[#MünchnerKammerspiele #Exiles] Das Experiment: Drei Blogs, ein Stück

Nachdem ich letzten Dezember NICHT zu den auserwählten Twitter-Statisten gehörte, die im Residenztheater bei Würstchen und Senf live auf der Bühne zu Jean Paul’s „Flegeljahren“ Tweets absetzen durften, wartet ziemlich genau ein Jahr später viel Größeres auf mich. Und zwar nur ein paar Hundert Meter weiter die Maximilianstraße hinauf, in den Münchner Kammerspielen. Zusammen mit Juliane von mucbook und Sarah und Susanna von Let’s talk about arts darf ich der letzten Probenwoche von „Exiles“ beiwohnen, das am 19. Dezember 2014 in den Kammerspielen Premiere feiert.

Wie aufregend ist das denn, eine ganze Woche lang dabei zu sein, wenn Regisseur Luk Perceval und Dramaturg Jeroen Versteele und das Ensemble dem Stück von James Joyce den letzten Schliff geben, und dann darüber schreiben zu dürfen. Zumal ich ja keinen Theater- oder Kulturblog betreibe, sondern über meine Reisen berichte. Vielleicht zahlt sich ja nun doch endlich das Anglistikstudium aus. Oder ich konnte damit überzeugen, dass ich auch das ein oder andere Werk des irischen Schriftstellers in meinem Bücherregal stehen habe.

Das Briefing: Mit Dramaturg Jeroen Versteele auf einen Cappuccino in der Kantine

Jedenfalls freue ich mich riesig, dass ich mit meinem Blog dabei sein darf und kann es kaum erwarten, als ich am Mittwoch früh zusammen mit Juliane an der Pforte der Kammerspiele darauf warte, abgeholt zu werden. Auf dem Mäuerchen neben uns stehen verloren zwei angetrunkene Weingläser, wahrscheinlich Reste einer Premierenfeier. Zur Premiere von Exiles und der anschließenden Feier sind wir übrigens auch eingeladen. Aber jetzt erst einmal der Reihe nach!

Jetzt kommt erst einmal das Briefing, damit wir überhaupt wissen, um was es geht. Wir setzen uns mit Carolina und Beatrix aus der Öffentlichkeitsarbeit bei einem Cappuccino in die Kantine. Die Beiden sind mindestens ebenso neugierig wie wir auf das, was die nächsten Tage kommt. Für die Münchner Kammerspiele ist diese Form der Zusammenarbeit mit Bloggern nämlich auch neu, eine Art Experiment, auf das sich alle freuen. Wir erfahren, dass Regisseur Luk Perceval sehr offen ist, was den Einsatz neuer Medien in der Theaterwelt angeht. So wurden beispielsweise die bisherigen Proben von Philipp Döring dokumentarisch festgehalten, einen ersten Trailer kann man hier sehen.

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Dann kommt Jeroen Versteele, der seit 2010 als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen tätig ist, und gibt uns einen kurzen Abriss über „Exiles“, das übrigens das einzige Theaterstück von James Joyce ist und autobiographische Züge trägt. Exiles ist ein Liebesdrama, eine verzwickte Dreiecks-, ja eigentlich Vierecksgeschichte, die um den Schriftsteller Richard (Stephan Bissmeier), seine Lebensgefährtin Bertha (Sylvana Krappatsch), die junge Beatrice (Marie Jung) und deren Cousin Robert (Kristof Van Boven) kreist. Es geht um Liebe, um Gefühle, um Zweifel und um Freiheit. Um den Versuch, eine Beziehung zu leben, aber gleichzeitig frei zu sein, sich selbst nicht zu verlieren. Ein zeitloser Stoff, der auch fast hundert Jahre nach seiner Erstaufführung nichts an Aktualität verloren hat und in dem sich jeder auf irgendeine Art und Weise wiederfindet. Es gebe immer wieder Situationen bei den Proben, wo der ein oder andere plötzlich sehr nachdenklich wird, erzählt Jeroen.

Für „Exiles“ hat Joyce Anleihen aus seinem Zyklus „The Dubliner“ genommen und aus seinem Hauptwerk, „Ulysses“, aus dem er beispielsweise die Figur der Berta herausgelöst hat. In „Exiles“ verarbeitet Joyce unter anderem sein eigenes Exil: Mit seiner Lebensgefährtin Nora Barnacle, die Tochter eines Barkeepers und einer Friseurin, lebt er nicht standesgemäß und unverheiratet gewissermaßen verbannt und im „Exil“ eine Zeitlang in Triest.

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Das Skript, das wir einen Tag zuvor zugeschickt bekamen, ist nur 38 Seiten lang. Von Joyce’s Text hat Jeroen nur noch Fragmente übrig gelassen. Es seien gut 90 Prozent der Originalfassung gestrichen worden, erzählt er. Joyce literarischer Stil sei heute nicht mehr zeitgemäß für die Bühne. Vieles könne man einfach nicht mehr so explizit sagen. Das nehme die Spannung.

„Es ist drei Minuten vor zehn, alle Beteiligten von ‚Exiles‘ bitte zur Bühne“

Bei uns am Tisch in der Kantine steigt die Spannung, als die Lautsprecherdurchsage uns mitteilt „Es ist drei Minuten vor zehn. Alle Beteiligten der Bühnenproben von ‚Exiles‘ bitte auf ihre Positionen.“ Wir schnappen unsere Unterlagen und eilen durch die Werkstatt der Kammerspiele, in der so früh am Morgen noch alles ruhig ist. Als wir oben auf dem Balkon Platz nehmen, hat man schon mit der Lichtprobe begonnen. Wie oft wir die Sätze „Was machst du denn hier“, „Ich liebe sie“ und „Geh doch“ in den kommenden vier Stunden hörten, und mit welchem Einfühlungsvermögen Regisseur Luk Perceval mit dem Ensemble daran arbeitet, starke Gefühle wie Liebe, Freiheit, Eifersucht und Ratlosigkeit zu dialogisieren, erfahrt Ihr im nächsten Blogpost. Und jetzt muss ich mir nochmal das Stück durchlesen, denn morgen früh um 10.00 Uhr heißt es „Bühne frei“ für unseren zweiten Probentag!

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