Fotoparade: Meine Lieblingsfotos des zweiten Halbjahres 2015

Seit Mittwoch Abend bin ich zurück aus Indien. Zurück in Schwabing. Von Mumbai nach München. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Die überwältigende Megacity am Arabischen Meer mit ihren 20 Millionen Einwohnern und das kleine, kuschelige Millionendorf an der Isar. Dreieinhalb Monate aus dem Rucksack leben liegen hinter mir. In dieser Zeit habe ich den Subkontinent mehrfach durchquert – von West nach Ost nach West nach Nord nach Ost nach Süd nach Nord nach Süd nach Ost nach West. Wenn ich meine Reiseroute mit dem Finger auf der Landkarte nachmale, wird mir leicht schwindelig. Eigentlich komplett verrückt, was ich da gemacht habe. Ich weiß nicht, wieviele Stunden und Tage ich in Flugzeugen, Zügen, Bussen, Rikschas und Taxis zugebracht habe, wieviele tausende von Kilometern ich auf diesem unglaublichen Roadtrip zurückgelegt habe.

Das Glück war mir hold. Irgendwer im Universum meinte es gut mit mir und schickte mich nach meinem vierwöchigem #YouWanderWePay-Abenteuer auf weitere Erkundungstouren durch dieses unglaubliche Land. Mit anderen Reiseautoren durfte ich Varanasi und Lucknow besuchen. Und Rishikesh, die Hauptstadt des Yoga, und den atemberaubenden Himalaya. Einer meiner Träume ist wahr geworden mit dem Besuch von Gangotri, einem kleinen Pilgerort, denn nur wenige Kilometer entfernt nimmt der Ganges, der heilige Fluss, die Mutter aller Flüsse, ihren Ursprung. Zu guter Letzt durfte ich kurz vor meiner Rückkehr nach Deutschland noch eine Woche durch Zentralindien reisen, durch den zauberhaften Bundesstaat Madhya Pradesh, der bisher nur selten auf der Reiseroute westlicher Touristen steht.

Den Daumen immer auf dem Auflöser

Natürlich habe ich unzählige Fotos mitgebracht. Als ich am Mittwoch nach der Zwischenlandung in Heathrow im Flieger nach München saß, wurde es mir für einen Moment heiß und kalt. Hatte ich nach dem Security Check meinen Laptop wieder eingepackt? Horroszenarien bauten sich in meinem Kopf auf. Was ist wenn? Dann wären meine ganzen Fotos weg. Ich hatte schon Tränen in den Augen. Ich bin leider sehr nachlässig, was Sicherheitskopien angeht. So habe ich die Abertausende von Bildern der letzten Monate nur auf meinem Laptop gespeichert. Natürlich war der Laptop noch da. Überflüssige Panikreaktion. Das kommt davon, wenn man mit zu viel Gepäck reist. Aber das ist ein anderes Thema.

Schon als ich noch unterwegs war, habe ich entdeckt, dass Michael von „Erkunde die Welt“ wieder zu einer Fotoparade aufgerufen hat. Und beschlossen, dass ich unbedingt wieder mitmachen muss. Wie schon bei der Zusammenstellung der Fotos für seine letzte Blogparade, fiel es mir wieder sehr schwer, eine Auswahl zu treffen aus meinen Fotos aus dem zweiten Halbjahr 2015, und ich habe viel länger für diesen Blogpost gebraucht als erwartet. Denn mit der Auswahl der Fotos kamen die ganzen Geschichten in mir hoch, die ich mit den Aufnahmen verbinde. Anbei eine Auswahl meiner Lieblingsmotive zu den Themen „Sommer“, „Herbst“, „Gewässer“, „Landschaft“, „Heimat“ und „Absolutes Lieblingsbild“ – kleines und nebensächliches für den einen, großartiges und besonderes für den anderen …

