Mark Edward Harris

Interview: Reisefotograf Mark Edward Harris aus Los Angeles

92 Länder hat er bereist, mit Hollywood-Größen wie Bruce Willis und Rockstars wie Mick Jagger gearbeitet und 20 der berühmtesten Fotografen der Welt für ein Buch porträtiert, darunter Helmut Newton, Annie Leibovitz, Andreas Feininger, Peter Lindbergh und Alfred Eisenstaedt – der preigekrönte Reisefotograf Mark Edward Harris aus Los Angeles. Seine Arbeiten findet man in Magazinen wie Vanity Fair, GEO, Condé Nast Traveller und Wallpaper. Über seine Reisen nach Nordkorea, in den Iran und nach Japan hat er mehrere Bücher veröffentlicht. Eine neues Buch ist in Arbeit, „The Travel Photo Essay“ erscheint 2017. Die Bildbände „North Korea“ und „The Way of the Japanese Bath“ durfte ich letztens auf einer Autofahrt von Agra nach Delhi durchblättern. Insbesondere die Fotos aus Nordkorea, das Mark Edward Harris bereits zehn Mal besucht hat, haben mich beeindruckt, ebenso wie die Geschichten, die er von seinen zahlreichen Reisen zu erzählen hat. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, eine Woche mit Mark durch Nordindien zu reisen, ihn bei seiner Arbeit zu beobachten und ihm schließlich bei einem Masala Chai am Pool unseres Hotels in Varanasi einige Fragen zu seiner Arbeit zu stellen.

Mark Edward Harris

Mark, wie bist Du zur Reisefotografie gekommen?

Mark Edward Harris: Als Kinder haben meine Eltern mit uns in den Ferien Roadtrips gemacht. Ich fand das aufregend, habe Notizen gemacht, Postkarten gekauft, eine Art Reisetagebuch geführt. Mein Vater hatte eine 35-Millimeter-Filmkamera dabei. Und wir haben 8-Millimeter-Filme geschossen. Richtig zum Ausbruch kam meine ‚Wanderlust‘ und meine Liebe zur Fotografie dann im College. Ich habe Geschichte studiert mit dem Nebenfach Fotografie. Mein erster Job als Fotograf hatte weniger mit Reisen zu tun – ich war für die Standaufnahmen in der Merry Griffin Show zuständig, eine Talkshow. Als die Show 1986 eingestellt wurde, bin ich auf Reisen gegangen, nach Asien, um ein Portfolio mit Reisefotografie aufzubauen. Mit zwei Kameras, einem 28-Millimeter-Objektiv und einem 85-Millimeter-Objektiv und Dutzenden Filmen bin ich durch Asien gereist. Ich war auf den Fijis, auf den Cook-Inseln, in Neuseeland, Australien, Indonesien, Japan, Hongkong und Thailand. Nach meiner Rückkehr habe ich intensiv in der Dunkelkammer gearbeitet, oft bis tief in die Nacht. Ich war fasziniert, ein Bild zu entwickeln war wie Magie für mich. Selbst zu entwickeln schult das Auge ungemein, man lernt unter anderem sehr viel über die richtige Belichtung. Der ‚Durchbruch‘ kam dann nach einer Reise nach Vietnam, das war 1992. Ich habe ein Foto-Essay herausgebracht, das in mehreren Magazinen veröffentlicht wurde.

Mark Edward Harris

Was ist Reisefotografie für Dich?

Mark Edward Harris: Reisefotografie hat für mich etwas dokumentarisches, aber auch etwas erzählerisches. Ich empfehle angehenden Reisefotografen, essayistisch zu arbeiten. In der Reisefotografie geht es nicht darum, einzelne Fotos zu schießen, sondern eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Ein Foto-Essay würde man mit einer Aufnahme aus einer gängigen, übergeordneten Perspektive starten, um dem Betrachter ein Gefühl dafür zu geben, was ihn erwartet. Darauf folgen detailliertere Szenen, Straßenszenen, Menschen in ihrer natürlichen Umgebung. In einem nächsten Schritt würde man einzelne Personen porträtieren. Wichtig dabei ist, sich zu fokussieren, sich ein Thema zu überlegen. Ein Ort macht noch keine Geschichte. Eine Geschichte zu Indien? Das ist viel zu allgemein. Man muss nach dem Besonderen suchen. Ich war häufig in Japan. Aber ein Buch über Japan im Allgemeinen? Ich habe überlegt, was das Besondere an Japan ist – die heißen Quellen und die Badekultur. Also habe ich ein Buch über dieses Thema gemacht. Das braucht jedoch Zeit. Man muss sich dem Thema annähern und den besonderen Blickwinkel finden. Für mein zweites Buch über Nordkorea habe ich Bilder von acht Reisen hergenommen.

Mark Edward Harris

Wer oder was inspiriert Dich? Hast Du Vorbilder?

Mark Edward Harris: Angehenden Reisefotografen empfehle ich, sich mit der Arbeit anderer Fotografen zu beschäftigen, Ausstellungen zu besuchen. Ich gehe auch heute noch regelmäßig in Ausstellungen. Nicht nur zum Thema Fotografie, auch Design und Architektur sind empfehlenswert. Ich erinnere mich an eine Bauhaus-Ausstellung in Seoul. Der Umgang mit den Objekten und Schatten hat mich wahnsinnig beeindruckt und auch meine Arbeit beeinflusst. Was mich natürlich auch geprägt hat, ist die Arbeit für mein Buch „Faces of the Twentieth Century: Master Photographers and Their Work“, für das ich die großen Meister der Fotografie nicht nur fotografiert, sondern auch interviewt habe.

Welche drei Tipps gibst Du angehenden Reisefotografen?

Mark Edward Harris: Mein erster Tipp wäre, finde ein Thema und versuche, so tief wie möglich zu gehen. Kratze nicht nur an der Oberfläche, blicke hinter die Fassade. Mache dafür Deine Hausaufgaben, beschäftige Dich mit der Geschichte eines Ortes, finde heraus, ob es etwas Besonderes gibt. Ich habe einmal ein Restaurant in Wien porträtiert. Ich habe Menschen fotografiert, die dort seit Jahrzehnten Stammgäste sind, und die alten Kellergewölbe, die viel über die Geschichte dieses Traditionshauses zu erzählen hatten. Zweitens empfehle ich, es mit der Kameraausrüstung nicht zu übertreiben. Selbst die einfachsten Kameras sind heute technisch so ausgereift, dass man sich als Einsteiger keine Profiausrüstung zulegen muss. Die Kamera ist ein Werkzeug, die man beherrschen sollte, aber Technik ist nicht alles. Man sollte sich nicht in den technischen Einstellungen verlieren. Und: Niemals die Kamera für schlechte Fotos verantwortlich machen. Drittens: Nicht zu viel fotografieren. Manche Fotografen benutzen ihre Kamera wie ein Maschinengewehr und rennen sofort zum nächsten Ort. Es ist besser, sich für einen Ort Zeit zu nehmen, wenn man sieht, dass sich dort eine gute Gelegenheit ergeben könnte. Und dann wartet man auf den richtigen Moment. Das ist besser, als wild drauf los zu fotografieren und später zu sagen, das Bild wäre gut geworden, wenn. Es lohnt sich, auf dieses „wenn“ zu warten. Wichtig für mich ist dabei, nichts zu inszenieren, ich warte darauf, dass sich die Situation von alleine ergibt. Also nicht die Mönche in ihren orangefarbenen Roben fragen, ob sie bitte noch einmal durch das Bild laufen können.

Wie geht man mit schwierigen Rahmenbedingungen um?

