Dharavi – In den Slums von Mumbai

Maximum City. City of Dreams. The city that never sleeps. Mumbai, die Megacity, der Moloch am Arabischen Meer hat viele Namen. Die Stadt der Superlative. Die Stadt der Träume. Die Stadt, die wie New York niemals schläft. Ein Moloch mit schätzungsweise 19 Millionen Einwohnern, die genaue Zahl kennt niemand genau. Von denen viele gar keine echten Mumbaikar sind, sondern aus anderen Teilen Maharahstras, aus Gujarat, Rajasthan, Uttar Pradesh und Bihar nach Mumbai gekommen sind. Um ihr Glück zu suchen. Um ein besseres Leben zu führen. Ein Leben wie aus der Traumfabrik Bollywood. Ein Leben in Wohlstand. In der Stadt der Träume. In der Stadt, in der 30 der 68 Milliardäre aus Indien leben. Die in den Villen auf dem Malabar Hill residieren, in den schicken Restaurants und 5-Sterne-Hotels am Marine Drive speisen, in Juhu und Bandra in stylischen Bars und Clubs feiern, die denen in New York in nichts nachstehen. Die in den glitzernden Bürotürmen im Finanzdistrikt Bandra „big business“ machen. Mumbai, eines der ältesten Wirtschaftszentren der Welt, die Brücke zwischen Europa und Asien, war seit jeher ein El Dorado für Glücksritter.

60 Prozent der Bewohner Mumbais leben in einem Slum

Für viele, die nach Mumbai gekommen sind, ist der Traum vom besseren Leben allerdings zerplatzt. Sie leben nicht auf dem Malabar Hill. Sondern in einem der 2.000 Slums der Stadt, wie fast 60 Prozent der Bevölkerung. Die Slums von Mumbai sind das erste, mit denen man als Neuankömmling in Kontakt kommt, zumindest wenn man mit dem Flugzeug anreist. Den Shuttle-Bus, der einen am Chhatrapati Shivaji International Airport zum Terminal bringt, und die Hütten aus Wellblech und blauen Plastikplanen trennt nur ein Maschendrahtzaun.

Der bekannteste Slum von Mumbai liegt mitten in der Stadt, auf einem 175 Hektar großen Areal zwischen den Stadtteilen Mahim im Westen und Sion im Osten. Wer „Slumdog Millionaire“ gesehen hat, kennt ihn. Dharavi, der größte Slum Mumbais und angeblich auch der größte Slum Asiens. Seit dem Erfolg des Films von Danny Boyle aus 2008 wurde Dharavi über Nacht über die Grenzen Mumbais und über die Grenzen Indiens hinaus berühmt. So berühmt, dass seitdem Führungen durch Dharavi angeboten werden, ähnlich wie die „Sex and the City“-Touren in New York und die Dan-Brown-Touren in Rom.

Als ich über Silvester 2011 das erste Mal in Mumbai war, erzählte mir eine amerikanische Reisebekanntschaft, sie würde am nächsten Morgen eine Slumtour machen. Ich war skeptisch. Slumtourismus? Das Elend anderer begucken? Zwei Tage später saß ich im Flugzeug nach Kathmandu neben Paul, einem Koch aus Neuseeland. Er zeigte mir Fotos aus Dharavi auf seinem Laptop. Er hatte auch bei einer der Touren mitgemacht. Das, was er erzählte, klang nicht nach „Armutsporno“, wie die Kritiker diese Touren nennen. Paul gehörte auch definitiv nicht zur Sorte Gaffer, die einen Slum als Touristenattraktion begreifen würde. Er war selber eine Art Glücksritter, auf der Suche nach einer neuen Heimat, in der er Geld verdienen konnte.

