Steve McCurry Lesen von Paul Theroux

Steve McCurry in München: „Lesen. Eine Leidenschaft ohne Grenzen“

Sharbat Gula, den Namen kannten bis vor kurzem wahrscheinlich nur wenige. Auch der Fotograf, der 1984 in einem Flüchtlingslager im pakistanischen Peshawar auf das damals 12-jährige paschtunische Mädchen aus Afghanistan traf, wusste ihren Namen nicht. Es waren ihre durchdringend grünen Augen, die ihn ins Mark trafen. Das Bild, das er von ihr machte, nannte er schlicht „The Afghan Girl“. Seit es 1985 das Cover des National Geographic zierte, ging es um die Welt, eine fotografische Ikone, das bis heute zu den Meisterwerken des Magnum-Fotografen Steve McCurry gehört.

„The Afghan Girl“: Sharbat Gula, inhaftiert in Pakistan

Das „afghanische Mädchen“ machte kürzlich erneut von sich reden, als Sharbat Gula in Pakistan verhaftet wurde und abgeschoben werden sollte, angeblich wegen gefälschter Ausweisdokumente. Sharbat Gula war als junges Mädchen wie so viele aus dem sowjetisch besetzten Afghanistan ins benachbarte Pakistan geflohen. Die Nachricht von der Verhaftung – ein Schock für Steve McCurry, dem es 2002 gelungen war, die Identität der damals 30-jährigen ausfindig zu machen und seither immer wieder mit ihr in Kontakt stand. Auch fotografiert hat er sie erneut. Kaum wieder zu erkennen ist sie auf dem Foto, das Ende Oktober im Literaturhaus in München gezeigt wurde, die grünen Augen wirken leer, die Gesichtszüge hart und verhärmt.

Steve McCurry Lesen: Eine Leidenschaft ohne Grenzen

Steve McCurry war nach München gekommen, um sein neues Buch vorzustellen – „Lesen: Eine Leidenschaft ohne Grenzen“. Doch es war mehr als angemessen, an diesem Abend auch Sharbat Gula und ihrem Schicksal Raum zu geben. Nicht zuletzt wegen des Engagements des Fotografen, mit der Hilfe eines Menschenrechtsanwalts die Freilassung der inzwischen 45-jährigen Witwe und Mutter von vier Kindern zu bewirken. Es schien, als ob Steve McCurry eine tiefe, persönliche Verpflichtung spürt, ihr zu helfen. War sie vielleicht wegen des berühmten Fotos in den Radar der pakistanischen Behörden geraten?

Steve McCurry: „Menschen zu fotografieren braucht Geduld und Einfühlungsvermögen“

Eigentlich wäre ich zu dem Zeitpunkt der Buchpräsentation noch in Indien gewesen. In dem Land, das Steve McCurry fotografisch am meisten geprägt hat und in dem seine eindrucksvollsten Fotografien entstanden sind. 30 Mal hat er Indien bislang bereist. Was für eine Fügung, dass ich früher zurückgekehrt war nach München und endlich Gelegenheit hatte, den Fotografen persönlich zu treffen, dessen Arbeit ich seit langem bewundere. Und zu erfahren, wie er arbeitet. Wie er es schafft, mit seinen Bildern Geschichten zu erzählen. Um zu lernen, dass „People Photography“ viel mit Zeit, Geduld und Psychologie zu tun hat. Dass dies mindestens genauso wichtig ist wie das richtige Licht und der richtige Bildaufbau.

Dass man erst nach hunderten von Porträts begreift, was funktioniert und nicht. Dass Steve McCurry zu Anfang seiner Laufbahn tausende von Fotos geschossen hat, von denen er vor Ort dachte, dass es sich um großartige Motive handele, und er sich dann beim Entwickeln eingestehen musste, dass sie einfach nur gewöhnlich waren. „Es ist zuweilen eine demütigende Erfahrung, wenn ich in meinem Archiv zurückgehe, viele der Fotos sind einfach nur schlecht, als ob ich unter Drogen gestanden hätte“, schmunzelt der 66-Jährige, der angenehm unprätentiös wirkt und nach anfänglicher Zurückhaltung langsam aufzutauen beginnt.

Steve McCurry Lesen von Paul Theroux

Wer die eindringlichen Porträts Steve McCurrys von Menschen aus aller Welt, allen voran aus Indien, Südostasien und Afrika, kennt, weiß: Der Fotograf kommt den Menschen in seiner Arbeit sehr nah. Oftmals sind es Menschen in schwierigen Lebenssituationen, die er  fotografiert, wie etwa die beiden pakistanischen Kriegsversehrten, die durch Minen ihre Beine verloren haben. „Die Menschen vertrauen mir in diesem Moment“, erzählt Steve McCurry. Oftmals setzen sie auch eine Hoffnung in ihn, eine Hoffnung, von der er wisse, dass er sie nicht erfüllen kann.

Wie schafft es Steve McCurry, das Vertrauen dieser Menschen zu gewinnen?

Immer und immer wieder wieder besuche er dieselben Orte, berichtet der 66-Jährige, dem es 1979 auf abenteuerliche Weise gelang, als Mudschaheddin getarnt die afghanisch-pakistanische Grenze zu überschreiten und der mit 25 Jahren seine Liebe zu Indien entdeckte. Wochenlang besuchte er beispielsweise ein tibetisches Kloster, um eine Beziehung zu den Menschen aufzubauen, die er später porträtierte. Manchmal ergeben sich jedoch auch zufällig interessante Momente, in denen Spontaneität gefragt ist. So traf er in diesem Kloster auf eine Frau, die seine Aufmerksamkeit erregte. Er habe sie regelrecht verfolgt, erzählt Steve McCurry, und nach Wegen gesucht, sie auf ihn aufmerksam zu machen. Er habe nicht gewusst, wie er sie ansprechen sollte, einen Übersetzer habe er nicht dabei gehabt. Schließlich trafen sich ihre Blicke. Er lächelte, sie lächelte. Er drückte auf den Auslöser. „Ich glaube, sie wollte mir helfen. Sie hat gespürt, wie hilflos ich war. Letztlich hat sie mir dann, ohne dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen, die Zustimmung gegeben, sie zu fotografieren.“

Leiten lässt sich Steve McCurry bei seiner Arbeit von seinem Instinkt. Ein interessantes Gesicht für ihn ist eines, das eine Geschichte erzählt. Eine Erlaubnis, jemanden zu fotografieren, geschweige denn eine schriftliche, holt sich der Fotograf nicht immer. Denn eines ist klar: Die Magie des Moments geht dadurch oftmals verloren. So wie die an einem Bahnsteig in Indien: Ein schlafender Mann auf einer Bank, vor ihm ein schlafender Hund. Wenn er den Mann erst geweckt hätte, um ihn zu fragen, ob er ihn fotografieren darf, wäre die Situtation zerstört gewesen.

Steve McCurrys neuer Fotoband: Eine Hommage ans Lesen

Wir lesen um zu wissen, dass wir nicht allein sind.
– C. S.  Lewis –

So nah Steve McCurry den Menschen bei vielen seiner Porträts kommt – auf den Bildern, die er für sein Buch „Lesen: Eine Leidenschaft ohne Grenzen“ ausgewählt hat, spielt er keine Rolle als Fotograf. Er ist unsichtbar. Die Menschen sind in ihre Bücher vertieft, bemerken ihn nicht in ihrer Konzentration und Kontemplation. Fotos aus 30 Jahren Arbeit hat er für diese Hommage ans Lesen zusammengetragen. Fotos, in denen Menschen in verschiedenen Ländern rund um den Globus, lesen. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Arme, Reiche. Fotos von Menschen in Situationen, die Steve McCurry als intim bezeichnet. Menschen mit Büchern. In der weltberühmten New York Public Library ebenso wie in der kuwaitischen Wüste zwischen zerstörten Lkw. Inspiriert habe ihn das Buch „On Reading“ des Fotografen André Kertész, so McCurry. Ob er einen Favoriten hat in seiner „Hommage ans Lesen“? Ja. Das hat er. Das Foto des Mannes, der schlafend auf einer Wiese liegt.

Lesen ist eine ernste Angelegenheit, doch einsam oder gelangweilt sind Leser selten, denn Lesen ist eine Zuflucht und eine Erleuchtung, eine Erfahrung, die zuweilen offen zutage tritt. Mir kommt es immer so vor, als ginge vom Gesicht eines lesenden Menschen etwas Strahlendes aus.
– Paul Theroux –

Allein im Vorwort von „Lesen: Eine Leidenschaft ohne Grenzen“ könnte ich mich verlieren. Es stammt aus der Feder des amerikanischen Reiseschriftstellers und Gegenwartsautors Paul Theroux. Theroux ist ein enger Weggefährte und häufig auch Reisegefährte von Steve McCurry, wie er im Literaturhaus in München erzählt. Sein Lieblingsbuch von Theroux: „Deep South“. Überhaupt liest Steve McCurry gerne. Einer seiner Lieblingsautoren: der Afrikaforscher Richard Frances Burton.

Steve McCurry Lesen: Eine Leidenschaft ohne Grenzen

Steve McCurry: Mit wem er reist und seine nächsten Ziele

Steve McCurry reist gerne mit Paul Theroux. Wo sprachliche und kulturelle Barrieren Herausforderungen darstellen, ist in der Regel auch ein ortsansässiger Übersetzer und Guide mit von der Partie. In Ländern wie Afghanisten oder Jemen ist dies von essenzieller Bedeutung, der Weg zum kulturellen Faux-pas nicht weit, berichtet McCurry. Eine seiner nächsten Reisen wird ihn in Gefilde führen, wo er dies nicht fürchten muss. Nach einem Dokumentarfilmprojekt in der Dominikanischen Republik und einem Fotoworkshop in Myanmar im März 2017, bei dem man für knapp 10.000 US-Dollar in den Genuss kommen kann, sich etwas von den Künsten des preisgekrönten Magnum-Fotografen abzuschauen, plant Steve McCurry ein Projekt in seiner Heimat, den USA. Er möchte sich selbst herausfordern, erklärt er. Was das im Einzelnen bedeutet, werden wir sicherlich irgendwann in einem neuen Fotoband sehen, von denen Steve McCurry auch künfig jedes Jahr eines herausbringen möchte.

© Das Copyright des Coverbilds „Paul Theroux. Steve McCurry. Lesen. Eine Leidenschaft ohne Grenzen“ liegt beim Prestel Verlag.

Hat Euch der Beitrag gefallen? Erzählt es doch einfach weiter!
Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Pin on PinterestShare on LinkedIn

3 comments

  1. R

    super-schöner Beitrag. Verrätst Du uns noch, wo und bis wann die Bilder in München zu sehen sind? Danke und LG von R

  2. Vielen lieben Dank, Robert! Die Ausstellung zu seinem neuen Buch war im Amerikahaus zu sehen, leider nur bis 30.11. :-/. LG, Alex

  3. Wunderbarer Beitrag. Ich stimme allem zu und ich liebe die Art, wie du darüber schreibst. Danke!

Leave a Comment

%d Bloggern gefällt das: