Title_Bombay-Skyline

More dreams are realized and extinguished in Bombay than in any other place in India.

– Gregory David Roberts –

Dass ich vor meiner Weiterreise nach Nepal in Bombay gelandet bin, war genauso ein Zufall wie Weihnachten in Goa zu verbringen. Ein Besuch in der „Maximum City“, wo so viele Menschen aus allen Teilen des Landes ihr Glück suchen, stand eigentlich überhaupt nicht auf meinem Reiseplan. Obwohl mich die Stadt mit dem klangvollen Namen, der für mich genauso nach Geheimnis und Abenteuer klingt wie Shanghai oder Casablanca, seit langem faszinierte. Doch was sollte ich nach den Wochen in Ashrams, in kleinen, idyllischen Orten in Kerala und Karnataka in diesem großen, staubigen, heißen Moloch am Arabischen Meer? Der mit fast 20 Millionen Menschen auf kleinstem Raum aus allen Nähten platzt. In dem man sich laut dem, was ich bis dato von anderen Travellern gehört hatte, erst einmal überrollt und überfordert fühlt. Der sich Neuankömmlingen, die mit dem Flugzeug auf dem Chatrapati Shivaji International Airport ankommen, direkt von seiner unschönen Seite zeigt. Mit einem riesigen Slum, den nur ein Maschendrahtzaun vom Rollfeld des Flughafens trennt. Nein, eigentlich wollte ich gar nicht hierher, trotz aller Fazination, die diese Stadt bislang aus der Ferne auf mich ausgeübt hatte.

Doch ich ließ mich überreden, Silvester in Bombay zu verbringen. Ich war froh, dass ich nicht alleine hergekommen war. Schon die  Taxifahrt  durch das nächtliche Bombay, vom Flughafen in Andheri nach Colaba, ließ mich ein wenig schaudern. Am Straßenrand waren Feuerstellen zu sehen, daneben dunkle Silhouetten von jungen Männern mit hochgezogenen Schultern und der Kapuze ihres Sweatshirts über dem Kopf. Offenbar keine guten Gegend. Der Taxifahrer kannte sich überhaupt nicht aus, obwohl unser Hotel in der selben Straße lag wie das Taj Mahal Palace Hotel, im Touristenviertel Colaba, nicht weit vom Gateway of India.

Dem Schlepper auf dem Leim gegangen – mit dem Taxi durch Bombay

Im Hellen zeigte sich die „City of Dreams“, wie Bombay auch genannt wird, von einer netteren Seite. Sonnenschein und Meeresrauschen – beim Frühstück auf der Terrasse in unserem Hotel kamen wir uns fast ein wenig vor wie in einem europäsichen Seebad. Doch wir sollten sehr schnell daran erinnert werden, dass wir in Indien waren. „Sightseeing?“ „Want a taxi?“ Rund um das Gateway of India – dem indischen Pendant zum Arc de Triomphe, der auch in zahlreichen Bollywoodfilmen auftaucht – wimmelte es vor Schleppern. Wir lassen uns tatsächlich „abschleppen“ und landen in einem der kleinen schwarz-gelben Taxis, zusammen mit einem selbsternannten Touristenführer, der wie sich herausstellt, noch nicht einmal aus Bombay kommt, sondern aus irgendeinem kleinen, verlassenen Kaff in Maharastra, und einem Fahrer, der kein Englisch spricht.

Eigentlich versuche ich, solchen Schleppern tunlichst aus dem Weg zu gehen. Da wir jedoch nur zwei Tage in Mumbai waren, erwies sich unser Taxiausflug als gute Wahl. Unser Guide war sehr gesprächig und wir klapperten fast alles ab, was man in Bombay unbedingt gesehen haben muss, wenn man das erste Mal dort ist.

Marine Drive und Malabar Hill – das Bombay der Reichen
Was für ein Kontrast, noble Apartmenthäuser und -hotels wie das Oberoi, das 2008 einer der Orte der Terroranschläge auf Bombay war, auf der einen Seite und ein verdreckter Strand auf der anderen Seite. Marine Drive und Chowpatty, zwei Bombayer Institutionen, die insbesondere am Abend die „Mumbaikar“ anlockt. Ich hatte mir den Chowpatty – Chowpatty heißt übrigens Strand –  irgendwie anders vorgestellt, nachdem ich den Krimi „Der Pate vom Bombay“ gelesen habe. Kommissar Singh kommt gerne nach der Arbeit hierher, setzt sich auf eine Bank, beobachtet die Liebespaare, Familien und Jungscliquen, die nach Einbruch der Dunkelheit an der Seepromenade entlangbummeln und sich mit einer Portion Kulfi an den Strand hocken. Wir sind offenbar zu früh dran. Außer ein paar Fischern sehen wir bei unserem Ausflug an einem Samstag morgen niemanden hier. Und so viel Dreck hatte ich nicht erwartet. Aber wir sind ja auch nicht an einem Touristenstrand in Goa, sondern an einem Großstadtstrand.

Bombay-ChowpattyBeach

Vom Marine Drive sieht man schon die schicken Häuser der noblen Wohngegend auf dem Hügel nördlich von Chowpatty, den Malabar Hill. Die Briten ließen sich damals hier großzügige Bungalows bauen, heute ist der Malabar Hill eine der „VIP“-Gegenden der Stadt. Hier könnte ich mir auch gut vorstellen, zu wohnen, alles schön grün, die Abgase der verstopften Straßen in Colaba und der Gegend um den Victoria Terminus machen Platz für den Duft nach Rosen und Jasmin aus einem der vielen Blumenläden, die es hier gibt. Wir machen einen kurzen Stopp in einem Jain-Tempel, vor uns einige Gläubige, mit Mundschutz und Besen ausgestattet. Eines der Prinzipien der Jain ist, keine Lebewesen zu töten. Dazu gehört auch, nicht aus Versehen ein Insekt zu verschlucken oder mit den Füßen zu zertrampeln.

Nächster Stop: Hanging Gardens. Von hier hat man einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt. Und auf die Villa von Herrn Kingfisher, dem Begründer der gleichnamigen Brauerei und der 2011 noch nicht insolventen Fluglinie. Wahrscheinlich musste er nach der Pleite seiner Fluggesellschaft ausziehen. Viel spannender als die hängenden Gärten ist das, was man eigentlich gar nicht sieht: Die „Tower of Silence“. Man kann nur eine große, runde Plattform umgeben von Bäumen erspähen, mit einer Öffnung in der Mitte. Noch Mitte der Neunziger kreisten hier unzählige Geier, um die Leichen aufzufressen, die auf die Gitter des Turmes gelegt wurden. Die Tower of Silence sind sozusagen Friedhof der Parsi, der im siebten Jahrhundert aus Persien nach Indien eingewanderte Religionsgemeinschaft. Für die Parsen sind Feuer, Wasser, Luft und Erde heilig. Um die vier Elemente nicht zu verschmutzen, beerdigen oder verbrennen die Parsen ihre Toten nicht, sondern werfen sie den Geiern zum Fraß vor. Diese sind jedoch irgenwann ausgestorben. Schuld war ein Voltaren-ähnliches Schmerzmittel. Die Toten, die in den Türmen des Schweigens bestattet wurden, kamen meistens aus Krankenhäusern – vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Bei den Geiern führte dies zu Nierenversagen. Die Parsen fanden eine andere Lösung – Verwesung durch Sonneneinstrahlung. 2012 gab es einen Versuch, wieder Geier anzusiedeln. Die Stadtregierung und die Anwohner von Malabar Hill waren davon wenig begeistert. Wer gewonnen hat, konnte ich nicht herausfinden. Bei meinem letzten Besuch in Mumbai habe ich hauptsächlich Krähen gesehen, die fressen jedoch angeblich auch Kadaver.

Dhobi Ghat – OP-Wäsche im Waschbottich
Nach diesen makabren Geschichten finden wir uns inmitten einer riesigen Waschküche wieder – dem Dhobi Ghat. Der Dhobi Ghat ist der größte Waschsalon der Welt, mehr als 5.000 Menschen schuften hier. Auch an einem Samstag drehen sich hier die Trommeln der riesigen Industrietrockner. Die mehr als 800 Steinwaschbecken auf dem verwinkelten Gelände sind voller Wäsche. Wer zu Hause keine Waschmaschine hat oder keine Zeit hat, selber zu waschen, bringt seine Wäsche zum Dhobi Ghat. Auf den Wäscheleinen hängen nicht nur Hemden und Hosen, sondern auch OP-Wäsche. Die großen, grünen Laken wehen im Wind, daneben OP-Kittel. Nicht nur Krankenhäuser lassen hier ihre Wäsche waschen, auch die großen Hotels und Restaurants der Stadt. Alles wird mit der Hand gewaschen. Zuerst in Lauge in den großen Steinbecken eingeweicht, dann auf dem Steinboden ausgeschlagen, eine Art Handschleuder.

Bombay-DhobiGhat-3

Bombay-DhobiGhat-1

Bombay-DhobiGhat-2

DhobiGhat-Boy

Wir hören Kinderstimmen. Hoffentlich muss der kleine Junge, den wir mit einem Schlauch auf einem der Becken steht, nicht hier arbeiten. Eigentlich sollte er im Unterricht sitzen in dem kleinen Raum, durch dessen geöffnete Tür wir etwa zwanzig Kinder sitzen sehen. Im Dhobi Ghat gibt es eine angeschlossene Schule, erfahren wir. Die Kinder der Wäscher erhalten hier kostenlos Unterricht an den sechs Tagen, an denen hier gearbeitet wird.

Bummel durch Colaba und Fort – mit Einkehrschwung im Taj Mahal Palace

Colaba Causeway und das legendäre Leopold’s
Spätestens seit der Lektüre von „Shantaram“ kennt jeder den Colaba Causeway und das Café Leopold. Letzeres wurde leider ebenfalls Ziel der Anschläge von 2008. Am Colaba Causeway reiht sich ein Geschäft an das andere, Billigramsch, Elektronik. Viel interessanter finde ich die Nebenstraßen. Hier findet an jeder Ecke architektonische Schätze, Überbleibsel der Häuser aus der Kolonialzeit, unzählige der alteingesessenen Cafés der Parsi, die sich abwechseln mit schicken, modernen Bars und Restaurants, in denen die reichen, jungen Mumbaiker verkehren. Und natürlich das legendäre Leopold’s. Sehen und gesehen werden heißt hier die Devise für die Jeunesse Dorée von Bombay. Die Bombayites lieben das Leopold’s genauso wie die westlichen Touristen, die sich gerne ihr kühles Bier in dem Mahagonivertäfelten Lokal an der belebten Straßenecke schmecken lassen. Ich war eher enttäuscht vom Leopold’s. Zwar verströmt das Interieur mit den alten Möbeln ein gewisses Flair, doch ich finde die Atmosphäre genauso langweilig wie das mittelmäßige Essen. Der schicke Italiener ein paar Meter weiter, in der Nähe des alten Regal’s Kino, fand ich weitaus cooler, auch wenn dem natürlich nicht ein solcher Ruf wie dem Leopold’s vorauseilt. Oder das Café, das ich auf dem Weg in die National Gallery of Modern Art in der Fort Area entdeckt habe, in der sich der berühmte Victoria Terminus befindet, der nach dem Vorbild des Londoner Bahnhof St. Pancras gebaut wurde. In der Fort Area kann man übrigens auch das Erbe des British Raj bestaunen, die imposanten Kolonialbauten bilden dabei einen krassen Gegensatz zu dem Chaos in den kleinen Seitenstraßen.

Bombay-ParsiTower

Bombay-JainTemple

Bombay-Colaba

Bombay-Terminus

Bombay-TajMahalHotel

Bombay-GatewayofIndia

Bombay-GatewayofIndia-TajMahal

Teatime im Taj Mahal Palace Hotel
Bombay ist ein Ort der Kontraste. Vorbei an den Bettlern und Schleppern am Gateway of India wagen wir uns in den Inbegriff der Bombayer Schickeria vor – das Taj Mahal Palace Hotel. Schon in der riesigen, glitzernden, opulenten Lobby komme ich mir fehl am Platze vor mit meinen Flip Flops und meinen Alibaba-Hosen. Ob wir reserviert haben, fragt der Rezeptionist in der Sea Lounge. Nein, haben wir nicht. Doch man setzt unsere Namen netterweise trotzdem auf die Liste und nach einer dreiviertel Stunde Wartezeit dürfen wir in die heiligen Hallen der berühmten Sea Lounge eintreten. Wir kommen uns ein wenig armselig vor, mit unserem Cappuccino und dem kleinen Keks dazu. Denn um uns herum fließt der Champagner in Strömen, es ist „High Tea“-Team. Für 30 Euro stimmen sich die reichen Expat-Inder, die aus den USA und Großbritannien zum Jahreswechsel in die Heimat geflogenen sind, auf den Silvesterabend ein. Der wird natürlich in einem der Schickimickirestaurants in der Nachbarschaft verbracht. Oder direkt im Taj Mahal Hotel. „Gut schaust Du aus, warst Du beim Friseur?“ Bussi Bussi. „Seid Ihr heute Abend auch hier?“ „Noch ein Glas Champagner?“ Ja ja, die Schickeria ist doch überall gleich. Ob in Mumbai oder München … Wir trollen uns davon und werfen uns in unser Silvesteroutfit – Flipflops mit einem sauberen Paar Alibabahosen …

Mit Hunderten von indischen Touristen und Affen in den Höhlen von Elephanta Island

Ich weiß nicht, warum wir auf die Idee gekommen sind, einen von unseren zwei Tagen in Bombay auf einem Schiff und einer Insel zu verbringen, die außer ein paar Höhlen nicht viel zu bieten hat. Als wir am Gateway of India entlang bummeln, sehen wir, dass man in einer knappen Stunde mit der Fähra auf Elephanta Island ist. Unser Reiseführer verrät uns, dass die Insel auf der Liste der UNESCO-Weltkulturerbe steht. Und für seine Felsentempel bekannt ist, mit Figuren von Lord Shiva und seiner Gattin Parvati. Die Höhlen sind allerdings in keinem guten Zustand, von den Skulpturen ist nicht mehr viel übrig und im Dunklen der Höhlen erkennt man nicht sehr viel. Dennoch werde ich diesen Ausflug nie vergessen. Denn er ist beispielhaft dafür, wie die einheimischen Touristen ihre Ferien verbringen. Erst einmal eine Runde Shopping an einem der vielen Verkaufsstände mit Dingen, die die Welt nicht braucht. Und dann eine Runde Non-Veg oder Pure Veg im Family Restaurant. Die älteren Herrschaften, allen voran übergewichtige Damen, lassen sich mit auf einer Sänfte die paar Hundert Stufen hinauftragen, die von der Fähre zum Tempelberg führen.

Bombay-ElephantIsland-Statues
Bombay-Elephant Island

Erneut in Bombay, der City of Dreams – als #Wanderer mit #IndiaSomeday

Vorletzte Woche war ich erneut in Bombay, zum Start meiner #YouWanderWePay-Reise mit India Someday. Dieses Mal fühlte es sich ganz anders an, hier zu landen. Der Blick auf den Slum am Rande des Flughafens erzeugte dasselbe beklemmende Gefühl in mir. An diesen Anblick werde ich mich wahrscheinlich nie gewöhnen. Doch ansonsten hatte ich das Gefühl, ich komme an einem Ort an, den ich kenne. Und ich wusste, dieses Mal musste ich mich nicht mit irgendwelchen Taxifahrern herumschlagen und befürchten, dass sie wieder den Weg nicht kennen zu meinter Unterkunft. Dieses Mal war es wie Freunde zu besuchen. Obwohl Harsh von India Someday und ich uns nur von unseren Skype-Profilbildern kannten, haben wir uns sofort gefunden. Warum es sich noch so anfühlte, wie bei Freunden zu Besuch zu sein und was es abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten in Bombay alles zu entdecken gibt, könnt Ihr in meinem Blogpost #YouWanderWePay. Bombay, Mumbai, Maximum City oder City of Dreams? Ein besonderer Tag „off the beaten track“ auf dem Blog von India Someday nachlesen.

Und ich gehe jetzt schlafen, hier in Indien – wir sind gerade in einem klitzekleinen Dorf in Tamil Nadu, in einem alten Anwesen, den Saratha Vilas – ist es schon gleich Mitternacht. Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim sonntäglichen Tatort oder beim Maßkrugstemmen auf der Wiesn. Servus, Namaste und bis bald :-)!

Hat Euch der Beitrag gefallen? Erzählt es doch einfach weiter!
Share on FacebookTweet about this on TwitterGoogle+Pin on PinterestShare on LinkedIn

4 comments

  1. Gute Auswahl für 2 Tage Mumbai.

    Für’s nächste Mal empfehle ich noch die Haji Ali Dargah Moschee auf einer vorgelagerten Insel mit einem Betonweg durch die arabische See.

    Ich finde die reichste Stadt Indiens ehrlich gesagt gar nicht chaotisch, verglichen mit dem Rest von Indien. Der erste Eindruck liegt vielleicht daran, wo man die Reise anfängt. Für mich war Mumbai Endpunkt und hat mich mit Indien gewissermaßen versöhnt. 😉

  2. hallo florian,

    ja, die moschee muss ich mir unbedingt noch anschauen! bevor ich im dezember wieder nach deutschland zurückkehre, werde ich noch einmal ein paar tage in bombay verbringen, worauf ich mich schon sehr freue. denn ich habe diese stadt liebgewonnen, sie ist für mich eine der spannendsten und vielfältigsten orte des landes. ich muss auch sagen, andere plätze in indien sind deutlich chaotischer. an welche orte hat dich denn deine indienreise sonst noch gebracht?

    LG,
    alexandra

  3. Eine schöne Schilderung, wie immer. Aber ich glaube, mich würde es persönlich sehr schnell wieder heraus ziehen aus der Stadt. Es ist bestimmt ein absolutes Erlebnis, aber die anderen Orte, die du vorgestellt hast, taten es mir irgendwie mehr an.

  4. ja, bombay ist schon speziell. eine gigantische großstadt mit allen facetten. ich kann es mir auch gerade gar nicht vorstellen, in colaba & co zu sitzen. genieße gerade das zirpen der grillen nach einbruch der dunkelheit in meinem homestay direkt in den backwaters. kein gehupe, kein „ma’am, come to my shop“ :-).

Leave a Comment

%d Bloggern gefällt das: