[#BrooklynGuides II] Im Hipster-Himmel in Williamsburg

Ein eisiger Wind pfeift mir um die Ohren, als ich an der Station Bedford Avenue in Williamsburg die Treppen von der Subway hinauf laufe und auf die menschenleere Straße trete. Ich ziehe meine Mütze tiefer über die Ohren und blinzele in die fahle Wintersonne. Schnell entdecke ich an der Kreuzung das Schild „Salvation Army“. Vor dem Secondhandladen der Heilsarmee wartet schon der Guide des jüdischen Community Centers 92nd Street Y. „Art in Williamsburg“ steht an diesem Sonntagnachmittag auf dem Programm. Wir würden ein paar Künstler kennenlernen, die sich in den ehemaligen Fabrikgebäuden und Lagerhäusern am Ufer des East River ihre Ateliers eingerichtet haben.

Künstlerlofts in alten Fabriken am East River

Bitterkalt ist es, als wir Richtung Wasser laufen, der New Yorker Winter hat es in sich. Wir passieren die alte Domino Zuckerfabrik und betreten eines der verwaist wirkenden Gebäude. Nicht wesentlich wärmer ist es in dem kahlen Raum mit dem Krankenhausbett, in dem wir uns um den Künstler mit dem weißen Malerkittel und dem dicken Schal scharen. Die Mieten in Manhattan habe er sich irgendwann nicht mehr leisten können, erzählt uns der etwas blass aussehende Endzwanziger mit den dunklen Haaren. Seitdem lebt und malt er auf diesen 20 Quadratmetern in Williamsburg. Nicht ganz legal, denn das Fabrikgebäude steht eigentlich leer.

Ein letzter Blick auf seine großformatigen Acrylbilder und durch die schon etwas blinden Fensterscheiben auf die Wolkenkratzer Manhattans auf der anderen Seite des East Rivers und wir ziehen weiter. In eine Künstler-Kommune, die sich über eine ganze Etage in einem alten Lagerhaus breit gemacht hat. In der Küche stehen noch die schmutzigen Gläser von der Party am Vorabend. Heute wird nicht gemalt, sondern der Kater auskuriert. Willkommen in Brooklyn Williamsburg, wir schreiben das Jahr 1999.

„Brooklyn has always been ahead of its time.“
– Jimmie Lee Solomon –

Williamsburg: Home of the Hipsters

August 2016, Montagmorgen, neun Uhr. Die Zeitverschiebung hat uns schon früh aus dem Bett geworfen. Ein Schwall heißer Luft kommt uns entgegen, als wir an der Bedford Avenue aus dem L-Train steigen. Die Bahnhöfe der New Yorker Subway verwandeln sich im Sommer in eine Sauna. Wir bahnen uns den Weg durch die Masse an Menschen, die in den Zug strömen. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit. Den Outfits nach zu urteilen verdienen sie ihr Geld wahrscheinlich in den Büros der Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien im Rockefeller Center in Midtown oder im Financial District.

New York Brooklyn Williamsburg

Wir treten auf die Straße. Dort, wo 1999 die Kleiderkammer der Heilsarmee war, befindet sich jetzt ein Dunkin‘ Donuts. Offenbar der einzige Laden weit und breit, der um diese Uhrzeit schon geöffnet hat, ausgerechnet. Die Bedford Avenue, die Lebensader des hippen Williamsburg, scheint erst zu späterer Stunden zu pulsieren. Doch wir haben Glück und müssen nicht mit einem schwachen Filterkaffee im Neonlicht der Dunkin‘ Donuts-Filiale frühstücken, die irgendwie so gar nicht hierher passt. Das Fabiane’s auf der Höhe der North 5 Street hat schon offen. Außer uns sitzt nur ein älterer Mann in dem Café, das vor allem für seine glutenfreie Pâtisserie bekannt ist. Die Hipster aus Brooklyn, die nicht in Manhattan arbeiten, schlafen wohl noch alle, während wir mit Eiern mit Schafskäse aus dem Ofen und Oatmeal mit frischem Obst frühstücken.

Bedford Avenue: Vegane Cafés und Vintage Boutiquen

Langsam erwacht die Bedford Avenue zu Leben. Mütter mit Kinderwägen, Väter mit Buggies, bärtige Hipster in Karohemden, vegane Cafés, Vintage Boutiquen, Food Trucks mit Tex Mex, Street Art, esoterische Buchläden – in Williamsburg fühlt sich Brooklyn an wie Berlin Friedrichshain oder Stockholm Södermalm. Und steht in krassem Gegensatz zum südlichen Teil von Williamsburg, der Enklave der chassidischen Juden New Yorks, wo man sich in ein anderes Jahrhundert zurückversetzt fühlt.

