Tatort München: ein Mord, ein verschollenes Kunstwerk und ein „Vermächtnis“

München, Alte Pinakothek – 18. Oktober 2014

Ich sitze auf der Rasenfläche vor der Alten Pinakothek, die Augen geschlossen, und spüre die wärmenden Strahlen der schon etwas fahlen Herbstsonne auf meiner Nase tanzen. Obwohl heute nochmal T-Shirt-Wetter ist, kann ich den Herbst riechen. Auf dem Rasen verirren sich die ersten braunen Blätter, das Gras ist feucht. Der Student mit dem Lockenkopf und dem französischen Akzent, der es sich auf dem Podest der „Liegenden“ von Henry Moore zum Dösen bequem gemacht hat, ist so nett, ein wenig zu rutschen, so dass ich auch noch Platz habe unter der Skulptur.

Moore_DieLiegende

Ich hocke mich neben ihn, genieße den London Cheesecake und den Cappuccino, den ich mir aus dem Café Klenze geholt habe, und beobachte das Treiben um mich herum. Spaziergänger, junge und alte, mit und ohne Hund. Familien mit Kindern, auf die „Die Liegende“ eine magische Anziehungskraft ausübt, weil man auf ihr so schön herumklettern kann. Studenten, die im Gras picknicken, eine junge Frau, die Stretchingübungen macht. Dazwischen der ein oder andere Canaletto-Fan, der sich die am Donnerstag eröffnete Ausstellung mit den Werken des italienischen Malers Bernardo Bellotto lieber in Ruhe anschaut, bevor heute Abend die Teilnehmer der Langen Nacht der Museen in Scharen in der Alten Pinakothek einfallen.

Eine Skulptur, Strappado und braunes Gift

Mein Blick schweift über das weitläufige Rasenstück. Er bleibt an einer großen Plastik aus glänzenden Stahlrohren hängen, der „Doppelsäule 23/70“ von Erich Hauser. Ich schaudere ein wenig. Hier muss es passiert sein, in einer klaren, kalten Winternacht im Februar 2013, die bestialische Hinrichtung eines alten Mannes. Er wurde erst an der an einen Baum erinnernden Skulptur brutal gefoltert. Mit Strappado. Und dann eiskalt ermordet.

„Über einen ‚Ast‘ des Baumes, in mehr als sechs Metern Höhe, war ein Nylonseil geschlungen. Sie hakten die Metallklammer an das Seil und drehten an dem langen Griff der Kurbel des Flaschenzugs, der am Fuß der Skulptur verankert war. Die Hände des Mannes wurden hochgerissen, als er in die Luft gezogen wurde. Sein gesamtes Gewicht hing nun an seinen Armen. Als er oben war, lösten sie die Rücklaufsperre. Der Mann fiel sechs Meter in die Tiefe, doch kurz bevor er auf dem Boden aufschlug, rissen die Männer den Kurbelgriff herum und stoppten das Seil. Es ertönten ein ohrenbetäubendes Kreischen und das Geräusch brechender Knochen.“

modenerbaum_pinakothek

PrinzLudwigStraße

Das ohrenbetäubende Kreischen kam aus dem Mund von Max Schopenhauer, der hier, nur wenige Hundert Meter von seiner Wohnung in der Prinz-Ludwig-Straße, seinen Tod finden sollte. Max Schopenhauer war Kunsthändler. Mit einem geheimnisvollen „Vermächtnis“. Durch Strappado, womit schon zu Zeiten der Inquisition Geständnisse erzwungen wurden, wollten ihn seine Peiniger zum Reden bringen und das Geheimnis um dieses Vermächtnis lüften. Doch Max behielt sein Geheimnis für sich. Nachdem seine Mörder ihm eine braune Flüssigkeit injizierten, schwieg er für immer. „Wir nehmen uns deinen Enkel vor, wenn wir mit dir fertig sind“, waren die letzten Worte, die Schopenhauer vor seinem Tod vernahm.

Illegaler Kunsthandel, korrupte Politiker und geheimnisvolle „Doktoren“

Max Schopenhauer ist eine fiktive Person. Seine Figur und der Mord auf dem an diesem sonnigen Samstagnachmittag so beschaulich wirkenden Gelände vor der Alten Pinakothek entstammen der Phantasie des US-amerikanischen Autors Richard Surface. Max Schopenhauer und sein Enkel Gabriel sind zwei der Hauptfiguren in Surfaces fesselndem Thriller „Das Vermächtnis“, den ich schon vor der offiziellen Veröffentlichung am 15. September als Testleserin von LovelyBooks lesen durfte.