Seine Fotos und das, was er mir erzählt hat, haben mich nicht mehr losgelassen. Allerdings hat es vier Jahre gedauert, bis Mumbai wieder auf meinem Reiseprogramm stand. Kurz bevor ich bei meiner letzten Indienreise Mitte Dezember von Mumbai wieder nach Hause geflogen bin, habe ich tatsächlich an einer Tour durch Dharavi teilgenommen. Und war ebenso überrascht und gleichermaßen beeindruckt wie Paul. Ich kannte bisher nur die Straßenslums aus Städten wie Varanasi oder Kalkutta. Wo Menschen lethargisch unter provisorischen Behausungen aus Bambusstöcken, Plastikplanen und im besten Fall ein Stück Wellblech darauf warten, dass der Tag vorüber geht. Wo die Frauen sich die Zeit damit vertreiben, sich gegenseitig zu entlausen. Wo eine Art Agonie herrscht, ein Gefühl, es gibt sowieso keine Hoffnung. Anders als in Dharavi.

„In Dharavi schlägt das Herz Mumbais“

Dharavi ist das Herz von Mumbai, und zwar im doppelten Sinne, sagt Chetan, der unsere dreiköpfige Gruppe die nächsten zweieinhalb Stunden durch den Slum führen wird. Das Areal, das zwischen zwei Bahntrassen liegt, auf denen die Vorortzüge der Western Railway und der Central Railway verkehren, ist wie ein Herz geformt. Gleichzeitig ist es eines der wirtschaftlichen Zentren Mumbais. Denn Dharavi ist nicht nur das Zuhause für gut eine Million Menschen, sondern beherbergt auch etwa 15.000 kleine Betriebe. Über 665 Millionen US-Dollar werden hier jedes Jahr umgesetzt. Seit die ersten Nicht-Mumbaikar sich 1882 auf dem trockengelegten Marschland ansiedelten, werden in Dharavi Geschäfte gemacht. Die ersten, die sich auf dem damals kostenlosen Land, das keinem zu gehören schien, niederließen, waren die Gujarathis mit ihren Keramikwerkstätten. Darauf folgten die „Chambhar“, die Gerber aus Maharasthtra, die Schneider aus Uttar Pradesh und die Zuwanderer aus Tamil Nadu, die in den Gerbereien arbeiteten. Die Töpferwerkstätten, Ledermanufakturen und Schneidereien gibt es heute noch, dazu kamen Recyclingbetriebe.

Wir würden zuerst das Gewerbegebiet besuchen, erklärt Chetan, der in Dharavi aufgewachsen ist und hier jeden zu kennen scheint. Ein Mann mit einem riesigen Paket mit zusammengefalteten Kartons auf dem Kopf kommt uns entgegen. Links und rechts des schmalen Weges stehen Kisten und Tonnen mit allem möglichen Metallschrott, alte Kleiderbügel, Spraydosen, verbeulte Stoßstangen, Schutzbleche von Fahrrädern. Meine Augen fangen an zu brennen, ich muss husten. Die Luft ist geschwängert von Staub und Rauch. Das kommt von den Brennöfen. Die Wände in den kleinen, offenen Werkstätten sind schwarz vor Ruß. Es ist heiß und dunkel dort drinnen. Männer stehen vor Öfen, die weißen Longhis und Unterhemden sind nicht mehr so weiß, die Gesichter und die Oberkörper glänzen vor Schweiß. Hier wird der Metallschrott eingeschmolzen. Der kommt übrigens aus der ganzen Welt nach Dharavi, um hier recycelt zu werden.

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Wir laufen weiter. Vorbei an Schneidereien, wo Nähmaschinen rattern, Frauen und Männer auf dem Boden sitzen und T-Shirts und Tuniken nähen. Hauptsächlich für den einheimischen Markt, doch ich habe gelesen, dass auch einige europäische Designer hier nähen lassen. In einem der offenen Häuser stapeln sich Plastikverpackungen mit Keksen. Tonnen von Salzgebäck werden hier in Dharavi produziert, mit denen ganz Mumbai beliefert wird.

