Harsil

„Ma’am, your hot water is ready.“ Ich höre, wie ein Eimer mit Wasser vor meiner Tür abgestellt wird. Ich möchte nicht aufstehen. In meinem Bett ist es so schön kuschelig und mollig. Die beiden Wärmflaschen, die schon unter den Daunendecken lagen, als ich gestern Abend hineingeschlüpft bin in mein Bett, sind noch warm. Nur meine Nasenspitze ist kalt. Eiskalt. Kein Wunder, denn in meinem Zimmer sind es höchstens fünf Grad. Im Bad wird es nicht wärmer sein. Denn mein Zimmer ist eigentlich kein Zimmer, sondern ein Zelt. Wenn auch ein Luxuszelt, in dem ich aufrecht stehen kann, mit einem richtigen Bett, einem Nachttisch, auf dem ein Teller mit Äpfeln und Keksen steht. Die Decke ist mit einem roten Baldachin abgehangen, an den Zeltwänden hat man rote und weiße Tücher drapiert. Richtig heimelig. Glamping nennt man das wohl.

Als ich im Programm gelesen hatte, dass wir bei unserer Reise durch Garhwal hauptsächlich campen werden, hielt sich meine Begeisterung zunächst in Grenzen. Denn Ende Oktober kann es schon empfindlich kalt werden hier oben in den Bergen. Und ich war nicht auf kalte Temperaturen eingestellt. Denn ich hatte eigentlich vor, im Süden zu bleiben und mein dickstes Kleidungsstück war eine Fleecejacke. Einer meiner Mitstreiter aus dem TTC in Goa hatte mir eine Sweatshirtjacke mitgegeben, damit ich auf meinem kleinen Spontanausflug in den Himalaya nicht erfriere. Saahir von der Times of India Group, der mich und den Rest des „Team B“ der Uttarakhand Travel Writers’ Tour als Mädchen für alles begleitet, hatte wohlweislich etwas für Fälle wie mich in seinem Koffer. Die wollene Skiunterwäsche, der Pullover und die dicken Socken, die er aus Mumbai mitgebracht hat, haben mich gerettet in dieser Woche. Auf 2.500  und 3.000 Metern herrscht zu dieser Jahreszeit eben kein Flip-Flop-Wetter, auch nicht in Indien.

Dem Himmel so nah im „nördlichen Land“

Die indische Eimerdusche mit dem heißen Wasser schenke ich mir. Glamping hin oder her. In den Bergen geht das schon mal. Ich überwinde mich und steige aus meinem Turm aus Daunendecken. Ich öffne den Reissverschluss meines Zeltes. Mein Atem gefriert, hier draußen ist es noch ein Tick kälter. Doch was für ein Anblick. Von meinem Zelt ist es nur ein Katzensprung zum Fluss, zum Bhagirathi, einer der vier Quellflüsse des Ganges. Noch liegt der Strom, der oberhalb von Gangotri entspringt, im Halbdunkeln, im Schatten der Berge, die zu beiden Seiten des Tales in den Himmel ragen. Doch flussaufwärts ist der Himmel schon blitzblau, die schneebedeckten Gipfel werden von der aufgehenden Sonne geküsst. Ich hole mir einen Tee im Küchenzelt, nehme mir einen Stuhl und beobachte, wie die Sonne höher und höher steigt. Wie aus dem dunklen Fluss plötzlich ein türkisgrüner Strom wird, der in der Sonne wie Kristall glitzert. Wie die Bergkette hinter dem Camp plötzlich zum Greifen nahe rückt.

„Dev Bhoomi“. Das Land der Götter. Dem Himmel so nah. Ich verstehe nun, was dieses Fleckchen Erde am Eingangstor zum Hoch-Himalaya, im Nordwesten des Bundesstaates Uttarakhand, so einzigartig macht. Wenn es einen Himmel auf Erden gibt, so sagen die Hindus, dann ist er hier, in Uttarakhand, im „nördlichen Land“. Die Seele von „Dev Bhoomi“ liegt in der Region Garhwal, in der wir diese Woche unterwegs sind. In Garhwal entspringen die heiligen Flüsse Ganges und Yamuna. Hier, inmitten dieser unbeschreiblich schönen Naturkulisse, wo die Bergkuppen und Flusstäler übersät sind mit Tempeln und Schreinen, schlägt das Herz des Hinduismus. „Dev Bhoomi“. Der Wohnsitz der Götter. Im Hinduismus seit Menschengedenken ein Ort der Suche. Der Suche nach Frieden und Ruhe. Nach Selbstbefreiung und Erleuchtung. Nach Moksha. Es heißt, hier wurde die Mahabharata geschrieben, eines der großen indischen Heldenepen. Auch die Veden, die heiligen Schriften des Hinduismus, sollen in Garhwal ihren Ursprung haben.

