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Ladakh – atem­berau­bende Schönheit im indischen Himalaya

Ladakh, das „Hohe-Pässe-Land“ im äußersten Norden Indiens, raubt einem den Atem, im wahrsten Sinne des Wortes. Leh, die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Ladakh, liegt auf 3.500 Metern und gehört zu den höchstgelegenen bewohnten Gebieten der Erde. Als ich auf dem kleinen Flughafen, der aus nicht mehr als einer versandeten Landebahn und einem kleinen, behelfsmäßigen Gebäude besteht, aus dem Flugzeug stieg und die Gangway herunterging, habe ich mich kaum getraut, Luft zu holen. Ich befürchtete, dass ich in der dünnen Luft, die in dieser Höhe nur noch halb so viel Sauerstoff hat als auf Meeresniveau, sofort ersticke oder in Schnappatmung verfalle. Nach ein paar vorsichtigen Atemzügen war ich beruhigt, zumindest wenn man sich nicht großartig anstrengt, kann man einigermaßen normal atmen. Als jemand neben mir eine Chipstüte hochhielt, die kurz vorm Platzen war, dachte ich mir allerdings, hoffentlich passiert das nicht mit meinen Lungen. Ich hatte vor meiner Abreise definitiv zu viel über Höhenkrankheit gelesen.

Nachdem ich mich jedoch brav an das „Akklimatisierungsprogramm“gehalten habe – das heißt die ersten 24 Stunden fast nur geschlafen habe, literweise Wasser in mich hinein gekippt habe und es die ersten Tage ganz langsam habe angehen lassen – ist dieser Kelch zumindest für’s erste an mir vorübergegangen. Ich hoffe, das bleibt auch bei meiner geplanten 8-tägigen Trekkingtour durch das Markha Valley so, die führt nämlich über zwei 5.000 Meter hohe Pässe, die letzte Nacht schläft man auf 4.700 Metern. Dagegen ist der Weg hoch zur Shanti-Stupa und das Erklimmen des Palasthügels und weiter zum Gonkhang-Tempel, dem Tempel der Schutzgottheiten, ein Spaziergang. In beiden Fällen hatte ich jedoch das Gefühl, mir zerspringt das Herz. Vielleicht hätte ich den Frühsommer in München doch nicht mit dem Testen neuer Eissorten starten sollen und den Gipfel bei der letzten Bergtour nicht zugunsten des Kaiserschmarrns sausen lassen sollen …

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Zimmer mit Aussicht – Berge, Berge, Berge

Doch schon der Blick aus dem Flugzeug ist verheißungsvoll, wenn man ein Bergfan ist wie ich. Gut eine halbe Stunde nach dem Start in Delhi zeigt sich die Zentral-Himalaya-Kette. Leider reiste eine Schulklasse aus Singapur mit mir, die sämtliche Fensterplätze belegt hatte, so dass ich die schneebedeckten Gipfel nur „aus der zweiten Reihe“ bewundern konnte. Das tat aber meiner Faszination keinen Abbruch angesichts der von einer dicken Schneedecke eingehüllten Siebentausender. Leider dauert der Flug von Delhi nur eine knappe Stunde, ich hätte trotz der durchwachten Nacht am Flughafen noch ewig aus dem Fenster schauen können, vor dem sich kurz vor der Landung bedrohlich nahe braune Felsen auftaten. Der Anflug auf Leh gilt als als einer der gefährlichsten der Welt, nur speziell ausgebildete Piloten werden hier eingesetzt. Sehr beruhigend, denn man kann sich kaum vorstellen, dass es zwischen diesen imposanten Bergen eine Landebahn geben soll. Ich hätte beim Warten auf den Shuttle-Bus am liebsten sofort weiter fotografiert, doch der Soldat in Tarnanzug mit Maschinengewehr gab mir durch seine Sonnenbrille und mit einem kurzen Kopfnicken zu verstehen, dass ich mein Handy sofort wegpacken soll.

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Mittlerweile bin ich schon den sechsten Tag in Leh und kann mich an den Bergen einfach nicht sattsehen. Zum Glück sieht man sie von überall. Wenn ich die Vorhänge offen lassen würde, hätte ich morgens schon beim Aufwachen diesen tollem Anblick, vom Frühstückstisch im wunderhübschen Garten meines Guesthouses, dem Oriental Hotel, ein bisschen außerhalb im idyllischen Ortsteil Changspa, mag ich kaum aufstehen. Auch beim Bummel durch den Main Bazaar, vorbei an der Moschee durch die Gässchen der Altstadt – „Old Leh“ – blitzen die Berggipfel überall durch. Wenn ich mich bei einem Ginger Lemon Honey Tee zum Aufwärmen – ja, es ist manchmal etwas frisch hier – auf eines der zahlreichen Rooftop-Cafés zurückziehe um ein bisschen zu lesen, kann ich mich nicht wirklich auf mein Buch konzentrieren, obwohl ich gerade den neusten, sehr amüsanten und spannenden Krimi rund um den Delhier Privatdetektiv Vish Puri lese.

