Darjeeling-Indien-City

Darjeeling, die „Queen of Hills“: Tee, Klöster und viel Nebel

Und noch ein Tablett. Es wird eng auf dem geschwungenen Tisch aus Mahagoni. Früchtebrot, Cookies, mit Blaubeeren gefüllte Blätterteigtaschen, Scones mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Dazu Tee. Leicht karamellfarben. Darjeeling. Nein, ich bin nicht in der britischen Countryside. Auch wenn unser Afternoon Tea und das Interieur der Ada Villa, in der ich mit fünf Mädels aus den USA und Kanada sitze, diesen Schluss nahelegt. Nein, wir sind in Indien. Am äußersten, östlichen Zipfel des Landes, dort, wo Indien an Nepal, Sikkim und Bhutan grenzt. In Darjeeling, da wo der Darjeeling-Tee herkommt, der Champagner unter den Tees. Hier im Windermere Hotel in Darjeeling-City wird der Makaibari aus Kurseong serviert.

Very british: Afternoon Tea im Windermere Hotel

Obwohl unsere Bäuche schon gut gefüllt sind, müssen wir alles probieren. Jetzt kommen auch noch kleine Sandwiches. Die Mädels erzählen von ihrer Arbeit in Kalkutta. Sie forschen für ihre Masterarbeiten in Sozialwissenschaften, leben dafür schon seit ein paar Monaten in einem der größten Slums Kalkuttas. Wir tauschen noch Mailadressen aus für die Fotos, die wir von unserem opulenten Afternoon Tea gemacht haben. Die aber leider irgendwie total verwackelt sind, deshalb gibt es auch keine davon in diesem Post. Ich verspreche, dass ich mich auf jeden Fall melde, sollte es mich in den nächsten Monaten nochmal nach Kalkutta verschlagen. Dann verabschieden wir uns. Wir laufen uns aber bestimmt in den nächsten Tagen nochmal über den Weg. Darjeeling City ist klein.

Ich bleibe noch ein wenig. Ziehe mit meinem Tee einen Raum weiter, in den Salon, auf das einladende Sofa vor den Kamin. An den Wänden hängen Rahmen mit vergilbten Fotografien aus den Tagen, in denen die britischen Kolonialherren angefangen haben, in Darjeeling Tee anzupflanzen und den Ort zu ihrem Sommersitz auserkoren haben. In denen das Windermere Hotel noch kein Luxushotel war, sondern ein Bungalow, in dem die Junggesellen unter den Teeplantagenbesitzern und -mitarbeitern aus dem fernen England und Schottland untergebracht waren. Ich stelle mir vor, wie sie nach der Arbeit hier im Salon sitzen. Zigarre rauchen und Whiskey trinken. Neben mir sitzen keine Teeplantagenbesitzer, sondern ein Mann und eine Frau in Trekkingklamotten. Sie reden über Sikkim. Er erzählt von seinem 10-Tage-Schweige-Retreat. Sie von dem vielen Regen der letzten Tage, wegen dem sie früher nach Darjeeling zurückgekommen ist.

Ich klinke mich ein in das Gespräch, denn mein Plan ist eigentlich, nur zwei, drei Tage in Darjeeling zu verbringen und dann für drei Tage nach Sikkim weiterzureisen. Die beiden raten mir ab. Die Straßen seien schlecht, selbst mit einem privaten Jeep würde ich ewig brauchen, um von A nach B zu kommen. Und bei Regen sei das Ganze eine ziemlich trostlose Angelegenheit. Sie haben wohl recht. Hauptsache, ich hatte schon Stunden damit zugebracht, um mir einen Permit für Sikkim zu besorgen, mich durch die mit Abgasen verpestete Unterstadt zum Büro des District Magistrates zu quälen und zwischen den hupenden Autos die verstopften Straßen hinauf zum Polizeirevier. Zum Glück hat es dabei ausnahmsweise mal nicht geregnet.

Wo ist bitte schön die „Queen of Hills“?

Angeblich ist März bis Juni die beste Reisezeit für Darjeeling. Es ist Anfang April. Warum sagt die Wetter-App auf meinem Handy minus 4 Grad voraus? Und Dauerregen. Ich will nicht mehr weg aus dem Windermere Hotel. Draußen regnet es schon wieder. So wie im Windermere Hotel auf dem Observatory Hill mit den grünen Gärten hatte ich mir Darjeeling ursprünglich einmal vorgestellt. Teetrinken vor dem Kamin, viktorianische Möbel, einfach very british. Und nicht so, wie Darjeeling mich nach der fünfstündigen, kurvenreichen Fahrt im Sammeltaxi von New Jaipalguri empfangen hat.

Nass, kalt, laut. Abgeschleppt von einem Schlepper, der behauptete, kein solcher zu sein, in ein muffiges, feuchtes Hotel. Weil es schon dunkel war, ich keine Ahnung hatte, wie weit es vom zentralen Taxistand zur Oberstadt mit den Hotels war und wie ich zu dieser Uhrzeit noch eine vernünftige Unterkunft finden sollte. Der nächste Morgen: Zu viele Autos. Zu viele Abgase. Zu viele Menschen. Eigentlich wenig überraschend, welcome to India! Doch irgendwie hatte ich die romantische Vorstellung, dass Darjeeling mich so empfangen würde, wie seinerzeit die Briten aus Kalkutta, die aus dem auf über 2.000 Meter gelegenen Ort eine Hill Station machten. Die sie „Queen of Hills“ nannten, eine grüne Oase, in der einem frische, kühle Luft um die Nase weht und einen der Anblick der mächtigen Gipfel des Himalayas verzaubern.

Kühl ist es, ja. Grün, zumindest außerhalb des Häusermeeres von Darjeeling City. Die Berggipfel suche ich vergeblich. Die Nebelschwaden, die durch die Täler wabern, die Darjeeling umgeben, versperren die Sicht. Die Teesträucher auf den fast 90 Teeplantagen in Darjeeling lieben solches Wetter. Ich nicht. Ich bin sonnenhungrig. Warum in aller Welt wollte ich unbedingt nach Darjeeling? Wo ist die „Queen of Hills“? Jetzt hänge ich für fünf Tage hier fest.

Scones essen, nach Ghoom wandern, Teeplantagen besuchen

Meinen teuren Flug von Bagdogra nach Delhi umbuchen wäre eine Schnapsidee. Also mache ich das Beste draus. Das heißt, viel Tee trinken. Und Scones essen. Durch die kleinen Seitenstraßen wandern, in denen keine Autos fahren. Buddhistische Tempel besuchen. Teeplantagen besuchen. Mir im Happy Valley Tea Estate, der ältesten Teeplantage Darjeelings, den Unterschied zwischen „First Flush“ und „Second Flush“ erklären lassen. Lernen, dass der zwischen März und Juni produzierte First Flush leicht, frisch und zitronig schmeckt, ein wenig wie Frühling. Der Second Flush eher erdig, mit einem Hauch von Schokolade und Aprikose. In den Nachbarort Ghoom wandern. Etwas über die Geschichte Darjeelings lesen. Und bei all dem vielleicht doch noch die „Queen of Hills“ finden.

Darjeeling-Tee

Darjeeling-Happy-Valley

Darjeeling-Indien-Teeplantage

Darjeeling-Indien-City

Sommerfrische für die Hitzegeplagten aus Kalkutta

Darjeeling hieß ursprünglich „Dorje Ling“, was so viel bedeutet wie „Platz des Donners“ und der Name des alten buddhistischen Klosters war, das früher auf dem Observatory Hill stand. Heute findet man auf dem Observatory Hill den Mahakal Tempel, einen der wenigen hinduistischen Tempel im buddhistisch geprägten Darjeeling. Von hier oben hat man angeblich einen wunderbaren Blick auf den Kangchenjunga, den drittgrößten Gipfel der Welt. Ich sehe leider nur graue Wolken.

Darjeeling gehörte lange Zeit zu Sikkim, einst ein eigenständiges Königreich, bevor es sich die britische Krone einverleibte. Darjeeling war damals ein strategischer Knotenpunkt für den Handel zwischen Kalkutta und Lhasa. Heute ist es ein beliebtestes Reiseziel der hitzegeplagten Inder aus dem 600 Kilometer südlich gelegenen Kalkutta oder aus Mumbai. Von dort kommt der Herr mit dem Schnauzbart, der sich in Glenary’s Bakery neben mich setzt und seinen riesigen Stockschirm an den Tisch hängt. Und mir erzählt, wie großartig er das Klima hier findet. Kein Wunder, in Mumbai herrschen ganzjährig über 30 Grad, da können kühle 15 Grad eine willkommene Abwechslung sein.

Typisch für viele Orte im indischen Himalaya, wehen einem in Darjeeling überall buddhistische Gebetsfahnen entgegen. Ein Großteil der Bewohner Darjeelings sind Nachfahren der Gurkhas, jener Kriegerkaste aus Nepal, die die Briten als Arbeiter auf den Teeplantagen hergeholt hatten. Daneben haben sich Bhutanesen, Nepalesen und Sikkimesen hier angesiedelt. Sie arbeiten als Taxifahrer, Bergführer, Sherpa oder Teepflücker. Oder haben einen Marktstand oberhalb des Chowstra Square, dem alten Paradeplatz am Ende der Fußgängerpromenade The Mall.

Darjeeling-Prayerflags

Vom Chowstra Square nach Ghoom

Weiter als zum Chowstra Square kommen die meisten indischen Touristen nicht. An den Essständen oberhalb des Platzes, wo gebratene Nudelen in den Pfannen bruzzeln, frische Momos zubereitet werden, Kebabs gegrillt werden und Milch in Tüten, die wie Gefrierbeutel aussehen, verkauft wird, trifft man nur auf Einheimische. Und ein paar Backpacker, die hier für wenige Rupien essen. Hier fange ich an, mich langsam in Darjeeling wohl zu fühlen. Ich folge den engen Straßen mit dem Kopfsteinpflaster den Berg hinauf. Angeblich kann man von hier auf einem Höhenweg nach Ghoom laufen. Ich lasse das Häusermeer von Darjeeling City hinter mir. Spaziere vorbei an kleinen Klöstern, an vereinzelten Häusern. Sehe Kinder beim Cricketspielen, eine Frau in der Sonne sitzen und Zeitung lesen. Endlich ein paar Sonnenstrahlen. Die sind aber auch schon wieder weg, als ich in Ghoom ankomme.

In Ghoom ist es fast immer neblig. Auch heute reicht die Sicht keine 100 Meter. Die Klöster links und rechts der Straße sind kaum zu erkennen. Ich mache eine Stippvisite im größten Kloster Ghooms, das zur Gelugschule gehört, derselben Tradition, der der Dalai Lama angehört. Und störe den jungen Mönch im Hof des Samten Choling Klosters bei seinen Hausaufgaben.

Darjeeling-Indien-City

Darjeeling-Indien-Streetfood

Darjeeling-Indien-Streetfood

Darjeeling-Treeking-Ghoom

Darjeeling-Indien-Ghoom

Darjeeling-Treeking-Ghoom

Darjeeling-Treeking-Ghoom

Darjeeling-Ghoom

Darjeeling-Treeking-Ghoom

„Darjeeling Limited“: Höchster Bahnhof der Welt

Mehr noch als für seine buddhistischen Klöster ist Ghoom für seinen Bahnhof bekannt. In Ghoom liegt die höchste Bahnstation der Welt, auf 2.225 Meter. Die Darjeeling Himalayan Railway, seit 2005 ein UNESCO-Weltkulturerbe, gehört zu den bekanntesten Bahnstrecken Indiens. Nach ihr wurde der Zug in Wes Andersons „Darjeeling Limited“ benannt. Seit 1881 tuckert die Schmalspurbahn mit zwölf Stundenkilometer die 80 Kilometer von New Jaipalguri hoch bis nach Darjeeling. Eigentlich hatte ich tatsächlich vor, auf diesem Weg nach Darjeeling zu kommen. Doch der Zug fährt nur einmal am Tag, morgens früh und die Fahrkarten sind schon monatelang vorher ausverkauft.

Zwischen Ghoom und Darjeeling verkehrt die Darjeeling Himalaya Railway als „Joy Train“. Sicherlich ein Erlebnis, an einigen Stellen fährt der Zug mit den Panoramafenstern so nah an den Häusern vorbei, dass man das Gefühl hat, bei den Bewohnern im Wohnzimmer zu sitzen. Doch ich halte lieber eines der Sammeltaxis auf der Straße an. An die Straße stellen, Daumen raus, so funktioniert der ÖPNV in Darjeeling. Und auch wenn das Taxi schon zum Bersten voll ist, rückt man zusammen.

Einer der „10 Top-Tipps für Darjeeling“: Tiger Hill

Auf eine weitere Aktivität aus der Liste „10 Dinge, die man in Darjeeling unbedingt gemacht haben muss“, habe ich ebenfalls verzichtet. Ein Besuch auf dem Tiger Hill, mit 2.590 Metern der höchste Punkt in der Gegend. Spektakuläre Aussicht bei Sonnenaufgang auf die höchsten Gipfel der Welt: Im Westen die Spitze des Everest, im Norden der Kangchenjunga, daneben Kabru, Rathong und Kokthang. Wenn man denn Glück hat und keine Wolken am Himmel sind, so versprechen es die Flyer, die ich irgendwo mitgenommen habe. Wenn es ganz klar ist, kann man angeblich im Süden sogar bis in die Tiefebene Bangladeshs blicken, und im Nordosten bis nach Assam und Bhutan. Klingt verlockend.

Ich solle spätestens um 4.00 Uhr am Taxistand sein, sagt mir einer der Fahrer am Taxistand oberhalb des Clock Tower. Besser noch um 3.30. Sonst würde ich kein Taxi mehr bekommen. Und ich würde im Stau stehen, jeden Morgen führen zwischen 100 und 200 Autos Richtung Tiger Hill. What? 3.30 Uhr? Und mit einer Karawane losziehen und vor lauter Menschengewühle wahrscheinlich sowieso keinen Berg sehen, Nebel und Wolken hin oder her? Ich habe mir den Wecker gestellt. Regentropfen prasseln an das Fenster meines Hotelzimmers. Dann höre ich das Gebelle der Hunde, die sich wieder einmal zusammengerottet hatten und an denen ich auf dem Weg zum Taxistand hätte vorbei gehen müssen. Kein Tiger Hill. Ich drehe mich wieder um. Den Everest und den Kangchenjunga habe ich aber doch noch gesehen. Wo und wie, erzähle ich Euch beim nächsten Mal.

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2 comments

  1. a

    Sehr schön wie immer 😉

    LG
    Alex

  2. Lieber Alex, das freut mich :-). LG, Alex

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