Der alte Schopenhauer wird des Handels mit illegalen Kunstwerken beschuldigt. Sein Enkel Gabriel will die Unschuld des Großvaters beweisen und dessen Mörder aufspüren. Gabriel lässt sich dabei auf ein gefährliches Spiel, in dem er selbst zum Gejagten wird und nicht weiß, wem er trauen kann. Ausgehend von dem Mord an der im Mondschein glänzenden Skulptur, die in „Das Vermächtnis“ übrigens „Moderner Baum III“ heißt, entspannt sich ein komplexes Konstrukt mit einer Vielzahl von Protagonisten und mehreren Handlungssträngen. Diese führen den Leser von München über Amsterdam nach Pistoia in die Nähe von Florenz und nach Lech. Sie führen ihn weiter nach Brüssel, Paris und London, in die Welt von Interpol, von Kunstfälschung und von in internationalen Kunstraub verwickelte EU-Kommissare mit terroristischer Vergangenheit. Und in die Welt der „Doktoren“, einem Geheimbund, der sich als Strippenzieher in diesem Spiel aus todbringenden Intrigen entpuppen, in das sogar die IRA verwickelt ist.

Es geht um verschwundene Tonbänder, alte Fotos, Verschwörungstheorien, verschollene Kunstwerke und eine geheimnisvolle Statue. Es geht aber auch um tiefschichtigere Themen, nämlich um Loyalität, bedingungsloses Vertrauen und bis über den Tod hinausreichende Freundschaft. Nicht nur Schopenhauer, ausnahmslos jeder der Charaktere des Buches scheint ein mehr oder weniger dunkles Geheimnis zu besitzen. Egal ob Arthur Whyte, der langjährige Geschäftspartner von Schopenhauer, Georges Savarin, der unsympathische Leiter der Abteilung für Kunstdiebstahl bei Interpol, die alte Signora Zenetti oder Emily, Gabriels Frau. In dieses kunstvoll gestrickte Netz aus Orten, Figuren und Handlungen verwebt Surface eine Fülle kunsthistorischer Fakten. Tizian, Carraci, Lotto, Bellini, Michelangelo, dazu eine Vielzahl an historischen Bauten in und um Florenz – die Hälfte der italienischen Kunst- und Architekturgeschichte wird im Buch lebendig.

Man muss am Ball bleiben, um nicht verloren zu gehen. Ein Buch für nebenbei ist „Das Vermächtnis“ nicht, es empfiehlt sich eine zügige und konzentrierte Lektüre. Mich hat Surfaces Erstlingswerk, das mich zu Anfang etwas an die Geschichten von Dan Brown erinnert hat, so gefesselt, dass ich es innerhalb von drei Tagen fertig hatte. Sein Schreibstil, die mir bis dato unbekannte Theorie von verschollenen Kunstwerken aus der Renaissance und vor allem der Lokalkolorit durch die Verortung des Romans an realen Orten haben mich von Anfang tief hinein gezogen in die Geschichte. So tief, dass ich mich während meines „Leseurlaubs“ in einer ehemaligen Bonzenbungalowsiedlung an einem kleinen See im tiefsten Brandenburg ziemlich gegruselt habe. Nach Sonnenuntergang, wenn es dort draußen sofort kohlrabenschwarze Nacht wird und die einzigen Geräusche von den Uhus im Wald oder vom Kühlschrank aus der Küche kommen, habe ich mindestens drei Mal kontrolliert, ob die Tür richtig abgeschlossen ist …

Richard Surface – der neue Dan Brown?

Richard Surface

Richard Surface © Raimund Verspohl

Trotz einer verwandten Thematik und ähnlicher Muster ist Richard Surface weder der neue Dan Brown noch eine Kopie von Dan Brown. Die ersten Kapitel von „Das Vermächtnis“ sind entstanden, bevor der Autor von „Illuminati“ und „Sakrileg“ so populär wurde. Das war vor mehr als zehn Jahren. Surface hat damals als Leiter einer großen Versicherungsgesellschaft gearbeitet. „Ich hatte schon längst angefangen, ‚Das Vermächtnis‘ zu schreiben, als ich von Dan Brown hörte. Nachdem ich eines seiner Bücher las, dachte ich, das kann ich auch, und zwar besser“, erzählt Surface bei seiner Buchvorstellung diese Woche in München.

