Buddha Trail II: Kushinagar. Wo Buddha das Nirvana fand.

„Going Kushinagar? Good! Buddha place!“ Ja, ich weiß. Deshalb will ich ja nach Kushinagar. Ein Ort mit großer, historischer Bedeutung. Zumindest für die Buddhisten. Denn in Kushinagar soll Buddha gestorben sein. Oder besser gesagt die Erlösung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt erlangt haben. Ich sitze im Jeep mit Ganvoerden, dem Koordinator von United for Hope in Tirmasahun, und den beiden Ärzten, die uns bei unserem Event zum World Water Day unterstützt haben. Die Ärzte wohnen in Kasia, ungefähr 20 Minuten von Tirmasahun entfernt, Ganvoerden in Gorakhpur. Kushinagar liegt genau dazwischen und Tara hatte die Idee, ich könne am Abend mitfahren und mich in Kushinagar absetzen lassen und dort übernachten, um mir am nächsten Tag die buddhistischen Stätten anzusehen.

Kushinagar – einer von 4 Hauptorten des „Buddha Trails“

Kushinagar stand schon lange auf meiner Liste. Ich bin kein Buddhist. Doch mich fasziniert die Geschichte von Siddartha Gautama, dem Prinzen, der vor 2.500 Jahren im Süden Nepals geboren wurde und in Nordindien lebte und wirkte. So begann ich vor ein paar Jahren, mich auf den „Buddha Trail“ zu begeben. So wie Tausende von Buddhisten aus Thailand, Sri Lanka, Kambodscha, Myanmar, China, Korea und Japan. So wie der indische Autor und Dichter Jeet Thayil, der mir bei unserem Treffen in Delhi von seinem „Buddhist Roadtrip“ erzählt hat, über den er auch auf Condé Nast Traveller geschrieben hat. So wie der deutsche Reiseschriftsteller Andreas Altmann, der sich während einer seiner zahlreichen Indienreisen im Norden des Landes auf Spurensuche machte und die vier Hauptstationen der Buddha-Route besuchte. Er startete in Sarnath, wo Buddha seine erste Predigt gehalten haben soll, fuhr mit einem klapprigen Überlandbus über schlechte Straßen nach Nepal, nach Lumbini, wo Buddha geboren sein soll, von dort nach Kushinagar, die Todesstätte Buddhas, und schließlich weiter nach Bodhgaya in Bihar, wo Buddha unter dem Bodhibaum seine Erleuchtung gefunden haben soll. Nachlesen kann man seine amüsanten Schilderungen in „Triffst Du Buddha, töte ihn!“, wo er auch über seinen Selbstversuch berichtet, wie man einen 10-tägigen Vipassana-Retreat übersteht.

Lumbini, Sarnath und Bodhgaya konnte ich schon auf meiner Liste abhaken. Bis auf Sarnath vor den Toren Varanasis liegen alle diese Orte ziemlich abseits der klassischen Reiserouten, doch auf Kushinagar trifft das besonders zu. Jeet hat mir erzählt, wie anstrengend es war, die ganze Strecke von Delhi mit dem Auto zurückzulegen, auch wenn er nicht selber gefahren ist und seinen silberfarbenen Ambassador, mit dem ich schon eine Spritztour durch Delhi machen durfte, für diese Reise gegen ein Auto mit Fahrer eingetauscht hat. Kushinagar liegt im Norden von Uttar Pradesh, nicht weit von der nepalesischen Grenze. Der nächste Flughafen, Varanasi, ist über 200 Kilometer entfernt, der nächste Bahnhof, Gorakhpur, über 50 Kilometer. Wenn man kein „Pilgerpaket“ bucht wie der Großteil der asiatischen Gruppen, die den Buddha Trail im Turbotempo zurücklegen, oder keinen Fahrer hat wie Jeet, muss man entweder viel Zeit für viele Stunden in Zügen und Bussen mitbringen, oder man bereist die Route in Etappen, so wie ich das gemacht habe.

Sightseeing in Kushinagar: Staub, Hitze und alte Steine

Ich solle mir nicht zu viel von Kushinagar versprechen, warnt mich Tara, die während ihrer Besuche in Tirmasahun ab und zu eine Nacht dort verbringt. Um mal wieder in den Genuss einer richtigen Dusche und eines WLAN zu kommen – Dinge, die es in Tirmasahun nicht gibt. Ich wusste ziemlich schnell, was sie meint. Ein paar Ausgrabungen, die Überreste mehrerer alter Stupas und Klöster. An der staubigen Hauptstraße, die bezeichnenderweise „Buddha Marg“ heißt, links und rechts eine Reihe moderner, herausgeputzter Tempel, die von Buddhisten aus Südost- und Ostasien gestiftet wurden. Das ist Kushinagar.

