Blogparade „Mein Kultur-Tipp für Euch“: M50 Art District

Eigentlich warten noch unzählige Geschichten aus Indien und Nepal darauf, erzählt zu werden, bevor meine Stippvisite in Shanghai letzten Sommer auf dem Redaktionsplan steht. Und eigentlich wollte ich auch immer schön chronologisch von meinen Reiseerlebnissen berichten. Tatsächlich gibt es heute jedoch keine Fortsetzung meiner Trekkingtour in Ladakh, sondern einen vorgezogenen Blogpost zu der faszinierenden Boomtown am Huangpu River. Meine Iron-Blogger-Kollegin Tanja hat nämlich zu einer Blogparade aufgerufen – „Mein-Kultur-Tipp für Euch“.

Chinesische Avantgarde in alter Textilfabrik

Mein Kultur-Tipp liegt in Shanghai. Genauer gesagt auf einem alten Fabrikgelände südlich des Suzhou Creek, etwa zwanzig Gehminuten vom Shanghaier Hauptbahnhof entfernt. Bis vor 15 Jahren wurden in den verwinkelten Gebäuden in der Moganshan Lu 50 Textilien produziert. Nachdem die Chunming Slub Mill 1999 ihre Pforten schloss, passierte das, was man von stillgelegten Fabriken und Industriebrachen in vielen Metropolen rund um den Globus kennt. Die Arbeiter gingen, die Künstler kamen. Produktivität nach dem Fünf-Jahres-Plan gegen kreatives Laisser-Faire. Proletariat gegen Bohème. Angezogen von den billigen Mieten, quartierten sich ab 2000 bekannte Shanghaier Künstler wie Xue Song, Ding Yi, Qu Fengguo und Wang Xingwei in den ehemaligen Lagerräumen und Werkhallen ein,  nutzten diese als Ateliers und zum Teil auch als Wohnraum.

Mit den Künstlerwerkstätten kamen dann auch diejenigen, die die Kunst verkaufen wollten. Einer der ersten war kein Chinese, sondern ein Schweizer, Lorenz Helbling. Er war seinerzeit der Pionier in der damals noch sehr überschaubaren Kunstszene in Shanghai. Seine Galerie ShanghART gilt noch heute landesweit als eine der ersten Adressen für zeitgenössische Kunst. Heute findet man auf dem Gelände der einstigen Textilfabrik und entlang der Moganshan Lu weit über 100 Galerien und Ateliers, in denen Kunst produziert und verkauft wird – allen voran Malerei, aber auch Fotografie, Multimedia-Installationen, Kalligrafie, Skulpturen und vieles mehr. Zwar bekommt das auch unter dem Namen Shanghai Culture Industry Park bekannte Areal immer mehr Konkurrenz durch neue Kunstdistrikte wie etwa das 800 Art Space in der Nähe des Huangxing Parks im Norden der Stadt. Dennoch gilt es nach wie vor als Epizentrum zeitgenössischer Kunst in Shanghai.

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Wie in seinem Gegenstück in Beijing, dem berühmten 798 Art District, findet man im M50 Art District einen Mix aus etablierten Künstlern, die in Galerien von Weltruf wie ShanghART unter Vertrag stehen, und vielversprechenden jungen Talenten, die sich zum Teil noch selbst vermarkten und denen man in ihren winzigen, feuchten Ateliers in den Gässchen zwischen den Gebäuden der ehemaligen Chunming Slub Mill bei der Arbeit zuschauen kann. Ausgestellt wird hauptsächlich chinesische Kunst. Doch vor allem die etablierten Galerien stellen regelmäßig auch internationale Künstler aus. Ich hatte beispielsweise das Glück, mir in der ArtNSpace-Gallerie die „Poetic Mirror“-Ausstellung von David Gersein anzusehen. Mit seinem „Post-Pop-Art“-Stil hat sich der Israeli international einen Ruf als einer der innovativsten und kreativsten Künstler unserer Zeit erworben.