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Der zwischen München, London und Los Angeles pendelnde Vater von drei erwachsenen Kindern hat schon immer gerne Geschichten erzählt. Für seine Töchter und ihre zwei jüngeren Brüder erfand er seinerzeit die Geschichte von Charlie und Carol, einer Maus und einem fünfjährigen Mädchen. Damals war er 35. Für die Erfüllung seines großen Lebenstraums, das Schreiben, brauchte es jedoch noch einige Zeit. Irgendwann vor 15 Jahren fing er an, Kriminalgeschichten zu schreiben, in denen Charlie und Carol Verbrechen aufklärten. Wenige Jahre später führte ihn seine Leidenschaft für entlegene Winkel der Kunstgeschichte – Surface ist nicht nur Mathematiker, sondern auch Kunsthistoriker – zu einer Studie über Werke, die auf rätselhafte Weise verschwanden und deren Verbleib bis heute nicht geklärt ist. Damit war die Idee für „Das Vermächtnis“ geboren.

Bis zum Debüt als veröffentlichter Thrillerautor sollte jedoch noch weitere Jahre ins Land ziehen. Surface muesste dafür erst 66 Jahre alt werden. Mit 66 fängt bekanntlich erst alles an und auch Richard Surface denkt nicht daran, den Stift wieder beiseite zu legen. Er arbeitet bereits an einem zweiten Thriller, der in Italien spielen wird, in einem ähnlichen Umfeld wie „Das Vermächtnis“.

Interview mit Richard Surface zu Kreativität und dem Prozess des Schreibens

Ich bin übrigens bereits vor einigen Monaten auf Richard Surface aufmerksam geworden. Mein Iron-Blogger-Kollege Raimund hatte nämlich die Ehre, die PR-Fotos für Richard zu machen und ich habe mit großer Begeisterung das „Making of“ in Raimunds Blog verfolgt. Die Porträts von Richard in diesem Artikel stammen von ihm.

Diese Woche hatte ich Gelegenheit, Richard und seine Übersetzerin Zoë Beck bei der Buchvorstellung in München zu treffen. Und ihm einige Fragen zu stellen. Was er auf meine „Wer, Wie, Was, Wo, Wann“-Fragen geantwortet hat, könnt Ihr im Folgenden lesen. Das Interview haben wir auf Englisch geführt.

Richard Surface

Richard Surface © Raimund Verspohl

WHO – Who is Richard Surface?
Richard Surface: American businessman, retired, turned writer with a particular interest in ‘cultural’ thrillers.

WHERE – Where do you write your books? Do you have a studyroom? In a café? Or in the garden?
Richard Surface: Anywhere where there is a desk and a chair. I used to also write on airplane flights. Something about the constrained space and low air pressure makes it easy to ‘get in the zone.’ But then I looked at what I had written and said to myself, ‘Yes, you were definitely 10 thousand metres into space when you wrote that.’ So I don’t bother writing in airplanes anymore.

WHEN – Many writers are working in the nights, when it’s absolutely quiet and nothing disturbs them. When do you write?
Richard Surface: I generally have a morning session and a late night session. In between is my low-energy time.

HOW – Scribbles in a notepad, laptop, coffeemug in the hand, how does your „creativity process“ work?
Richard Surface: There are two parts to creativity for me: initial idea and story development. The first are easy and pop into my head all the time, triggered by a newspaper article, an overheard conversation, a Facebook comment, anything. The second, creating a story from an idea, that’s hard, a real grind, and I find that it only comes when I’m having morning cup of tea in my bed without distractions, simply thinking and also when I’m at the laptop writing. Some writers can go for a long walk and think about their story but when I try that I’m just daydreaming.

WHAT – What are you up to when you are not writing?
Richard Surface: To a feeling of emptiness and dissatisfaction.

WHO – Who are your favorite authors?
Richard Surface: J.D. Salinger, Victor Hugo and P.G. Wodehouse. Probably in reverse order.

Herzlichen Dank an Richard und Zoë für die interessante Lesung in der Buchhandlung Isarflimmern und an Richard für das Interview!

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