Dutzende von Kisten und Tonnen mit Plastikschrott kündigen unseren nächsten Stopp an: Die Plastikrecyclingwerkstatt von Dharavi. Plastikmüll aus aller Welt wird hier sortiert, gewaschen, geschmolzen und zu Granulat verarbeitet, das an die Industrie verkauft wird. Alles per Hand, eine Heidenarbeit, gesundheitsschädigend, genauso wie das Aluminiumrecyling. Atemschutzmasken oder Schutzkleidung, Fehlanzeige. Das Geschäft mit Plastikgranulat aus Dharavi boomt. Viele der Arbeiter sind extra wegen eines Jobs im Recycling aus anderen Teilen Indiens nach Dharavi gekommen. Ohne Familie, ohne Wohnung. Sie schlafen in der Fabrik. Auf dem Fußboden. Oder oben auf dem Dach, von wo sich uns die Ausmaße Dharavis erschließen. Unter uns Wellblechdächer, so weit das Auge reicht. Im Norden erkennt man die Bürotürme von Bandra, im Süden den Marine Drive.

Weiter geht es in ein Ledergeschäft, wo man die in Dharavi produzierten Handtaschen, Laptoptaschen, Handyhüllen und Geldbörsen direkt kaufen kann. Mit uns strömt eine 20-köpfige Gruppe in den kleinen Laden. Sie tragen Badges, Studenten einer Wirtschaftsuniversität. Dharavi ist nicht nur eine Anlaufstelle für interessierte Reisende, sondern auch für Wissenschaftler und Studierende. Sie kommen hierher, um das komplexe Konstrukt Dharavi zu verstehen, dieses soziale Gefüge einer sich selbstverwaltenden Stadt in der Stadt, deren Bewohner aus dem Nichts eine Art Wirtschaftszentrum aufgebaut haben.

Wohnen in Dharavi – ohne  fließendes Wasser und eigene Toilette, aber mit Fernseher

Wir sollen aufpassen wo wir hintreten, vielleicht müssten wir auch ein wenig den Kopf einziehen, warnt Chetan. Jetzt weiß ich, warum in der Mail von Reality Tours stand, man solle festes Schuhwerk tragen. Die Betonplatten heben sich vom Boden, fast wäre ich gestolpert, weil ich mehr darauf geachtet habe, dass ich nicht mit dem Kopf anecke oder an den herunterhängenden Kabeln hängenbleibe. Es ist rutschig, die Abflussrinnen laufen über und das trübe Abwasser vermischt sich mit dem Staub zu einem schmierigen Film. Es ist dunkel und feucht hier in den engen Gassen. Zwischen den Häuserwänden sind vielleicht zwei Meter Platz. Kein Lichtstrahl dringt hierher. Die Türen stehen offen. In den Räumen im Erdgeschoss sitzen Kinder auf dem Boden mit ihren Hausaufgaben. Frauen, die nähen. Wir sind im Muslimviertel. Die Wohngegenden in Dharavi sind nach Religionsgemeinschaften aufgeteilt. 60 Prozent der Bewohner Dharavis sind Hindus, 33 Prozent Muslime und 6 Prozent Christen.

Über die Hälfte der Familien leben schon seit mehr als 60 Jahren hier. Die meisten arbeiten in Dharavi. Nur etwa ein Viertel hat einen Job außerhalb des Slums, einen der begehrten Jobs im öffentlichen Dienst, in einer Behörde, oder als Polizist oder Feuerwehrmann. Viele bleiben trotzdem in Dharavi wohnen. Zum einen weil sie schon immer in Dharavi leben und ihr soziales Netzwerk haben. Zum anderen, weil die Mieten verhältnismäßig günstig sind. Und wer hier ein eigenes Haus hat, mag es ungern aufgeben. Ein Haus in Dharavi zu kaufen kostet heute umgerechnet 22.000 Euro. Wer in Dharavi wohnt, gehört nicht zu den Ärmsten der Armen, sagt Chetan, der Dharavi als „5 star slum bezeichnet“. Die meisten Häuser haben Elektrizität, viele haben sogar einen Fernseher. Das Stromnetz ist improvisiert, eigentlich auch illegal, genauso wie die ganzen Häuser.