1. Schönstes Sommerfoto

Sommer bedeutet für mich flirrende Hitze, luftige, flatternde Klamotten, bunte Farben. Ein Gefühl von Freiheit, Beschwingheit, Lebendigkeit und Leichtigkeit. Draußen sein. Mit nackten Füßen über eine Wiese laufen. Ein Eis schlecken, zur inneren Abkühlung. Farbenfrohe Bilder in Indien zu schießen ist nicht schwierig. Ich wollte eigentlich etwas buntes, blumiges auswählen, vom Flower Market in Mysore. Der sommerfrische Geruch der Blüten, die dort kiloweise verkauft werden, liegt noch immer in meiner Nase. Beim Durchstöbern meines Archivs bin ich jedoch bei diesem Motiv hängengeblieben. Die Aufnahmen sind in Kochi in Kerala entstanden. Bei einem Spaziergang entlang der Strandpromenade bin ich diesen beiden Damen begegnet, die sich während der Mittagspause ein Eis gönnen. Kurz hinsetzen, verschnaufen, spüren, wie das Eis langsam auf der Zunge schmilzt. Wie ich es so gerne im Sommer hier in München mache. Ich weiß nicht, wie viele Kilo Eis ich vor meiner Abreise im September in meinen Lieblingseisdielen weggeschleckt habe. Für mich der Inbegriff von Sommer.

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2. Schönstes Herbstbild

Wahrscheinlich verlangt diese Rubrik nach einem Foto mit herbstlichen Farben, mit rotbraunem Laub, mit einem in ein fahles Licht getauchten blauen Himmel an einem Herbssonntag, der schon den um die Ecke lugenden Winter erahnen läßt. Den goldenen Herbst in München habe ich dieses Jahr verpasst. Keine Herbstspaziergänge im Englischen Garten, bei denen das Laub unter den Füßen raschelt. Oder an der Isar. Statt dessen war ich in diesem Herbst fast die ganze Zeit im tropischen Süden Indiens unterwegs. Unter meinen Flip-Flops knirschte der Sand vom Strand in Goa, unter meinen Sandalen klebt der Kuhmist der Dörfer und Städte. Der einzige Hauch von Herbst umgab mich in meiner Woche in Uttarakhand im Himalaya. Die Hitze der Ebene des Südens wich der klaren, kühlen Luft der Berge. Wenn mir nicht einer der Teilnehmer der Bloggerreise ein Set Thermounterwäsche und ein paar dicke Socken geborgt hätte, wäre ich in meiner dünnen Kurta und den Leggings wahrscheinlich erfroren. Die zwei Wärmflaschen in meinem Bett haben das Übernachten im Zelt erträglich gemacht. Sich morgens aus der Schicht aus drei Decken herausschälen kostete einige Herausforderung. Doch der Blick, der sich mir bot, nachdem ich den Reisverschluss meines Zeltes öffnete, war einfach zu verlockend. Die Oktoberluft frisch und klar, die Berge des Himalaya im Hintergrund noch ein wenig in Morgennebel eingehüllt, die gelben Blätter der Bäume auf der anderen Seite des Flusses zeigen, es ist Herbst. Inzwischen hat der Winter Einzug gehalten in diesem kleinen Ort auf dem Weg nach Gangotri, einem der berühmten Pilgerorte im Himalaya.

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3. Schönste Gewässeraufnahme

So sehr ich die Berge liebe, so sehr liebe ich das Meer. Eigentlich wollte ich meine Yogalehrerausbildung in Rishikesh machen, der Wiege des Yoga, am Fuße des Himalaya gelegen, an den Ufern des heiligen Ganges. Schlussendlich habe ich mich für Goa entschieden. Zwar lag die Schule nicht direkt am Strand, sondern einige Kilometer im Hinterland, in einer kleinen Kokosnussplantage am Rande des Dschungels, doch zumindest am Wochenende hatte ich Gelegenheit, dem Meeresrauschen zu lauschen. In der letzten Woche der Ausbildung habe ich meine Unterkunft in der Yogaschule dann sogar gegen ein kleines Cottage am Strand ausgetauscht. Ich habe die Ausbildung am Anfang für eine Woche aufgrund einer Bloggerreise unterbrechen müssen. Und war nun, nach ein paar Tagen Auszeit in Panjim in Zentral-Goa, wieder zurück im Süden, um die letzten fünf Tage nachzuholen.

Ich werde diesen Sonntag Nachmittag nie vergessen. Während ich die vorherigen Sonntage zumeist im recht überlaufenenen Palolem in einem Strandcafé verbracht hatte, um entweder an meinen Blogartikeln zu arbeiten oder für die Prüfungen zu lernen, fühlte ich mich plötzlich so frei. Ich hatte das Zertifikat bereits in der Tasche, hatte während meiner Tage im Bay 15 fleißig neue Blogartikel geschrieben. Und konnte einfach mal meine Seele baumeln lassen. Mir einen Platz ganz nah am Wasser suchen. Und mich einfach nicht fortbewegen. Beobachten und spüren, wie die Brandung immer näher kommt, das Salzwasser meine Füße umspült, und sich das Meer wieder zurückzieht. Drei simple Strand- beziehungsweise „Gewässer“-Fotos, für mich jedoch ein Moment mit einer besonderen Bedeutung.

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4. Schönstes Heimatfoto

Für mich war zunächst ganz klar – in diese Rubrik kommt ein Foto aus München. Hier lebe ich schließlich seit 1999. Also seit sage und schreibe 16 Jahren. Doch was ist eigentlich Heimat? Ist es wirklich der Wohnort? Nicht unbedingt. Heimat kann auch heißen, sich dort zu Hause zu fühlen, wo man gleichgesinnte Menschen findet. Menschen, die dieselben Leidenschaften haben. Die einen verstehen, die nach kurzer Zeit deine Gewohnheiten kennen. Heimat kann auch ein Ort weit weg von zu Hause sein, an dem man Rituale oder Gepflogenheiten vorfindet, die einem vertraut sind. Und die einem dadurch ein Gefühl von Heimat vermitteln.

Ich habe mich gegen ein Foto von München entschieden. Sondern eines gewählt, das beim Betrachter vielleicht Fragezeichen hinterlässt. Für mich jedoch eine ganz besondere Bedeutung hat. Während meiner aktuelle Indienreise habe ich vier Wochen in Goa verbracht um einen langgehegten Traum umzusetzen – mich zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen. Vier Wochen mit 30 anderen Yogis auf der Matte schwitzen, für die Anatomieprüfung büffeln und auf einem kleinem Campus am Rande des Dschungels zusammenleben, das verbindet. Es wird für diese Zeit Dein zu Hause. Ein Ort, an dem man sich häuslich einrichtet. Und wenn möglich, einige seiner Rituale pflegt. Für mich war das mein Kaffee zum Frühstück und nach dem Mittagessen. Gehört nicht zur yogischen Diät. Aber das Trimurti Café kennt die Gelüste seiner Schüler. Und ich war wohl die beste Kaffeekundin. Akshay, Rohan und Prateek, die drei wunderbaren Jungs in der Küche, mussten schon immer lachen, wenn ich meinen Zettel ausfüllte „Alex, 1 milk coffee.“ Kurz vor dem Ende des Kurses überraschten sie mich eines Morgens mit meinem personalisierten Kaffee. A für Alexandra. Ich weiß nicht, wer mehr gestrahlt hat. Ich oder die drei. Heimat ist, wenn Fremde in der Fremde zu Freunden werden, Deine Ticks und Gewohnheiten kennen und dir eine Freude machen.

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5. Schönste Landschaftsaufnahme

Obwohl ich ein Naturmensch bin und ich tolle Landschaften liebe, fotografiere ich lieber „Urban Landscape“-Motive. Ich habe mich dennoch für eine klassische Landschaftsaufnahme entschieden. Wobei ich ursprünglich ein anderes Motiv meiner Reise durch den Himalaya ausgewählt hatte – mit dem türkisgrünen Ganges, zu beiden Seiten Kieselstrand, grünbewaldete Hänge und im Hintergrund die schneebedeckten Vier- und Fünftausender. Irgendwie erschien mir dieses Motiv jedoch zu austauschbar. Wenn man es nicht weiß, könnte man eine solche Landschaft auch in Österreich vermuten. Ich habe mich daher für diese Aufnahme entschieden, die im Nationalpark Nanda Devi in Uttarakhand entstanden ist. Rau und weniger lieblich als meine ursprüngliche Wahl, die dafür durch den Mast mit den goldverzierten bunten Tüchern, die man auch in Tempeln oder sogar an Bäumen findet unverwechselbar ist.

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6. Mein absolutes Lieblingsbild

In meiner letzten Woche in Indien habe ich erneut festgestellt: Meine Lieblingsmotive beim Fotografieren sind definitiv Menschen. Auf dem Programm des Roadtrips durch Madhya Pradesh standen unzählige Tempel, Paläste und Forts. Allesamt wunderschön und beeindruckend. „Did you like it?“, fragte mich mein Fahrer jedes Mal, wenn ich wieder ins Auto stieg. Yes, I liked it. Aber können wir bitte kurz beim Basar einen Stopp einlegen? Ich möchte dort eine Runde drehen. Und können wir bitte in dem kleinen Dorf anhalten? Nicht nur, weil mich die bunt getünchten Häuser mit den mit Ornamenten verzierten Holztüren so an Rajasthan erinnern, sondern weil ich gerne mit den Frauen und Kindern, die ich aus den Augenwinkeln im Vorbeifahren gesehen habe, in Kontakt kommen möchte.

Die Inder lieben Fotos von sich. Sie sind die Selfie-Weltmeister. Lichten sich vor jedem Tempel, vor jeder Sehenswürdigkeit ab. „Ma’am, one selfie please.“ Sie möchten sich gemeinsam mit der blonden Langnase mit der weißen Haut ablichten. Sie winken Dich heran, wenn sie ihrem kleinen Sohn vor dem Tempelbesuch, wie es die Tradition will, das flaumige Babyhaar abrasieren, und fragen Dich, ob Du nicht ein Foto machen möchtest. Zu Beginn der #YouWanderWePay-Reise waren wir in Aurangabad, fünf Stunden von Mumbai entfernt. Die meisten Touristen lassen Aurangabad links liegen und nutzen diese Stadt nur als Ausgangspunkt für den Besuch der berühmten Höhlentempel von Ajanta und Ellora. Ami, meine französische Co-Bloggerin, und ich haben hingegen auch die Altstadt von Aurangabad erkundet. Und sind durch Zufall vor einer Moschee gelandet. Unsere Blicke kreutzten die einer Frau mit schwarzer Hidschāb. Sie schaute uns neugierig an. Sah unsere Kameras. Sie sprach kein Englisch. Wir kein Hindi. Aber wir verstanden, wenn wir sie und ihre kleine Tochter fotografieren möchten, würde sie sich sehr freuen. Das kleine Mädchen war von dieser Idee nicht so begeistert wie ihre Mutter. Ihren skeptischen Blick werde ich nie vergessen. Mama, was wollen die von mir. Ich werde dieses Mädchen nie vergessen. Während die meisten Kinder sofort lachen und sich freuen, wenn jemand eine Kamera auf sie richtet, ließ sich dieses Mädchen nicht beeindrucken und nicht beirren. Der Gesichtsausdruck schwankt zwischen ernst, selbstbewusst und skeptisch. Ein faszinierender Moment, der mich noch immer beschäftigt, obwohl ich seitdem so vielen Kindern begegnet bin.

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Mehr Reisefotografie auf meiner Fotowebseite NIMESHA

Mehr Bilder von meinen Reisen durch Indien gibt es übrigens auf NIMESHA – Travel Photography by Alexandra Lattek. Hier versuche ich, die Momente meiner Reisen einzufangen, die mich am meisten berühren. Das sind weniger die berühmten Monumente oder die großartigen Landschaften Indiens, die ich jedes Mal wieder atemberaubend finde. Was mich an Indien als Reiseland am allermeisten fasziniert, sind seine Menschen. Seine Frauen, Kinder und Männer. Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituationen. Aus unterschiedlichsten Verhältnissen. Reich, arm. Alt, jung. Aus der Stadt. Aus einem Dorf. Sie alle haben ein gewisses Strahlen in den Augen. Und eine Offenheit und Neugierde. Drei Dinge, die ich hierzulande oft vermisse. Drei Dinge, die ich versuche, mit meiner Fotografie einzufangen. Vielleicht mögt Ihr einmal hineinschauen in „Women“, „Children“, „Men (at work)“ und „Sadhus & Monks“, ich würde mich freuen!

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5 comments

  1. Hallo Alexandra,

    was für ein wunderschöner Beitrag, was für beeindruckende Fotos mit Tiefgang! Ich freu mich sehr, dass du wieder mit dabei bist. Deine Geschichten zu den Fotos – wundervoll! Ich danke dir für diesen tollen Artikel!

    Lg Michael

  2. Hallo Michael,

    vielen lieben Dank für Deine Rückmeldung! Ich habe mich schon riesig auf die Fotoparade gefreut, seitdem ich unterwegs in Indien Deinen Post dazu gesehen habe! Danke für die wunderbare Gelegenheit :-).

    LG,
    Alexandra

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