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Dharali und die verbotenen Äpfel

Zeit, mich von der atemberaubenden Kulisse loszureißen. Auf dem Weg zum Frühstück bin ich versucht, einen Apfel zu pflücken. Denn unser Camp liegt inmitten einer Apfelplantage. Doch in Dharali, dem kleinen Paradies im Himalaya, ist es mit den Äpfeln ähnlich wie bei Adam und Eva im Paradies. Schilder weisen darauf hin, dass Apfelpflücken strengstens verboten ist und mit einer Geldstrafe zu rechnen sei. Dabei gibt es hier Äpfel im Überfluss. Die Bäume sind voll davon. An der Hauptstraße stehen die für Indien typischen, bunt bemalten Trucks, auf die Kisten voller roter und grüner Äpfel verladen werden. Die Apfelplantagen sind übrigens das Erbe eines Briten namens George Wilson, der sich Anfang des 19. Jahrhunderts hier ansiedelte und den Bewohnern von Dharali und dem benachbarten Harsil das Kartoffelzüchten beibrachte und ihnen zeigte, wie man Äpfel kultivierte. Ich pflücke keinen Apfel, doch es gibt Apfelschnitzen und Joghurt zum Frühstück. Unglaublich, wie köstlich und saftig so ein Apfel schmecken kann, wenn man weiß, dass er direkt vom Baum kommt.

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Mukhba, das Winterdomizil der Göttin Ganga

Gestärkt mit Äpfeln und Poha, einer Art gepresstem Reis, der in Indien gerne mit Chili, Curryblättern, Koriander und gehackten Nüssen zum Frühstück gegessen wird, machen wir uns auf nach Mukhba. Die bunten Häuser des kleinen Dörfchens, die sich sanft an den Hügel auf der anderen Seite des Flusses schmiegen, habe ich schon bei meiner kleinen Teestunde am frühen Morgen gesehen. Ein 45-minütiger Fussmarsch führt ins in diesen besonderen Ort. Besonders deshalb, weil Mukhba das Winterdomizil der Göttin Ganga ist. Wenn zu Diwali, dem Lichterfest Anfang November, der Tempel in Gangotri seine Pforten schließt, wird die Statue der Göttin in einer feierlichen Zeremonie nach Mukhba getragen. Begleitet von den zehn Priestern aus Mukbha, die den Sommer über in Gangotri leben und für die Pujas im Tempel und am Fluss zuständig sind.

Der diensthabende Priester öffnet den Tempel für uns. Der weiß getünchte Bau ist relativ neu. Erst später lese ich, dass es auch einen alten Holztempel gibt, doch der ist meistens verschlossen. Mukbha ist ein verhältnismäßig wohlhabendes Dorf und man ist stolz auf den neuen, modernen Tempel. Die meisten Häuser in Mukhba sind allerdings aus Holz, aus Himalaya-Zeder, die Fensterrahmen mit wunderschönen Schnitzereien verziert und bunt gestrichen. Wir genießen die letzten Strahlen der langsam untergehenden Herbstsonne, so wie die älteren Frauen, die sich ein Plätzchen vor einem der Häuser gesucht haben, um ihren kleinen Nachbarschaftstratsch zu halten. Es geht gemütlich zu hier oben in Mukbha. Tief einatmen, ausatmen. Die Atmosphäre aufsaugen. Den unfassbar schönen Aublick auf den Fluss und die Bergkulisse genießen. Dem Himmel so nah.

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Uttarkashi, das Kashi des Nordens

Während in der Umgebung von Gangotri die Göttin Ganga verehrt wird, sind die Tempel in Uttarkashi, das ist unsere nächste Station, Lord Shiva geweiht. Uttarkashi wird auch als „Kashi des Nordens“ bezeichnet, in Anlehnung an Varanasi, das einst Kashi hieß. Uttarkashi hat viele Ähnlichkeiten zu Varanasi. Einige der Ghats tragen dieselben Namen wie die in Varanasi und auch der Haupttempel, der Vishnawath Tempel, hat einen Namensvetter in Varanasi. Der Vishnawath Tempel ist nicht sehr groß, doch irgendwie einladend mit seinem orangegelben Anstrich. Morgens und Abends wird hier eine Puja zu Ehren Lord Shivas gefeiert. Im Hof gibt es noch einen kleinen Tempel, der der Göttin Shakti geweiht ist, der Göttin der Energie.

