Bodhgaya

Respekt, Toleranz und Menschlichkeit – einige Gedanken zu Indien und Deutschland

Eigentlich wollte ich heute früh zum Yoga gehen. Die guten Vorsätze für das neue Jahr umsetzen. Doch ich kann mich nicht überwinden, bei Sturm und prasselndem Regen zu der frühen Uhrzeit meine Wohnung zu verlassen. Setze ich mich doch lieber in den selbstgestrickten Kuschelsocken, die mit eine gute Freundin zu Weihnachten geschenkt hat, und einem dampfenden Ingwer-Zitronen-Tee an den Computer, um die Fortsetzung meiner Artikel-Reihe über meinen Sommer in Ladakh zu schreiben. Nach der Trekking-Tour durch das Markha Valley steht der Besuch bei den Mönchen in den Klöstern von Hemis und Thikse auf dem Programm.

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Als ich in meinem Nordindien-Reiseführer blättere, um ein paar Sachen über die verschiedenen Orden der buddhistischen Klöster in Ladakh nachzulesen, fallen zwei getrocknete Blätter zwischen den Seiten heraus. Blätter des Bodhi-Baums. Sofort werden Erinnerungen wach. An unseren Besuch des Mahabodhi-Tempels in Bodhgaya im März letzten Jahres. An die Zugfahrt von Kalkutta nach Gaya und die rumpelige Fahrt mit der Rikscha nach Bodhgaya. An die vielen Stunden, die wir auf der Rückseite des Tempels unter dem Bodhi-Baum gesessen haben, der Ort, an dem der historische Buddha seine Erleuchtung gefunden haben soll. An die buddhistischen Pilgern aus aller Herren Länder, die wie wir durch die weitläufige Tempelanlage spazieren, die friedliche Atmosphäre aufsaugen. An die indischen Schulklassen und die indischen Familien, für die ein Besuch dieses Ortes ebenfalls eine besondere Erfahrung ist, auch wenn sie keine Buddhisten, sondern Hindus sind. Vor meinem inneren Auge ziehen Bilder auf von Mönchen in rostorangenen und dunkelroten Roben, die sich wie kleine Kinder freuen, den vom Bodhi-Baum herabfallenden Blätter hinterherzujagen und im Flug aufzufangen. Einige sammeln die Blätter in einer Tüte, um sie ihren Glaubensbrüdern in Thailand oder Sri Lanka mitzubringen. Die Blätter sollen lebenslanges Glück bringen, heißt es.

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Meine Erinnerungen werden jedoch sehr schnell überschattet. Denn Bodhgaya ist auch der Ort, der vergangene Woche von sich reden gemacht hat durch die Vergewaltigung einer jungen, japanischen Touristin, die von zwei Männern zwei Wochen lang gefangen gehalten und grausam misshandelt wurde. Als mein Vater mir den Link zur Nachricht auf n-tv.de geschickt hat, die vor allen anderen Medien über den Vorfall berichtet haben, bin ich erschüttert. Nicht schon wieder so eine erbärmliche, fürchterliche Tat. Warum in aller Welt nehmen diese Nachrichten kein Ende?

Die junge Frau wurde in Kalkutta von zwei Männern angesprochen, die sich als Reiseführer ausgaben, und buchte bei ihnen eine Tour nach Bodhgaya. Meine Reise nach Bodhgaya startete ebenfalls in Kalkutta. Ich war in den drei Wochen letzten Frühling jedoch nicht alleine unterwegs, sondern mit einer Freundin. Hätte uns so etwas auch passieren können? Oder ist man zu zweit gefeiter vor solchen Situationen? Ich weiß nicht, ob ich mich wohl gefühlt hätte, am frühen Abend alleine durch Nordkalkutta zu laufen, wo uns jeder, den wir fragen, wo die Tipu-Sultan-Moschee ist, in eine andere Richtung schickt. Wo uns die Polizisten, die wir ebenfalls nach der richtigen Richtung fragen, in die Irre schicken und sich über uns kaputt lachen. Ich hätte mich sichtlich unwohl gefühlt. Und ein Taxi genommen. Oder mich mit meinem Stadtplan durchgeschlagen, ohne durch meine Frage nach dem Weg Unsicherheit zu zeigen.

Ich denke über meine ganzen Solo-Reisen durch Indien nach. Bei denen ich alleine mit Zügen und Nachtbussen unterwegs war. Mit Taxis und Rikschas. Bin ich naiv, alleine durch ein Land zu reisen, das seit der Vergewaltigung der jungen Studentin in Delhi vor gut zwei Jahren fast nur noch mit Horrormeldungen über Übergriffe auf Frauen in den Medien präsent ist? In dem Frauen in Bussen und Taxis vergewaltigt werden, so wie Anfang Dezember 2014 die Frau, die mit einem Uber-Taxi von Gurgaon nach Delhi fahren wollte. Bin ich naiv oder hatte ich bisher einfach nur Glück?

In „Indien – ein Reiseland für Frauen?“ habe ich mich letztes Jahr schon einmal mit der Frage auseinandergesetzt, ob es opportun ist, jede Woche über Indien zu bloggen, zuweilen mit einem zwinkernden Auge, und ob man Indien als Frau nicht eigentlich von der Liste der Reiseländer streichen müsste. Dieselben Fragen beschäftigen mich gerade erneut. Und ich komme trotz der schrecklichen Ereignisse und trotz der tief in der indischen Gesellschaft verwurzelten Ansichten über die Stellung der Frau, die insbesondere in ländlichen Regionen immer wieder zu nicht entschuldbaren, unmenschlichen Gräueltaten an Frauen führen, immer noch zum selben Schluss.

Und ich werde wütend, wenn ich an die vielen Leserkommentare in der Online-Berichterstattung zum aktuellen Fall lese. In einem Großteil der Kommentare wird generalisiert und pauschalisiert. Der indische Mann an sich wird als Monster dargestellt, Indien als barbarisches Land ohne jegliche Kultur. In der Regel von Personen, die noch niemals in Indien waren. Es sind nur wenige Kommentare zu finden, die differenzieren. Die darauf hinweisen, dass das Gros der indischen Bevölkerung diese Taten verabscheut und immer mehr Menschen auf die Straße gehen, um gegen sexuelle Gewalt gegenüber Frauen zu demonstrieren. Und gegen die Gleichgültigkeit, die zum Teil leider immer noch bei lokalen Behörden und der lokalen Polizei herrscht, obwohl bereits die alte indische Regierung harte Gesetze verabschiedet hat, die bei Vergewaltigungen mit Todesfolge die Todesstrafe vorsiehen.

Ja, es muss sich etwas ändern in der indischen Gesellschaft. Es bleibt zu hoffen, dass die Vorhaben von Modi, die Situation der Frau im Land zu verbessern, keine Lippenbekenntnisse bleiben. Doch wie ich in dem Artikel „Indien – ein Reiseland für Frauen?“ geschrieben habe, ist für mich „wegbleiben gleich wegsehen“. Und zu sagen, der indische Mann an sich ist ein Monster und ein potenzieller Vergewaltiger, ist genau dasselbe wie zu sagen, jeder Moslem ist ein Fanatiker und ein potenzieller Attentäter. Zu was das führt, sehen wir gerade in Frankreich und bei uns in Deutschland. Nicht nur durch meine Indienreise im Sommer, wo ich im Übrigen auch eine Zeitlang in muslimisch geprägten Regionen unterwegs war, auch durch meine Arbeit für die NGO United for Hope, habe ich in den letzten Monaten erneut viel über das Land und seine Leute gelernt. Und viele aufgeschlossene, gebildete, modern denkende Inder, sowohl Frauen als auch Männer, kennengelernt, die sich für Gleichberechtigung und Gerechtigkeit einsetzen und für die Toleranz, Respekt und ein friedvolles, wertschätzendes Miteinander, sei es von Mann und Frau, von Moslem und Christ, von Buddhist und Hindu, genauso zentral sind wie für die meisten von uns. Gerade durch meine Kontakte zu United for Hope habe ich gelernt, dass sich auch im ländlichen Indien ein Wandel abzeichnet, was die Stellung der Frau angeht, zögerlich, aber stetig.

Ich möchte abschließend nochmal betonen: Das, was vielen Frauen in Indien angetan wird, ist unentschuldbar. Vom Dorfrat angeordnete Gruppenvergewaltigungen sind barbarisch, unmenschlich, werfen Fragen auf, warum es so etwas im 21. Jahrhundert noch gibt. Mir ist jedoch wichtig, zu differenzieren, nicht alles über einen Kamm zu scheren. Wie wir gerade jeden Tag in den Medien lesen, gibt es auch im aufgeklärten Deutschland genügend Menschen, deren Denkweise im finstersten Mittelalter stehengeblieben ist und für die Toleranz und Respekt Fremdwörter sind. Ich bekomme jetzt noch ein mulmiges Gefühl, wenn ich an den Vorabend meines Geburtstags im November denke, den ich im Rahmen eines Fotoworkshops in einer Neo-Nazi-Kneipe in Dresden verbracht habe. Zusammen mit dem Fotografen Andi Kania waren wir hier, um Menschen in Extremsituationen im Nachtleben zu fotografieren. Einer meiner Mitstreiter, Neil, ein Deutsch-Iraker, hat das Lokal nach fünf Minuten verängstigt verlassen, weil er aufgrund seines Aussehens bereits in der kurzen Zeit feindselige Blicke auf sich gezogen hat. Die Aussage meines Gesprächspartners, dass er sich weigere, Englisch zu sprechen, weil das eine Fremdsprache sei, finde ich noch immer beängstigend.

Ich bin nicht sicher, ob ich jetzt wirklich auf den „Veröffentlichen“-Knopf drücken soll. Yoga, die Kuschelsocken und der Ingwer-Zitronen-Tee am Anfang des Artikels passen vielleicht genauso wenig zu dem ernsten Thema wie die friedvolle Atmosphäre im Mahabodhi-Tempel. Mein Herz klopft gerade ein wenig. Ich sitze hier in der kleinen, heilen Welt meiner Dachwohnung in München-Schwabing und äußere mich über Gräueltaten in Indien und die Situation der Frau in einem Land, das ich nur von Reisen kenne und von den Gesprächen mit indischen Freunden und Bekannten. Ich bin weder in einer indischen Familie aufgewachsen, noch habe ich länger in Indien gelebt. Vielleicht steche ich in ein Wespennest und bin in meinen Gedanken nicht differenziert genug? Sollte ich als Frau anders über das Thema denken? Ich weiß es nicht. Ich drücke jetzt trotz allem auf „Veröffentlichen“, denn ich habe das Bedürfnis, meine Gedanken zu diesem Thema mit Euch zu teilen. Und war es nicht Buddha, der bereits vor mehr als 2.500 Jahren Toleranz und friedliche Koexistenz gelehrt hat? In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein friedvolles 2015, mögen Respekt, Wertschätzung und Offenheit unsere stetigen Begleiter sein.

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4 comments

  1. F

    Toller Artikel – hat mich wirklich sehr zum Nachdenken gebracht. Indien hat mich immer sehr gereizt aber ich muss zugeben, dass ich mit den zunehmenden Horrormeldungen immer mehr das Interesse an dem Land verloren habe. Ich bin kein Mensch, der alle über einen Kamm schert, aber leider reicht es manchmal, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Natürlich können auf Reisen überall schlimme Dinge passieren, aber ich weiß nicht ob ich die Zeit in Indien mit all diesen Gedanken im Kopf überhaupt genießen könnte… LG Franzi

  2. danke für deinen kommentar, liebe franzi. ich kann verstehen, dass du derzeit nicht nach indien reisen möchtest. vor allem, wenn es das erst mal wäre. ich habe mich letztes jahr bei der planung meiner dreiwöchigen reise im märz/april auch gefragt, ob ich das richtige tue. ob ich mein glück herausfordere, dass mir bisher nichts passiert ist. ich habe mich jedoch entschlossen, trotzdem zu fliegen. mich nicht einschüchtern zu lassen. weil ich denke, zur falschen zeit am falschen ort kann ich überall auf der welt sein. weil ich versuche, gewissen regeln zu folgen. auch im sommer, wo ich ja nochmal fast zwei monate in indien unterwegs war, ging es mir gut, es gab keine situationen, in den ich mich hätte ängstigen müssen. mehr dann mal mündlich bei einem der nächsten münchner reiseblogger treffen! LG, alex

  3. Ein schöner Text. Ich denke, dass wir hier auch sehen müssen, dass in Indien derzeit ein sehr positiver Prozess abläuft. Die Situation ist nämlich nicht erst seit zwei Jahren schlimm geworden, die gleichen Tagen gab es schon vor zehn oder 20 Jahren. Ich kann mich erinnern an eine Meldung im Spiegel vor 15 Jahren, als ich das erste Mal in Indien war. Da war eine deutsche Touristin vergewaltigt worden.

    Dass sich die Berichte nun häufen, hängt damit, dass die indischen Medien dem Thema gegenüber nicht mehr einfach gleichgültig sind. Dass auch die Politik – oder zumindest Teile davon – das Problem angehen wollen. Dieser Prozess fördert zwar die hässliche Seite der indischen Gesellschaft ans Tageslicht, ist aber eben auch ein wichtiger Prozess bei der Bewusstwerdung.

    Daher denke ich: Wenn du vor fünf Jahren jemandem Indien empfohlen hast, kannst du das auch heute noch tun. Die grössten Gefahren lauern in Indien sowieso im Verkehr und nicht bei Verbrechen.

  4. vielen lieben dank, oli, für deinen kommentar. ich sehe das ähnlich wie du, die geschichten, die wir heute fast wöchentlich lesen, erst jetzt über die grausame tat an der katholische nonne, wird es vorher auch schon gegeben haben, nur hat niemand in der form darüber berichtet. man sieht damit auch wieder einmal, wieviel macht die medien haben, positiv (bewusstseinsmachung), wie negativ (angst). ich fliege morgen wieder nach indien für knapp drei wochen und stehe gerade vor der entscheidung, alleine mit dem nachtzug von patna nach darjeeling zu fahren (freunde mussten kurzfristig absagen), oder doch einen flug zu buchen und umständlich über kalkutta anzureisen. fordere ich mein glück heraus, wenn ich auf meinen bauch höre und sage, es passiert nichts, wenn ich den nachtzug nehmen? oder höre ich auf die besorgten stimmen in meinem umfeld, die natürlich auch durch die medien beeinflusst sind?

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