Graffiti trifft auf Plattenbauten

Auch außerhalb der Galerien und Ateliers im M50 Art District trifft man auf Kunst – auf Street Art. Die Moganshu Lu ist nämlich ein Magnet für Graffitikünstler. Totenköpfe mit Herzchen in den Augen, moderne Amazonen, die an eine Mischung aus Lara Croft und Mangafigur erinnern, tanzende, grinsende Würmer – die Graffitis auf der Mauer entlang der Straße stammen allesamt aus den Sprühdosen berühmter Künstler. Es lohnt sich, häufiger herzukommen, denn die Graffitis werden in unregelmäßigen Abständen erneuert. Wer den bekanntesten Ort für Graffitikunst in Shanghai sehen möchte, muss sich allerdings beeilen. Es gibt immer wieder Gerüchte, dass die Mauer abgerissen wird. Angeblich soll sie Ende des Jahres endgültig dem Erdboden gleichgemacht werden, so das neueste Gerücht. Ob es stimmt, weiß wahrscheinlich noch nicht einmal die Stadtverwaltung. Ich fände es sehr schade, denn die Moganshan Lu würde damit eindeutig an Flair verlieren. Der Kontrast zwischen kunterbunter Mauerkunst, versmogtem, grauem Himmel und plattenbauähnlichen Wohnklötzen im Hintergrund gibt dieser ohnehin sehr surreal wirkenden Gegend einen ganz besonderen Charme.

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Zwischen Kunst, Kitsch und Kommerz

Auch der M50 Art District ist natürlich nicht von der Kommerzialisierung verschont geblieben. Zwischen die Galerien und Ateliers mischen sich immer häufiger Läden, wie man sie auch im Taiking Road Art Center in der Französischen Konzession findet und in denen mehr Kunstkitsch denn echte Kunst verkauft wird, unter anderem billige Kunstdrucke oder Nachdrucke von Shanghai-Fotografien, die man in zahlreichen Läden in Shanghai findet, oder sogar Wohnaccessoires. Ein Blick auf die Türschilder in den langen Fluren in den oberen Stockwerken der Gebäude zeigt, dass sich zunehmend auch andere Kreativberufe hier ansiedeln. Grafikdesigner, Filmproduzenten und Fashiondesigner geben sich hier die Klinke in die Hand. Auch Film, Grafik und Mode gilt vielerorts als Kunst. Die Art und Weise, wie sich der M50 Art District entwickelt, spiegelt damit letztlich den Zeitgeist wieder. Der ursprüngliche, raue Charakter, der mich persönlich an solchen Orten immer fasziniert,  geht jedoch zunehmend verloren.

Ansonsten sind die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch mitunter fließend. Ölgemälde mit den Konterfeis von Che Guevara und Mao und typische militärische und „Kommunismus ist toll“-Motive finden sicherlich nicht unbedingt den Geschmack ernsthafter Kunstsammler. Manche Galerie ist zudem mehr auf Masse als Klasse ausgerichtet. Beinahe hätte ich sogar etwas gekauft, eine Zeichnung von Audrey Hepburn, eine Kombination aus traditioneller chinesischen Tuschezeichnung und modernen Techniken, wie mir der Künstler freudestrahlend erklärte. Seine Verkaufstaktik hat mich jedoch skeptisch gemacht. Erst fragen, wieviel ich denn bereit sei zu bezahlen und dann immer weiter mit dem Preis heruntergehen war ich aus den zahlreichen Verkaufsgesprächen in Indien nicht gewöhnt. Ich fühlte mich versunsichert, ob ich nicht womöglich dabei war, Kunstkitsch zu erwerben und ließ  meine Renminbi lieber stecken. Auch wenn der Künstler sehr nett war.

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Shanghaier High Society, kreative Hipsters und neugierige Touristen

Schon während eines Praktikums in New York 1999 habe ich es geliebt, Samstags durch die Galerien in den ehemaligen Autowerkstätten in Chelsea zu bummeln oder die Ateliers der Künstler in Williamsburg zu besuchen. Ich fand es nicht nur spannend, Kunst abseits der einschlägigen Museen zu erleben, sondern genoss auch die Vielfalt an Menschen, denen ich auf meinen Streifzügen begegnete. Wenn man am Wochenende durch die Moganshan Lu bummelt, trifft man ebenfalls auf eine bunte Mischung: Kunststudenten, junge, hippe Kreative, die sich hier Inspirationen holen, mit Kameras bewaffnete chinesische Touristen, mit Kameras bewaffnete westliche Touristen, in Shanghai lebende Expats, die ihrem Besuch aus dem Westen ein Stück moderne, chinesische Kultur nahebringen wollen. Nicht zu vergessen die Shanghaier High Society, der kunstinteressierte Geldadel, deren weibliche Vertreter mit It-Bag und High-Heels bewaffnet, ein Gläschen Rotwein in der Hand, auf der Vernissage den Ausführungen des Künstlers zu seinen neuesten Werken lauschen und ihrem Partner ins Ohr raunen, ob man nicht das ein oder andere Bild für das Penthouse erwerben wolle.