Tatsächlich liegt viel weibliche Energie in der Luft an diesem Freitagnachmittag. Wir sind umringt von Frauen, extrem stark geschminkt, herausgeputzt, in festlicher Kleidung. Sie sitzen in Gruppen auf den Treppen und unterhalten sich. Zünden Räucherstäbchen an. Gießen langsam Wasser aus einem Kupfergefäß auf einen Shivalingam. Wir erfahren, dass heute ein spezieller Tag ist in Uttarkashi. Die Frauen beten zu den Göttern, ihren Ehemännern ein besonders langes Leben zu schenken. Die Männer Uttarkashis können sich glücklich schätzen. Ich hoffe, sie beten ebenfalls zu den Göttern für ihre Ehefrauen. Und Mütter. Und Töchter.

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Ein Bad in den heißen, heiligen Quellen

Ich hätte das Programm unserer Tour vorher richtig lesen sollen. Dann hätte ich meine Badesachen eingepackt. Doch mein Bikini liegt in meinem Cottage in der Yogaschule in Goa. So muss ich das Bad in den heißen Quellen leider ausfallen lassen. In Indien gibt es insgesamt über 350 heiße Quellen, über 60 davon befinden sich in Uttarakhand. Die Tourismusbehörde plant, diesen Schatz für den Ausbau des Tourismus zu nutzen und will Millionen von Rupien in den Bau von Spa-Hotels investieren. Eine Entscheidung, die den Charme der Region sicherlich nachhaltig verändern wird, ob zum Positiven, sei dahingestellt. Der kleine Ort, dessen heiße Quellen wir besuchen, scheint jedenfalls nicht gemacht für Luxus-Spas. Von der Straße führt eine enge, ausgetretene Treppe zu einem unscheinbaren Tempelkomplex, der um die Quellen herumgebaut ist. Die Thermalquellen dienen hier nicht der Erholung, sie sind ein spiritueller Ort. Ein Ort, an den sich die Gläubigen nach der Zeremonie mit dem Priester zurückziehen, nach Geschlecht getrennt in das „Ladies Bath“ oder das „Mens Bath“, und sich reinwaschen.

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Last exit Lakhamandal, Wallfahrtsort für Shakti-Anhänger

Langsam heißt es Abschied nehmen von „Dev Bhoomi“. Auf der Rückfahrt nach Dehradun, bei der wir ein letztes Mal den Ausblick auf die Berge genießen dürfen, machen wir noch Halt in Lakhamandal. Nicht mehr als eine Ansammlung von einem Dutzend alter traditioneller Holzhäuser, umgeben von grünen Feldern, doch ein wichtiger Pilgerort mit antiken Tempeln, die vor allem von Anhängern des Shakti-Kultes besucht werden. Lakhamandal wird schon in der Mahabaratha erwähnt. In Lakhamandal ließ Prinz Duryodhana einst einen Palast aus Schellack bauen, um darin seine Widersacher, die fünf Söhne des König Pandu, eines qualvollen Flammentodes sterben zu lassen. Es gibt unterschiedliche Legenden, wie die Geschichte ausging. Die einen sagen, die Pandavas, so werden die Söhne von König Pandu auch genannt, konnten durch einen Geheimgang fliehen. Den Gang soll es heute noch geben. Die anderen sagen, die Stärke und Energie der Göttin Shakti habe sie gerettet. Als Dank hat man an der Stelle des Lackpalastes einen Tempel gebaut. Der Tempel ist Shiva geweiht, der zusammen mit seiner Gefährtin Parvati als Verkörperung Shaktis gilt.

Shiva ist allgegenwärtig in Lakhamandal. An jeder Ecke findet man phallusförmige Gebilde aus glänzendem, dunkelgrauem Granit, sogenannte Shivalingams. Einige dieser Shivalingams haben fast so etwas wie eine magische Eigenschaft. Wenn man Wasser über sie gießt, kann man sich in ihnen spiegeln. Während ich die zeremonielle Runde um das Becken drehe, murmelt der ältere Priester, der uns begleitet, eine Mantra. Ich nehme einen der Kupferbecher, gieße langsam Wasser über den Shivalangam, berühre ihn zum Schluss mit beiden Händen. Und sehe mich nach drei Tagen Glamping mit ungewaschenen Haaren ziemlich ramponiert aussehend in dem glänzenden Granit. Zeit für eine Regendusche im Four Points Sheraton in Dehradun, bevor wir am Abend den Chief Minister von Uttarakhand in seiner Residenz zum Abendessen treffen.

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P.S. Die Energie der Göttin Shakti ist scheinbar heute noch präsent in Lakhamandal. Wer nicht spurt, bekommt eins übergezogen :-). #Frauenpower

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