Black Jack, Schokokekse und Schneegestöber – Markha Valley Trek Teil V

Grauer, tiefhängender Nebel, der die Sicht auf ein Minimum beschränkt. Dünner Nieselregen, der nach und nach in Schnee übergeht und langsam aber sicher durch die viel zu dünne Jacke dringt. Der die Hände und die Nase immer kälter werden und den Atem gefrieren lässt. Bei einem solchen Wetter möchte man sich am liebsten mit einem heißen Tee und einem guten Buch unter einer kuschelige Wolldecke verkriechen. Aber bestimmt nicht durch den Himalaya wandern. Ausgerechnet auf der landschaftlich spektakulärsten Etappe des Treks durch das Markha Valley – von Hankar nach Nimaling – werden wir von einem Wintereinbruch überrascht. Und das Mitte Juni. Selbst die Yaks, die unseren Weg kreuzen, schauen etwas verdutzt aus der Wäsche und wissen nicht so recht wohin mit sich.

Die violett gefärbten Bergketten im Hintergrund, die bei Sonnenschein angeblich so schön leuchten, können wir mir nur mit Mühe und Not ausmachen. Während wir auf unseren bisherigen Etappen stets eine Staubwolke hinter uns her zogen, weil alles so trocken war, müssen wir hier aufpassen, nicht auf dem matschigen Boden auszurutschen. Ich bin erleichtert, als wir unser Tagesziel erreichten, das Camp von Nimaling, einer auf 4.700 Meter gelegenen Hochalm. Auch wenn ich mich bereits zu diesem Zeitpunkt frage, wie ich bei diesen Temperaturen eine Nacht im Zelt überstehen soll.  Ausgerechnet bei der einzigen Zeltübernachtung muss es so kalt und ungemütlich werden. Ob mein im tibetischen Markt in Leh erworbener Fake-Mammut-Schlafsack das mitmachen würde – sehr fraglich. Angeblich gab es jedoch genug zusätzliche Decken und es war noch niemand erfroren.

Feuchtes Küchenzelt mit Kerosinofen anstatt heiße Dusche und Kamin

Wie gerne würde ich mich jetzt unter eine heiße Dusche stellen, meine nasse Kleidung gegen etwas frisches, trockenes austauschen und mich in einer Hütte an ein warmes Feuer setzen. Das sollte allerdings ein Wunschtraum bleiben. Der „Aufenthaltsraum“ war ein großes Zelt, mit ein paar Holzbänken auf dem durchweichten Boden, auf dem sich bereits Pfützen gebildet hatten, weil die Zeltplane schon etwas porös war. Die einzige Wärmequelle ist der Kerosinofen in der abgeteilten Küche. Hier hocken schon die Guides und die zwei kräftigen, hochgewachsenen Inder aus Delhi, die von der anderen Seite mit Guide auf Ponies hier hoch gekommen sind und offenbar zum ersten Mal Bergluft schnuppern. Jedenfalls tragen sie beide nur einen dünnen Pullover und Jeans. Das perfekte Outfit also für einen Himalaya-Ausflug auf fast 5.000 Meter.

Auf den Bänken an der Seite stapeln sich schon die Rucksäcke. Wir sind unter den Letzten. Patricia und Lucy, unsere Weggefährtinnen seit Sara sind schon da, die Französin, mit der ich mir in Hankar das Zimmer geteilt hatte, sowie Matthew und sein deutscher Kumpel, die ich auch tags zuvor schon in Hankar gesehen hatte. Es fehlen noch die Tochter der Französin, Berine, und ein weiterer Engländer, der sich offenbar verlaufen hat. Ishey und ich setzen uns dazu. Wir zittern alle um die Wette. Bis auf unsere Guides, die offenbar abgehärteter sind als wir. Ich habe selten in meinem Leben so gefroren. Auch, nachdem ich fast alles, was mein Rucksack an Kleidung hergab, übereinander angezogen habe: Skiunterwäsche, eine Fleecejacke, eine Softshelljacke,  Mütze, Handschuhe und ein extra Paar Socken. Wie sollte ich es bloß bis zum nächsten Tag überstehen?