Was tue ich eigentlich hier? Ein solches Gefühl beschleicht mich selten auf Reisen. In Kushinagar ist das mein erster Gedanke, als ich morgens auf die Buddha Marg trete. Ich kann noch nicht einmal beschreiben, wieso. Liegt es daran, dass ich sofort sehe: Nach Kushinagar verirren sich keine anderen westlichen Reisenden? Oder weil der Ort so wenig einladend aussieht und mir klar ist, dass ich die „Sehenswürdigkeiten“ innerhalb von zwei Stunden abgehandelt haben werde und nicht weiß, wo und wie ich den restlichen Tag verbringen soll, bis ich am frühen Abend wieder abgeholt werde, um zurück nach Tirmasahun zu fahren?

Meine Anlaufstelle: Tarit und das Yama Café

Glücklicherweise habe ich eine Anlaufstelle, das Yama Café. Ich frage den Mann mit der runden Hornbrille, dem Schnauzbart und dem akkuraten Seitenscheitel, ob er Tarit sei und stelle mich als eine Freundin von Tara vor. Ich solle Platz nehmen, wie schön, dass ich nach Kushinagar gekommen sei. Natürlich könne ich nach dem Frühstück mein Gepäck hier lassen. Und wenn irgendetwas ist – das Yama Café sollte immer meine erste Anlaufstelle sein. Ich fühle mich besser. Dann reicht mir Tarit das Telefon. Sonia aus Tirmasahun. Chandon, der junge Fotograf aus Kushingar, der ab und zu für United for Hope arbeitet, würde mich gleich im Yama Café abholen und mich herumfahren mit seinem Motorrad.

Chandon besteht darauf, dass ich zuerst mit ihm nach Hause komme, um zu sehen wie er wohnt und seine Familie kennenlerne. Inder sind extrem gastfreundlich und eine solche Einladung abzulehnen, ist unhöflich. Also schwinge ich mich mit auf sein Motorrad, lerne seine Mutter und seine Frau kennen und sitze mit Chandon, seinem Freund Anjuman und einem weiteren Freund, der plötzlich wie aus dem Nichts auftaucht, auf dem Ehebett mit einer Tasse Lipton-Tee. Ich fühle mich unwohl, so tief in die Privatsphäre einer Familie vorzudringen, die ich überhaupt nicht kenne. Doch Chandon und seine Familie haben keine Berührungsängste. In Indien rückt man zusammen. Zeigt dem Gast Familienfotos. Will alles von ihm wissen. Wie ich Indien finde, wie es in Deutschland ist, ob ich verheiratet sei, Kinder habe.

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Ich würde wahrscheinlich immer noch in dem kleinen Haus in einer Nebenstraße der Buddha Marg sitzen, Tee trinken und mir die philosophischen Ergüsse über die großen Denker Europas vom äußerst redseligen Anjuman anhören, wenn ich Chandon nicht irgendwann gedrängt hätte, mich zurück in den Ort zu bringen. Auch wenn es in Kushinagar nicht viel zu sehen gab, möchte ich mir natürlich die Ausgrabungsstätten ansehen.

Der liegende Buddha in der Mahaparinirvana Stupa

Ich habe irgendwo gelesen, dass Kushinagar einst ein kleines, malerisches Königreich war, umgeben von grünen, saftigen Wäldern. Diese sind verdörrten Feldern gewichen, typisch für die nordindische Tiefebene zu dieser Jahreszeit. Mehrere Hundert Jahre geriet Kushinagar in Vergessenheit, bis es Ende des 19. Jahrhunderts von britischen Forschern wiederentdeckt wurde. Sie hatten Aufzeichnungen von zwei chinesischen Pilgern gefunden, Fa Hien und Hieun Tsan, die „Kushinara“ im 7. Jahrhundert besucht hatten und in ihren Notizen von Tempeln und Stupas berichteten. Unter dichtem Dschungel fanden die britischen Forscher schließlich die Mahaparinirvana Stupa.