A slum has five characteristics: Insecure residential status, poor structural quality of housing, overcrowding, inadequate access to sanitation, inadequate access to water. – United Nations

Fließendes Wasser gibt es nicht. Auch haben die Häuser keine eigenen Toiletten. Auf 1.400 Bewohner kommt eine Gemeinschaftstoilette. Doch trotzdem riecht es nicht nach Kloake in Dharavi, wie ich es in so vielen Berichten gelesen habe. Entweder hat sich meine Nase nach dreieinhalb Monaten Indien schon an den Geruch öffentlicher Toiletten oder des öffentlichen Defäkierens gewöhnt, das einem immer wieder begegnet. Oder die Berichte übertreiben. Die Abflussrinnen hat die Stadt bauen lassen. Ich stelle mir vor, wie es hier wohl im Monsun ist. Dass eine richtige Kanalisation fehlt, sieht man dem Fluss an, der an der großen Straße neben dem Gassengewirr vorbeiplätschert und weiter fließt ins Arabische Meer.

Ein paar Ecken weiter beginnt das Wohnviertel der Hindus. Altäre mit Figuren hinduistischer Gottheiten und Frauen in bunten Saris, das typische Bild. Leben und Arbeiten vermischt sich im Viertel der Hindus. Auf einem Platz stehen konisch geformte Hütchen aus Bast, darauf liegen dünne, helle Fladen, die in der Sonne trocknen. Wer in einem Restaurant in Mumbai Pappadams bestellt, die knusprigen Fladen aus Linsenmehl, wird höchstwahrscheinlich einen Pappadam aus Dharavi auf den Teller bekommen, fast alle Restaurants in Mumbai beziehen ihre Pappadam von hier. Direkt daneben stapeln sich Paletten mit Keramik, braune Tontöpfe in allen möglichen Größen. Die „Kumbharwada Pottery Colony“ ist der älteste Teil von Dharavi. Seit über 150 Jahren werden hier Töpferwaren hergestellt von gut 2.000 Töpfereien, die nicht nur Mumbai, sondern ganz Maharashstra mit ihren Waren beliefern.

Wieder ein paar Ecken weiter. Eine große breite Straße. Schwarz-gelbe Taxis warten auf Kundschaft, mischen sich mit Karren, auf denen Ware transportiert wird. Links und rechts Supermärkte, Banken, Restaurants, Videotheken. Sind wir noch in Dharavi? Ja, wir sind noch in Dharavi. Auch diese Geschäftsstraße, die überall in Indien sein könnte, gehört zum Slum. Wir machen Halt in einem der vielen kleinen Cafés, die hauptsächlich von Männern besucht werden, die ihren Morgentee trinken. Bei einem heißen Chai und frisch gebackenen Muffins erzählt uns Chetan von sich und seiner Familie. Geboren wurde er in Goregaon im Norden Mumbais. Seine Familie, die aus einem kleinen Dorf in Maharashtra stammt, hat in verschiedenen Slums in Mumbai gewohnt, in einem Slum hinter der Victoria Station, dann in Dharavi. Sein Vater hat als Taxifahrer gearbeitet. 1992 hat er einen der begehrten Jobs im öffentlichen Dienst bekommen. Irgendwann zog die Familie von Dharavi weg, nach Wadala, wo Chetan heute mit seinen Eltern und zwei Brüdern lebt. Chetan hat ein College besucht, derzeit  bereitet er sich auf seinen Abschluss in Management Studies vor. Auch wenn er nicht mehr hier lebt, hat er noch viele Kontakte in Dharavi, besucht regelmäßig seine Freunde. Er findet es wichtig, dass Besucher in Mumbai nicht nur die historischen Sehenswürdigkeiten erkunden, sondern auch Dharavi kennenlernen, das Herz Mumbais.

