fast spannender als Manhattan. Und dieser Teil von Williamsburg ist wirklich einen Besuch wert, eine völlig andere Welt. Liebe Grüße, Alex

  5. M

    Sehr informativer und interessanter Artikel, habe zwar schon zuvor Einiges über Brooklyn gehört, du hast mich aber nun mit noch mehr spannenden Fakten bereichert!
    Lg aus Ecuador

  6. Vielen lieben Dank, das freut mich! Beim nächsten New York Besuch unbedingt mit einbauen! LG aus München, Alex

  7. Hallo Alex, ein wirklich interessanter Artikel! NYC steht nächstes Jahr auf meiner Bucket List und da hoffe ich, dass ich es auch nach Brooklyn schaffe. Ich würde so gerne in diesen mir komplett fremden Lebensstil der ultra-orthodoxen Juden eintauchen. Ich finde das total spannend. Deine Fotos sind wie immer wunderbar 🙂 GLG aus Kärnten, Anita

  8. D

    Wow, dein Artikel hat mich wirklich in den Bann gezogen. Möchte jetzt die beschriebene Stimmung unbedingt auch selbst erleben. Brooklyn hatte ich vorher nicht wirklich auf dem Plan, war aber auch erst einmal in New York und habe da die üblichen Sehenswürdigkeiten abgeklappert. 😉 Es soll aber nicht das letzte Mal gewesen sein und dann steht auch Brooklyn auf der Liste.

    Vielen Dank für diese schöne Reportage.

    LG Daniela

  9. Vielen Dank für den tollen Artikel. Von dem Teil Brooklyns habe ich noch nie gehört. Das ist bestimmt richtig spannend. Besonders deine s/w-Fotos vermitteln noch einen intensiveren Eindruck von der anderen Welt, in die man dort eintaucht.
    Deinen Artikel habe ich mir für meinen nächsten NY-Besuch abgespeichert.
    LG
    Ina

  10. Ich hab noch nie davon gehört und hätte auch niemals erwartet, solche eine Lebensweise in Brooklyn zu finden. New York hat ja so viele Facetten, ich muss da unbedingt mal wieder hin. Danke für den tollen Bericht und die super Fotos! LG, Nina

  11. Hallo,
    vielen Dank für den tollen und informatieven Artikel. Ich kenne bisher nur das jüdische Viertel von Venedig und da ist es mir ähnlich ergangen wie dir. Man hat das Gefühl in einer anderen Zeit gelandet zu sein.
    Liebe Grüße
    Anja

  12. Hallo Alexandra.
    ein faszinierender Artikel über einen faszinierenden Teil New Yorks. Ich habe Ende der Neunziger Jahre zwei Monate in NY gelebt, mich jedoch meist in Manhattan und der Bronx aufgehalten und war sehr selten in Brooklyn. Von diesem Teil der Stadt hatte ich noch nie zuvor gehört. Es würde mich aber interessieren, dort mal vorbeizuschauen. Tja, vielleicht, wenn ich mal wieder in die Stadt komme…
    LG
    Hartmut

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