[#MünchnerKammerspiele #Exiles] Die Premiere: Alles „Quatsch und Quark“ oder was?

„Theater lebt von Spannung. Wenn es die nicht gibt, schläft man ein“, schreibt Luk Perceval im Programmheft von „Exiles“, das am Freitag vor Weihnachten Premiere in den Münchner Kammerspielen feierte. Im Übrigen genau an dem Ort, wo das einzige Theaterstück von James Joyce vor fast 100 Jahren uraufgeführt wurde. Erstaunlich eigentlich. Bei einem irischen Schriftsteller, der in englischer Sprache schreibt, würde man eine Uraufführung auf einer englischen Bühne erwarten, in London oder zumindest in Dublin, seiner Heimatstadt. Doch dort wollte das Stück niemand auf die Bühne bringen, ist auf Wikipedia nachzulesen.

pressemappe

mk_schilder

mk_büsten

mk_foyer_1

mk_kasse

Süße Träume und ein kleines Nickerchen bei einer Theaterpremiere?

Meinen Sitznachbarn ertappe ich schon nach den ersten zwanzig Minuten dabei, wie sein Kinn immer wieder nach unten auf die Brust fällt. Den Mund schön offen. Auch das nicht überhörbare Kontrabassspiel von Archie aka Dine Doneff kann ihn nicht in seinen Träumen stören. Ob es an dem Sauerstoffmangel und der Hitze unten im Parkett liegt, dass die Premieregäste offenbar reihenweise eingeschlummert sind? Dieses Gerücht jedenfalls vernehme ich bei einem Besuch auf der Damentoilette. Die Inszenierung von Luk Perceval scheint offenbar nicht jedermanns Geschmack zu sein. „Wie gut, dass ich nur elf Euro bezahlt habe, Kino wäre besser gewesen,“ höre ich beim Händewaschen. „Und da heißt es immer, deutsches Fernsehen sei schlecht.“

Und das sagen die Kritiker in den Medien

Hmmm. Harte Worte. Genauso wie die der Theaterkritiker der einschlägigen deutschen Tageszeitungen, die das Stück ziemlich auseinandernehmen. „Joyce für Deppen“, „Quatsch und Quark“, „Kleinstknöchelndes Klingeling“ schreibt Gerhard Stadelmeier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein bisschen weniger vernichtend, aber auch nicht wirklich überzeugt zeigt sich Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung. Die langen Pausen und das Herumstehen der Darsteller bezeichnet sie als „artifizielles Auf-der-Stelle-Treten“. Für Bertha, Beatrice, Richard und Robert hat sie nur die Kategorisierung „trostlose Kunstfiguren“ übrig. Archie und sein Kontrabass seien nervenaufreibende Klangexperimente, heißt es unisono.

Ja, das Stück, das Regisseur Luk Perceval und Dramaturg Jeroen Versteele auf die Bühne gebracht haben, ist kein einfaches und eingängiges Stück. Alles andere als eine leicht verdauliche Feierabendkost für einen Freitagabend. Wer so etwas sucht, geht wirklich besser ins Kino als in Percevals „Exiles“, was auf Deutsch übrigens „Die Verbannten“ heißt. Oder in die Komödie im Bayerischen Hof. Aber leichte Kost mit einem vorhersehbaren Plot à la Hollywood oder nach den Regeln des klassischen Dramas mit ausgearbeiteten Figuren war auch nicht die Ambition und das Ziel der beiden Belgier, die aus der Joyce’schen Vorlage „ein bis zur Grenze der Brutalität gegenüber dem Text verdichtetes Kondensat“ gemacht haben und anstatt „Charaktere oder deren Geschichte“ „Motive sowie Aggregatzustände des menschlichen Gefühlshaushalts“ entwickelt haben, wie Michael Schleicher im Münchner Merkur schreibt. Der übrigens mit seiner Kritik des Stücks eindeutig mehr auf meiner Wellenlänge liegt als Stadelmeier & Co.

Wobei ich natürlich sagen muss, dass ich nach vier mal vier Stunden auf meinem Beobachterposten auf dem Balkon der Kammerspiele als Probengast das Stück bei der Premiere sowieso aus einem anderen Blickwinkel und ganz sicher nicht mehr unvoreingenommen gesehen habe. Ja, das Stück ist nicht eindeutig. Und die langen Pausen sind zäh, quälen, tun richtig weh. Das habe ich bei den Proben körperlich gespürt. Ja, auch die Gefühlsausbrüche, insbesondere von Bertha und Robert, sind irritierend. Aber genau das ist beabsichtigt. Die Starre und die Bewegungslosigkeit, die das Stück kennzeichnen, sind Ausdruck des Innenlebens der vier Darsteller, die gefangen sind in ihrem alten Leben und in eingerosteten Beziehungen. Von Menschen, die sich erstickt fühlen und noch nicht wissen, wie der Ausweg aussehen kann. Bis es zur Explosion kommt. Bis die Figuren aus ihrer Starre erwachen. Bis Robert wie ein Irrer über die Bühne rennt und stampft und sich breakdanceartig wie ein zappelnder Fisch auf dem Boden rollt. Bis Bertha minutenlang hysterisch schreit und faucht und ihr Gesicht schließlich zur Grimasse erstarrt. Bis sich Robert und Bertha aneinander reiben. Bis nach neunzig Minuten alle erschöpft auf dem Boden der Bühne liegen.