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Dharavi, Mumbai. © Reality Tours and Travels

Vom Slum zum luxuriösen Wohn- und Shopping-Areal? Die Zukunft von Dharavi

Die Zukunft von Dharavi ist ungewiss. Schon mehr als einmal sollte der Slum dem Erdboden gleich gemacht werden. Bereits 2004 hatte die Regierung eine entsprechende Entscheidung unterzeichnet. Mit seiner zentralen Lage mitten in der Stadt ist Dharavi begehrtes Bauland für Investoren. Die haben ehrgeizige Pläne. Eine neue „Stadt in der Stadt“ soll entstehen, mit Apartment-Hochhäusern, Shopping-Arkaden, einer Golf Driving Range. Dazu Schulen und Krankenhäuser. Die Bewohner Dharavis sollen umgesiedelt werden, in Hochhäuser. Jeder Familie soll kostenlos eine Wohnung zugewiesen werden, 20 Quadratmeter. Immerhin fast doppelt so viel Platz wie heute. Mit fließendem Wasser, einer richtigen Küche, einem gekachelten Bad. Ein paar solcher Hochhäuser wurden bereits gebaut, einige Familien sind schon umgezogen. Doch es ist einsam in diesen Hochhäusern, insbesondere für die Frauen. Das soziale Netz, das Gewusel in den Gassen von Dharavi fehlt. Und wohin mit den Betrieben? Eine Lederwerkstatt in einem Hochhaus? Eine Töpferei? Pappadam auf dem Balkon trocknen? Plastik im Wohnzimmer recyceln? Viele Bewohner Dharavis möchten nicht umziehen. Sie möchten ihr soziales Gefüge nicht verlieren. Sie fürchten um ihre Existenzgrundlage. Womit sollen sie ihr Geld verdienen? Noch nicht einmal ein Viertel hat eine Arbeit außerhalb des Slums. Die geplanten Wohnungen würden zudem nicht für alle reichen. Die Alternative wäre Obdachlosigkeit. Oder Umzug in einen anderen Slum, außerhalb der Stadt. Oder in den am Flughafen. Doch auch der soll abgerissen werden. Es bleibt ungewiss für die Bewohner Dharavis, die sich hier eine Existenz aufgebaut haben.

Dharavi Tour mit Reality Tours & Travel

Ich habe die Tour mit Reality Tours & Travel gemacht. Obwohl ich ganz regulär gezahlt habe (dies ist KEIN Sponsored Post), möchte ich Reality Tours an dieser Stelle kurz erwähnen, da die Organisation einen großartigen Job macht, wie ich finde. 80 Prozent der Erlöse der Touren fließen direkt nach Dharavi zurück. Unter anderem werden damit die drei Community Center finanziert, die die an Reality Tours angegliederte Hilfsorganisation Reality Give aufgebaut hat und wo u.a. Englisch- und Computerkurse angeboten werden. Die Touren schaffen zudem Arbeitsplätze in Dharavi, die Tourguides stammen fast alle aus Dharavi. Reality Tours möchte einen authentischen Einblick in einen Teil von Mumbai verschaffen, der genauso zur Stadt gehört wie Colaba, Fort oder Marine Drive. Die Kameras, mit denen die Touristen bei ihren Streifzügen durch den Südzipfel Mumbais bewaffnet sind – so auch ich – bleiben in Dharavi in der Tasche, denn bei den Slumtouren mit Reality Tours herrscht Fotografieverbot. Die Fotos in diesem Bericht hat Reality Tours zur Verfügung gestellt.

Was mich nun interessiert – ist es in Euren Augen verwerflich, eine solche Tour zu machen? Ist es „Slumtourismus“ von Erste-Welt-Touristen, ist es ein „Armutsporno“, wie viele Kritiker sagen? Oder ist es, insbesondere im Fall von Dharavi, eine Gelegenheit, mehr über soziale Gefüge und mehr über Stadtentwicklung zu lernen? Zu sehen, wie sich Menschen mit wenig Geld durch harte Arbeit und mit großer Willenskraft und Entschlossenheit ihre eigene Stadt in der Stadt aufgebaut haben, die gewissermaßen autark lebt und ein funktionierendes soziales Netzwerk ist? Habt Ihr schon einmal an einer ähnlichen Tour teilgenommen? Hinterlasst gerne einen Kommentar!

Fotonachweise:

Alle Fotos von Dharavi, Mumbai © Reality Tours and Travels.

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12 comments

  1. Als ich Dharavi letztes Jahr besucht habe, hatte ich anschließend das Gefühl, den Begriff „Slum“ für mich neu definieren zu müssen. Ich hatte schlichtweg etwas anderes erwartet. So ähnlich, wie Du es ja auch beschreibst …

    Vielleicht ist es unterschiedlich, vielleicht hat sich auch etwas geändert bzw. verbessert inzwischen: Mir wurde gesagt (und so habe ich es auch gesehen), dass die Leute durchaus fließend Wasser haben, aber keine eigene Toilette. Von solchen Zuständen können die Adivasi, die ich in ihren Dörfern in Chattīsgaṛh besucht habe, nur träumen. Die müssen ihr Wasser teilweise ziemlich weit schleppen.

    LG, Wolfgang

  2. Ja, unter „Slum“ erwartet man normalerweise etwas anderes. Ich hatte es verstanden, dass nicht jeder Haushalt fließendes Wasser gibt, aber das mag dann nicht durchgängig gelten. Chattisgarh möchte ich auch einmal besuchen, habe schon viel von meinen indischen Reisebloggerfreunden davon gehört. Wo warst Du noch überall? LG, Alexandra

  3. Ich war in Raipur gelandet und bin von dort zunächst nach Jagdalpur gefahren. Von dort ging´s so weiter: Bubaneshwar, Gopalpur, Konark, Dhenkanal, Mamallapuram, Pondicherry, Trichy, Madurai, Kanyakumari, Kovalam, Kochi, Munnar, Coonoor, Mananthavady, Mysore, Hampi, Mumbai, Udaipur, Agra, Varanasi, Kolkata. Dann waren 3 Monate rum und es ging retour (und dank der Dokumentation hier: https://www.instagram.com/groovyplanet habe ich die Reihenfolge grad auch unfallfrei hinbekommen …). 😉

  4. Klingt nach einer tollen Reise! Odisha steht auch noch auf meiner Liste!

  5. Ja, das war ein spannender Trip (und mit Blick auf die Karte auch eine ziemlich weite Reise…). Ich sollte mich allmählich an die Verarbeitung meiner Erlebnisse machen, u.a. tausende Fotos warten schon darauf… 😉

  6. Dann mal hineinhauen in die Tasten, ich bin schon gespannt auf die Berichte, vor allem aus Odisha :-).

  7. Hehe … mach´ mir bloß keinen Stress! 😛

  8. Mich hat Dharavi auch überrascht. Selbst Slums scheinen in Mumbai etwas besser zu sein.

    Ich habe selbst keine Tour gemacht sondern habe einfach die Metro dorthing genommen. Lustigerweise habe ich mehrmals nach dem Weg nach Dharavi gefragt, als ich schon längst mitten im Slum war. Ist mir echt nicht aufgefallen, dass das jetzt ein Slum sein soll und der Rest von Indien nicht 😉

  9. Ich war auch sehr überrascht, dass wir schon mitten im Slum waren, hatte auch völlig andere Vorstellungen. Die Straßenslums sind definitiv Die Bewohner Dharavis bevorzugen es ja auch, Dharavi nicht als Slum zu bezeichnen. Wie war das, sich alleine dort zu bewegen? Ich kann mir vorstellen, Du bist nett aufgenommen worden?

  10. Welch ein kluger, subtiler, interessanter Beitrag! Mit diesen heiklen Fragen gehst du extrem feinfühlig um und ich habe diesen Text wirklich mit Begeisterung gelesen. Und so schön geschrieben – an manchen Stellen hatte ich Gänsehaut, weil du es schaffst, ein Gefühl der wirklichen Nähe zu erzeugen. Vor der Lektüre dachte ich auch, dass ich grundsätzlich gegen „Slum-Tourismus“ wäre, es kam mir obszön vor. Jetzt überlege ich es mir anders. Du hast Recht: ein Viertel im Herzen der Stadt, in dem so viele Menschen ihr Glück suchen, nicht nur überleben, sondern aufbauen, arbeiten, Künstlerisches schaffen, ihre Familie ernähren, gehört genauso zur Seele des Ortes, wie die grossen touristischen Ziele und die historischen Monumente… Mit solchen Besuchen muss man aber vorsichtig und respektvoll umgehen, sonst kann es schnell zum Zoo der Armen werden, und ich finde es super, dass du diese Organisation erwähnst. So weiss man, wie man eine solche Tour auf eine ethische Art führen kann.
    Ich habe es noch nicht gewagt, nach Indien zu gehen. Ich habe Freunde, die davon richtig traumatisiert wurden, die sogar in aller Eile nach Europa zurückgebracht werden mussten – klassischer Indien-Schock. Hingegen habe ich auch viele Freunde, die mit absolut herrlichen Bildern zurückkommen, und von ihrer Reise tief geprägt und innerlich verwandelt wurden. Du gibst mir die Lust, mich zu trauen.
    Ich bin so froh, deinen Blog entdeckt zu haben!

  11. Liebe Alexandra, über Deinen Kommentar freue ich mich wirklich sehr! Ich habe lange überlegt, wie ich dieses Thema anfassen soll und es ist einer dieser Beiträge, der thematisch eine Gratwanderung darstellt, genau wie meine Berichte über das Thema Frauen in Indien. Ich versuche immer, die zwei Seiten einer Medaille zu beleuchten. Und wo es geht, hinter die Kulissen zu schauen. Ich kann es verstehen, dass Du Dich bisher nicht nach Indien getraut hast, und auch den Kulturschock Deiner Freunde. Ich habe mich auch lange Zeit nicht getraut und meine erste Indienreise (2006) mit einer Gruppe gemacht. Das Land ist herausfordernd und entweder man liebt es oder hasst es. Ich komme nicht mehr von ihm los :-). Freue mich sehr, dass Du meinen Blog gefunden hast und ich Deinen. Bin schon gespannt auf Deine nächsten Berichte!

  12. E

    Interessanter Blog. Per Zufall kam ich auf diese Seite. Ich hatte nach Slam gegoogelt und plötzlich bekam ich 10 Bilder pro Sekunde Kopfkino bis ich auf den Film Slumdog kam. Dann bin ich auf Neza-Chalco-Itza und parallel auf Dharavi. Die Seite war sogar der 3. Treffer von oben. Irre Welten, unvorstellbare Szenen und unantastbare Gegend liebe ich. Es ist kaum möglich, außer vor Ort, eine eigene Meinung zu bilden. Die Medien, besonders in Europa, weisen uns nicht über den Tellerrand. Dein Beitrag hat mir gefallen. Ist es der Lebensumstand?, das soziale Netzwerk?, die Menschen? Warum ausgerechnet dieses Ziel? Der Beitrag von Itinera Magica bewirkt das Gegenteil. Siegt hier die große Toleranz? Als Unwissender weiß man nicht wo man steht. Was ich sehr stark fand, ist die Arbeitsstruktur in diesem Slum. Das jeder etwas zu tun hat und sein soziales Netzwerk schützt. Davon können wir wir uns in der Marktwirtschaft ruhig eine Scheibe abschneiden. Danke für die Aufklärung eines Slums im ehemaligen Bombay.

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