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„Jullay“ und tibetische Gebetsfahnen

Die Berge sind nicht der einzige Grund, warum ich mich Hals über Kopf in Leh verliebt habe. Ich kann nur das bestätigen, was mir alle gesagt haben, die schon mal hier waren: Dieser Ort ist magisch. Man hat nicht das Gefühl, im hektischen, tösenden, schrillen Indien zu sein. Ladakh ist eine tibetisch-buddhistische Enklave und wird oftmals auch Westtibet oder Kleintibet genannt. Ladakh war mehr als 1.000 Jahre ein eigenständiges Königreich und steht erst seit dem 19. Jahrhundert unter indischer Herrschaft. Die Ladakhis fühlen sich Indien nicht wirklich zugehörig, sondern sind kulturell und spirituell mit Tibet verbunden. Überall flattern tibetische Gebetsfahnen, auf dem Weg durch Changspa oder in das Dörfchen Sanskar oberhalb von Leh, wo ich gestern ein kleines Kloster besucht habe, begegne ich älteren Menschen mit sonnengegerbten Gesichtern, mit kleinen Gebetsmühlen in der Hand, die mir, oftmals ein zahnloses, herzliches „Jullay“ zurufen. Auf meinem Rückweg vom Königspalast mache ich Halt bei einer der großen Gebetsmühlen, die man im Uhrzeigersinn umrundet und dabei dreht. Dort treffe ich ein paar Schulkinder auf dem Nachhauseweg. Unter anderem auf eine Mutter, die ihre Tochter von der Schule abgeholt hat, mit einer Schirmmütze über den dunkelbraunen Zöpfen, die zur Schuluniform gehört. Wir lächeln uns an, tauschen unsere Namen aus. „Alexandra“, wiederholt sie, „from Germany“. Sie dreht sich beim Gehen noch einmal um und winkt mir zu.

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Verkehr, Plastikmüll – die Kehrseite

Natürlich ist in Leh die Zeit nicht stehen geblieben. An vielen Ecken wird gebaut, was die durch das halbwüstenartige Klima ohnehin staubig Luft noch staubiger macht. Jeden Tag kommen mehr Touristen, hauptsächlich indische, die den schwülen 47 Grad in Delhi und dem nahenden Monsun entfliehen, mit ihnen der Verkehr und der Müll. Im Stadtkern quälen sich Jeeps, Armetrucks und Motorräder den Berg hoch. Der „Plastikflaschenbann“ scheint nicht ganz zu funktionieren, zwar bieten einige Stellen einen „Refill“ mit gefiltertem Wasser an, doch in jedem noch so kleinen Kiosk kann man Plastikflaschen kaufen. Ich gebe zu, dass ich das unterwegs auch ab und zu mache, obwohl ich brav meine SIGG-Flasche von zu Hause mitgebracht habe.

Natürlich gibt es auch hier die typischen Touristenshops, in jedem zweiten Laden wartet ein geschäftstüchtiger Kashmiri, um seine Pashminas an die Frau zu bringen. Hier fühle ich mich wieder wie in Indien, „Looking for something?“ „Pashminas? Shawls?“, „Come and look inside!“. Einer versuchte es etwas geschickter, meinte, dass türkis wohl meine Lieblingsfarbe sei – tatsächlich ist nicht nur meine Fleecejacke türkis sondern auch meine Trekkingschuhe – und prompt hatte er mich in ein Gespräch verwickelt. Den tollen türkisblauen Pashmina, der auch den Ringtest bestanden hat, habe ich trotzdem (noch) nicht gekauft. Dafür habe ich bei einem Tee erfahren, wie das Pashmina-Business läuft, dass sein Vater aus Srinagar stammt, seine Mutter eine Ladhaki ist, wie wunderschön es in Kaschmir sein soll und was ich mir in Srinagar anschauen muss. Customer Relationship Management nennt man das wohl. Als ich heute durch Zufall nochmal in der Fort Road war, rief plötzlich jemand, „Hey, Alexandra. Wie geht’s dir?“ Zu seinem Leidwesen habe ich wieder keinen Schal gekauft.

Zumindest in den nächsten drei Tagen werde ich auch gar nicht in Versuchung geraten, ich habe mich nämlich zu einem dreitägigen Meditationskurs im Mahabodhi International Meditation Centre angemeldet. Das ist in Choglamsar, ungefähr fünfzehn Kilometer südlich von Leh, unweit der hiesigen Residenz des Dalai Lama, der übrigens ab kommender Woche für länger hier sein wird. Drei Tage lang um fünf Uhr aufstehen, im Sitzen meditieren, im Gehen meditieren, Vorträge über Meditation anhören, Yoga üben, und das alles im Schweigen. Kein Facebook, kein Cappuccino, keine seichten Vish-Puri-Krimis, kein Pashmina-Shopping – ich werde berichten, wie es mir damit ergeht. Ich bin dann jetzt mal offline, bis bald!

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3 comments

  1. C

    Namaste Alex!
    Dein Reisebericht liest sich super. Freu mich schon auf deinen Bericht von dem Meditationskurs. Wenn ich es hoffentlich bald nochmal schaffe nach München zu kommen und du dann nicht gerade in Indien weilst, können wir ja mal gemeinsam Yoga machen. Hab nämlich auch endlich angefangen. Und es ist so toll. Wünsche dir noch eine schöne Zeit in Indien und ich warte gespannt auf deinen nächsten Berichte.
    Gruß Conny

  2. Liebe Conny, im August bin ich wieder zurück, dann rollen wir mal zusammen die Yogamatte aus! Freut mich, dass dir der Bericht gefällt! Liebe Grüße in die alte Heimat!

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