programmheft_richard

Ich habe das Gefühl, diese Szenen haben seit der letzten Probe, bei der wir dabei waren, um ein Vielfaches an Intensität gewonnen. Ob dies aus der Situation spontan entstanden ist? Experimentierfreudigkeit bei der Premiere? Generelle Freude am Improvisieren und Ausprobieren? Bei der Generalprobe wurde sicherlich nicht nochmal an einzelnen Szenen gearbeitet. Schon am vorletzten Probentag wurde das Stück ohne neue Regieanweisungen und Diskussionen durchgespielt. Zu spüren und zu sehen, wie sich das Stück bis zum Schluss weiterentwickelt hat, ist für mich an diesem Abend noch spannender, als mitzubekommen, wie die anderen Besucher, die „Exiles“ zum ersten Mal sehen, auf die Inszenierung reagieren. Nicht nur auf dem Damenklo, auch in der Schlange an der Theke im Blauen Haus wird munter diskutiert. Dass die Räumlichkeiten der Kammerspiele vielleicht nicht der richtige Ort seien für dieses Stück. Es auf einer kleineren Bühne besser wirken würde. Dass die Figur der Bertha viel zu übertrieben dargestellt worden sei. Ja, Geschmäcker sind verschieden und es gibt sicherlich keine Premiere ohne Kritik. Wer sich jedoh im Vorfeld ein wenig mit dem Stück, mit James Joyce und mit dem Stil von Luk Perceval auseinander gesetzt hat, sollte jedoch zumindest nicht vollkommen überrascht sein.

Auf den Hund gekommen

Achja, dann ist ja da noch die Sache mit dem überdimensionalen Hund auf der Bühne, der einen aus großen Augen mit leicht geneigtem Kopf so treuherzig anschaut, als ob ihn die Geschehnisse oder vielmehr die Nicht-Aktionen um ihn herum nicht im Geringsten tangieren. Steht er für Bodenständigkeit? Für den Fels in der Brandung? Oder für Treue in einem Beziehungsgeflecht von Untreuen? Treue, das könnte gut sein, diskutieren wir bei einem kühlen Getränk auf der Premierenfeier. Neben Jeroen, Dine aka Archie und Jürgen, dem Tonmann, den wir sonst immer nur gehört, aber nicht gesehen haben, sichten wir auch Katrin Brack, die Bühnenbildnerin, im Getümmel im Blauen Haus. Leider ergibt sich keine Gelegenheit, sie zu fragen, wie sie auf den Hund gekommen ist.

Aber zur Beantwortung solcher Fragen gibt es das Programmheft mit einem Artikel des Regisseurs. Ich lese, dass Luk Perceval seine Rolle als Regisseur mit der eines Hundes vergleicht, der instinktiv wahrnimmt, ob das Herrchen, in dem Fall die Schauspieler, in Verbindung steht mit sich und dem, was auf der Bühne passiert. Der merkt, ob etwas spannend ist oder nicht. Der bellt, wenn etwas nicht gut läuft. Und dass man lange nach einem passenden Bühnenbild gesucht hat, bis Katrin Brack die Idee mit dem traurig-treu dreinblickenden Hund hatte. Der Hund steht nicht für Treue, auch nicht für Bodenständigkeit. Oder doch, dafür vielleicht ein bisschen, wenn man Bodenständigkeit mit Realitätssinn gleichsetzt. Er steht als Kontrast zu den Menschen auf der Bühne, lese ich. Der Hund, der „im Hier und Jetzt“ lebt, der sich nach seiner Portion Frolic satt und zufrieden in sein Körbchen zum Schnarchen legt, während wir Menschen pausenlos irgendetwas hinterher jagen. Den Gespenstern der Vergangenheit, unseren Visionen, unseren Illusionen und unseren Träumen von Glück.

programmheft_hund

Nachdem ich weiß, dass Luk Perceval sich für Buddhismus interessiert und seit vielen Jahren Yoga und Meditation praktiziert und unterrichtet, wundert es mich nicht zu lesen, dass der Hund für ihn wie der Buddha ist, das am meisten erleuchtete Wesen. Vielleicht sollte ich die kleine Buddhafigur in meinem Wohnzimmer, die mich an die Prinzipien der Achtsamkeit und des Lebens im Hier und Jetzt erinnern soll, einfach gegen das Bild eines Hundes austauschen? Das werde ich mir noch überlegen. Jetzt gehe ich erst einmal einem etwas weltlicheren Vergnügen nach, bei dem vieles – wie in den Werken von James Joyce – auf den ersten Blick auch nicht eindeutig ist. Es sei denn, es ist mal wieder ein Krimi von der Sorte, wo man nach 45 Minuten schon weiß, wer der Mörder ist. Ihr wisst ja: Sonntagabend = Tatort time! Bis nächste Woche …

Hat Euch der Beitrag gefallen? Erzählt es doch einfach weiter!
Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Pin on PinterestShare on LinkedIn

2 comments

  1. J

    Danke! Schönen Text.
    Jeroen

  2. Danke schön, Jeroen! Auch wenn die tolle Probenwoche für Exiles schon eine eine Weile her ist, denke ich immer noch gerne daran zurück, hat mich super gefreut, dabei sein zu dürfen. Schöne Grüße, Alexandra

Leave a Comment

%d Bloggern gefällt das: