Frauen_NGO work in Tirmasahun

„Why should I dream?“ Ein Film über die Frauen von Tirmasahun

Sudha stockt. Sie schaut auf den Boden, zupft verlegen an ihrem Sari mit den großen roten, schwarzen und weißen Punkten, der ihr so gut steht und der so gut zu ihrem dunkelroten Lippenstift passt. Es fällt ihr schwer, zu reden. Über ihr Leben zu sprechen. Über ihren Mann. Einen Witwer, an den sie verheiratet wurde, als sie zehn war, kurz nachdem sie ihre erste Periode bekam. Der so viel älter ist als sie und der bereits eine Tochter hatte aus erster Ehe, die genauso alt ist wie sie. Der in Kasia, der nächstgelegenen Stadt, als Tagelöhner arbeitet und den Großteil des Geldes, das er dort verdient, für Alkohol ausgibt. Der gerne einmal austeilt, wenn er alle paar Wochen nach Hause kommt.

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Von was träumt sie? Sudha versteht die Frage nicht. Was wünscht sie sich vom Leben? Sie zögert erneut. Nur langsam fängt sie an zu sprechen. Ein besseres Haus für sich und die beiden Kinder. Aus Ziegeln, mit einem richtigen Fußboden, aus Zement. Nicht so provisorisch wie die Bambushütte, die aus einem einzigen großen Raum besteht und deren Wände so dünn sind, so dass wir das Gekicher der Kinder hören, die um die Hütte schleichen, weil sie mitbekommen haben, dass wir bei Sudha sitzen. Und eine eigene Wasserpumpe. Sudha muss immer eine der öffentlichen Pumpen benutzen, wenn sie Wasser zum Waschen oder Kochen braucht.

Und was wünscht sie sich für sich selbst? Wonach sehnt sie sich? Sie versteht die Frage immer noch nicht. Für Frauen wie Sudha, deren Kindheit so früh endete, die keine Schule besuchen durfte, ist es schwierig, solche Fragen zu beantworten. Die Frage nach Träumen, nach Glück ist einfach zu abstrakt, sie liegt außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Das Leben in einem kleinen Dorf wie Tirmasahun, im ländlichen Indien, lässt keinen Raum für Träume. Glück bedeutet für die meisten Frauen in Dörfern wie diesem etwas Materielles. Gut essen, gut schlafen, gut wohnen. Und wenn sie sich etwas wünschen, dann dass ihre Kinder, vor allem ihre Töchter, ein besseres Leben führen können.

„Ich habe keine Träume“

So wie Noorisha. Das, was sie antreibt, ist die Zukunft ihrer Kinder. Ihr größter Wunsch ist, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen. Dass ihre Töchter später nicht auf dem Feld arbeiten müssen, wie viele Frauen in Tirmasahun. Sie weint. Wenn wenigstens eine ihrer Töchter auf eine Privatschule gehen könnte. Mädchen sollten ein Recht auf Bildung haben, sagt sie. Für eine Privatschule reicht das Geld nicht. Doch immerhin geht Nisha, die achtjährige Tochter, auf eine der beiden staatlichen Schulen im Dorf. Meistens nimmt sie ihre kleine Schwester mit, noch ein Kleinkind, viel zu jung für die Schule, doch in der Schule bekommen beide eine kostenlose Mahlzeit. Noorisha spricht vom Heiraten. Dass Nisha erst heiraten soll, wenn sie mit der Schule fertig ist. Heirat ist ein weit entfernter Traum, sagt sie.

Frauen NGO Tirmasahun

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Nisha ist acht. Das Mädchen mit dem ernsten Blick, das so selten lacht, hat keine Träume. Warum sollte ich träumen, fragt sie. Nisha ist wie ihre Mutter Noorisha und Sudha eine der Protagonistinnen in „Why should I dream“, dem Dokumentarfilm über die Frauen in Tirmasahun, den die angehende Regisseurin Daria Kuschev letztes Jahr im Frühling in dem kleinen Dorf im östlichen Uttar Pradesh, nahe der Grenze zu Bihar, gedreht hat. Nisha war ihr bereits bei ihrem ersten Besuch in Tirmasahun aufgefallen. Das war 2013, da war Nisha sechs. Damals hat Daria für die Hilfsorganisation United for Hope, für die wir beide arbeiten, Kurzvideos gedreht über das Dorf, das United for Hope mit verschiedenen Projekten unterstützt. Die Arbeit hat sie inspiriert, einen längeren Film über die Frauen in Tirmasahun zu drehen.

„Meine Mutter ist mit in dem Film“

Daria ist in Kasachstan geboren, in einem Dorf auf dem Land, in der Nähe der damaligen kasachischen Hauptstadt. Die indische Mentalität ist ihr nicht fremd. Ihre Mutter ist unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen, hatte mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie die Frauen in Tirmasahun. Und selbst die 1991 geborene Daria hat erlebt, was es heißt, in einer patriarchalischen Gesellschaft groß zu werden, mit einem sehr konservativen Vater. Die Rolle der Frau war sehr klassisch im ländlichen Kasachstan, die Frau sah man im Haus, am Herd, bei der Versorgung der Kinder.

Daria fühlte sich sofort heimisch, als sie das erste Mal in Tirmasahun war. Das, was sie in Tirmasahun vorfand, hatte eine solche Ähnlichkeit zu den Umständen, unter denen sie aufgewachsen ist. Sie mochte den Ort auf Anhieb. Sie erinnert sich an die Gastfreundschaft und die Herzlichkeit, die ihnen die Frauen des Dorfes entgegen brachten. Auch die Zeitlosigkeit des Landlebens, wo sich der Tag nach dem Stand der Sonne richtet, kam ihr so vertraut vor.

Vor ihrem ersten Besuch in Indien kannte Daria das Land nur aus Filmen. Als Kind hat sie Bollywoodfilme gesehen, die in den Neunzigern sehr populär waren in Russland, wo sie als Sechsjährige mit ihren Eltern hinzog. Ihre Eltern waren besorgt, als sie das erste Mal nach Indien reist. Doch Daria hatte keine Angst. Sie kam inspiriert zurück. Von der Landschaft, von dem besonderen Licht. Und allen voran von den Menschen. Als sie ihre Fotos des ersten Besuchs sortiert, fragt sie sich, welche Geschichten wohl hinter den Gesichtern stecken. Sie wollte mehr wissen. Wie denken die Menschen? Wie denken die Frauen? Wie sehen sie ihr Leben? Sie beschloss: Sie möchte ein Zeitdokument schaffen. Über das Leben als Frau im ländlichen Indien im 21. Jahrhundert. Sie möchte den Frauen eine Stimme geben. Sie werden sonst von niemandem gehört.

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Fragen, die Daria vor allem beschäftigten, waren: Geben sich die Frauen ihrem Schicksal hin? Oder haben sie Wünsche, Träume, Hoffnungen? Die Antworten, die sie während der zehn Drehtage in Tirmasahun immer wieder hört, ähneln sich. Warum sollte ich träumen? Ich habe keine Träume. Träume sind gefährlich. Die Frauen aus Tirmasahun kennen nur das Leben, das sie führen. Es ist normal für sie. Schon ihre Mütter sind so groß geworden. Eine Alternative sehen sie nicht. Sich von einem Ehemann, der trinkt und dem immer wieder einmal die Hand ausrutscht, zu trennen, kommt nicht in Frage. Die Scham wäre zu groß. Die Frauen würden stigmatisiert, aus der Familie und aus der Dorfgesellschaft ausgestoßen.