Ich war sogar zwei Mal im M50 Art District unterwegs (wie es sich für einen Touristen gehört, natürlich auch mit Kamera bewaffnet), weil ich mir wirklich jede noch so kleine Galerie angeschaut habe, mich mit verschiedenen Künstler unterhalten habe, natürlich den ein oder anderen Cappuccino getrunken habe und einfach die Atmosphäre genossen habe. Ich hatte das Glück, an einem Tag sogar einer Vernissage beizuwohnen, in Gesellschaft eben jener Shanghaier Schickimickis und Expats, zu denen ich mich mit einem Gläschen Rotwein gesellt habe, den Ausstellungskatalog in der Hand und die Preise studierend. Mit meiner Kamera und meinen Timberlandsandalen war ich jedoch sicherlich leicht als neugieriger Tourist zu identifizieren …

Fazit: Mindestens einen Tag in der „mog gahn shanhn loo, woo shih how“ verbringen

Wer in nächster Zeit einen Shanghai-Aufenthalt plant, dem sei ein Besuch des M50 Art District unbedingt empfohlen. Auch wenn es sicherlich kein Geheimtipp mehr ist und auch kein Ort für subversive Untergrundkunst, ist es einfach spannend zu erkunden, mit welchen Themen sich zeitgenössische Künstler im Reich der Mitte beschäftigen. Es lohnt sich, einiges an Zeit mitzubringen, man kann hier gut und gerne einen ganzen Tag verbringen. Am besten nimmt man ein Taxi in die 50 Moganshan Road beziehungsweise die „moh gahn shahn loo, woo shih how“, denn in unmittelbarer Nähe gibt es weder eine U-Bahn noch einen Bus. Mit einem guten Stadtplan ausgerüstet und wenn es einem nichts ausmacht, an einer sechsspurigen Straße entlangzulaufen, ist man vom Hauptbahnhof aber auch in 20 Minuten zu Fuß hier. Einen guten Überblick über kommende Ausstellungen bietet das Time Out Shanghai. Hier kann man sich auch über Vernissagen informieren.

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8 comments

  1. Liebe Alexandra,

    ach, wie schön, so einen feinen Kultur-Tipp von meiner Iron-Blogger-Kollegin zu erhalten. Ich bin begeistert, die Blogparade hat sich gelohnt ins Leben zu rufen, sonst wäre ich nicht auf diesen herrlichen Tipp gestoßen.

    Du nimmst mich prima an die Hand. Mir kam es so vor, ich wandelte mit dir durch das M50 Art District. Der Beitrag erinnert mich ein bisschen an Markus‘ Bericht aus dem letzten Jahr zu #KulturEr: http://www.pflugblatt.de/powerstation-of-art-in-shanghai-mein-faszinierendes-kulturerlebnis/. Passt beides prima zusammen. Zwei hervorragende Künstler-Plätze, die es in Shanghai zu besuchen gilt!

    Vielen herzlichen Dank!

    Alles Liebe,
    Tanja

  2. liebe tanja,

    bei der schönen aktion musste ich einfach mitmachen – nicht nur das selber schreiben, auch das stöbern in den anderen beiträgen hat großen spaß gemacht!

    und ich freue mich natürlich, dass du dich an die hand genommen fühlst und mit mir gemeinsam durch den m50 art district geschlendert bist.

    den beitrag von markus habe ich damals auch mit großem interesse gelesen, leider habe ich es in meiner woche shanghai nicht zur power station of art geschafft – ein grund genug, diese fazinierende stadt nochmals zu besuchen :-).

    liebe grüße,
    alexandra

  3. M

    Ich seh schon, dann werde ich eben wieder über die Powerstation of Art schreiben und den Schießpulverkünstler. So profund wie Alexandra werde ich das allerdings nicht schaffen. Darf ich deinen Beitrag dem Expat-Newsletter in Shanghai zur Zweitveröffentlichung empfehlen – leider nur gegen Ehre?

  4. dann bin ich gespannt, was du über die powerstation berichtest, beim nächsten mal muss ich auch unbedingt mal daraus fahren.

    ehre und clippings sind immer gut, unbedingt dem expat-newsletter empfehlen!

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