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Vor dem Eingang des schattigen Parks, in dem der Mahaparinirvana Tempel liegt, setzt mich Chandon ab. Ein Meditationspark, aber ich sehe niemanden, der im Lotussitz unter einem Baum hockt und meditiert. Mir kommt nur eine Schulklasse entgegen. Und ein paar einzelne Besucher, die andächtig die riesige Buddha-Statue umrunden, die sich im Inneren des Nirvana-Tempel befindet. Sechs Meter ist sie lang, mit überdimensionalen Füße, die so riesig und geschwollen sind, weil Buddha von Vaishali nach Kushingar gelaufen ist. Die Statue ist aus Sandstein, die goldene Schicht kam erst im Laufe der Jahre dazu, von den Goldfolien, die die Pilger auf die Statue legen. Es ist angenehm kühl im Tempel und ich hätte dem ruhenden Buddha in seiner Parinirvana-Pose gerne noch etwas länger Gesellschaft geleistet. Doch der Gang um die Statue ist ähnlich reglementiert wie der Besuch der Kronjuwelen im Tower in London und der Sicherheitsbeamte gibt mir zu verstehen, dass meine Zeit jetzt um sei.

Draußen empfängt mich die Gluthitze und das gleißend helle Licht. Ich würde mich am liebsten unter einen der Bäume legen und eine Runde schlafen. Kushinagar, der schläfrige Ort, in dem sich die Minuten wie Kaugummi zu dehnen scheinen, hinterlässt eine bleierne Schwere in mir. Ich suche mir keinen Baum, sondern drehe noch eine Runde durch den Park, werfe einen Blick auf die Überreste der freigelegten Ziegelgebäude, von denen einige in die Zeit des Buddha zurückreichen.

Ramabhar Stupa: Einäscherung des Buddha

Mein nächstes Ziel: Die Ramabhar Stupa. Eine 15 Meter hohe Ziegelkonstruktion, die an dem Ort errichtet wurde, wo Buddha eingeäschert wurde. „Possibly“, ist auf dem Schild des Eingangs zu lesen. So genau weiß man das wohl alles nicht. Aha. Ein Foto spare ich mir, auch von der rechteckigen Ziegelplattform, auf der Buddha nach seinem Tod aufgebahrt wurde. Angeblich. Ich studiere die Tafel, die die Geschichte seines Todes erzählt. Buddha war schon fast 80, als er merkte, dass sein Ende gekommen ist. Mit seinem treuen Schüler und Weggefährten Ananada machte er er sich auf den Weg von Vaishali nach Kushingar, um dort zu sterben. Nachdem er ein Fleischgericht aß starb er, an Lebensmittelvergiftung, auf einem Bett auf Blättern unter einem Salbaum. Dem Schmied, der ihm das verdorbene Essen gebracht hatte, vergab er. Natürlich. Sonst wäre er nicht der Buddha.

Begegnungen in Kushinagar: Bügler, Barbiere und erleuchtete Amerikaner

Nach einem Fleischgericht ist mir nicht, aber ich könnte einen ordentlichen Kaffee vertragen, keine dieser schrecklichen, dünnen Brühen aus Instantpulver, die man, wenn überhaupt, in Orten wie Kushinagar bekommt. Nach Kushinagar, in dieses kleine, schläfrige, staubige 22.000-Seelen-Kaff, verirren sich kaum Touristen, daher gibt es auch weder ein Cafe Coffee Day noch ein Costa Coffee noch ein Coffee Bean and Tea Leaf. Ich kaufe eine Flasche Wasser. Beobachte den jungen Kerl, der sich ein weißes Handtuch als Schutz gegen die Sonne um den Kopf gebunden hat und der trotz der Gluthitze unermüdlich sein schweres, gußeisernes Bügeleisen über Dutzende von Hemden und Hosen gleiten lässt. Ich schaue dem Barbier bei seiner Arbeit zu. Sein Salon: Ein an einem Baum befestigter Spiegel und ein alter, wackeliger Stuhl. Ich könnte auch mal wieder zum Friseur gehen. Das höchstens 12-jährige Mädchen, das hinter dem heißen Wok steht, in dem es gebratene Nudeln zubereitet, tut mir leid, als ich ihr sage, dass ich keinen Hunger habe. Sie scheint den Essensstand alleine zu betreuen.