Die Bedingungen, unter denen der Film gedreht wurde, waren nicht einfach. Tirmasahun liegt in einer der ärmsten Regionen Indiens. Eine Gegend, in der die Gesellschaftsordnung auch im 21. Jahrhundert noch immer extrem patriarchalisch ist. Zwei von drei Frauen werden von ihren Männern geschlagen. Sich vor einer Kamera zu äußern, bedeutet im Zweifelsfalle, Ärger mit dem Ehemann zu riskieren. Nur langsam gelingt es, das Vertrauen der Frauen zu gewinnen, sich zu öffnen. Einige der Frauen haben auch Angst, dass plötzlich im Dorf über sie geklatscht wird. Obwohl ansonsten eine große Solidarität unter den Frauen herrscht, sie sich gegenseitig helfen, sich am Nachmittag vor den Häusern treffen, sich unterhalten und zusammen lachen, gibt es auch immer wieder Neid und Klatsch und Tratsch. Das ist wohl universell.

Der Weg ist noch weit, doch es gibt eine Hoffnung: Bildung

Unsere Zeit in Tirmasahun und die Dreharbeiten zeigen: Es ist noch ein weiter Weg zur Emanzipation in Dörfern wie Tirmasahun, so fest verankert sind die patriarchalischen Strukturen und Werte. Die Schwiegertochter unserer Gastfamilie darf beispielsweise das Haus nicht verlassen. Es gehört sich nicht für eine jung verheiratete Ehefrau mit einem kleinen Baby, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie darf sich noch nicht einmal auf der Veranda vor dem Haus aufhalten. Ihr Leben spielt sich in den zwei Innenhöfen ab, wo sie schon morgens, wenn wir aufstehen, kocht, bäckt und wäscht. Für uns unvorstellbar und auch in einem Dorf wie Tirmasahun nicht die Regel, außer in sehr traditionellen Familien.

Es gibt jedoch einen Hoffnungsschimmer, das zeigen auch die Aussagen der Frauen: Zukunft durch Bildung. Nicht nur, dass Jungen und Mädchen zur Schule gehen, sondern auch, dass ihnen bestimmte Themen vermittelt werden. Themen wie Gleichberechtigung, Respekt und Toleranz. Themen, die im staatlichen Schulsystem im ländlichen Indien keine Priorität im Lehrplan haben. Die jedoch im Programm, das United for Hope vor kurzem in dem neu erbauten Gemeinschaftszentrum gestartet hat, eine zentrale Rolle spielen.

Wie sehr das Thema Bildung das Leben als Frau in Indien prägt, zeigen mir meine Begegnungen auf meiner letzten Indienreise. Ich habe sehr viele Frauen kennengelernt, deren Leben sich eins zu eins in eine westliche Großstadt verlagern ließe: Moderne, selbstbewusste, selbstbestimmte, berufstätige, erfolgreiche und gut ausgebildete Frauen. Diese Frauen hatten das Glück, in Familien aus der Mittelschicht oder der Oberschicht geboren zu werden, in Städten wie Mumbai, Delhi oder Kalkutta. In Familien, die die finanziellen Mittel haben, ihren Kindern einen Zugang zu Bildung zu ermöglichen und die sich an modernen Werten orientieren. Die ihre Töchter zur Universität gehen ließen und ihnen die Entscheidung überließen, ob und wen sie heiraten. Letzteres ist leider in Indien noch immer keine Selbstverständlichkeit, auch in finanziell besser gestellten Kreisen. Doch immerhin verfügen diese Frauen angesichts ihrer Ausbildung über die Voraussetzung, ein eigenständiges Leben zu führen und ihre Stimme zu erheben. Es bleibt zu hoffen, dass die Frauen und Mädchen von Tirmasahun ebenfalls eine solche Chance erhalten.

Über die Regisseurin

Daria studiert Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, wo „Why should I dream“ im August 2015 Premiere feierte. Der Film entstand als Projekt im Rahmen ihres Studiums. Die Finanzierung sicherte sie sich über Crowdfunding und ein Stipendium. Sie verbringt derzeit ein Auslandsjahr an einer Universität in Staten Island in New York und hofft, „Why should I dream“ in diesem Jahr einem größeren Publikum auf europäischen Dokumentarfilmfestivals präsentieren zu können. Ich bin dankbar, dass ich sie bei ihren Dreharbeiten begleiten durfte und sie mir nach unserer Rückkehr aus Indien in München für ein ausführliches Interview zur Verfügung stand.

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