Mark Edward Harris: Ich war jetzt zum zweiten Mal am Taj Mahal, bei beiden Malen waren die Rahmenbedingungen nicht ideal. Vor zehn Jahren hatte das Wasserbecken kein Wasser, dieses Mal hatte eines der beiden Minarette ein Gerüst. Wenn man einen Auftrag hat, kann man natürlich nicht zurückkommen und sagen, ich konnte nicht fotografieren. Man muss sich behelfen. Ich habe das Taj Mahal dieses Mal aus der Ferne fotografiert, durch den ersten Torbogen, die Menschen im Eingang als Silhouette in das Bild eingebaut, den Torbogen als Rahmen genutzt. Das gab dem Foto auch eine interessante Tiefe und eine Dreidimensionalität. Mein Tipp ist also, einfach einen anderen Blickwinkel zu wählen. Unter schwierige Rahmenbedingungen fallen auch die Lichtverhältnisse. Idealerweise ist man zur rechten Zeit am rechten Ort, das heißt am frühen Morgen und am späten Nachmittag. Das geht natürlich nicht immer. Da kann man das Gegenlicht für sich nutzen, beispielsweise mit Silhouetten arbeiten. So habe ich einmal eine ganz andere Aufnahme der berühmten Holzbrücke in Mandalay in Myanmar geschossen. Für Porträts nutze ich gerne den offenen Schatten, also Flächen, die zum Beispiel durch ein Gebäude in komplettem Schatten liegen und ein diffuses Licht machen. Die junge Frau, die ich in Namibia fotografiert habe, bat ich, sich in den Eingang ihrer Hütte zu setzen, so dass uns das harte Licht der Mittagssonne nicht störte.

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Was sollte man bei Porträtfotografie beachten?

Mark Edward Harris: Die meisten Anfänger denken, sich mit einem großen Objektiv verstecken und die Person heimlich fotografieren. Das läuft meistens schief. Man wird sowieso entdeckt, gerade, wenn man in Ländern unterwegs ist, wo man als Westler sowieso auffällt. Doch nicht nur das. Wenn ich mich verstecke und versuche, aus der Ferne zu fotografieren, schaffe ich unweigerlich eine Distanz und mache die Person, die ich fotografiere, zum Objekt. Ich bekomme keinerlei Gefühl für den Menschen. Man muss sich seinem Subjekt nähern. Ein großer Fotograf hat einmal gesagt, wenn Dein Bild nicht gut ist, bist Du nicht nah genug dran. Die meisten Street-Fotografen arbeiten mit einem 20-Millimeter-Objektiv. Wichtig: Mit den Menschen interagieren. Beschäftige Dich mit ihnen, versuche, sie in ihrer unmittelbaren Umgebung zu fotografieren. Das gibt starke Bilder. Bei Nahaufnahmen spielen die Augen eine wichtige Rolle, das Fenster zur Seele.

Mark Edward Harris

Danke an Mark Edward Harris für das interessante Gespräch! Von Indien ist er nach einem kurzen Zwischenstopp zu Hause in L.A. direkt weiter zum nächsten Shooting geflogen, nach Hawaii. Sein Portfolio findet Ihr auf seiner Webseite.

Bildnachweise: © Mark Edward Harris

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4 comments

  1. M

    Interessanter Einblick in die Welt der Fotografie. Ich finde es immer wieder schön zu hören, wenn Profis empfehlen, sich nicht allzu sehr auf Ausrüstung und Technik zu konzentrieren, sondern auf den Bildaufbau, die Lichtverhältnisse, die Nähe zum Menschen etc.

  2. Lieben Dank, Maria. Geht mir genauso, die Technik ist ja für mich auch so ein Thema … Es war so spannend ihn zu erleben bei der Arbeit, habe viel für mich mitgenommen in Sachen Motive, Warten auf den richtigen Moment usw. Liebe Grüße nach Salzburg, Alex

  3. F

    Hi Alexandra,

    wow, ganz toll und ein wunderbares Erlebnis.

    Liebe Grüße
    Flo

  4. Hi Flo, lieben Dank! Ja, Mark hat eine Menge zu erzählen, mal sehen, ob er vielleicht noch einen Fotoassi braucht, der mit auf Reisen geht ;-). Liebe Grüße, Alex

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