„Everyone who does not live in Berlin lives in Brooklyn now.“
– Don DeLillo –

Wie die „Hipsterhausens“ der Metropolen der Welt, hat sich das nördliche Brooklyn Williamsburg in den letzten 15 Jahren vom Arbeiter- zum Avantgarde-Viertel gemausert. Auf die Künstler, die wir 1999 in den zugigen Fabriklofts besuchten, folgten die Studenten und darauf die Hipster – es lebe die Gentrifizierung. Wer von Manhattan nach Williamsburg gezogen ist, lebt in einem schmucken, roten Backsteinhaus mit gusseiserner Feuerleiter, bezieht ein Loft in einem der luxussanierten, ehemaligen Lagerhäuser oder nennt ein Penthouse in den glitzernden, funkelnagelneuen „Condos“ direkt am Wasser sein Eigen.

New York Brooklyn Williamsburg Bedford Avenue

New York Brooklyn Williamsburg Bedford Avenue

New York Brooklyn Williamsburg Bedford Avenue

New York Brooklyn Williamsburg

New York Brooklyn Williamsburg Street Art

New York Brooklyn Williamsburg Street Art

Williamsburg am Wasser: Smorgasburg und Partymeile an der Wythe Avenue

Der wahre New Yorker lebt am Ostufer des East River, heißt es heute. Vergessen sind die Zeiten, als die Manhattanites die Nase rümpften über die „BTP“ – die „Bridge & Tunnel People“, die am Wochenende von Brooklyn, Queens und New Jersey über die Brücken und durch die Tunnel nach Manhattan strömten, um sich dort ins Nachtleben zu stürzen.

Heute ist es genau umgekehrt. Da fährt man am Wochenende mit dem L-Train aus Manhattan nach Brooklyn. Um in einem der Clubs in der Wythe Avenue bis zum Morgengrauen zu feiern. Oder um am Samstag Mittag über den „Brooklyn Flea and Food Market“, auch unter den Namen Smorgasburg bekannt, zu bummeln. Hier haben viele Brooklyner Restaurants in den Sommermonaten jeden Samstag ihre Stände aufgebaut. Auch ohne den Food Market lohnt sich ein Abstecher in den East River State Park an der Kent Avenue: Schuhe ausziehen, durch den  Sand am Ufer des East River laufen und die Skyline von Manhattan bestaunen.

New York Brooklyn Williamsburg Smorgasburg

Zu guter Letzt: Praktische Tipps für Williamsburg

Hinkommen: Das nördliche Williamsburg liegt nur zwei Stationen mit der Subway von Manhattan entfernt. Einfach am Union Square in den L-Train steigen und bis zur Bedford Avenue fahren.

Orientierung: Das „Epizentrum“ des hippen Williamsburg befindet sich in der Bedford Avenue zwischen 12 North Avenue und Metropolitan Avenue. Es lohnt sich, auch die Querstraßen sowie die Berry Avenue und die Wythe Avenue zu erkunden.

Street Art: Williamsburg ist ein „Hotbed“ für Street Art. Wenn man an der Bedford Avenue aus der Subway kommt, trifft man sofort auf eines der berühmtesten Graffitis des Viertels: auf einen Polarbären, den der aus Italien stammende Street Artist Federico Massa aka Iena Cruz für Martin Miller’s Gin gestaltet hat. Wandgemälde jeder Art finden sich an fast jeder Straßenecke zwischen Bedford Avenue und Wythe Avenue – ein echter Hingucker für Liebhaber von Urban Art.

Restaurants, Cafés, Bars: Hipsterviertel haben es an sich, dass Szenelokale so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Ich schaue bei Städtetrips immer gerne im Time Out Magazin, was gerade angesagt ist. Sehr beliebt: Austern und Absinth im Maison Premiere an der Kreuzung Bedford Avenue und North 6 Street, das Reynard im Wythe Hotel und die Momofuku Milk Bar. Fans kleiner Kaffeeröstereien kommen im Blue Bottle Café in der Berry Street auf ihre Kosten.

Williamsburg im TV: Die Sitcom Two Broke Girls. Die Twenty-Somethings Max und Caroline teilen sich nicht nur ein Apartment in Williamsburg, sondern arbeiten als Kellnerinnen im selben Diner. Das Trinkgeld sparen sie sich für ihren Traum zusammen: ein eigenes Cupcake-Imperium. Typisch New York, typisch Williamsburg.

Williamsburg mit Ausblick: Der beste Ort für einen Sundowner mit Blick auf den East River und die Skyline von Manhattan ist das The Ides im Wythe Hotel. Mehr zu dieser schönen Rooftop-Bar in der Wythe Avenue in Über den Dächern: Die 6 besten Rooftop Bars in New York.

Rooftop Bars in New York

Es lebe das Vorurteil: „Hipsters with really rich parents“, „Moustaches“, „Trust fund Hipsters“, „Lower Class Hipsters“, „Hipster or Homeless“ – wer wissen möchte, welche Unterspezies Hipsters wo in Williamsburg lebt, dem sei ein Blick in die „Judgmental Map“ von Williamsburg empfohlen.

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12 comments

  1. New York ist und bleib eine der faszinierendsten Städte der Welt, wie ich meine 🙂 Ich war – bedingt durch meine Flugangst – noch nie da, nehme mir aber fest vor, irgendwann mit meinem inneren Dämon so weit zu kämpfen, um nach New York zu fliegen. Und dann werde ich auch Brooklyn besuchen und all die Tipps hier beherzigen.
    Ich finde diese Feuertreppen, die überall in Bilder zu sehen sind, echt seltsam. Ob sie im Notfall Leben retten oder nicht, kann ich nicht beurteilen, aber sie zerstören schon etwas von der typischen New-Yorker-Skyline… Besonders gut gefällt mir allerdings das Grafitti von den zwei Orkas. Sehr originell.
    Liebe Grüße
    Maria

  2. S

    Ich war noch nie in New York, aber es steht schon so lange auf meiner Wunschliste. Ich hoffe es klappt bald mit einem Besuch…Da ich großer Street Art Fan bin, hört sich Williamsburg für mich sehr gut an! Das muss ich mir auf jeden Fall mal genauer ansehen. Danke für den Tipp! VG Simone

  3. Hallo Alexandra,

    Williamsburg kenne ich nur vom Hörensagen bzw. vom Fernsehen – spannend zu sehen, wie sich Stadtviertel und ganze Städte im Laufe der Zeit verändern. Deine Fotos machen richtig Lust darauf, diesen Teil von New York mal zu erkunden.

    Und @Maria – ich bin mit dem Schiff nach New York gefahren (obwohl ich gerne fliege), das ist eine Alternative! 🙂

    Liebe Grüße
    Barbara

  4. Hallo Alexandra,
    ein sehr schöner Artikel mit tollem Mix aus Infos und Erfahrungsbericht.
    Habe mich beim Lesen wirklich wieder wie in Brooklyn gefühlt. Super spannend, wie schnell sich solche Orte doch wieder verwandeln und das schlechte Image komplett ins Gegenteil gedreht wird. Ich muss Williamsburg jetzt auf jeden Fall einen ausgedehnten Besuch abstatten!
    Liebe Grüße,
    Jessi

  5. K

    Liebe Alex,
    einfach wow, die Bilder sind grandios. Alleine schon das Startbild macht Lust auf Lesen und dann zu verreisen 🙂

    Glücklich darf man sich schätzen, wenn man diesen Stadtteil bei diesem sonnigen Licht fotografieren kann, dann wird alles automatisch eine Spur freundlicher. Und der schlechte Ruf lässt sich einfacher entsorgen.
    Liebe Grüße
    Katja

  6. Liebe Alexandra,
    da ich die USA nur aus dem Fernsehen kenne, lese ich Artikel wie deinen immer mit großer Neugier. Aber als ich gelesen habe, dass Max und Caroline sich dort in der Serie aufhalten, werden ich von heute an nie mehr unbeeinflusst „2 Broke Girls“ sehen. Ich liebe Zusammenhänge wie diesen 🙂
    Viele Grüße
    Elena

  7. Hallo Alexandra,
    das ist ja mal eine ganz andere Ecke in NY! Ich war im Dezember bei „eisigem Wind“ in Manhattan und haette mir gewünscht Sauna anstatt Schnee zu haben! Leider war der Aufenthalt viel zu kurz. Nach Brooklyn würde ich auch zu gerne fliegen und mir ganz viele Ecken ansehen! Gerne auch Williamsburg. Tausend dank für den Tipp mit dem veganen Café!
    Liebe Grüße,
    Alexandra

  8. A

    Liebe Alexandra,
    das sieht nach einer sehr spannenden Ecke von New York aus! Ich glaube dort könnte ich mich wohlfühlen. Und ein bisschen vom Winter zu lesen, während es draußen 30 Grad hat, ist herrlich erfrischend :-)!

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