Wie ich plötzlich Maggisuppe lieben lernte und zum Black-Jack-Crack wurde

Wir fragen die Jungs in der Küche, ob sie uns einen Tee kochen können. Der gesüßte Tee mit frischer Minze wärmt zumindest ein bisschen von innen. Und man kann seine Hände ein wenig an dem Glas wärmen. Wir spielen Black Jack, um uns abzulenken von der Kälte, die sich durch alle Ritzen frisst. Dass permanent einer der Camp-Betreiber die Holztür offen lässt und ein eisiger Wind durch das Zelt pfeift, macht es nicht besser. Auf eine Runde Black Jack folgt die zweite, die dritte, die zehnte, die sechzehnte. Die Schokokeksvorräte des Camps sind bereits aufgeknabbert. Sollen wir fragen, ob wir eine Maggi-Nudel-Suppe bekommen können? Bis zum Abendessen ist es noch so lang. Dass mir einmal eine Instantsuppe aus der Tüte so gut schmecken würde, hätte ich bis dahin nicht für möglich gehalten. Auf einer solchen Tour wird man genügsam.

Wir erzählen uns, was wir sonst so treiben im Leben, wenn wir nicht gerade bei null Grad im Himalaya sitzen. Matthew arbeitet für die GIZ. In Afghanistan. Er hat zwei Wochen Urlaub. Und verbringt diese in den Bergen von Ladakh. Die, wie er erzählt, fast genauso aussehen wie die Berge, die das Camp in der Nähe von Kabul umgeben, in dem er arbeitet. Für ihn ist die Zeit in Ladakh noch mehr als für uns ein Stück Freiheit und Erholung. Er genießt es, einmal nicht von Zäunen umgeben zu sein und sich frei bewegen zu können.

Die Mutter von Berine, ihren Namen habe ich leider vergessen, war schon unzählige Male in Indien, hat hier als Krankenschwester gearbeitet, plant als nächstes, eine Radtour entlang der pakistanischen Grenze zu machen. Die ältere Tochter sei zu Hause in Frankreich geblieben, sie sei etwas pummelig, hätte die Bergtouren nicht mitmachen können. Berine, die 13-jährige, schlägt sich tapfer.

Patricia und Lucy kenne ich schon, ebenfalls Mutter und Tochter. Die beiden haben mir in Sara mit ihren homöopathischen Wunderpillen geholfen, so dass mir nach zwei Nächten mit Magenproblemen am nächsten Tag sogar wieder ein Chapatti mit Nutella schmeckte. Die beiden sind ausgemachte Bergfexe, kommen aus der Region Rhônes-Alpes, wo Patricia als Bergführerin arbeitet. Für die ist die Markha-Valley-Tour eher ein kleiner Spaziergang. Sie haben bereits eine andere Tour gemacht und planen als nächstes, den Hausberg von Leh zu besteigen, den Stok Kangri, 6.150 Meter hoch.

Schade, dass Dirck und Ferdi nicht dabei sind, die beiden Frührentner, mit denen ich in Skiu im „Biergarten“ bei einem Godfather den Sonnenuntergang bewundert habe und die lustigerweise in Giesing beziehungsweise in Freising wohnen. Die beiden hätten auch viele Geschichten zu erzählen. Von ihren Bergexpeditionen in Pakistan. Davon, wie sie in Mustang in Nepal vom einem verfrühten Wintereinbruch überrascht wurden und die Expedition es mit Mühe und Not zurückgeschafft hat, bevor sämtliche Pässe komplett zugeschneit waren.  „Ja, da bastelt man schon mal so sechs Wochen an einem Berg herum und fragt sich, wozu eigentlich“, meint Dirck. Ich hatte jedoch Gelegenheit, noch ein paar dieser Geschichten zu hören, dieses Mal sogar in einem richtigen Biergarten, mitten in München!

20 Uhr – Schlafenszeit! Fit sein für den Aufstieg auf den Kongmaru La

Nach diversen Litern Minztee, weiteren Runden Black Jack und einem köstlichen Abendessen – wie schaffen die das, auf dem kleinen Ofen für zwanzig Leute so gut zu kochen? – trauen wir uns, auf die Uhr zu schauen. 20 Uhr, da könnte man doch eigentlich langsam ins Bett gehen? Natürlich vorher nochmal bei dem ganz am Rand des Camps gelegenen Steinhäuschen mit dem Trockenklo vorbeischauen. Sich bloß nicht nachts bei Minustemperaturen und Schneeregen aus dem Schlafsack pellen und im Stockfinstern die zweihundert Meter zum Klo laufen müssen.

Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugemacht. Obwohl ich mir ein bestmögliches Lager aus drei Decken und meinem Schlafsack gebastelt habe und mit voller Montur ins „Bett“ gegangen bin, kann ich gar nicht so schnell zittern wie ich friere. Es ist alles feucht und klamm und wenn ich mich umdrehe, liege ich nicht mehr auf der Pseudo-Isomatte, sondern auf dem nassen, kalten Zeltboden. Bin ich froh, als es um fünf Uhr draußen hell wird und es Zeit ist aufzustehen. Wir haben nämlich heute einen langen Tag vor uns und wollen um sechs Uhr losmarschieren. Ich ziehe den Reissverschluss meines Zeltes auf und traue meinen Augen nicht. Alles weiß, feinster, pudriger Neuschnee. Und ich sehe blauen Himmel, und die ersten Sonnenstrahlen um die Ecke blitzen. Vielleicht haben wir Glück, und  das Wetter hält zumindest so lange, bis wir auf dem Pass sind? Vor uns liegt ein zwei Stunden langer Anstieg auf den Kongmaru La, auf 5.130 Meter. Wo ich mich auf dem Trek zum Teil wirklich gequält habe, vor allem durch die Flußebene, wo die dicken Steine jeden Schritt nochmal beschwerlicher machten, fühle ich mich plötzlich fit wie ein Turnschuh. Von Kurzatmigkeit keine Spur. Ich muss dennoch immer wieder stehen bleiben, denn die Aussicht auf die violetten und braunen Bergketten, die Tags zuvor von Nebel umhüllt waren, ist einfach so schön, dass ich nicht genug bekommen kann.

Von Westen ziehen jedoch schon wieder die ersten Wolken auf. Lieber schnell weiter. Aus der Ferne sehen wir schon die bunten, schneebedeckten Gebetsfahnen, die den Pass zieren. Wir schaffen es leider nicht mehr vor der Nebelwolke. Eisiger Wind pfeift uns um die Ohren, die Nebelschwaden werden immer dichter. Dennoch genieße ich jede Sekunde. Ich bin stolz wie Oskar, dass ich es geschafft hatte, auf über 5.000 Meter. Und kann es nicht fassen, dass ich hier stehe. Mitten im mächtigen Himalaya, fernab jeglicher Zivilisation. Wobei, das mit der Zivilisation ist relativ. Während Ishey selbst mit ihrer lokalen SIM-Karte an den meisten Orten mangels Netz nicht telefonieren konnte, gibt es hier oben tatsächlich Empfang. Als ich mich an dem Anblick der Gebetsfahnen und dem Blick auf die durch den Nebel durchspitzenden Berge auf der einen Seite und das fast 2.000 Meter unter uns liegendem Indus-Tal auf der anderen Seite ergötze, telefoniert sie mit ihrem Mann in Leh.

Vor uns liegen noch gute sechs Stunden bis nach Chogdo, wo uns gegen zwei Uhr das Taxi aus Leh abholen soll. Sechs herausfordernde Stunden. Denn zum guten Schluss wird nochmal meine Höhenangst herausgefordert. Der Weg nach Chogdo führt durch Schluchten, über schmale, abgründige Wege. Die spektakuläre Landschaft nehme ich nur am Rande wahr, zu sehr bin ich damit beschäftigt, meinen Blick vom Abgrund wenden. Zum Teil ist der Weg ausgesetzt und wir müssen den Fluss durchqueren. Mittlerweile bin ich zum Glück schon so geübt, dass ich über die Steine balancieren kann, ohne das Gleichgewicht zu verlieren und hinein zu fallen wie am ersten Tag.

Endlich, Menschen, wir können nicht mehr weit vom Ziel entfernt sein. Leider nein. Die Jungs, die uns in Scharen in Trainingsanzügen und Turnschuhen entgegenkommen und für ihren Klassenausflug aus Südindien hergekommen waren, haben etwas weiter unten ihr Camp aufgeschlagen. Zumindest gibt es da noch mal ein Teezelt, perfekt, um sich von dieser wunderschönen Bergwelt zu verabschieden, bevor es wieder in die Zivilisation geht und ich mich in Thikse im Kloster einquartiere. Nein, ich habe auf dem Trek nicht beschlossen, Nonne zu werden. Ich will der Morgen-Purja beiwohnen. Davon berichte ich dann nächste Woche. Gute Nacht :-).

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