[#MünchnerKammerspiele #Exiles] Probentage I & II: „Wo sind denn die Schauspieler?“

Es ist bereits kurz nach zehn, als wir uns im Dunkeln leise in die erste Reihe oben auf den Balkon schleichen. Auf der Bühne werden noch die letzten Vorbereitungen getroffen. Es ist still, bis auf die satt-schwingenden Töne des Kontrabasses von Dine Doneff, der nicht nur die Musik für „Exiles“ komponiert hat, sondern auch den Part des Archie spielt, der Sohn von Richard und Bertha. Eine der beiden weiblichen Darstellerinnen steht unbeweglich auf der Bühne, angeleuchtet von einem Scheinwerfer. Es ist Marie Jung, die Darstellerin der Beatrice. Die Beleuchter, die wenige Reihen hinter uns sitzen, arbeiten noch an der richtigen Einstellung. Der Klang des Kontrabasses wird abgelöst von dem Abreißen von Kreppband. Die Bühnentechniker zeichnen auf dem Boden eine Diagonale nach, einer der wenigen Orientierungspunkte, neben dem übergroßen Abbild eines Hundes, das als einzige Kulisse dient.

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Zweiter Akt, erste Szene: „Was machst du denn hier?“

Dann geht es los. Zweiter Akt. Erste Szene. Zwei Scheinwerfer auf dem Boden werfen einen dünnen Lichtkegel. Ein etwas untersetzter Mann in einem hellblauen Anzug und ein hagerer, größerer Mann betreten die Bühne: Robert, dargestellt von Kristof Van Boven, und Richard, gespielt von Stephan Bissmeier. „Was machst du denn hier?“ Einst beste Freunde, heute Kontrahenten, entzweit. Wegen einer Frau. „Ich liebe sie, ich liebe sie, ich liebe sie, ich liebe sie“. Robert wird immer lauter, steigert sich hinein in sein Gefühl, fast bis in den Wahnsinn, bis er kaum mehr Luft bekommt, die Stimme im Husten erstirbt. „Bitte kannst du etwas fließender sein“. Regisseur Luk Perceval betritt die Bühne. „Was total wichtig ist, ist nicht nur, dass du langsam bist. Die Langsamkeit muss entstehen.“

Also noch einmal: „Was machst du denn hier?“ Plötzlich klingelt ein Handy. Zum Glück haben wir unsere ausgestellt. Es schrillt irgendwo unten auf dem Regietisch. Die Darsteller sind irritiert. Kurze Pause. „Nochmal von vorne?“. Nochmal von vorne. „Was machst du denn hier?“ Diesen kleinen Satz hören wir in der nächsten halben Stunde noch häufiger, genauso wie „Ich liebe sie, ich liebe sie, ich liebe sie“. Bis das richtige Tempo gefunden ist. „Lass dir Zeit, lass erst einmal die Musik spielen. Eine Minute still sein. Nur die Musik.“ Und die Einsätze stimmig sind. „Die Zeit ist richtig. Alles sehr schön“.

Gefühle situieren und dialogisieren

Ja, „Exiles“ ist ein leises Stück. Das mit Pausen in den Dialogen arbeitet, mit Langsamkeit, und mit dem Element Musik. Was eine zum Teil quälende Stimmung erzeugt, die die unerträgliche, verquickte Situation, in der sich Richard, Robert, Bertha und Beatrice befinden, physikalisch spürbar macht, einen unruhig auf dem Stuhl zappeln lässt. Man merkt schnell, es geht in „Exiles“ nicht um große Gesten und um Pathos, sondern um Gefühle. Um Gefühle, die von den Schauspielern im Idealfall nicht einfach nur darstellt werden, sondern gelebt werden.

Dies gelingt nicht immer auf Anhieb. „Wir erfinden eine Situation und die ist gerade nicht meine. Ich glaube mir da gerade selber nicht.“ Manchmal passt das Klima noch nicht ganz. Wie lässt sich transportieren, dass zwei nicht zueinander finden, aber auch nicht voneinander loskommen? Es wird auf der Bühne immer wieder gemeinsam diskutiert, wie ein bestimmtes Gefühl situiert werden kann. Oder wie ein Übergang geschaffen werden kann, der sich noch nicht ganz rund anfühlt.

Ich bin fasziniert von der Art und Weise, mit der Luk Perceval die Darsteller dabei unterstützt, in das richtige Gefühl hereinzukommen und mit welchem Einfühlungsvermögen er agiert. „Jeder Satz ist für dich wie eine Beleidigung, ein verbaler Messerstich.“ „Werde nicht leise. Immer, wenn es leise wird, wird es sentimental, dann kommen die Tränen. Ein Mensch will stark sein, nicht schwach sein.“ Dabei ist er sehr bildhaft: „Wie so ein verrückter Tanz. Wie ein Kopf ohne Huhn.“ Oder: „Du kannst da wie so ein Himmelskörper im All verschwinden.“

Es geht nicht nur um das Situieren von Gefühlen, sondern auch um das Dialogisieren. Gegebenenfalls muss dazu in der einen oder anderen Passage nochmals am Text gefeilt werden, etwas gestrichen werden. Beispielsweise an der Stelle „Du hast sie unglücklich gemacht.“ Es geht hier um einen tiefen Konflikt, um Eifersucht auf der einen Seite, um Freiheit auf der anderen Seite. Das muss verbal noch prägnanter werden, so Luk Perceval.

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Es darf auch gelacht werden

„Exiles“ ist alles andere als ein komisches, lustiges Stück. Dennoch wird auch gelacht bei den Proben. Das ist nicht zuletzt der zum Teil unfreiwilligen Komik zu verdanken, von dem vor allem der zweite Tag, an dem wir bei den Proben dabei sein dürfen, durchzogen ist. Das können kleine Versprecher sein wie „Ich würde dir niemals malen, was ich geschrieben habe“ anstatt „Ich würde dir niemals zeigen, was ich geschrieben habe“ oder auch Sätze aus dem Stück wie „Küsst du alles, was du schön findest?“ Oder wenn nach der kurzen Pause plötzlich alle Schauspieler verschwunden sind und der Regisseur sich wundert: „Wo sind denn jetzt die Schauspieler?“ Und festgestellt wird: „Außerdem ist die Bühne so schmutzig. Die muss unbedingt mal geputzt werden.“ Oder wenn der Regisseur sagt: „Es wäre schön, wenn du dabei etwas sagen könntest, so etwas ganz leises“, nachdem Robert über die Rampe gefallen ist, sich zurück auf die Bühne hievt und über den Boden kriecht.

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Ich bin schon sehr gespannt, wie es kommende Woche weitergeht und freue mich darauf, morgen früh wieder bei den Proben dabei zu sein. Übrigens habe ich im Ablaufplan von Freitag entdeckt, dass Luk Perceval nicht nur Regie führt, sondern auch Yogaunterricht in den Kammerspielen gibt. Vielleicht habe ich in den nächsten Tagen ja einmal Gelegenheit, mit den Schauspielern den Kopfstand zu üben?!? Ich werde einfach mal meine Yogamatte einpacken …

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