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Langsam habe ich das Gefühl, es ist doch ein wenig Leben in Kushinagar, dem Ort, in dem Buddha seinen Tod fand. Lebendiger indischer Alltag, wo auf der Straße gebügelt, gekocht und rasiert wird. Auf dem Weg zurück Richtung Yama Café, auf dem ich noch den modernen Tempeln einen Besuch abstatte, begegne ich tatsächlich einem westlichen Backpacker-Pärchen. Sie suchen nach einer günstigen Unterkunft, doch die Gästehäuser der Tempel sind alle ausgebucht. Ansonsten gibt es nur ein paar schäbige Hotels. Dann noch ein westliches Gesicht. Ein Amerikaner, mit Schlabberhosen, Joggingschuhen und einem Schirm gegen die Sonne. Er spricht mich an, fragt mich, was mich nach Kushinagar verschlagen hat. Erzählt mir, dass er schon seit 30 Jahren nach Indien kommt, einmal im Jahr mehrere Wochen in Kushinagar verbringt, wo er die meiste Zeit meditiert. Als ich andeute, dass ich Yoga praktiziere und einige Zeit in Ashrams verbracht habe, hört er gar nicht mehr auf zu reden. Hält mir einen Vortrag über den besten Weg zur Erleuchtung, mit welchen Techniken ich wann, wie und wo am besten meditiere.

„Wie fad, wie mich Sightseeing langweilt. Als hätte ich nicht genug tote Steine gesehen. Aber ich komme mit einem Mönch ins Gespräch, der eine mitreißende Geschichte weiß.“

– Andreas Altmann, Triffst Du Buddha, töte ihn!

Seinen Namen habe ich leider vergessen. Aber wenn ich heute über diese Begegnungen nachdenke, weiß ich wieder, warum ich nach Kushinagar gekommen bin. Nicht, um alte, tote Steine anzuschauen, sondern um Geschichten zu hören. Die Geschichten, die sich um das Leben des Buddha ranken. Die Geschichten von Menschen wie dem meditierenden Amerikaner, von Chandon und seinem philosophierenden Freund Anjuman und von Tarit, der mir bei meinem späten Mittagessen im Yama Café von seinen Kindern erzählt, mir Fotos von seinen Enkelkindern erzählt und mit dem ich immer noch in Kontakt stehe.

P.S. Schade, dass ich schon ein paar Tage später aus dem Kushinagar District abgereist bin. So habe ich leider den  „Clean Kushinagar Day“ verpasst, den United for Hope mit der Stadtverwaltung organisiert hat. Kushinagar hat, wie viele indische Städte, ein Müllproblem. Um den Ort attraktiver für Besucher zu machen und ein Bewusstsein für Müllvermeidung zu schaffen, hatten wir die Idee für eine Aktion, bei der Freiwillige einen Tag lang zusammen die Straßen von Müll befreien. Zusammen mit den Inhabern der Geschäfte an der Buddha Marg, dem District Magistrate und einigen anderen Offiziellen, Mönchen aus den Klöstern und einem Tross von Freiwilligen haben meine United for Hope-Kollegen bei glühender Hitze die Straßen gefegt und die Müllbeutel befüllt, die ich aus dem Drogeriemarkt in Schwabing nach Indien mitgebracht hatte. Die Aktion hat es sogar ins indische Fernsehen geschafft.

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2 comments

  1. J

    Hallo Alexandra,
    ich bin so froh deinen Blog gefunden zu haben! Ich möchte nach meiner Ausbildung unbedingt für ein paar Monate nach Indien und unter anderem auch die Stationen des Buddha besuchen, hatte jedoch bei meinen ersten Recherchen (ist schon etwas länger her) nichts gefunden. Aber hatte ja noch Zeit, dachte ich da und jetzt wo ich zufällig auf deinem Blog gelandet bin, finde ich genau die Infos die ich brauche! Vielen Dank dafür 🙂 ich finde Indien unheimlich spannend und kann gar nicht aufhören auf deinem Blog zu stöbern!

    Liebste Grüße
    Jasmin

  2. Hallo Jasmin, freut mich sehr, dass Du meinen Blog gefunden hast! Der „Buddha Trail“ gehört für mich zu einer der spannendsten Anlaufstellen in Indien, neben vielen, vielen anderen Orten, die es mir angetan haben und die ich zum Teil schon mehrfach besucht habe. Wünsche Dir weiter viel Spaß beim Stöbern und kann Dir sagen: Mach‘ das unbedingt mit Deinem geplanten Indienaufenthalt :-). Liebe Grüße, Alexandra

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