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Der Buch-Film-Vergleich: „Der Doppelgänger“ und „Enemy“

Ein Blockbuster wird es höchstwahrscheinlich nicht werden, das neueste Werk des franko-kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve. Obwohl der surreale Psycho-Thriller „Enemy“, der sein Debüt im Herbst 2013 auf dem Toronto International Film Festival feierte, in Deutschland erst seit 22. Mai auf der Leinwand zu sehen ist, wurde er selbst in einer Filmstadt wie München vergangene Woche nur in zwei Kinos gezeigt. Ich hatte den Eindruck, außer mir saßen nur eine Handvoll eingefleischter Cineasten in der Spätvorstellung, die sich sonst gerne Filme von David Lynch, David Cronenberg und Lars von Trier anschauen.

Hätte ich zu dem Zeitpunkt im Rahmen der tollen Aktion „Buch-Film-Vergleich“ des Hoffmann und Campe Verlags nicht schon den Großteil von José Saramagos „Der Doppelgänger“ gelesen, wäre ich wahrscheinlich mit noch mehr Fragezeichen aus dem Kino gegangen. Auch wenn „Enemy“ nur eine lose Adaption des Romans des 2010 verstorbenen Nobelpreisträgers Saramago ist, hatte ich zumindest eine ungefähre Vorstellung des Handlungsstrangs: Ein Geschichtslehrer beziehungsweise -professor, der in einer gesichtslosen, tristen Großstadt ein ebenso tristes wie monotones Dasein fristet, entdeckt durch Zufall in einem Videofilm, dass er einen Doppelgänger hat. Dieser gleicht ihm bis ins Detail, selbst die Stimme, die Muttermale und die Narbe unterhalb der Brust stimmen überein, beide sind am selben Tag geboren. Entsetzt und fasziniert zugleich von einem „Naturphänomen, das nicht weniger spektakulär ist als die siebenköpfige Hydra von Lerna“, macht er sich auf die Suche nach seinem Doppelgänger. Der verdingt sich als drittklassiger Schauspieler und will zunächst nichts wissen von dieser Laune der Natur. Krank von dem Gedanken, möglicherweise nur das Abbild eines anderen zu sein, entwickelt sich die anfängliche Ignoranz zu einer Obsession, zu einer Provokation und nicht zuletzt zu einem tödlichen Spiel, in das die Verlobte des Geschichtslehrers sowie die Frau des Schauspielers verstrickt sind.

Saramago erzählt diese Geschichte, die eigentlich keine Geschichte im herkömmlichen Sinne mit einem romantypischen Spannungsbogen ist, auf 40 Seiten, während der Film von Villeneuve mit nur 90 Minuten auskommen muss. Von der Lektüre des Buches sagt Villeneuve, er sei von einem heftigen Schwindel überfallen worden, als habe man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. in der Tat saugt einen „Der Doppelgänger“ auf, trotz gerade wegen des für Saramago typischen Schreibstils und der besonderen Erzählperspektive: Lange, verschachtelte Sätze, die mit Punkten sparsam umgehen und auf Anführungszeichen und Absätze gänzlich verzichtet. Die in Einschüben unzusammenhängend erscheinende neue Ideen aufgreifen und Erklärungen liefern und immer wieder, typisch für die von Saramago benutzte Dekonstruktion, die Technik des Erzählens kommentiert. So wird beispielsweise auf die „unglückselige Reflexion des Erzählers“ hingewiesen und darauf, dass Situationen zum Teil „mit übertriebener Genauigkeit“ beschrieben werden. Der Leser und der Erzähler sind „wir“, dem, was der Geschichtslehrer mit dem unglückseligen Namen Tertuliano Máximo Afonso denkt und widerfährt immer einen Schritt voraus. Zwar muss man sich zunächst etwas durch diese gleichermaßen langatmige wie verwirrende Art des Erzählens durchbeißen, doch sie schafft es auf eine faszinierende Art und Weise, einerseits die Langeweile und die Lethargie, die das Leben des Geschichtslehrers bestimmen, zu transportieren, andererseits die Verstörung, die das Spiel mit dem Doppelgänger stiftet, so dass man das Buch dann doch nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Was Saramago mit Worten schafft, gelingt Villeneuve mit Bildern. Der Film präsentiert weder wortgewaltige Dialoge noch einen Plot à la Hollywood, dafür schafft er eine Stimmung, ein Klima, das den Roman nochmals übertrifft. Die in einen grün-braun-gelben Sepia-ähnlichen Filter getauchten Bilder, die erdrückende, trostlose Hochhauskulisse in Toronto und die langsam kriechende Kamera produzieren eine klaustrophobische, nahezu unheimliche Atmosphäre, die auf eine eindrückliche Art und Weise die Dumpfheit und Tristheit zum Ausdruck bringt, die der Geschichtsprofessors Adam Bell, dargestellt von Jake Gyllenhall, sowohl in seiner Arbeit, als auch in seiner Beziehung zu Mary spürt, und gleichzeitig das Unheil ahnten lässt, das kommen wird. Diese Stimmung wird unterstützt durch einem zuweilen dissonanten Soundtrack, der auf dem Nachhauseweg noch nachhallt.

Als Tertuliano Máximo Afonso und sein Doppelgänger António Claro im zweiten Drittel des Buches endlich aufeinander treffen, weiß man oftmals nicht, wer gerade spricht. Das Verwirrspiel wird auch im Film par excellence betrieben, so stehen sich in Anthony’s Wohnung zwei identisch aussehende Männer gegenüber, die zum Schluss selbst nicht mehr wissen, wer sie eigentlich sind, Adam oder Anthony, Original oder Duplikat, Realität oder Wahnvorstellung. „Das Ganze kommt mir vor wie ein Science-Fiction-Thriller, der von Geklonten geschrieben, gedreht und gespielt wird, und zwar auf Anweisung eines verrückten Intellektuellen“, sagt António Claro im Buch. Mit einem Hauch von Science-Fiction beginnt und endet der Film dann auch, die Spinne, die in der Eingangsszene in dem düsteren Männerprivatclub für den gewissen Nervenkitzel sorgt, wird zum Ende zu neuem Leben erweckt, als sich Helen, Anthon’s Frau, in eine überlebensgroße, pelzige, schwarze Spinne verwandelt. Spätestens hier weiß man nicht mehr, ob nicht alles nur ein surrealer Fiebertraum war.

Originaltitel: Enemy
Regie: Denis Villeneuve
Länge: 90 Min.
Jake Gyllenhaal: Adam Bell / Anthony St. Claire
Mélanie Laurent: Mary
Sarah Gadon: Helen
Isabella Rossellin: Adam’s Mutter

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